S.

Budapest, 15. Januar 1923  

Liebe Freunde,  

Mein zweitägiger Aufenthalt in Wien und die Gespräche, die ich  
mit H. Prof. und Rank führte, bestärkten mich in der Überzeugung,  
der ich auch vordem Ausdruck verlieh, daß die Art und Weise, in  
der der Verlag die Agenden versah, nicht nur den Interessen der  
Sache entsprach, sondern bei den herrschenden Schwierigkeiten als  
eine imponierende Leistung angesehen werden muß. Die Rechnungsab-  
legung über die „Press“ zeigt uns aber auch, daß uns dieser Zweig  
des Verlages bisher nur eine finanzielle Last bedeutete. Nichtdes-  
toweniger glaube ich, daß Du, lieber Ernest, alles daran setzen  
mußt, um die engl. Mitglieder dazu zu bewegen, der endgültigen  
und vollständigen Unterordnung der „Press“ unter den „Verlag“ keine 
Hindernisse in den Weg zu legen. Erstens, weil es das wissenschaft-
liche Interesse gebieterisch fordert, daß die Leitung der anglo-
amerikanischen Produktion unsren Händen nicht entgleitet, zweitens,  
weil bei entsprechender Neuregelung der Angelegenheiten die „Press“  
sicherlich das wird, was sie uns von Anfang an zu sein versprach:  
die materielle Stütze, deren die Literatur der Länder mit entwerte-
ter Valuta so sehr bedarf.  

Ich freute mich H. Prof. in guter Gesundheit und – wie immer – 
unermüdlich wiedergesehen zu haben; ihm persönlich hätte ich die  
Bitte vor- zubringen, den Bürstenabzug seines Buches vom „Ich und Es“  
mir, wenn er vorliegt, einsenden zu wollen.  

Ad London: Dr. Eder geht, wahrscheinlich nur auf 14 Tage, nach 
London. Ein Gespräch mit ihm wird Dich überzeugen, daß er mit dem  
alten Eifer bei unserer Sache steht; das Interesse für die Jung'-
sche Richtung war kein sehr tiefes und verschwand von selbst fast  
gleich beim Beginne der eigenen Analyse, die auf ihn einen über-  
wältigenden Eindruck zu machen scheint. Ich halte ihn für einen  
außerordentlich begabten Menschen; es wäre ein großer Gewinn für 
unsere Sache und für die britische Gruppe, entschlösse er sich dazu,  
sich als praktizierender Psychoanalytiker in London niederzulassen.  
Doch das ist einstweilen nicht aktuell, da er vorerst noch zu uns  
zurückkehrt.  

Aus Budapest ist nichts Besonderes zu melden. In der letzten  
Sitzung gab ich als Potpourri eine ganze Reihe von kleinen Beobach-  
tungen aus der täglichen Praxis. Mein Bestreben geht überhaupt da-  
hin, dem Überwu- chern der Theorie Einhalt zu tun. 

Frau Radó-Révész geht es noch nicht gut. Ihr Mann war über  
Weihnach-ten–Neujahr hier.  

Mit herzlichen Grüßen Euer  

Ferenczi  

P.S. vom 16.I. (Im Besitze des Londoner Rundbriefes). Zur Eder-  
Frage habe ich im Obigen bereits Stellung genommen. Ich hoffe, daß  
Dich l. Ernest ein Gespräch mit Eder von der großen Veränderung  
in seinem Wesen überzeugen wird.