S.

Budapest, 6 März, 1924  

Liebe Freunde:  

Zunächst danke ich dem Herrn Professor für die ausführliche  
Äußerung zur gemeinsamen Arbeit (Entwicklungsziele) und quittiere die z. T.  
freundlichen Bemerkungen dazu gleichfalls mit Dank. Da der H. Prof.  
selber der Ansicht ist, daß die Kritik, besonders die abfällige, der-  
zeit unstatthaft sei, unterlasse ich es, auf die Eindrücke, die ihm  
einzelne Teile unserer Arbeit weniger ansprechend erscheinen lassen,  
einzugehen und erwarte von der Zukunft und der weiteren Erfahrung die,  
wie ich sicher hoffe unseren Ansichten nicht ungünstige Änderung die-  
ses vorläufigen Eindrucks. Ich beschränke mich also darauf, einige  
in H. Prof. Brief erwähnte Daten, die auf Mißverständnis zu beruhen  
scheinen, richtig zu stellen.  

Die „Entwicklungsziele“ wurden zu einer Zeit verfaßt, in der das  
„Trauma d. Geburt“ noch unentdeckt war; letzteres konnte also damals  
in unserer „neuen Technik“ selbstverständlich nicht verwertet sein, –  
wohl aber die „Analyt. Situation“ und die „Aktivität“, die das Büchlein  
entgegen des diesfälligen Eindrucks des H. Prof. recht eingehend be-  
rücksichtigt. Die genaue Ausführung der Technik war überhaupt nicht  
Zweck der Arbeit, sondern nur, was daran H. Prof. rühmt: die Revision  
der bisherigen analyt. Gewohnheit, dazu eine allgemeine Wegweisung  
für die Zukunft. Es versteht sich von selbst, daß wir neben dem „Er-  
lebnis“ auch die Bewußtmachung betonen.  

In der Frage des „Trauma d. Geburt“ kann meine „Genitaltheo-  
rie“ die anscheinenden Abweichungen der Ansichten des H. Prof. über-  
brücken. Dort wird nämlich neben dem ontogenen Trauma das phylo-  
gene berücksichtigt; allerdings haben wir gerade von H. Prof. gelernt,  
daß man in der Analyse zuerst die Möglichkeiten der Ontogenie er-  
schöpft haben muß, bevor man aufs Phylogenetische zurückgreift. Natürlich  
ist mit der Geburt die Reihe der Traumata nicht abgeschlossen (wie auch  
die geologische Gefahr nicht die allerletzte im Leben unserer Vorfahren  
war); wohl aber ist das „Geb.-Trauma“ sicher das Intensivste, das das  
Einzelwesen traf, so daß alle späteren Erschütterungen den größten  
Teil ihrer Affektwirkung der Assoziativen-Erinnerung an jenes Erste  
verdanken (jede Angst ist bekanntlich im Grunde Geburtsangst). Die  
Möglichkeit, daß schon im Momente der Geburt eine „Triebverschränkung“  
zwischen dem Zurückkehrenwollen (Lust) und dem Fliehenwollen (Angst)  
zustande kommt, ist meiner Ansicht nach a priori nicht abzuweisen.  

Daß wir, wie Ernest schreibt, allzu diktatorisch die schlecht-  
en Techniken verurteilen (denn nur gegen diese schreiben wir), wird er  
hoffentlich (wenn er erst Erfahrungen mit unserer Technik gesammelt hat)  
weniger positiv behaupten. Einstweilen finde ich seine Kritik unbe-  
gründet. Da wir uns lange mit der Idee beschäftigten, uns am Preis-  
bewerb zu beteiligen, konnten wir die Arbeit dem Komitee, deren Mitglieder  
die Preisrichter waren, überhaupt nicht vorlegen, aber solche vorläufi-  
ge wissenschaftliche Zensur gehörte auch bisher nicht zu den Agenden  
des Komitees; eine solche habe ich z. B. auch nach meinen berechtigten  
Vorwürfen gegen eine Arbeit Ernest’s nicht verlangt. Übrigens war die  
Stimmung in Lavarone und S. Cristoforo für wissenschaftliche Diskussionen,  
wie erinnerlich, nicht günstig.  

Daß die „Genitaltheorie“, deren Beurteilung sowohl prakti-  
sches wie theoretisches Können erfordert hätte, Dr. Bálint, einem noch  
unvollständig analysierten Nicht-Mitglied zum öffentlichen Referieren  
in der Berliner Vereinigung übergeben wurde, ist mir nicht verständlich.  

Herzlich grüßend Euer  
Sándor F.