• S.

    Breitenstein  15. Sept. 1926

    Verehrtester Herr Professor

    Erst nach einem langen Kampf habe ich mich überwunden, 
    Ihre Zeit nochmals in Anspruch zu nehmen. Aber Ihr heut-
    iger Brief war so gütig, sein persönlicher Klang hat mich 
    so tief berührt, daß ich unser Gespräch fortsetze, auf die Gefahr 
    hin, Ihren gerechten Unwillen zu erregen. Ich bitte Sie daher, 
    wenn es Sie stört, dieses Schreiben ungelesen forzuwerfen, keinesfalls 
    aber die Höflichkeit so weit zu treiben, mir auch diesmal zu 
    antworten.

    Vor allem möchte ich bekennen, daß ich selbst jetzt den Passus 
    meines Nachworts zu „Paulus“, der Ihre Opposition erregt hat, für unge-
    hörig halte. Er entstammt einer aggressiven Stimmung gegen 
    den Rationalismus, hervorgerufen durch die Lektüre eines banalen 
    Buches von Brandes über Jesus. Der unangenehm überhebliche 
    Ton der Stelle ist mir nun doppelt peinlich. – Ich wage es nun von 
    mir zu sprechen, was ich gewiss nicht täte, wenn es mich nicht 
    sehr ernst dazu triebe, mich Ihnen anzuvertrauen. Sie haben, verehrtes-
    ter Herr Professor, in Ihren gütigen Zeilen die Meinung ausgesprochen, 
    daß ich, oder Einer, der wie ich spricht meinen den frommen Kinder-
    glauben noch nicht überwunden habe. Darf ich Ihnen gestehen, 
    daß ich in einem areligiösen Milieu aufgewachsen, solange ich 
    überhaupt bewusst bin, niemals an Skrupeln und religiösen Gefühls-
    katastrophen gelitten habe, keine kultischen Residuen überwinden 
    musste und fast bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einem indifferenten 
    Atheismus gelebt habe. Es ist also kaum ein alter Gott, der nicht 
    genug radikal aus mir exorziert wäre. Auch beuge ich mich 
    gerne Ihrem Grundsatz: „Religionen sind soziale Konstruktionen.“ 
    Aber steckt nicht hinter allen kirchlichen Symbol‑Stadien auf dem 
    Entwicklungswege vom Sippengötzen zum Katholizismus die Frage noch 

  • S.

    immer nach dem Πρώτον κινούν, deren Beantwortungsversuch in 
    unserer Epoche Wissenschaft heißt. Den ungehörigen Satz über den 
    „Atheismus und den Trotz des schlechten Gewissens“ möchte ich dahin 
    rektifizieren, daß der Begriff des Atheismus rückwärts gewandt 
    ist und sich rein polemisch auf eine vorwissenschaftliche dogmatische 
    Gottes‑Vorstellung bezieht. Bewiesen ist nicht die Nicht‑Existenz 
    Gottes, sondern die Irrealität und psychische Genesis gewisser histor-
    ischer Gottesvorstellungen. Denn solange wir dem Dogma der 
    Kausalität anhängen, ist der Glaube an eine alldurchwaltende 
    Grund‑Ursache nicht nur nicht widervernünftig, sondern unserem 
    Geist gemäßer als die Anschauung von einem unendlichen durch sich 
    selbst determinierten Organismus.

    Auch Ihrer anderen Definition beuge ich mich: „Gott“ und das „Göttliche“ 
    sind Entlastungsphantasien“. Sie sind es ganz und gar. Bitte 
    verzeihen Sie mir meinen Freimut, wenn ich, um mir selbst klar zu werden, 
    ein Gleichnis nicht unterdrücke:  Ein ophtalmologischer Lehrsatz etwa 
    sagt zwar eine unmittelbare Wahrheit über das Auge und das Sehen aus, 
    aber doch nur eine mittelbare über das Licht. Der Ansturm der 
    gewaltigen Unerklärbarkeiten, die Gewalt des Lebenswunders trifft mich 
    und erzeugt einen unerträglichen Affekt; es ist wahr, ich entlaste 
    mich durch eine „Gott“‑Phantasie.  Aber ist diese Phantasie wirklich¿ 
    anderen Wesens als jene Reaktion, die Gedanke heißt?  Beide bestehen 
    sie ja aus worthaften Assoziationen und beide suchen die aufreizende 
    Last der Erscheinung abzuwerfen. Der Unterschied: Die Phantasie läuft 
    nach einem immanenten Gesetz ab, während der Gedanke ein transzendentes 
    Band braucht, die WortAssoziationen aufzureihen.  Die Erscheinung aber bleibt! 
    Ich selbst muß gestehen, daß ich an Entlastungsphantasien heftig 
    leide, an metaphysischen vor allem. Jeder starke Natur‑Menschen 
    und ethische Eindruck setzt sich in solche Ekstasen und Trunken-
    heiten um, wo es mir plötzlich zu Mute ist, als erkenne ich blitzhaft 
    die Wirklichkeit des Wortinhalts „Gott“. Wenn ich sage, daß ich 
    an solchen Phantasien „leide“, so ist das eine Lüge, denn das Lustgefühl, 

  • S.

    das sie begleitet, ist unbeschreiblich. ------

    Nun habe ich mich als heillosen Mystiker und Illusionist vor Ihnen, verehrter Herr Professor, dechiffriert.  Aber ich musste diesen Brief schreiben, so sehr er mich während der Niederschrift quält, als beginne ich eine Distanzüberschreitung.  Ich beschwöre Sie, in meinen Worten keine Respektwidrigkeit sondern nur die Aufrichtigkeit meiner Verehrung zu sehen.  Ich muss noch ein Geständnis machen, womit ich Ihr letztes Wohlwollen zu verlieren fürchte:  Die Beschäftigung mit Ihren Werken hat neben aller logisch-wissenschaftlichen Freude immer mit einer zweiten dämonischen Macht auf mich gewirkt.  Nichtnur war diese Macht, wie man annehmen könnte, die natürliche Getroffenheit des psychoanal. Objekts.  Mit der fortschreitenden Gewöhnung an Ihre Erkenntnisse wäre sie ja schwächer geworden.  Sie ist nicht schwächer geworden.  Vor mir liegt "Jenseits des Lustprinzips" und ich spüre wieder diese seltsame Macht.  Es ist die Macht, die sonst nur von ganz grossen Kunstwerken ausgeht!  Zum Teil liegt sie gewiss in der einzigartigen äesthetischen Gewalt Ihrer Formulierung.  Aber sie liegt noch viel tiefer.  Das Mysterium, das Sie mit dem Zugriff der Wissenschaft und Analyse entschleiern, macht Sie selbst magisch!  Ich kann es nicht anders ausdrücken!  Verzeihen Sie mir!  Und verzeihen Sie mir nun auch die letzte irrationale Ketzerei!  Ich glaube fest daran, dass der scholastische Materialismus des XIX. Jahrhunderts abgelöst werden wird von einer noch ungeahnten Geisteshaltung, nicht anders als jede historische Periode von ihrem Kontrast abgelöst worden ist.  Und wie Aristoteles, der Logiker, ein Erzvater der Kirche

  • S.

    geworden ist, so wird Freud ein Erzvater der 
    kommenden Zeit und … Religion … sein!

    Noch einmal beschwöre ich Sie, mir diesen ungebührlichen 
    Brief zu verzeihen, der Ihre Güte so kühn missbraucht 
    hat.

    In tiefer und unwandelbarer Verehrung
    Ihr
    Franz Werfel

    Vorläufige Anmerkung

    Passus meines Nachworts zu „Paulus“]

    Πρώτον κινούν] 
    (Prōton kīnoūn), das "erste Bewegte" (unbewegte Bewegte) als Ursache, die alles im Universum in Bewegung setzt.
    Aristoteles führte diesen Begriff in seinen Werken zur Physik ein, um die Natur der Bewegung zu erklären und die Notwendigkeit einer ersten Quelle der Bewegung zu begründen. 
    „Die Physik ist neben der Metaphysik und der Nikomachischen Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles. Sie entstand um 347 v. Chr. und befasst sich mit der Erklärung und Erläuterung (Definition) einiger grundlegender Begriffe, die bei der Beschreibung von Naturvorgängen im täglichen Leben gebraucht werden. Die wichtigsten davon sind: Raum, Zeit, Bewegung und Ursache. Es handelt sich nicht um eine mathematische Darlegung der Grundzüge der Natur in heutigem Sinne. […]
    Im letzten Buch der Physik (Buch VIII) und im Vorfeld seiner Theologie (Buch XII der Metaphysik) argumentiert Aristoteles für die Notwendigkeit eines „unbewegten Bewegers“, d. h. einer Kraft, die alle Bewegung auf der Welt verursacht. Diese Theorie inspiriert Thomas von Aquin später zu seinem so genannten kosmologischen Gottesbeweis.“ 
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Physik_(Aristoteles) [2025-12-27])

    Freud, Sigmund (1920-004/1920): Jenseits des Lustprinzips. Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.