S.

2.11.1913/W

[Sándor Ferenczi-Ernest Jones]

[Briefkopf: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse]1

Wien, am 2. Nov. 1913

Lieber Freund

Ich schreibe am Schreibtisch Prof. Freuds, da das Ihnen mitzuteilende keinen Aufschub duldet. Aus demselben Grunde lasse ich Ihre persönliche Nachricht diesmal unbeantwortet.

Nun hören Sie: Freud schrieb unlängst einen Antwort-Brief an Maeder2, in dem er seine Zweifel über die bona fides bei Jung3 ausdrückte. Daraufhin kam dieser Tage ein Brief von Jung, in dem er – sich auf die Äußerung Prof. Freuds berufend – die Redaktion des Jahrbuchs niederlegt. – In dieser Angelegenheit hielten wir heute eine Komiteesitzung ab (Prof. Freud, Sachs, Rank, Heller4 und ich). Wir kamen überein, daß Prof. Freud das Resignium Jungs einfach zur Kenntnis nehmen und die Redaktion Hitschman5 und Abraham übertragen soll. Das Jahrbuch soll dann jährlich einmal als dünnerer Band (15-18 Bogen) erscheinen und nebst prinzipiell wichtigen Original-Arbeiten einen ausführlichen literarisch-kritischen Bericht über das ψα Jahr bringen. Ob dieser Plan gelingt, hängt einstweilen noch von Prof. Bleulers6 und Deutickes7 Verhalten ab. Bei dieser Gelegenheit warf Prof. Freud die Frage auf, ob die Zeit nicht gekommen sei, auch die letzte Verbindung mit Zürich und die I.PsA. Vereinigung aufzulösen. Wir erklärten uns einstimmig dafür. Über die Frage, wie das durchzuführen wäre einigten wir uns folgendermaßen: Vier Ortsgruppen (Wien, Berlin, Budapest und die große amerikanische Gruppe) werden an den Präsidenten der Vereinigung gemeinschaftlich den Antrag stellen, (N.B. die numerische Majorität der I.PsA.V.), daß der Verein aufgelöst werde. Wien, Berlin und Budapest wären dazu leicht zu gewinnen, wegen der amerikanischen Gruppe müßten wir uns an Sie um Auskunft und Weiterleitung der Aktion wenden. – Sie sollten sofort an die maßgebenden Persönlichkeiten in Amerika schreiben und ihre Zustimmung zu diesem Schritt einholen. Sie könnten ihnen mitteilen, daß das Zusammenarbeiten mit Jung nicht mehr geht und daß ein neuer Verein, einstweilen mit Freud als Präsident und Dr. Jones als Vizepräsident gegründet werden soll, dem die Gruppen sich bald anschließen könnten. Bitte wollen Sie Prof. Freud postwendend Ihre Ansicht von der Sache mitteilen, wobei wir Sie zu berücksichtigen bitten, daß der Austritt – der sonst unausweichlich wäre – nachteiliger wäre als die Auflösung, weil so Jung der Machthaber und Präsident bliebe und wir die Hinausgeworfenen. Schreiben Sie auch, ob Sie der Ansicht sind, daß wir auf die Antwort der Amerikaner warten sollen, oder ob wir nicht unabhängig von ihnen die Aktion beginnen sollten. Sagen Sie uns etwas auch über die Chancen bezüglich der Newyorker Gruppe.

Allenfalls antworten Sie bitte sofort und leiten Sie die nötigen Schritte ein, da die Angelegenheit höchst dringend ist. Ich reise heute nachts nach Budapest und hoffe von Ihnen auch eine Karte zu erhalten.

Herzliche Grüße von Ihrem ergebenen Freunde
S. Ferenczi

Natürlich ist die Aktion einstweilen strenges Geheimnis des Komitees.