• S.

    30.10.22.

    Liebe Freunde!

    Auch heute kann ich mich – wenigstens in Bezug auf Buda-
    pester Nachrichten – kurz fassen. Der Verein setzt seine Tätigkeit 
    fort. Als zweiter Vortrag kam Hermanns ps.an. Essay über den ung.
    Dichter Petöfi, dessen 100. Geburtstag jetzt hier gefeiert wird.
    Es war ein Schulbeispiel der schlechten Sorte „angewandter“
    Arbeiten, – sklavische Nachahmung der PsAn.-Terminologie. Sollte
    er sie der „Imago“ zuschicken, so bitte ich die Red[aktion], schon aus didaktischen 
    Gründen, unnachsichtig zu sein. Die Diskussion wurde auf die
    nächste Sitzung verschoben.

    Einige Mitgl. (auch ich) erhielten von Jelliffe, als Red. eines
    amerik. neurolog. psychiatr. Zeitschrift die Einladung, ihm Auto-
    referate zu schicken (nicht für „Ps.An. Review“!). Ich riet
    zunächst ab, möchte aber von Ernest Aufklärung.

    Ein Herr T. K. Slade, B.Sc., Southampton, verfaßte ein Büch-
    lein über „Our Phantastic Emotions“, angebl. auf Anregung
    meiner „Entw[icklungs]-Stufen d. Wirkl[ichkeits]-Sinnes“, und bittet von mir um
    die Vorrede. Er wird mir die Arbeit als MS. einsenden. Wer weiß/
    etwas? – Heute war ein Dr. Lándor aus Kaschau (Slowakei)
    bei mir; er ist Assistent des Dr. Jan Stuchlick, jetzt [auf der]
    psychiatr. Abt. Chefarzt ist. Letzterer soll sich für Ps.An.
    „einigermaßen“ interessieren. Dr. Lándor selbst will sich im Frühjahr
    hier analysieren lassen und dann nach Amerika auswandern.
    Er ist sympathisch u. eifrig. –

    Die Praxis ist finanziell nicht sehr ergiebig (im Verhältnis 
    zur Teuerung). Bis Weihnachten hilft mir die Anwesenheit einer
    Engländerin (Dr. Herford; ein harter Bissen!). Hollós praktiziert
    bereits in d. Stadt; ich konnte ihm einen Sokolpatienten schicken,
    für den keine Stunde übrig hatte. Pfeifer, Hermann haben sehr
    wenig zu tun; Frau Radó, die es jetzt sehr ruhig hatte, schickte ich
    gleichfalls eine Sokol-Patientin (Sokol = tschechoslow. Name; für (Ernest)).

  • S.

    Dr. Odier aus Genf, schreibt einen langen Brief, in dem er sich für die „analyse raccourcie“, die ich in der 
    Kritik des Saussure’schen Buches rügte, entschuldigt. Er beruft sich auf den Widerstand in Frankreich und  
    Belgien. Er ist also gleichsam „insgeheim“ treuer Anhänger der „unverkürzten“ Analyse. Meine Antwort 
    wird in „modo“ freundlich „in re“ konsequent bleiben. –  

    Die Sonderaktion der Sekretäre hat mich einigermaßen überrascht. Ich verstehe nicht recht, was 
    sie wollten. – Einen pädagogisch-ψα Ausschnitt aus der Frankf. Zeit. lege ich bei. Auch Barbara Low  
    sandte mir ihren Kongreßbericht für d. „Observer“ ein. (Beides dem Wiener Brief beige-schlossen). –  

    Das Gassenlied dankend erhalten; ich finde es ausgezeichnet. –  

    Ad London: Auch ich bin der Ansicht, daß die „Press-Angelegenheit“ schnellstens zu erledigen wäre. 
    Ernest sollte sich einen Stab von treuen Anhängern sammeln und die übrige Masse der 
    Mitglieder endlich vom schädlichen Partikularismus abgewöhnen. – Die Frage der phylogene-
    tischen Parallele ist viel zu wichtig, um wegen der Aussagen „noch so moderner“ Biologen 
    einfach fallen gelassen zu werden. Hätte sie Haeckel nicht gefunden, so müßte sie ja 
    von der Ps.An. proklamiert werden! Ich erkläre mich bereit, diesbezüglich Werke, falls 
    sie mir zugeschickt werden, kritisch zu referieren. Auch habe ich einige eigene Ideen 
    zu diesem Thema.  

    Herrn Prof. wird besonders interessieren, was ich in einer Mitteilung in der Zeitschrift 
    mitzuteilen gedenke: die „natur-experimentelle“ Bestätigung der ψα Theorie der traum[atischen] 
    Neurose! Ich erfuhr von einem angsthyst. Patienten, der (besonders auf Eisenbahnfahrten)  
    furchtbar hysterisch ist, daß er zwei schwere Eisenbahnkatastrophen ohne den 
    geringsten Schreck durchmachte. Er war der Einzige im Coupé, der ganz geistes-
    gegenwärtig blieb, andere loben konnte etc. Die Sache machte auf ihn so wenig 
    Eindruck, daß er sie mir erst am Schluß einer jahrelangen Analyse erzählte.  

    Viele herzliche Grüße von

    Ferenczi