• S.

    R.-Br.A                                                            New York, 26. Febr 1927.

                                                H. St Andrew, Brway at 72nd St.

    Liebe Freunde.

    Nach längerer Pause kann ich meinen Bericht fortsetzen.

         Die Vorlesungen im »New School for Social Research« habe ich beendigt; die Teilnahme der Hörer ließ bis zum Ende kaum nach. Ich glaube ihnen einen Begriff davon, was Psychoanalyse ist, gegeben zu haben. Gestern veranstalteten der Direktor der Schule (Dr. Alvin Johnson) und etwa 100 Hörer ein Diner für mich im Hotel Pennsylvania. Von ärztlichen PsychoanalytikernB waren Glück[1] und Blumgart anwesend. Letzterer präsidierte. Als Festredner fungierten Dr. James Harvey Robinson,[2] Dr. Frankwood Williams und Dr. Johnson. Ersterer, neben John Dewey[3] die bekannteste und anerkannteste geistige Autorität in

    class=WordSection2>

    diesem Lande (Historiker), versuchte in seiner Rede die historische Bedeutung der Psychoanalyse klarzustellen. Nach seiner Darstellung gebührt Freud und der Psychoanalyse derC Verdienst, durch Entdeckung des Kindes im Menschen, durch Abschüttelung der Schamhaftigkeit in sexuellen Fragen, durch Erklärung vieler bisher als sinnlos betrachteter Äußerungen der Mentalität, durch Vereinheitlichung biologischen und psychologischen Wissens (uswD) eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte und der Geschichte der Wissenschaften geschaffen zu haben. - Nebst feiner Bemerkungen und geistvollen Zusammenfassungen enthielt die Rede einige Einseitigkeiten, die die Vorliebe des Redners für vorzeitige monistisch-materialistische Erklärungen verrieten. So sagte er unter anderem, daß in der modernen Lehre vom Menschen kein Raum mehr für mystische Begriffe wie Instinkt, Unbewußtes da sei; er setzte auch die Bedeutung des Bw. ziemlich stark herab. Zwischendurch sprach er von Jung und Kempf als verdienstvolle[n] Psychoanalytikern. Auf diese Rede reflektierend, hob ich anerkennend den Sinn des Redners für historische Perspektiven hervor, mußte aber einige seiner Äußerungen richtigstellen, merkwürdigerweise mußte ich diesmal das Bewußtsein als psychischen Faktor verteidigen und daran erinnern, daß schließlich auch das Wissen vom unbewußten Mechanismus der Funktion des Bw. zu verdanken ist. - Dr. Fr[ankwood] Williams sprach von der epochalen Bedeutung Freuds für die Psychiatrie und die »Mental Hygiene«, eine Institution, deren Leiter er ist. (Er ist eine einflußreiche Persönlichkeit hier.) Johnson und Blumgart beschäftig[t]en sich mit meiner Person. Der Abend war eigentlich eine Feier zu Ehren der Psychoanalyse.

         Einige Tage vorher hielt ich einen Vortrag in der »Greenwich Psychiatric Round Table« Gesellschaft — eine Gruppe psychiatrischer social workers (etwa 100), die [in] einem Gemeinzwecken gewidmeten Gebäude (Greenwich House) ihre Zusammenkünfte abhält. Auf besondere Aufforderung hatte ich über die Persönlichkeit des Professors zu reden, eine für mich neue und reizende Aufgabe.

         Unerwarteterweise arteten einige persönliche Einladungen zu Diners zu Vorlesungen über psychoanalytische Themen aus. Ich glaube schon mitgeteilt zu haben, daß ein Teilhaber des Morganschen Bankhauses (richtiger: seine Frau) mir zu Ehren ein Diner gab, nach dem Essen forderte man mich auf, über Psychoanalyse zu reden. Dies wiederholte sich seitdem einige Male; ich kam mir vor wie Andersens »Improvisator«.[4]

    class=WordSection3>

         Leider hat das bisher finanziell den psychoanalytischen Institutionen in Europa nichts genützt; die Erfolge blieben rein intellektueller Natur, obzwar auch Edw[ard] Bernays, Professors Neffe, sich für unsere Angelegenheiten interessiert. Einer der reichsten Juden in New York, Sam Lewisohn[5] (spr.: Luisen), Besitzer der größten Privatgalerie hier, von dem ich Hilfe erwartete, erwies sich [als] nur theoretisch interessiert.

         In letzterer Zeit häufen sich bei mir neuerliche Vortrags-Einladungen. Auf Vorschlag Professor Salmons (Psychiater)[6] werde ich demnächst den Hörern des 4. Jahrganges der Columbia Universität eine Vorlesung halten. (Die Einladung kam vom Dekan der Universität.) Die psychologische und die neurologische Fakultät dieser Universität (Professoren) ersuchten mich um je einen Spezialvortrag, auch einer Gruppe von Psychiatern der älteren Schule (Vorstand: Sanger-Brown[7]) sagte ich einen Vortrag zu und werde auch einer Einladung der (sehr konservativen) offiziellen Medizinischen Gesellschaft von Philadelphia Folge leisten. Ich gedenke bis Mitte Mai hierzubleiben, dann eine zweiwöchige Reisezeit ein[zu]schalten, um Einladungen nach Washington (St. Elizabeth Hospital), +vielleicht,: Baltimore und (wahrscheinlich) Chicago Folge zu leisten. Einen Vortrag im hiesigen ungarischen Ärzteverein hätte ich beinahe vergessen.

         Inzwischen arbeite ich wie gewöhnlich an meinen Analysen (acht), mit Ausnahme von Samstag nachmittag und Sonntag; diese Zeit verbringe ich meist in der Umgebung bei Bekannten; doch das Hin- und Herreisen ist auch ermüdend.

         Für den 2. Juni habe ich am neuen Schiff der Hamburg-America-Line »New York« für mich und meine Frau eine Kajüte gebucht. Wir gedenken über Southampton nach London zu reisen; unser Freund Dr. Rickman will von mir dort einen — Gott sei Dank letzten — VortragE für die medizinisch-psychologische Vereinigung abzapfen. Nach achttägigem Aufenthalt in England wollen wir nach Baden-Baden, um dort längere Zeit zu

    class=WordSection4>

    ruhen. Die weiteren Pläne vor der Heimreise sind noch unfertig. Über den Vorkongreß und meine Teilnahme daran schreibe ich an Eitingon.

         Noch ein kurzer Bericht über die Abtrünnigen.

         Jungs Name ist sehr bekannt. Seine bekannteste Vertreterin ist Frau Dr. Hinkel.[8] Ich traf sie einmal in Gesellschaft, gab aber die Diskussion mit ihr auf; sie spricht eine mir fremde Sprache, voll von »Gruppen-Ubw« und sonstiger Mystik.

         Adlers amerikanische Reise war — wissenschaftlich — ein Mißerfolg. Intellektuelle und Wissenschaftler haben seine Lehren sehr banal und primitiv gefunden. Im Kreise gew. Pädagogen ist er populär, auch ist er in Boston (Harvard) freundlich empfangen worden. Er sprach, wie ich höre, mit großer Emphase, gleichsam demagogisch, fand die Neurosen ungemein einfach und versprach, auch schwerste Fälle in 1 - 2 Stunden zu heilen. Sein Manager machte große Reklame und ließ ihn auch über das Radio einen Vortrag halten.

         Rank hat in gew. jüdischen Kreisen und bei einigen Psychiatern Anhang. Einige schwere Neurosenfälle haben sich bei mir nach der Geburts-Analyse ungeheilt gemeldet, doch höre ich auch von Erfolgen (ich glaube, meist bei Gesunden oder in leichten Fällen). Ich habe über seine Lehren vielfach öffentlich gesprochen und die Idee, als hätte er Professors Zustimmung, gründlich zerstört. Er ist jetzt in Paris mit zehn Amerikanern, die etwa alle drei Monate ausgetauscht werden.

         Die neue Technik von Tr[igant] Burrow (Gruppen-Analyse) dürfte auch ihn bald unter die Abtrünnigen bringen.

         Dr. Watson, der privater (Familien-)Angelegenheiten halber seine Universitäts-Karriere abbrach, ist jetzt Teilhaber einer Annoncen-Gesellschaft, der er psychologische (behavioristische) Ratschläge gibt. Er ist in der Gesellschaft beliebt. Man hofft von ihm die »Erledigung« der Psychoanalyse.

         Ein-zweimal sprach ich seit meinem letzten Briefe mit Brill telefonisch; er war freundlich wie immer, doch kam es zu keiner Begegnung seit Weihnachten, zum Teil vielleicht auch durch mein Verschulden. Das Seminar für Laienanalytiker will ich von 1. März an auf einen Abend in zwei Wochen beschränken, statt dessen ein Seminar für Mitglieder der New Yorker Gruppe beginnen. Es haben sich etwa zwanzig gemeldet (ein Abend wöchentlich), unter

    class=WordSection5>

    anderem auch Brill, der sich aber nachher abmeldete. Kardiner beginnt zu gleicher Zeit ein Seminar für Ärzte. - Überhaupt regt es sich etwas in psychoanalytischen Kreisen; Brill beginnt seine Leute zur Arbeit anzuspornen. - Ende Mai findet der II. Halbjahrkongreß der Ameri[can] Ps[ycho-]An[alytic] Society statt (in Cincinnati, gleichzeitig mit dem allgemeinen Amerikanischen Psychiaterkongreß). - Ich habe bedingungsweise mein Kommen und einen Vortrag zugesagt.

         Ein Journalist bot mir an, in eine neuentdeckte Kino-Sprechmaschine etwas über Psychoanalyse zu reden. Ich würde dem nur zustimmen, wenn man so viel Geld gäbe, wovon man in Budapest eine Poliklinik errichten kann.

         Bei Ed[ward] Bernays trafen wir einmal den Leiter der zionistischen Bewegung, Dr. Weizmann. Ein gescheiter Mensch, sympathisch, ahnt nichts von der Psychoanalyse und enthüllt sich in seinen Erzählungen als einer, der sich (ubw) mit Josua (dem ProfetenF) identifiziert. Er kommt jeden Winter nach Amerika, um das Budget fürs nächste Palästina-Jahr einzusammeln. - Wenn wir nur auch so populär wären!

         Dank und Gruß an alle Komitee-Mitglieder von

                                                                                       Ferenczi

     

     

                                                 Nachtrag (5. März) 1927

     

    Der Fall Hugh-Hellmuth[9] ist bedauerlich. Die öffentliche Darstellung des Sachverhaltes das einzig richtige Verfahren. Sie war mir persönlich nie sympathisch, auch fand ich ihr Buch über das Sexualleben des Kindes1[10] einseitig sexuell interessiert mit wenig Sinn für die Bedeutsamkeit der Abwehrkräfte. Gott weiß, ob sie auch da nicht gefälscht hat.

         Schade, daß Jones gegen die Begegnung vor dem Kongresse ist.1[11] Eine Komiteesitzung könnten wir (wie auch vorher) auch ohne Amerikaner abhalten. Allerdings könnte ich nicht vor Mitte Juni daran teilnehmen.

         Gestern war das erste (ärztliche) Seminar; anwesend waren etwa zwanzig, abwesend Brill, Oberndorf, Kardiner, Gaston Mayer,1[12] Stern, Ames.1[13]

                                                                                                  F.

     

     

    _________

    A        Der Brief ist eine Kohledurchschrift auf dünnem, gelbem Durchschlagpapier, vorder- und rückseitig beschrieben.

     

    1     Bernard Glueck (1884-1972), amerikanischer Psychiater polnischen Ursprungs. M.D. Georgetown University 1909, anschließend Studien in München und Berlin, Direktor der psychiatrischen Klinik von Sing Sing (1915-18), Direktor der Abteilung für „Mental Hygiene” in der New School for Social Work. Mitglied der American Psychoanalytic Association. Übersetzer, mit John E. Lind, von Adlers Nervösem Charakter (1917); bekannt für seine Arbeiten über Forensische Psychiatrie.

    2     James Harvey Robinson (1863-1936), berühmter amerikanischer Historiker, Autorität für europäische Geschichte. Dr. phil. Universität Freiburg, LL.D. University of Utah. Professor für Geschichte an der Columbia University (1895-1919), Mitbegründer der New School for Social Research (1919). Robinson ist einer der Begründer der „New History”, einem interdisziplinären Ansatz der Geschichtsforschung, der dafür eintritt, daß diese in erster Linie der Gegenwart und ihrem Verständnis dienen soll; ein umstrittener, aber sehr einflußreicher Standpunkt.

    3     John Dewey (1859-1952), einer der bedeutendendsten amerikanischen Philosophen. Ph.D. Johns Hopkins University 1884, LL.D. University of Wisconsin 1904. Seit 1904 Professor für Philosophie an der Columbia University. Mitbegründer und einflußreichster Vertreter des Pragmatismus, Pionier der „Functional Psychology” und Vertreter der progressiven Bewegung in der amerikanischen Pädagogik.

    4     Der Improvisator (1835), ein teilweise autobiographischer Roman von Hans Christian Andersen (1805-1875), dem berühmten dänischen Schriftsteller und Märchendichter.

    5     Sam Adolph Lewisohn (1884-1951), LL.B. Columbia University 1907. Von Adolph Lewisohn & Sons, investment bankers. Aufsichtsrat oder Direktor einer Vielzahl von Firmen und Organisationen. Vizepräsident des Museum of Modern Art.

    6     Siehe 1084 Fer und Anm. 2.

    7     Möglicherweise Sanger Monroe Brown (1852-1928), M.D. New York University 1880. Professor an der Medical School, Chicago. Bewies anhand von Vivisektion an Affen, daß das Sehzentrum im Occipitallappen lokalisiert ist.

    8     Beatrice M. Hinkle (1874-1953), M.D. Cooper Medical College (Stanford University), war die erste Frau, die in den USA ein öffentliches Amt für Gesundheit bekleidete (City Physician, San Francisco, 1899-1905). Nach ihrer Übersiedlung nach New York eröffnete sie die erste psychotherapeutische Klinik in Amerika am Cornell Medical College (1908). Fruchtbare Autorin und Übersetzerin von Jungs Wandlungen und Symbole der Libido.

    9     Die Entlarvung des von Hug-Hellmuth herausgegebenen Tagebuchs eines halbwüchsigen Mädchens (Wien, 1919) als wahrscheinliche Fälschung, die zur Zurücknahme des Buches aus dem Buchhandel führte. Siehe 828 Fer und Anm. 5.

    10   Aus dem Seelenleben des Kindes, Eine psychoanalytische Studie (Leipzig, 1913).

    11   RB Jones, 16.2.1927, SFC.

    12   Nicht identifiziert.

    13   Thaddeus H. Ames (1885-1963), M.D., Neurologe, Lehrer am College of Physicians and Surgeons and an der Cornell Medical Clinic. 1921 Präsident the New York Psychoanalytic Society. 1921 Präsident der New York Psychoanalytic Society. Er arbeitete über Kriegsneurosen, Simulantentum und pastorale Psychiatrie (Dudley Shoenfeld, ›Thaddeus Hoyt Ames 1885-1963‹; Psychoanalytic Quarterly, 1963, 22: S. 573).