• S.

    Budapest, 12. I. 1922

    Liebe Freunde!

    Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der schönen  
    Tage in Wien, die ich im gastlichen Hause des H. Prof. 
    verleben durfte und beginne unseren Briefwechsel im 
    neuen Jahr damit, daß ich den Veranstaltern des Kurses, 
    der mir diesen Besuch ermöglichte, herzlichen Dank sage. 
    Ob die Vorträge bei den Hörern entsprechend gewirkt haben, 
    weiß ich nicht; es war aber auch für mich lehrreich, einmal 
    zusammenfassend über „Metapsychologie“  und „Pathoneurosen“ 
    sprechen zu müssen.  [Bei] Gelegenheit bringe ich diese Vorträge 
    zu Papier. – Schade daß ich Dich, l. Abraham, nicht, 
    wie ich hoffte, in Wien antraf. – Auch Róheim ist 
    mit dem Erfolg seines Gastvortrages zufrieden.

    Ich ersuche jene Kom.-Mitglieder, die von mir ein  
    Portrait wünschen, sich zu melden. Das von Jones ge-  
    wünschte Exemplar geht dieser Tage ab. Ich für meinen  
    Teil bitte um die Photographie von Jones, Rank, Sachs, 
    Abraham und Eitingon. – Ich glaube Rózsi v. Freund 
    wäre, wenn dazu aufgefordert, geneigt, den Kom.-
    Mitgliedern je ein Exemplar der Photogr. ihres 
    verstorbenen Mannes zur Verfügung zu stellen.  
    Bitte sich auch dazu zu äußern.  

    Herzliche Grüße!  
    Ferenczi
     

  • S.

    [Undatierte Beilage, die inhaltlich zum Brief vom 12.1.1921 paßt] Nur für Wien:

    Der schöne Erfolg R[adós] im Wiener Verein freute mich sehr. Seine In- telligenz kannte ich von jeher. Über seinen Charakter kann ich folgendes Urteil abgeben: Unter dem Einfluß von Eigenkomplexen seit jeher etwas schwankend (er wechselte dreimal den Beruf), entfernte er sich unter dem unglückseligen Einfluß seiner ersten Frau5 zum ersten Male von der Psy- choanalyse, obzwar er ihr zu Liebe die juristische Laufbahn aufgab. Wäh- rend der R[äte]-Herrschaft stürzte er sich in Amtsgeschäfte und berausch- te sich an der Macht. Er durchpeitschte trotz meiner und Tonis Warnun- gen die Professur und trat einmal sogar gegen mich auf, als ich die Vor- lesungen nicht beginnen wollte. Nach dem Zusammenbruch war er sehr eingeschüchtert. Der außerordentlich günstige Einfluß seiner zweiten Ehe6 richtete ihn wieder auf und brachte ihn diesmal sicherlich endgültig zur Psychoanalyse zurück. Die Monate unfreiwilliger Zurückgezogenheit nach dem Amtsverlust benützte er zum gründlichen Studium der psycho- analytischen Literatur, besonders der Werke des Prof.

    Ich schickte ihm Patienten und merkte bald, daß er mit seinem ganzen In- teresse bei der Arbeit ist; dementsprechend auch gute therapeutische und wissenschaftliche Resultate aufweisen konnte. Im Verein bewährt er sich als persönlicher Sekretär, der mir alles Geschäftliche abnimmt. Bei Dis- kussionen im Verein ist er schlagfertig, intelligent, ideenreich. Im Ganzen muß ich ihn als einen wertvollen Menschen schätzen, der u. a. den nicht häufigen Vorzug der wissenschaftlichen Ehrlichkeit in bezug auf Quel- lenangaben seiner Kenntnisse hat.

    Er scheint sich derzeit (besonders da ich ihm neuerdings mehr Fälle zu- weisen konnte) hier in Budapest wieder heimlich eingerichtet zu haben; man läßt ihn auch in Ruhe. Sollte es aber dazu kommen, daß er nach W[ien] übersiedelt, würde der Verlag und der Verein in ihm eine tüchtige Kraft gewinnen.