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S.
Budapest, am 11. Dez. 1921
Liebe Freunde,
Ich bestätige auch hier den Empfang des Wiener Telegramms,
das mich und Róheim nach Wien einladet, um den Amerikanern
Vorträge zu hal- ten. Das Datum der Wiener Reise setzen
wir für den 6. u. 7. Jänner fest. Möglicherweise verschiebt sie
sich aber um einen Tag dies- oder jenseits des angegebenen Tages.
Natürlich verständige ich hierüber Rank rechtzeitig. Wann
kommt Abraham? Könnte er gleichzeitig mit uns kom-
men, so wäre die Möglichkeit einer wenigstens partiellen
Komité-Sitzung gegeben. Auf das Wiedersehen freue ich mich
jedenfalls sehr.– Ich bin der Ansicht, daß die Amerika-
ner didaktische Vorträge brauchen; ich informierte auch
Róheim, der etwas Neues vortragen wollte, in diesem Sinne.
Was meinen die Wiener dazu?Der Wandel der Zeiten läßt sich endlich auch hier
bemerken; fast zu jeder Ordination kommen bereits auch
Kranke, die von Ärzten geschickt wurden. Es scheint
überhaupt, daß nun die Quarantäne meiner Person vorüber
ist; heute wurde ich z.B. zu einer Konferenz von bekann-
ten jüngeren Dozenten und Professoren – allerdings ausschließlich Jews – geladen, die
sich zur Redaktion eines größeren Bandes „Fortschritte
der Medizin“ vereinigten. Ich übernehme ein Kapitel
(3 Druckbogen) über Psy- choanalyse. Das Buch soll
in etwa 1/2 Jahr erscheinen.2 Allerdings er- hielt ich
– gleichfalls gestern – auch eine Vorladung vor eine Kommis-
sion der Arbeiterkrankenkasse (der ich damals als Polikliniker ange-
hörte), um „mein Verhalten zur Zeit der R[äte] Reg[ierung] zu recht-
fertigen“. Ich werde nicht erscheinen. -
S.
Die gestrige Zusammenkunft hatte die Fortsetzung des musik-
psychologischen Vortrages von Pfeifer zum Gegenstande, der wieder
einige gute Einfälle brachte. 3 Radó ist an Influenza schwer
erkrankt; es zeigten sich auch Symptome von Hirnreizungen; es
geht ihm aber schon besser.– Der Vertrag mit Dick über
meine Bücher dürfte dieser Tage geschlossen werden; die
Rechte des Prof. haben die Advokaten gesichert, mit
Ausnahme der „Traumdeutung“.– Ob und welche
Werke des Prof. bei Dick erscheinen sollen, will ich mir noch
überlegen. Jedenfalls nicht unter den von Rank
gestellten Bedingungen (10% v. Brutto).–ad B.: Unlängst schickte mir der Prof. eine Sängerin mit
Nystagmus- Capitis-(Tic) + Zittern der Simme. Sie ist
die größte Narzißtin, die mir je (bei Geistesgesundheit) vorge-
kommen ist; ihr Narzißmus ist aber wesentlich unbewußt. Sie
zittert nur, wenn ihre Gedanken (meist ubw. aber oft auch
bewußt) beim Beobachtetwerden weilen;
diese Aufklärung über die narz[ißtische] Quelle ihres Beacht[un]gswahns brachte einen Besserungsschub, den die Analyse
allein nicht herbeizuführen vermochte. Als Kind war sie ausgesprochen (und
glücklich) in sich selbst verliebt; die Konkurrenz mit der Mutter
knickte ihre Eitelkeit; sie wurde bescheiden und religiös.
Nach der ersten sex. Verfehlung trat der Beachtungswahn
und gleichzeitig das Zittern auf.– Ich hoffe sie herzustellen.
Unterdrücken des Tics ist ausdrücklich von Angst begleitet.
– Einen, wenn auch kurzen Bericht (statt des Rundbriefes) sollten
wir auch am 21/XII. versenden.Ad L.: Manif[est] Homos[exuelle] wären – einstweilen – grundsätzlich
abzuweisen. Sie sind ja meist zu abnorm.Ad W.: Der Titel des Buches soll sein: „Vorträge über Psychoanalyse für
Lernende“, wie ihn H[err] Prof. vorschlug. Sadgers Buch ange-
kommen. Referat folgt demnächst.Viele Grüße von
Ferenczi
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Rank, Otto
- Sachs, Hanns