• S.

                                Budapest, am 2ten Nov. 1923

    Liebe Freunde,

    1. Ich benütze diese Gelegenheit H. Prof. neuerlich
    meine besten Gesundheitswünsche zu übermitteln.

    2. Die ung. Vereinigung begann ihre Funktion mit
    einem Vortrage Róheims über die „Wasserträger 
    im Monde“, eine Mondsage, die er auf ubw 
    Onaniephantasien zurückführen will. Ich mußte 
    ihm aber widersprechen, als er u. a. die Qualen
    der Danaiden, des Tantalus etc., einseitig auf unbe-
    endigte Onanie zurückführte.

    3. Ich kann es leider nicht unterlassen, einige mir
    sehr peinliche Bemerkungen zu Ernests neuer Ar-
    beit über Autosuggestion zu machen. Von Schilder
    nahm es mich nicht Wunder, daß er meine Arbeit
    über die Libidotheorie der Hypnose u. Suggestion
    nicht entsprechend würdigte, aber wenn mir das
    von Freund Ernest, dazu noch in viel krasserer
    Weise widerfährt, muß es mich schmerzlich berühren.
    Er unterläßt es nämlich überhaupt, mich zu zitieren
    und beruft sich nur auf seine eigene Deskription, die 
    bekanntlich nach meiner und in Anlehnung an meine 
    Arbeit geschrieben war. Auf S. 198 schreibt er die Sätze:
    I wrote: „We can ... (usw. bis:) subjects mind“, ob-
    zwar die dort zitierten Sätze fast wörtlich aus meiner
    früheren Arbeit übernommen sind, wenn sie später

  • S.

    auch von Jones gebraucht wurden. Er nennt
    vier Autoren, die sich über das Verhältnis der Auto- ´
    zur Heterosuggestion äußerten gerade nur mich nicht, 
    den einzigen Psychoanalytiker, der dies ausführlich 
    tat. Mehr als Unacht- samkeit könnte ich es nennen,
    daß er meine Äußerungen über die Rolle der Hem-
    mung bei jeder Willensaktion und speziell bei 
    der Hypnose un- erwähnt läßt (s. „Denken und 
    Muskelinnervation“, „Analyse von Gleichnissen“,
    „das Ich als Hemmungsorgan“). Ich werde auf meine 
    Priorität um so deutlicher hinweisen müssen, als schon
    jetzt McCurdy in seinem neuen Buche von Jones
    als Verfasser der psychoanalytischen Theorie der 
    Suggestion und Hypnose spricht, obzwar mir eine
    solche Theorie von Jones unbekannt ist. – Ich 
    überlasse es der Beurteilung von Euch allen, ob meine
    Bemerkung ein gerechtfertigter wissenschaftlicher
    Protest oder nur der Ausfluß meiner Eitelkeit
    ist. Ich kann Letzteres umsoweniger glauben, als 
    ich z. B. gegen Schilder, als er die Suggestionstheorie
    annektierte, nichts unternahm, und er seine Verfehlung 
    nur auf energisches Drängen des H. Prof. gut zu 
    machen versuchte. Ich bin überzeugt, daß es im
    Falle Ernests keines solchen Drängens bedürfen wird.

    4. Ich bin einstweilen entschiedenst gegen die Auf-
    nahme der Moskauer Gruppe. Diese Verquickung
    von Wissenschaft und Politik, wie ich es hier zur
    Genüge beobachten konnte, ist nicht nur gefährlich,
    sondern auch kompromittierend. Besonders die
    Psychoanalyse der „Einjährigen“ und ähnliche phantas-
    tische Unternehmungen, lassen es gerechtfertigt
    erscheinen, daß wir den dortigen wissenschaftlichen
    Bestrebungen gegenüber zwar wohlwollend gegenüber-
    stehen, uns aber mit ihnen nicht identifizieren.

                            Herzlich grüßend Euer
                                    Ferenczi