S.
Semmering, Villa Schüler
18. VII. 26.
Ich denke, es ist an der Zeit, die Verständigung durch Rundbriefe
wieder aufzunehmen. Wir befinden uns seit einem Monat hier auf dem
Berg in klösterlicher Ruhe und Schönheit, vom Wetter nicht mehr gestört
als irgendwo anders. Anna hat ihre amerikanischen Kinder in der Nähe,
bei mir arbeitet seit einer Woche die Prinzessin (George de Grèc[e]),
die sich analytisch ausbilden lässt und schon jetzt an den Arbeiten
der Pariser Gruppe regen Anteil nimmt. Sie hat selbst den Leonardo
übersetzt, der im Herbst erscheinen soll und überwacht die Übersetzun-
gen der anderen Schriften, mit denen sich die Gruppe jetzt beschäftigt.
Meine Absicht, die Gesamtausgabe zu einer vollständigen Sammlung
meiner Veröffentlichungen zu machen, ist bereits gestört worden.
Unsere Zeitungen haben sich der Affaire des wegen Kurpfuscherei ange-
klagten Dr. Reik bemächtigt und viel Kapital daraus geschlagen.
Die Bewegung gegen die Laienanalyse scheint nur ein Abkömmling – „offshot“ –
des alten Widerstandes gegen die Analyse überhaupt zu sein. Leider sind
auch mehrere unserer eigenen Mitglieder so kurzsichtig oder so ver-
blendet durch das sogenannte Standesinteresse, dabei mitzutun.
Gleichzeitig lässt sich unsere Öffentlichkeit für den Streit um die
Echtheit des Tagebuchs interessieren, der infolge der Arbeit eines
Prof. Krug in Wien wieder auflebt. Ich betrachte die ganze Strömung
als einen Ausfluss des Ärgers über die Teilnahme, die mein 70. Geburts-
tag doch in der Umwelt gefunden hat und fühle mich so mitschuldig an
ihr. Um Reik zu Hilfe zu kommen und die Situation im eigenen Lager
zu klären, habe ich hier rasch eine Broschüre „Die Frage der Laien-
analyse“ geschrieben, die wahrscheinlich in wenigen Wochen vorliegen
wird. Beiliegend ein Ausschnitt aus der N.Presse, (bitte weitersenden!),
die ihre Ankündigung enthält. Sie ist recht scharf ausgefallen.
Über mein Befinden kann ich, abgesehen von den gewohnten Beschwer-
den des Kunstprodukts im Munde, nicht klagen.
Storfer arbeitet an der parteilosen Untersuchung des Tagebuchs.
Er sagt, es sei sehr schwer, die Unstimmigkeiten desselben aufzuklären,
und das Fehlen der Auskünfte von Seiten der Herausgeberin zu
ersetzen. Sadger hat unlängst im „Neuen Wiener Journal“ mitgeteilt,
dass er sich an die Kinderschrift des ursprünglichen Manuskripts sehr wohl er-
innert. Mein Glaube an die Echtheit des Tagebuchs ist nicht erschüttert.
Mit Grüßen nach allen Seiten
Freud
Anna Freud
- Geheimes Komitee
- Eitingon, Max
- Freud, Anna
- Freud, Sigmund
- Jones, Ernest
- Sachs, Hanns