• S.

    Transkriüption Ernst Falzeder:

    Breitenstein  13/9. 26

    Innig verehrter Herr Professor,

    Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihren Brief, dessen 
    Wahrhaftigkeit eine grosse Auszeichnung für mich bedeutet.

    Die halbe Stunde, die ich jüngst in Ihrer Gegenwart verbringen 
    durfte, war ein starkes Erlebnis für mich, das lange noch in 
    mir nachklang. Die körperliche Nähe einer historischen 
    Persönlichkeit zu erleben ist eine erschütternde Empfindung, 
    die mich unbeholfen und bekommen sein ließ. Denn wir 
    verehren in Ihnen den Mann, dernicht nur die Gesetze der Seele 
    erkannt und für Jahrhunderte gültig formuliert, sondern 
    unser Weltgefühl im Wissen von Grund auf revolutioniert hat wie 
    Kopernicus, Kepler oder Newton. Es wäre überheblich von mir, 
    wollte ich von meiner persönlichen Verehrung und Dankbarkeit sprechen, 
    von dem umwühlenden Ereignis, das Ihre Werke für mich bedeutet 
    haben und immer bedeuten.

    Ich war tief gerührt darüber, daß Sie sich die Mühe genommen 
    haben, sich mit meinem Drama ernsthaft zu befassen. Doch 
    ebenso tief war ich bestürzt darüber, daß es Sie nicht anzu-
    sprechen vermochte. Ich gebe mir die Schuld, nicht der Stoffwahl 
    sondern der Unklarheit meiner Fassung, die ich, wie es scheint, trotz 
    aller Arbeit nicht überwunden habe.  Ihr gütiger Brief gibt mir 
    den Mut zu einer Apologie, so sehr ich Sie auch damit zu langweilen 
    fürchte und so mißlich die Rolle eines Selbstkommentators ist: 
    Ich habe mit meiner „Paulus‑Tragödie“ keine Absicht verfolgt, kein 
    quod‑erat‑domonstrandum versucht, keine Schlussthese verfechten wollen. 

  • S.

    „Drama“ bedeutet für mich nichts anderes als die Formung eines 
    Kampfes, (Urform des Dramas waren ja Box‑ und Ringspiele) auf höherer 
    Stufe die Dialktik zweier geistiger Antithesen. Alles eher wollte 
    ich als das Christentum „verklären“. Im Gegenteil! Ich habe dies 
    Stück als Jude geschrieben. Und kein Augenblick schien mir für 
    das Judentum „dialektischer“, „tragischer“ zu sein, als der, wo sich 
    die antinomistische Richtung (Christus) von der Thora und der 
    Nation loslöst, und in der Person des P abtrünnigen Paulus 
    die Welt erobert. Andere Völker erleben ihre Katastrophenmuster 
    durch Niederlagen, fremde Eroberer, Versklavung. („Der weiße Berg“ der Tschechen 
    „Das Amselfeld“ der Serben) Nur dies sind doch wirklich dramatische 
    Gegenstände. Das jüdische Volk hat diesen Katastrophen-
    augenblick weniger durch die Zerstörung des Tempels erlebt als durch 
    Entstehung und feindselige Loslösung des Christentums. Ich habe 
    geglaubt, dass dieser Augenblick der Loslösung ein tragischer Stoff 
    von großer Gültigkeit sei, weil die Dialektik zwischen „Gesetz“ und 
    „Christus“, „Freiheit“ und „Gnade“ „jüdischer Eigenart“ und „Welt“ auch 
    heute noch lebendige Macht ist. Nichts als diesen Augenblick 
    wollte ich darstellen, die Ursache unendlicher Konsequenzen, den 
    entscheidenden Punkt, da noch beide Möglichkeiten vorhanden 
    waren. Ein Geschichtsbild im Gobineauschen Sinn hat mich mir 
    nicht vorgeschwebt, ebensowenig wie die Erhöhung einer „Religion“ auf 
    die Kosten der anderen. Um die Religionen geht es gar nicht, sie 
    sind nur die Bewusstseinsform der beiden wichtigen Charaktergruppen, in demie 
    das jüdische Wesen damals entzweit war. Die Vision dieses tragischen 
    Augenblicks und die Charaktere, durch deren Reibung er herbeigeführt 
    wird, hat mich zu meinem Drama verlockt.

    Ich fürchte, dass ich Ihnen mit meinem unbescheidenen Kommentar 
    nur auf die Nerven gefallen bin. Aber Ihre Güte selbst hat mich zu 
    ihm ermutigt. In unwandelbarer Dankbarkeit und in tiefer 
    Verehrung bin ich Ihr 
    Franz Werfel

    Vorläufige Anmerkungen

    „Der weiße Berg“ der Tschechen]
    "Die Schlacht am Weißen Berg (tschechisch Bitva na Bílé hoře) bei Prag am 8. November 1620 (18. November im gregorianischen Kalender) war die erste große militärische Auseinandersetzung im Dreißigjährigen Krieg. In ihrem Verlauf unterlagen die Truppen der böhmischen Stände unter ihrem König Friedrich V. von der Pfalz und dessen Heerführer Christian I. von Anhalt den kaiserlichen und bayerischen Truppen der Katholischen Liga unter dem Befehl von Buquoy und Tilly. Nach seiner Niederlage musste Friedrich V., der sogenannte Winterkönig, aus Böhmen fliehen. Kaiser Ferdinand II. konnte seinen Anspruch auf die Krone Böhmens durchsetzen." (https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Weißen_Berg [2025-12-27])

    Das Amselfeld“ der Serben)]
    Es gab zwei Schlachten auf dem Amselfeld, eine (1389) und eine 1448:
    Die Schlacht auf dem Amselfeld (1389) (serbokroatisch Битка на Косову Bitka na Kosovu, türkisch Kosova Meydan Muharebesi) fand am 15. Juni 1389 auf dem Amselfeldunweit Priština am Flusslauf des Lab im heutigen Kosovo statt. Das serbischeKoalitionsheer unter der Führung des Fürsten Lazar Hrebeljanović sowie Vuk Brankovićs wurde durch eine Armee des mit Lazar verbündeten bosnischen Königs Tvrtko I. unter dem Woiwoden Vlatko Vuković, sowie ein Heer des albanischen Fürsten Theodor Muzaka verstärkt. Ihnen gegenüber stand das osmanische Heer unter Sultan Murad I. und dessen Söhnen Bayezid I. und Yakub. […]
    Die Schlacht, in der die Anführer beider Streitmächte fielen, endete ohne eindeutigen Sieger. Im Ergebnis war aber der Widerstand der serbischen Fürsten gegen die osmanische Expansion in den nachfolgenden Jahren entscheidend geschwächt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_auf_dem_Amselfeld_(1389) [2025-12-27])
    Die zweite Schlacht auf dem Amselfeld (ungarisch: második rigómezei csata, türkisch: İkinci Kosova muharebesi) fand vom 17. bis zum 20. Oktober 1448 auf dem Kosovo Polje (Amselfeld) zwischen dem Königreich Ungarn, das eine römisch-katholische Koalition unter Johann Hunyadi anführte, und dem Osmanischen Reich unter Sultan Murad II. statt. Die Schlacht endete anders als die erste Schlacht auf dem Amselfeld (1389) mit einem eindeutigen Sieg der osmanischen Türken.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_auf_dem_Amselfeld_(1448) [2025-12-27])

    Ein Geschichtsbild im Gobineauschen Sinn]
    Joseph Arthur de Gobineau oder Joseph Arthur, comte de Gobineau (* 14. Juli 1816 in Ville-d’Avray bei Paris; † 13. Oktober 1882 in Turin) war ein französischer Diplomat, Schriftsteller und Rassenideologe. Seine allgemeine Bekanntheit verdankt er seinem Werk Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (Essai sur l’inégalité des races humaines, 1853–1855). Daneben war er auch Autor spätromantischer Dichtungen, mehrerer polemischer Essays sowie der Verfasser von historischen und philologischen Arbeiten über das antike Persien.“ […]
    Seine rassentheoretischen Werke, besonders die Behauptung der angeblich negativen Auswirkungen der Rassenmischung, hatten in Deutschland erheblichen Einfluss auf die völkische Bewegung sowie den Nationalsozialismus und dessen Rassenideologie." (https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_de_Gobineau [2025-12-27])