• S.

    Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse

    Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud

    Redigiert von Dr.M. Eitingon, Dr.S. Ferenczi und Dr. Sándor RadóB

     

             -------------------------------------------------------------------

     

    New York 9 Jan.

    1927

    Liebe Freunde

    Ich danke für die Rundbriefe und setze meinen Bericht fort.

         Von den Psychologen in Amerika ist Dr. Watson, der Behaviorist,[1] wohl der rührigste. In der »New School for Social Research«, wo auch ich vortrage, hielt er eine Serie von Vorträgen über seine Lehre, die im wesentlichen in derC Anwendung von Pawlows Experimenten über bedingte Reflexe auf menschliches »Gehaben« überhaupt besteht. In voller Verkennung der Kompliziertheit des »Gehabens« (das ist wohl die beste Übersetzung des Wortes Behaviourism) und ohne den geringsten Sinn fürs Historische, dazu bei voller Verleugnung der Bedeutsamkeit der Heredität, glaubt er mit Hilfe einfachster Experimente, die er an Tieren, Neugeborenen und Kindern ausführte, das ganze Problem des Psychischen theoretisch gelöst zu haben. Ja er hält sich für berufen, auch in prophylaktischer Hinsicht alle Psychologie, natürlich auch die Psychoanalyse, ersetzen zu können. In Wirklichkeit verwertet er unbewußt — oder unter Verkennung der Quellen seines Wissens — das Wissen, das er aus

    class=WordSection2>

    analytischen Quellen holte, in seinen behavioristischen Experimenten. Nach Beendigung seines Lehrkurses veranstaltete er eine Diskussion in der Schule, zu der er Adolf Meyer (J[ohns] Hopkins Universität),[2] William A. White (Washington),[3] Dr. Edw[ard] Kempf (New York), Jelliffe und Blumgart[4] einlud. Meyers Vortrag, den ich im Manuskript las, ist der konfuseste; er ist voll verhaltenen Ingrimms gegen die Psychoanalyse, die er nicht offen anzugreifen wagt, aber mit Anspielungen wie »finanzielle Ausbeutung«, »theoretischer Formalismus«, »sexuelles Bohren« etc. bedenkt. Dabei kann er selbst nichts Positives bieten, resp.: was er bietet, ist unverdaute Psychoanalyse + Widerstände. Im Gegensatz zu Bleuler, der abwechselnd sich ein Jahr lang pro, dann contra Psychoanalyse äußert, widerspricht sich Meyer in jedem zweiten Satz. Resultat: unwissenschaftliche Konfusion.

         White ist einsichtsvoller; sein Widerstand zeigt sich im »Eklektizismus«. Freud, Jung, Adler — alles sieht er in derselben Ebene. (Er sagte mir: er müsse objektiv bleiben.) 3

         Kempf, ein sehr talentvoller Mann mit vielen originellen Ideen, nähert sich der Psychoanalyse von der physiologischen Seite her. Seine Theorie von der Wirkungsweise des autonomen Nervensystems, von dessen Zusammenhang mit den zerebrospinalen Mechanismen[, die] durch die Psyche vereinheitlicht und reguliert werden, verdient Aufmerksamkeit.

         Jelliffe und Blumgart waren, wie ich glaube, nicht genug energisch und geschickt in der Abwehr, obzwar beide verläßliche Psychoanalytiker sind. Jelliffe ist zu sehr mit seinen eigenen Theorien über Paläopsychologie beschäftigt, war aber im ganzen der beste Vertreter der Psychoanalyse in der Diskussion. Blumgart ist nett, aber nicht sehr begabt.

         Watson hat es sich schließlich nicht nehmen lassen, auch mich zum Zweikampf zu fordern. Er hielt einen Vortrag in einem vornehmen Damenklub (»Cosmopolitan Club«), ließ mich durch die Präsidentin zum Diner einladen und apostrophierte mich im Vortrag persönlich. Im Vortrag nannte er alles, was sich »Psychologie«, »Psyche», »conscious«, »unconscious« nennt: unwissenschaftlich, mystisch; das einzige Wissenschaftliche ist die Beobachtung des Behaviour und was sich daraus ableiten läßt. Die kompliziertesten psychischen Prozesse erklärte er aufs allersimpelste als »conditioned reflexes« etc.

         Obzwar unvorbereitet, mußte ich ihm entgegnen. Es war nicht schwer, ihm die Unsinnigkeit seiner Verleugnung der psychischen Realität zu zeigen (obzwar ich zweifle, ob ihm das etwas genützt hat). Ich gab zu, daß der Psychoanalyse die Form von Exaktheit, die die Naturwissenschaft erfordert, nicht zur Verfügung steht. Wir können das Psychische nicht messen. Die Metapsychologie Freuds ist ein Notbehelf, bis die Herren Psychologen und Behavioristen ihr WerkD vollenden. Man kann aber nicht solange warten, und die Verwertung der introspektiv gewonnenen Tatsachen bringt nicht nur tieferes Verständnis, sondern auch Hilfe, die man von der naturwissenschaftlichen Seite nicht bekommt. Ich würde — so sagte ich — vielleicht weiße Ratten und Kaninchen, nicht aber lebende Menschen zu Watson zur Behandlung schicken. - Das Publikum schien wie erlöst und froh darüber, daß man seine Seele vielleicht doch nicht aufgeben muß.[5]

         Innerhalb der psychoanalytischen Bewegung selbst war die halbjährliche Sitzung der »Americ[an] Ps[ycho-]An[alytic] Association« am zweiten Weihnachtstage das Hauptereignis der letzten Wochen. Es erschienen etwa 40 - 50 Mitglieder aus dem ganzen Lande; darunter 6 - 7 New Yorker. Die Provinzler machten auf mich in wissenschaftlicher Hinsicht keinen ungünstigen Eindruck.

    class=WordSection3>

    White in Washington läßt seine Leute u.a. auch analytisch frei forschen; im dortigen St. Elizabeth Asylium (6000 Kranke) haben sie dazu Gelegenheit genug. Dr. Reeds (Cincinnati)[6] sprach mit viel Verständnis. Trigant BurrowE[7] plädierte für seine »Gruppenanalyse« — ich mußte dieser Technik energisch widersprechen. Kempf sprach nicht uninteressant über Analogien zwischen tierischem und menschlichem Benehmen (besonders in bezug auf Eifersucht, Haß, Furcht, Scham). - Jelliffes Schwiegersohn Stragnell[8] scheint der Witzbold der Vereinigung zu sein, sonst nichts Hervorragendes.F Schließlich hielt ich einen Vortrag »über die neueren Probleme der Psychoanalyse«[9] (Ich und Es, Untergang des Ödipuskomplexes, »Trauma der Geburt« etc, im letzteren Teile energisch gegen Rank losziehend). Das Auditorium schien der Belehrung bedürftig gewesen zu sein, man dankte mir dafür offensichtlich ganz aufrichtig. Allerdings fragten mich zwei Kollegen nach dem Vortrag: »Bitte, was ist eigentlich das Superego?« (Ganz wie im bekannten Witz vom amerikanischen Mediziner nach dem Augenkurs: »Es war sehr interessant, nur das eine weiß ich nicht: liegt die Iris vor oder hinter der Pupille?«)

         Rank soll plötzlich erkrankt und unvermittelt nach Europa gereist sein. Die neuesten Nachrichten über ihn sind schlimmer als alles, was wir über ihn schon wissen. Er soll sich gebrüstet haben, die Homosexualität, die Freud für inkurabel erklärte, in sechs Wochen zu heilen. Dr. W.A. White kündigte in einem seiner Vorträge eine Arbeit Ranks an, in der dieser (R[ank]) die fundamentalsten theoretischen Grundlagen der Freudschen Psychoanalyse angreift. Die Arbeit soll in der Januarnummer der Psycho-Analytic Review erscheinen.1[10] -

         Auch Adler ist hier, macht sehr viel Reklame, hält Vorträge an 4 - 5 Stellen, u.a. auch in meiner »New School«. Was ich vom Inhalte gehört habe ist äußerst simpel.

    class=WordSection4>

         Die American Psycho-Analytic Association wollte auch gegen die Laienanalyse einen formidablen Beschluß fassen. Es gelang mir nur mit Not und Mühe, sie dazu zu bringen, die Beschlußfassung zu verschieben, bis sie Freuds »Laienanalyse« gelesen haben.1[11] - Die New Yorker (Stern, Oberndorf, Meyer,1[12] Lehrmann,1[13] KardinerG1[14], Frink) waren alle sehr aggressiv gegen die Laien. (Frink scheint jetzt N.B. wieder hergestellt zu sein und seine Arbeit in New York fortsetzen zu wollen.) - Pierce Clark1[15] ist rührig, aber einseitig für eine neue Technik agitierend (»forcierte Phantasien« bei Psychosen). Ich sah seine Anstalt noch nicht.

         Ich hatte mit Professors Neffen E[dward] Bernays eine Unterredung. Wir wollen den Versuch machen, etwas Geld für Verlags- und Institutszwecke zu sammeln. Der Erfolg ist allerdings zweifelhaft.

         Ich setze meine Vorträge in der New School fort und arbeite den ganzen Tag, bin schon etwas amerika-müde. Ich erwarte mit Sehnsucht europäische Nachrichten.

    Herzlichste Grüße!

    Ferenczi

     

     

    _________

    A            Der Brief ist eine mit Kohlepapier angefertigte Durchschrift,die bis zu »sonst nichts Hervorragendes« (im achten Absatz) in fremder (wohl Gisela Ferenczis) Handschrift verfaßt ist. Der Rest ist, ebenfalls als Kohle-Kopie, in Ferenczis Schrift niedergeschrieben.

    B         Siehe Brief 1061 Fer, Anm. A.

    C         In der Handschrift: die im wesentlichen die Anwendung.

    D        Dieses Wort ist in Ferenczis Handschrift über ein anderes, ausgestrichenes Wort geschrieben.

    E         In der Handschrift: Burroughs.

    F         Der ohne Absatz anschließende Rest des Briefes ist in Ferenczis Handschrift verfaßt.

    G        In der Handschrift: Cardiner.

     

    1     John Broadus Watson (1878-1958), der berühmte amerikanische Psychologe. 1908-1920 Professor in Baltimore. Hauptbegründer des Behaviorismus, der die Selbstbeobachtung verwirft und sich auf die Untersuchung von Reiz und Reaktion beschränkt. Er stützt sich dabei auf Pawlows Lehre vom bedingten Reflex. Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936), russischer Physiologe, 1895-1924 Professor in Leningrad, 1904 Nobelpreis für Medizin für die Physiologie der Verdauung. Nach Pawlow sind bedingte Reflexe und deren Konditionierung das Prinzip jeder „seelischen” Tätigkeit; Psychologie sei in eine Physiologie der Konditionierung überleitbar. Obwohl beide Theorien sich in der ursprünglichen Form nicht hielten, hatten sie einen immensen Einfluß auf die Entwicklung der Psychologie im 20. Jahrhundert.

    2     Adolf Meyer (1866-1950), gebürtiger Schweizer, möglicherweise der einflußreichste amerikanische Psychiater in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach seiner Emigration (1892) und verantwortlichen Positionen in Worcester, Ward’s Island und am Cornell University Medical College, 1910-41 Professor an der Johns Hopkins Universität (Baltimore) und Direktor ihrer Henry Phipps Psychiatric Clinic (1914). Meyer unterstrich die Bedeutung psychologischer und sozialer Faktoren in der Entstehung von Geisteskrankheiten, die er eher als Resultat einer Störung der Gesamtpersönlichkeit denn als Resultat einer Gehirnpathologie ansah. Vgl. Paul Roazen, Canada's King, An Essay in Political Psychology (Oakville, ON, 1998).

    3     William Alanson White (1870-1937), Schlüsselfigur der amerikanischen Psychiatrie und Psychoanalyse, bedeutender Herausgeber (siehe auch 882 F und Anm. 4). White war über dreißig Jahre lang Direktor des St. Elizabeth Hospital in Washington DC. Er distanzierte sich eher vom „Papst in Wien”, war aber offen gegenüber Ferenczi und Rank, dessen Analysand er war. Vgl. Arcangelo R. T. D’Amore, Hg., William Alanson White: The Washington Years, 1903-1937 (Washington DC, 1976); White, Forty Years of Psychiatry (New York, 1933); ders., The Autobiography of a Purpose (New York, 1938).

    4     Leonard Blumgart (1880-1951), Psychiater. M.D. 1903 Columbia University College of Physicians and Surgeons. Analysand Freuds.

    5     Ferenczi schilderte dieses Streitgespräch in seinem Madrider Vortrag im nächsten Jahr (Bausteine III, S. 424).

    6     Dr. Ralph Reed, Psychiater und Psychoanalytiker aus Cincinnati, Mitglied der Amerikanischen Vereinigung.

    7     Siehe 970 F und Anm. 1.

    8     Gregory Stragnell (1888-1963), Neuropsychiater. M.D. Columbia 1913. Herausgeber von Medical Record, Mitherausgeber des Journal of Nervous and Mental Disceases. Mitglied der Washingtoner und der Amerikanischen Vereinigung.

    9     ›Present-day problems in psychoanalysis‹ (Ferenczi, 1927, 278).

    10   ›Psychoanalytic problems‹ (Psychoanalytic Review, 1927, 14: S. 1-19).

    11   Im Mai wurde dann doch ein Beschluß gegen die „Laienanalyse” gefaßt (Jones an Freud, 18.7.1927; Briefwechsel, S. 622, Anm. 3).

    12   Munroe A. Meyer (1892-1939), M.D. 1916 Cornell University Medical College, Mitglied der New York Psychoanalytic Society. Analysand Freuds (1919).

    13   Philip R. Lehrman (1895-1958), Professor für Klinische Psychiatrie und Neurologie an der Columbia University, Mitglied der New Yorker Vereinigung. Analysand Freuds (1928-29). Heute auch durch seine Amateur-Filmaufnahmen Freuds bekannt.

    14   Abram Kardiner (1891-1981), amerikanischer Anthropologe und Psychoanalytiker, M.D. 1917. Analysand Horace Frinks und Freuds (1921-22; vgl. My Analysis with Freud: Reminiscences. New York, 1977; dt. München, 1979). Er folgte Sándor Rado an das psychoanalytische Institut an der Columbia University, das schließlich von der Amerikanischen Vereinigung anerkannt wurde. 1949 übernahm er die Leitung einer psychiatrischen Klinik und ab 1955 eine Professur für Psychiatrie an der Emory University in Atlanta. Kardiner vertrat einen kulturalistischen Ansatz der Psychoanalyse.

    15   Siehe 609 F, Anm. 6.