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Budapest, am 1. Dez. 1919
Lieber Freund,
Es freut mich sehr, daß Sie durch Ihren liebenswürdigen
Brief den Anlaß zur Wiederanknüpfung unserer Beziehungen haben. Ich ver-
füge nicht über einen ähnlich reichen Wortschatz, wie der, in dem Sie unse-
re Freundschaft so treffend charakterisieren und muß mich mit der Versi-
cherung begnügen, daß ich von ganzem Herzen zustimmen mußte, als Pro-
fessor Freud vorschlug, Sie unter die Mitglieder der intimsten Ge-
meinschaft – zu der Sie doch im Geiste immer gehörten – auch formell auf-
zunehmen. Der Zweck des Komitees ist kein geringer. Es gilt, die großen
Ideen und Erkenntnisse Freuds über alle Fährlichkeiten, die ihr von ex-
terner wie von interner Seite drohen, zu bewahren, und der folgenden Gene-
ration zu überliefern. Zwar sind die Statuten unserer Gemeinschaft nie-
mals in Worte gefaßt worden, doch glaube ich, daß sich in erster
Linie darum handelt, die Idee, Freuds Werk möglichst unverändert zu er-
halten. Wir haben es mit den Erzeugnissen eines in seiner Bedeutung noch
gar nicht voll zu würdigenden Geistes zu tun. Alles, was er uns sagte und
sagen wird, muß also mit einer Art Dogmatismus gehegt werden, auch Dinge,
die man vielleicht geneigt wäre anders auszudrücken. Wie oft mußte ich
nachträglich einsehen, daß die von ihm gegebene Erklärung doch die tief-
ste und zureichendste war. Die Fähigkeit, auf eine eigene Idee zu Gunsten
der zentralen zu verzichten, ist also eine der Hauptbedingungen, an die
die Mitgliedschaft des Komitees geknüpft ist. Die große Bescheidenheit, die
Ihr ganzes Wirken seit jeher kennzeichnet, prädestiniert Sie zweifellos zu
dieser Aufgabe. Nebst dieser unerläßlichen Bedingung verfügen Sie aber
über Eigenschaften, die wir an Ihnen oft bewundern mußten, und die es Ih- -
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nen ermöglichen, die Psychoanalyse für die Menschheit und die Sozietät frucht-
bringend zu verwerten, während mancher von uns sich in den wissenschaft-
lichen Aufgaben erschöpft.Solche und ähnliche kleine Divergenzen in der Arbeits-Richtung
und Differenzen in der Weltanschauung überhaupt, können aber die gemein-
same Arbeit keinesfalls stören, im Gegenteil, sie summieren sich zu einer
Einheit, die uns einen schwachen Abglanz jener Universalität sichert, die
wir in Freud besitzen.Doch, wir wissen es am besten, daß das Nützlichkeitsprinzip
allein zu solcher Arbeit nicht befähigt und daß auch die Liebe am Werke
tätig sein muß. Darum freut es mich ungemein, daß Sie in Ihrem Briefe
von „brüderlicher Einigkeit“ in der Liebe zu unserem Meister reden. Hoffen
wir, daß die, einstweilen so ungünstigen äußeren Verhältnisse sich ein-
mal zum Besseren wenden und uns ein häufigeres persönliches Zusammentref-
fen ermöglichen.Bitte, übermitteln Sie Ihrer Frau die herzlichsten Grüße von
uns beiden.Mit freundlichem Gruß Ihr ergebener
Ferenczi