• S.

    New York, am 1. Mai 1927

    Liebe Freunde,

    Leider finde ich nicht die Kopie meines letzten Rundbriefes, so daß ich in diesem — wahrscheinlich abschließenden — Berichte vielleicht einiges schon Gesagte wiederholen werde. - Der Vortrag, den ich den Studenten der psychiatrischen Klinik der Columbia Universität hielt, scheint aufklärend gewirkt zu haben. Dr. Salmon, der Professor, war anerkennend, leider beschränkt sich sein Wohlwollen auf ein Flirten mit der Q"; »Können wir nicht gute Verwandte sein, müssen wir unbedingt Brüder sein?« frug er mich. Ich antwortete ihm, daß in der Wissenschaft so weitläufige Verwandtschaften nicht gelten; man ist entweder Bruder oder Feind. Auf Kompromisse darf man sich nicht einlassen. - Ein anderer Vortrag, zu dem mich ein sehr geschlossener Kreis der leitenden Psychiater einlud, war interessant. Professor Ad[olf] Meyer aus Baltimore war der Hauptdiskussionsredner. Da ich aber seinen zu erwartenden Argumenten zuvorkam, waren seine Bemerkungen eher widerwillig erteilte halbe Zustimmung. Ein Ausflug nach Philadelphia (auf Einladung der dortigen Acad[emy] of Medicine) war sehr erfolgreich; ein großer Kreis von Ärzten, bisher abgeschreckt und ablehnend, benahm sich freundlich und verständnisvoll. Vielleicht sagte ich schon, daß ich die Einladung des Dr. H. Adler (Chicago),[1] dorthin zu kommen, ablehnte; sein Programm war, mir schwere Fälle von »problem children« vorzuführen; natürlich widerspricht es dem Geiste der Q", rasche »Blitzdiagnosen« und »Blitzbehandlungen« produzieren zu wollen. Es bleiben mirB noch zwei Vorträge für die neurologische Fakultät (Professoren) der Columbia Universität und einige Vorträge in Washington im dortigen sehr stark analytisch gefärbten Psychopath. Association (Präsident W.A. White). Die Seminar-Abende mit meinen Laien-Schülern und (separat) mit etwa zwanzig ärztlichen Psychoanalytikern dauern an; nächsten Donnerstag ist der letzte (10.) Abend. Ich konnte manche Aufklärung geben. Theoretisch ist Dr. Glück gut informiert, praktisch noch nicht so sehr.

         Jelliffe ist gelehrt, aber einseitig biologisch orientiert. Kempf sehr talentiert, aber zur Isolierung geneigt, mit eigener Terminologie etc. Er hat sich uns etwas genähert. Sonst viel Unorientiertheit unter den Mitgliedern. Brill, Stern, KardinerC, Gaston,D Meyer, Oberndorf hielten sich dem Seminar fern. - Unlängst wohnte ich einer Sitzung der New Yorker Gruppe bei. Ich finde, daß Frink, der gescheuteste Kopf unter den Mitgliedern, seit der Erholung aus einer tiefen Depression Anzeichen von großem Skeptizismus zeigt. - In der administrativen Sitzung soll man darüber beraten haben, wie man die aus Europa kommenden psychoanalytischen Ärzte dazu verhalten könnte, sich den amerikanischen Lizenz-Vorschriften (Prüfung) zu unterwerfen. Gewerkschafts-Interessen sind wohl das Motiv. - Die seinerzeit vom Professor und seinem Neffen (Ed[ward] Bernays) geplante »Ps.A. Foundation« kann nicht funktionieren, da Brill das (eventuell) zu sammelnde Geld vorerst amerikanischen Zwecken zuwenden will. Da das Komitee vorerst den notleidenden europäischen Institutionen helfen sollte, kann ich mit ihm nicht kollaborieren. - Brill ist, wie ich höre, nach Europa gereist; er hält sich mir persönlich fern.

         Im März hatte ich eine Periode der Ermüdung, die jetzt überwunden ist, so daß ich die freundliche Einladung der Londoner Kollegen doch annehme und im Br[itish] Psycholog[ical] Society einen Vortrag halte. Am 2. Juni segle ich von hier ab, bleibe etwa acht Tage in London; dann will ich mich in Baden-Baden ausruhen (Ankunft in Baden-Baden etwa am 20. Juni).

         Meine Frau ist zum Besuche ihrer Schwester nach Californien gereist und kehrt am 10.-15. Mai zurück.

         Viele herzliche Grüße von

                                                                           Sándor Ferenczi

     

     

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    A        Der Brief ist mit Bleistift, vorder- und rückseitig, auf dünnes gelbes Durchschlagpapier geschrieben.

    B         Lesung unsicher; es könnte auch heißen: nur.

    C         In der Handschrift: Cardiner.

    D        Das Komma in der Handschrift.

     

    1     Herman Morris Adler (1876-1935?), amerikanischer Psychiater, M.D. Columbia 1901. Assistant Professor für Psychiatrie, Harvard Medical School (1912-17), 1916 Übersiedlung nach Chicago, wo er Studien zur Epidemiologie und zur psychosozialen Versorgung durchführte. Professor für Kriminologie an der University of Illinois (1919-28) und für Psychiatrie an der University of California (1930 ff.).