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    Budapest, 2. Juni 1922

    Liebe Freunde,

    die Kongreßnähe macht sich bei mir u. a. dadurch
    bemerkbar, daß ich die Tendenz hab, alles Mitzuteilende,
    für die persönliche Aussprache aufzuheben. – A pro 
    pos Begegnung: ich möchte mein Gedächtnis punkto
    Begegnungsdatum („Datum des Vorkongresses“) auf-
    frischen und bitte um diesbezügliche Aufklärung.

    Ad Wien: Es freut mich ungemein, Frl. Anna Freud
    bald unter den Mitgliedern begrüßen zu können und
    setze große Hoffnungen in ihre Tätigkeit. Was ist
    das Thema ihrer Inaugural-Dissertation?

    Als erstes – bescheidenes – Zeichen meiner Besserung
    quad Referate sende ich beiliegend einen Beitrag.
    Gerne träte ich die mir seinerzeit zugeteilte Rolle des-
    sen, der „der Katze die Schelle anhängt“, an. Es stehen
    dem aber (außer der Referatenfaulheit) auch gewisse
    Mängel im Ref.-System im Wege. Es gibt derzeit: 1.)
    Fachreferenten; 2.) Landes- („Sprachgebiets“-) Referenten,
    die, um das konkurrierende Territorium nicht zu stö-
    ren, lieber überhaupt schweigen. 3.) Zeitschrift-, 4.) Journal-
    Referenten, 5.) Referenten mit besonderen Aufträgen
    (z. B. ich, der „über alles Wichtige referieren sollte“).
    Die persönliche Aussprache wird, so hoffe ich, die sich
    daraus ergebende Confusion lösen.

    Zum Thema „Medusenhaupt“. Ich hielt vor
    etwa 1½ Jahren in unserem Verein einen kleinen Vor-
    trag über dieses Thema und gab ähnliche Deutungen
     

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    wie der H. Prof. Es findet sich darunter ein kurzer Auszug
    in Ranks Mappe, dem ich gelegentlich etwa 12–15 „Beob-
    achtungen und Deutungen aus der Praxis“ zusandte.
    Natürlich bin ich damit diesem wichtigen Thema nicht
    ganz gerecht geworden und würde mich sehr freuen, wenn
    sich H. Prof. mit seinem tiefen Sinne für
    Mythologisches dieses Themas annähme. – In dem soeben
    angelangten Wiener Briefe steht auch eine Frage nach
    dem „typischen Traum vom gelehrten Säugling“. Auch
    hierüber äußerte ich mich in den bereits Rank zu-
    gesandten „Beobachtungen“. – Es handelt sich um
    recht häufig vorkommende Träume von Neugeborenen
    oder Säuglingen, die wunderbarer­weise vollkommen
    reden, weise Ratschläge erteilen, überhaupt sehr
    gelehrt und vernünftig gebärden. Die früheren Deu-
    tungen waren: 1) Spott über die Ps.An. und deren
    Annahme vom tiefen Wissen des Kindes (bes. über
    die Sexualität); 2) Wirkliches Frühwissen (ja:
    Besserwissen) in Kindern. – Eine neuerliche
    Traumdeutung dieser Art gestattete die tiefere
    Lösung: Eine Patientin träumte von einem ähnlichen
    Kinde, das aber nach einiger Zeit wie eine leere
    Blase zusammenklappte. – Durch diese Zutat „ent-
    puppte“ sich dieses Kind als Lüge, richtiger als
    „Onaniephantasie“, als Reproduktion (sex-
    uell) – größensüchtiger Tendenzen in diesen Phan-
    tasien, der Selbstzufriedenheit über die eigene Klugheit,

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    3.) die Onanie entdeckt zu haben. Das Zusammenklap-
    pen ist die Ernüchterung aus dem Wahne und die
    (Todes)-Strafe für die Sünde. – Es würde mich
    wundern, wenn dieser Typus anderwärts nicht zur
    Beobachtung käme.

    Heute konferiere ich mit Dr. Varró über die Einzel-
    heiten der Durchführung der ung. Übersetzungen;
    ich ziehe der Konferenz auch Radó bei. – Es wäre
    mir sehr angenehm, wenn die Angelegenheit
    Deuticke–Dick erledigt wäre, damit die ung.
    Traumdeutung (seit 5 Jahren übersetzt) end-
    lich erscheinen kann.

    Ein Dr. Friedrichs (Berlin) sandte mir ein
    in Kronfelds neuer Sammlung erschienenes
    Heftchen über die „Psychol. der Hypnose u. Sugg.“, das
    (obzwar an- oder antianalytisch) meine Introjektions-
    arbeit ausdrücklich annimmt, ihr jedenfalls
    vielmehr gerecht wird als Schilder. Er schrieb
    mir auch einen sehr schmeichelhaften Brief, auf den ich ihm
    antwortete, daß es mich freut, nach 13 Jahren
    seine Anerkennung erlangt zu haben und hoffe,
    daß in den weiteren 13 die noch bestehenden
    Differenzen schwinden werden. Ich will durch Radó ein Kollek-
    tivreferat über Schilder u. Friedrichs schreiben
    lassen.

    Beiliegend (für Wien) einige Zeitungsausschnitte
    fürs Museum (Die Nachrichten von der Clark-
    University dürften auch Jones interessieren.)

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    4) Ich erlaube mir, Euch zu ersuchen, bei Anfragen aus
    Frankreich die Sokolnicka zu erwähnen („VI. rue
    de l’abbé Grégoire 3“). Sie scheint mit ihren Vor-
    trägen Erfolg gehabt zu haben und analysiert d. Z.
    einige Ärzte.

    ad Berlin: Die Unterbietung des Edelvaluta-Aus-
    lands, ist meiner Ansicht nach unvermeidlich; sind
    wir doch nur mehr Kolonien der Ententeländer
    geworden und müssen, wenn wir nicht Hungersster-
    ben wollen, billig arbeiten. Ich z. B. akzeptierte
    unlängst eine (allerdings arme) amerik. Male-
    rin für 2 Dollars die Stunde; sie soll im Herbst
    kommen. Wohlhabende Ausländer müßten
    natürlich mehr bezahlen. – Diese melden sich aber
    nicht.

    Quad Diskussionen am Kongreß: Bin entschieden dagegen.

    Quad Groddeck möchte ich doch auf die großen Unter-
    schiede zwischen Letzterem und Stekel hinweisen.
    Beide sind phantasie­reich, wohl auch phantastisch,
    aber Gr. ist ehrlich, lenkbar, voll guter Absichten,
    unpersönlich ja bescheiden, während St. gerade das
    Gegenteil davon ist.

    Ich danke für die freundliche Mühe, die Ihr Euch
    in Róheims Angelegenheit genommen.

    Ad Lond: Den fehlenden Brief erhielt ich von Wien
    und schicke ihn mit Heutigem zurück.

    Herzlich Euer  
    Ferenczi

    Lieber Rank: Meine Mark-Guthaben  
    bitte ich alle an H. Sigm. Ferenczi, Chemiker,  
    Berlin, Dessauerstraße 2, zu überweisen  
    (auch die früheren!).

    Die Seefelder Nachrichten erfreuen uns sehr!