• S.

    Budapest, am 1sten März, 1923

    Liebe Freunde,

    Im Gegensatz zu Berlin wird es in der Budapester Gruppe, deren 
    Energien zum Teil von Deutschland aufgesaugt wurden, immer stiller.
    In der Öffentlichkeit hört man von Psychoanalyse fast nichts mehr;
    wir selbst ziehen uns absichtlich zurück. Diese Taktik hat uns vor
    so manchem bewahrt und wir gedenken sie einstweilen fortzuführen.
    Ich bin überzeugt, daß die psychoanalytische Welle von Deutschland
    her auch unser Land überschwemmen wird, (diesmal die wissenschaftli-
    chen Kreise) – dann wird man ohne uns kaum etwas ausrichten können.

    Eine mir ganz unbekannte Dame (Lehrerin) überraschte mich un-
    längst mit einer auffallend guten Dostojevsky-Studie. Ich will sie
    in der Vereinigung als Gast vortragen lassen. In der Vereinssitzung
    führte sich Frau Dr. Márie Takács (die Übersetzerin des Alltagsle-
    bens) mit einem gelungenen Vortrag ein. Sie wurde als außerordent-
    liches Mitglied aufgenommen, nachdem wir zuvor in der Jahresversamm-
    lung diesen neuen Grad der Mitgliedschaft kreierten.

    Die Praxis ist zufriedenstellend, (was die Frequenz anbelangt).
    Bei mir sind Frau Herford und Dr. Eder zur Fortsetzung ihrer Analyse
    wieder eingerückt; außerdem habe ich jetzt auch eine Tschechoslowakin,
    so daß ich vorübergehend etwas aufatme und Hollós, Hermann und Pfel-
    fer so ziemlich versorgen kann.

    Gesundheitlich habe ich mich in den letzten Wochen nicht sehr
    wohl gefühlt; meine Arbeitskraft reichte eben noch für die Stunden
    aus: sonstige Leistungen waren unmöglich.

    Ad Wien: Der Bericht des Frl. Teller über die Tschechoslowakei
    bedarf einer kleinen Berichtigung. Ich konnte mich in Kaschau über-
    zeugen, daß Stuchlik zwar ein theoretischer Freund der Psychoanalyse 
    ist, aber seit Jahren unsere Entwicklung nicht mitmacht. Er hält z. B. 
    mich für einen Orthodoxen und hat Sympathien für Jung. Er gründete
    keine Gruppe in Kaschau (eine solche existiert überhaupt nicht); aller-
    dings beschäftigt er einen jungen ungarischen Doktor auf seiner Ab-
    teilung, der in Wien von Dr. Reich etwas Analyse lernte, indem er im
    Bette versteckt eine durch Dr. Reich durchgeführte Analyse systematisch
    belauschen durfte!!! Er übernahm aber von Dr. Reich auch dessen
    Sympathien für Stekel. Außerdem arbeitet in Kaschau ein sympathischer
    und gescheiter, aber noch nicht analysierter Kollege, Dr. Lóránt.

    Ad London: Ich danke im Namen der Budapester Gruppe für die Bei-
    leidskundgebung der Zentrale.

    Ad Wien: Das M.S. von Varendonck ist heute angekommen.

    Viele herzliche Grüße von  
                                  Ferenczi

    P. S. Mangel an Mitteilenswertem und Gesundheitszustand mögen
    den Ausfall des Briefes von Mitte Feber entschuldigen.

    [Handschriftlicher Zusatz:]

    Lieber Otto, ich hoffe demnächst 
    endlich auf die uns speziell interessierenden 
    Fragen in einem privaten Schreiben zurückzukommen.

                                 Herzlich Dein  
                                  F.

    Nachträglich noch Einiges über Jones. 1) Er erzählte Mrs. Herford eine
    Rundbriefäußerung von mir (sie sei ein schwieriger Fall); beinahe ist 
    die Analyse daran gescheitert. 2) Dr. Eder sagte er vor etwa einem Jahre, 
     

  • S.

    er soll lieber nicht zu mir kommen; meine „aktive Technik“ sei eine gefähr-
    liche Neuerung, die er nicht erlernen sollte.