S.
Budapest, am 8. Febr. 1923
Liebe Freunde,
Denen von Euch, die die traurige Nachricht noch nicht erhalten
haben, diene zur Kenntnis, daß unser treues Mitglied, die Haupt-
stütze meiner psychoanalytischen Praxis, Frau Dr. Radó-Révész, (die
Gattin unseres Sekretärs Dr. Radó) nach kurzem Kranksein gestorben
ist. Sie erkrankte am Sterbelager ihres Vaters an anämia pernici-
osa, die durch gleichzeitige Gravidität kompliziert war und unauf-
haltsam zum Ende führte. Die als Lebensrettungsversuch durchge-
führte Sectio caesarea half nicht mehr; auch das lebend geborene
Kind verschied nach 8 Tagen. Wir verlieren in ihr die einzige di-
daktische Kraft in Budapest, der ich die Analyse der Mitglieder
ruhig anvertrauen konnte. Ihr Fall scheint zu jener Reihe zu ge-
hören, in der die durchgeführte Analyse die psychische Erledigung
von Träumen erschwert, so daß die Erregung in die Körperlichkeit
abfließen muß. Zufällig hatte ich Einsicht in diese Verhältnis-
se, da sie unmittelbar vor und auch während ihrer Erkrankung ein
Stück Nach-Analyse bei mir durchmachte, (worüber ihr Mann, Dr. Radó,
der jetzt in Berlin weilt, nichts erfahren darf; das war der aus-
drückliche Wille der Verstorbenen.)
Diese letzte Analyse hat mich ihr menschlich nahe gebracht, so
daß mich ihr Ableben außerordentlich erschüttert, wohl auch kör-
perlich sehr her- nahm. Dazu kam noch eine Reise nach der Stadt Kaschau
(in dem von den Tschechen besetzten Teil von Ungarn), wo ich auf
Einladung der dortigen ungarischen Ärztevereinigung am 2. Februar ei-
nen Vortrag über die Psychoanalyse halten mußte. Aus Kaschau und
Umgebung versam- melten sich etwa 50–60 Ärzte (darunter der an der Psy-
choanalyse interessierte Dr. Stuchlik aus Prag, der jetzt Irrenhaus-
direktor und Vizebürgermeister von Kaschau ist.) Das Interesse für
den Vortrag war sehr groß. Tags darauf hielt ich einen Vor-
trag über das Unbewußte in einem dorti- gen Club vor etwa 200–250
Herren und Damen.
Da ich jetzt nebst den eigenen auch einen Teil der Kranken der
Verstorbenen versorgen muss, bin ich abends vollkommen erschöpft
und musste sogar die Niederschrift dieses Briefes bis heute ver-
schieben.
AD LONDON: Ich muß gestehen, daß ich das weitere Verbleiben der
englischen Produktion beim Verlag und die Konzentration des Betrie-
bes in einer Hand lieber gesehen hätte, füge mich aber natürlich
der Ansicht der Besserwissenden und erhoffe die günstige Wen-
dung auch von dem neuen Arrangement. Bezüglich Eder’s wiederhole
ich meine äußerst günstige Meinung. Eine Analyse läßt bekanntlich
tiefer blicken als eine noch so lange Bekanntschaft. Übrigens hoffe
ich ihn noch wiederzusehen und meine endgiltige Meinung (wie es H.
Prof. wünscht) erst nach der Beendigung der Analyse abgeben.
AD BERLIN: Der von Max telegraphisch bestellte Kranz hat 7700 unga-
rische Kronen gekostet, die ich vorgestreckt habe.
AD WIEN: Nach neuesten Informationen urteile ich über die Erma-
kow-Wulff’sche Gruppe viel milder und stimme nunmehr für ihre Auf-
nahme. Varendonck’s Arbeit übernehme ich gerne zur Durchsicht.
AD BERLIN-WIEN: Dr. Runge, der sich zuerst an mich wandte, wies
ich nach Berlin. Nach meinen Informationen ist er als Mensch
äußerst verlässlich, und dürfte sich nach einer Probezeit als Mit-
arbeiter bewähren.
Viele herzliche Grüße von Eurem
- Geheimes Komitee
- Abraham, Karl
- Eitingon, Max
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Rank, Otto
- Sachs, Hanns