• S.

    Budapest, 17. April 1922.

    Liebe Freunde!

    Vor allem möchte ich Rank herzlich danken für die  
    Mühewaltung bei der Herausgabe der „Popul. Vorträge“ und  
    dem H. Prof. für die Freundlichkeit, die gröberen Verstöße gegen  
    den deutschen Styl korrigiert zu haben. Ich möchte Euch allen  
    gerne je ein Exemplar schicken, aber dazu reichen die mir  
    zukommenden Freiexemplare nicht aus.

    Wie ich unlängst schrieb, scheint die wissenschaftliche  
    Latenzzeit der Ps. An. auch hier zu Ende zu gehen. Unlängst  
    sondierten die Veranstalter des diesjährigen ung. Psychiater-  
    Kongresses das Terrain und wollten erfahren, ob unser Verein  
    mittut. – Vor wenigen Tagen suchte mich ein junger Assistent  
    der Debreciner Universität im Auftrage seines Professors  
    (Benedek) auf, und erkundigte sich über die Möglichkeit der  
    Ausbildung in der Ps. An. Er brachte auch einen Brief von  
    Dr. Máday (der jetzt an derselben Universität eine Assis-  
    tentenstelle innehat), in dem er zwar ausdrücklich erklärt,  
    „kein Freudist“ zu sein, sich aber überaus anerkennend über  
    die „wertvollen Belehrungen“, die die Psychiater der Ps. An. ver-  
    danken, äußert.

    Hollós zeigte mir seine, bereits in Ranks Händen be-  
    findliche Arbeit über das Zeitgefühl. Ich finde, daß  
    darin gute Gedanken durch die schlechte Darstellung  
    und die große Oberflächlichkeit der Beweisführung stark  
    deterioriert sind. Da seine Stellung in der Anstalt infolge  
    konfessioneller Verhältnisse schwankend geworden ist, bittet er
     

  • S.

    im beilieg. Veröffentlichung, damit er seine wissenschaftliche Tätigkeit  
    dokumentieren kann.  

    Es befindet sich außerdem in meinen Händen eine ausführ-  
    liche Arbeit Hermanns: „Bausteine zu einer Entwicklungs-  
    psychologie“, mit vielen guten Einfällen, viel Gelehrsamkeit;  
    ein guter Versuch, die Schulpsychologie mit der Ps. An. in  
    Verbindung zu bringen. Ich überlasse es der Beurteilung des H.  
    Prof., ob diese Arbeit als nächstes Beiheft der Zeitschrift  
    zu erscheinen verdient. Ich meine: ja.  

    In der letzten Sitzung kam es zu einer eigentümlichen Szene,  
    die mir Anlaß gab, gegen ein Mitglied streng aufzutreten:  
    Dr. Feldmann besprach den Fall eines Pat. und las u. a.  
    den selbstgeschriebenen Traumbericht dieses Kranken vor.  
    An einer leichten Unsicherheit beim Vorlesen merkte ich, daß  
    er zum Geschriebenen soeben etwas hinzudichtete. Ich nahm  
    ihm das Blatt aus der Hand und wies ihm coram publico  
    die Fälschung nach (er wollte ein Stück Deutung nach  
    Stekels und Sadgers Methode dem Patienten in die Schuhe  
    schieben). Ich benützte diese Gelegenheit, auf das ungenügende  
    Analysiertsein als Ursache solcher Handlungs-  
    weise hinzuweisen. Feldmann war geständig und ist  
    bereits bei der Révész in Analyse. Er war übrigens im  
    Begriffe, hier mit populären Vorträgen, munterer Publi-  
    kation von Krankengeschichten nach Stekels Art  
    Karriere zu machen. Einstweilen ist er daran, infolge der  
    strengen Zucht, verhindert.  

    Soeben beendete ich die kurze (50 Druckseiten  
    lange) Darstellung der Ps. An. für Ärzte, in der ich es ver-  
    suchte, auch die neuesten Ansichten verständlich zu machen. Vielleicht  
    übersetze ich sie ins Deutsch, damit Rank beurteilen kann, ob  
    sie sich nicht als Propagandaschrift eignet.

  • S.

    ad L.: Den interessanten Traum Ernest’s sende ich nach Wien 
    weiter.  

    ad W.: Ich erwarte Nachricht über die Entscheidung in bez- 
    w. Verlags-Angelegenheit.  

    Beiliegend ein feindselig gehaltener Artikel der 
    französischen „Opinion“ über die Ps. An.; ich glaube, es 
    lohnt nicht, ihn die Runde machen zu lassen. – Ein sehr 
    anerkennender Artikel erschien in der letzten Nummer der 
    „Annales politiques et littéraires“ (die Zeitschrift v. 
    Adolphe Brisson) von einem Brisson, der offenbar 
    der Sohn und Nachfolger des Herausgebers ist. In der 
    gleichen Nummer ist auch ein eingehendes Referat über die 
    „Introduction“. Diese Zeitschrift ist die verbreitetste 
    Wochenschrift in Frankreich. Leider konnte ich 
    die Nummer nicht erwerben, vielleicht gelingt es mir noch.  

    An H. Prof., Dank für den privaten 
    Brief. Antworte, sobald sich die gute Stimmung, die dazu 
    erforderlich, einstellt – hoffentlich bald. Einstweilen 
    nur soviel, daß die holl. Zigarettensendung glücklich 
    angelangt ist; daß dagegen Dr. Micke sich bisher nicht 
    bei mir gemeldet hat. Ich will meine Nachforschungen 
    fortsetzen, um seiner habhaft zu werden. Bitte 
    diesbezüglich auch Schmideberg zu beruhigen.  

    Viele herzliche Grüße von  

            Ferenczi  

    1.) An Rank noch die Bitte sich zu erinnern, daß 
    bei der Komitébespr. in Deutschland den Komitémitgliedern 
    die Zusendung d. „Journal“ zugesagt wurde. Englische 
    Bücher können wir ja nicht kaufen! 2.) Bitte Bernfelds 
    und Varendoncks Buch (je 1 Exemplar) auf mein Conto.