S.

Budapest, am 1. Mai 1923

Liebe Freunde:

Vor Allem möchte ich zu Abrahams Vorschlag, der sich mit einer pri-
vaten Äußerung des H. Prof. und Rank deckt, Stellung nehmen. Die 
Zusammenkunft könnte Ende August in einem Orte stattfinden, an dem 
sich H. Prof. gerade aufhält und 6 – 7 Tage dauern. Sollte der Plan 
des H. Prof. den Monat August im italienischen Südtirol zu verbringen,
verwirklicht werden, so stünde meinerseits, der ich mich mit ähnli-
chen Plänen herumtrage, nichts einer dortigen Begegnung im Wege.
Nach der Com.-Sitzung möchte ich mich noch einige Tage lang ausruhen;
in der 2. Septemberwoche aber meine Praxis in Budapest beginnen.

In unserer Vereinigung hatten wir, wie allmonatlich, zwei Sitz-
ungen; in der ersten erzählte Hollós einige psychiatrische Kranken-
geschichten und deutete sie in seiner gewohnten, etwas phantastischen
Art; in der zweiten wiederholte Frau Dr. Bálint ihren Berliner Vor-
trag über die mexikanischen Hieroglyphen; sie erntete auch bei uns
Beifall.

Die ungarische Ausgabe des „Alltagslebens“ erschien vor etwa 10
Tagen und wird, wie ich höre, viel gekauft. Die Übersetzung ist, mit
Ausnahme weniger Stellen, ziemlich gut gelungen.

Dr. Ladisl[aus] Révész, Bruder der verstorbenen Frau Dr. Révész, ein
Internist und gewesener Univ.-Assistent, ist derzeit in didaktischer
Analyse bei einer von mir analysierten Dame, Frau Vilma Kovács, die
auch das „Jenseits“ ins Ungarische übertrug. Er will sich, nach
seiner Analyse, mit Grenzfragen der internen Medizin und der Psycho-
analyse beschäftigen.

Dr. Eder, der 4 Monate lang täglich 2 Stunden Analyse bei mir
hatte, verließ gestern Budapest, um in London die psychoanalytische Praxis zu 
beginnen. Die Analyse vermochte nicht nur die Gründe der kurzen 
Jung’schen Diversion bei ihm aufzudecken, sondern unter dem Einfluß 
eindrucksvoller Erlebnisse auch seine Weltanschauung in eine psycho-
analytische umzuwandeln. Als sehr fähiger und dabei äußerst ehrli-
cher Mensch dürfte er einer der verläßlichsten Mitarbeiter werden. 
Ich möchte ihn insbesondere Ernest bestens empfehlen. Übrigens ein
merkwürdiges Beispiel dafür, wie gut auch bei einem über 50 Jahre
alten Manne die Analyse ausgehen kann.

Ad Wien: Herzlichen Dank für das eingesandte Exemplar des „Ich
und Es“; ich freue mich im vorhinein auf die Lektüre der zweiten,
mir noch unbekannten Hälfte. Das Buch von Schilder, das ich unlängst
erhielt, ist eine recht heikle aber interessante Referier-Aufgabe.

Ad London: Es tut mit leid, daß Du, lieber Ernest, kein Exemplar 
der „Populären Vorträge“ besitzest und bitte Otto, Dir eines senden
zu lassen. Die Exemplare, die ich überhaupt hatte, sind seinerzeit so-
fort von Kollegen, Familienmitgliedern etc. mit Beschlag belegt wor-
den, so daß auch ich keines mehr besitze. Nach Deiner Auskunft wer-
de ich natürlich Dr. Teslaar, der sie ins Englische übersetzen wollte,
abschlägig antworten und erwarte Dr. Bryans Vorschlag.

Den von Karl vorgeschlagenen Modus der Korrespondenz dürften
wohl alle akzeptieren.

Mit herzlichen Grüßen von

Ferenczi