• S.

    Budapest, 6.XII.22

    die geheime Hoffnung, der H. Prof. werde diesmal selber in 
    unsere Korrespondenz eingreifen und dadurch meine Vermittlung über-
    lüssig machen, ließ mich das Konzipieren dieses Rundbriefes 
    von einem Tag auf den anderen verschieben. Meine Hoffnung hat sich 
    in einer Weise erfüllt, daß, wie ich bestimmt hoffe, nunmehr von 
    allen Seiten die Mißverständnisse beseitigt und das gegenseitige gute 
    Verhältnis wieder hergestellt sein dürfte. Immerhin glaube ich, meine 
    persönliche Ansicht in dieser Sache nicht verschweigen zu dürfen. 
    Den Vorwurf kleinlichen Formalismus kann ich unseren Freunden 
    Jones und Abraham nicht ersparen; die tiefere Motivierung derselben 
    hat uns dann das Schreiben des H. Prof. – meiner Ansicht nach höchst 
    überzeugend – entschleiert. Andererseits wird nun Freund Rank wohl 
    selber zugeben, daß seine Briefe nicht besonders diplomatisch sind, 
    sondern auch in der Form seine (uns so unschätzbare) Energie widerspie-
    gelt. Er glaubte wohl – und mit Recht – in so einem intimen Kreise 
    kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. Was speziell die ihm vor-
    geworfene Aktion anbelangt, so wäre ich – als Präsident oder Sekretär – 
    nur dankbar, wenn mir der Verlagsdirektor durch sein Eingreifen eine Menge 
    langwieriger und überflüssiger Korrespondenz mit den Gruppensekre-
    tären erspart. Gerade die Kleinlichkeit des Anlasses ist der Beweis 
    dafür, daß der konzentrierte Angriff wohl auf andere, vielleicht sogar
    unbewußte Motive zurückzuführen ist. Ich zweifle nicht, daß unser
    Bündnis viel zu stark, durch einiges und gemeinsames Streben viel zu ge-
    festigt ist, als daß irgend etwas, geschweige denn kleinliche Flicksäumerei, 
    daran rütteln könnte.

    Von hier aus ist wenig neues zu berichten. Ein junger Mediziner
    aus Szeged veröffentlichte unlängst in einer Siebenbürger med. Zeitung
     

  • S.

    eine Arbeit über experimentelle Träume (ganz nach Schrötter’s Methode)
    und (angeblich) mit denselben Resultaten, ohne Schr. zu kennen oder
    zu zitieren. Er wandte sich brieflich an mich und ich will ihm Aufklärung
    geben. – Ein Mittelschullehrer hielt eine Vortrags-Serie in der
    hiesigen »Urania« über PsA. Er sprach anerkennend über Prof., Jung,
    Maeder und – Kaplan. Merkwürdigerweise ist es hier heutzutage nur
    einem solchen Outsider möglich, solche Vorträge zu halten, weil er
    Christ und christlich angehaucht ist. – Felszeghy hielt einen schlechten
    Vortrag über »das Schöne«, der dann entsprechend zerzaust wurde.
    Die Budapester Gruppe scheint arbeitsmüde zu sein.

    Die Fluktuation der Praxis ist groß. Derzeit ist eine
    kleine Steigerung bemerkbar, so daß ich an die Kollegen Fälle abgeben
    konnte. Dr. Eder (London) ist jetzt hier, will aber nur 4 Wochen
    bleiben. Ein sympathischer und anständiger Mensch, aber mit
    übertriebener Triebsublimierungstendenz, daher etwas Jungisch und
    neurotisch. Mrs. Dr. Herford ist auf Weihnachtsferien nach
    England gereist. Es ist unbestimmt, ob sie zurückkommt. Ich
    glaube, daß es der Fall sein wird. Sie machte hier wesentliche
    Fortschritte, ist aber noch weit vom Analysiertsein. Es war ein hartes 
    Stück Arbeit.

    Viele herzliche Weihnachts- und Neujahrswünsche
    an Euch alle und an Eure Familienmitglieder von

    Ferenczi