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    In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ han-
    delte es sich weit weniger um die tiefsten Quellen des
    religiösen Gefühls, als vielmehr um das, was der ge-
    meine Mann unter seiner Religion versteht, um das
    System von Lehren und Verheißungen, das ihm einer-
    seits die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Voll-
    ständigkeit aufklärt, anderseits ihm zusichert, daß eine
    sorgsame Vorsehung über sein Leben wachen und
    etwaige Versagungen in einer jenseitigen Existenz gut-
    machen wird. Diese Vorsehung kann der gemeine Mann
    sich nicht anders als in der Person eines großartig er-
    höhten Vaters vorstellen. Nur ein solcher kann die
    Bedürfnisse des Menschenkindes kennen, durch seine
    Bitten erweicht, durch die Zeichen seiner Reue be-
    schwichtigt werden. Das Ganze ist so offenkundig in-
    fantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschen-
    freundlichen Gesinnung schmerzlich wird zu denken,
    die große Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals
    über diese Auffassung des Lebens erheben können.
    Noch beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie

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    großer Anteil der heute Lebenden, die es einsehen
    müssen, daß diese Religion nicht zu halten ist, doch
    Stück für Stück von ihr in kläglichen Rückzugsgefechten
    zu verteidigen sucht. Man möchte sich in die Reihen
    der Gläubigen mengen, um den Philosophen, die den
    Gott der Religion zu retten glauben, indem sie ihn
    durch ein unpersönliches, schattenhaft abstraktes Prinzip
    ersetzen, die Mahnung vorzuhalten: Du sollst den
    Namen des Herrn nicht zum Eitlen anrufen! Wenn
    einige der größten Geister vergangener Zeiten das
    Gleiche getan haben, so darf man sich hierin nicht auf
    sie berufen. Man weiß, warum sie so mußten.

    Wir kehren zum gemeinen Mann und zu seiner
    Religion zurück, der einzigen, die diesen Namen tragen
    sollte. Da tritt uns zunächst die bekannte Äußerung
    eines unserer großen Dichter und Weisen entgegen,
    die sich über das Verhältnis der Religion zur Kunst
    und Wissenschaft ausspricht. Sie lautet:

    „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
    hat auch Religion;
    Wer jene beiden nicht besitzt,
    der habe Religion!“1)

    Dieser Spruch bringt einerseits die Religion in einen
    Gegensatz zu den beiden Höchstleistungen des Menschen,
    anderseits behauptet er, daß sie einander in ihrem

    1)Goethe in den „Zahmen Xenien“ IX (Gedichte aus dem
    Nachlaß).

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    Lebenswert vertreten oder ersetzen können. Wenn wir
    auch dem gemeinen Mann die Religion bestreiten
    wollen, haben wir offenbar die Autorität des Dichters
    nicht auf unserer Seite. Wir versuchen einen besonderen
    Weg, um uns der Würdigung seines Satzes zu nähern.
    Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für
    uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen,
    unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir
    Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne
    Hilfskonstruktionen, hat uns Theodor Fontane ge-
    sagt.) Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige
    Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen
    lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rausch-
    stoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend-
    etwas dieser Art ist unerläßlich.1) Auf die Ablenkungen
    zielt Voltaire, wenn er seinen „Candide“ in den Rat
    ausklingen läßt, seinen Garten zu bearbeiten; solch eine
    Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die
    Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie bietet, sind
    gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder psy-
    chisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im
    Seelenleben behauptet hat. Die Rauschmittel beeinflussen
    unser Körperliches, ändern seinen Chemismus. Es ist
    nicht einfach, die Stellung der Religion innerhalb dieser
    Reihe anzugeben. Wir werden weiter ausholen müssen.

    1)Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilhelm Busch in der
    „Frommen Helene“ dasselbe: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“

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    Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens
    ist ungezählte Male gestellt worden; sie hat noch nie
    eine befriedigende Antwort gefunden, läßt eine solche
    vielleicht überhaupt nicht zu. Manche Fragesteller haben
    hinzugefügt: wenn sich ergeben sollte, daß das Leben
    keinen Zweck hat, dann würde es jeden Wert für sie
    verlieren. Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint
    vielmehr, daß man ein Recht dazu hat, die Frage ab-
    zulehnen. Ihre Voraussetzung scheint jene menschliche
    Überhebung, von der wir soviel andere Äußerungen
    bereits kennen. Von einem Zweck des Lebens der Tiere
    wird nicht gesprochen, wenn deren Bestimmung nicht
    etwa darin besteht, dem Menschen zu dienen. Allein
    auch das ist nicht haltbar, denn mit vielen Tieren weiß
    der Mensch nichts anzufangen – außer, daß er sie
    beschreibt, klassifiziert, studiert – und ungezählte Tier-
    arten haben sich auch dieser Verwendung entzogen,
    indem sie lebten und ausstarben, ehe der Mensch sie
    gesehen hatte. Es ist wiederum nur die Religion, die
    die Frage nach einem Zweck des Lebens zu beant-
    worten weiß. Man wird kaum irren, zu entscheiden,
    daß die Idee eines Lebenszweckes mit dem religiösen
    System steht und fällt.

    Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage
    zu, was die Menschen selbst durch ihr Verhalten als
    Zweck und Absicht ihres Lebens erkennen lassen,
    was sie vom Leben fordern, in ihm erreichen wollen.

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    Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen; sie streben
    nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so
    bleiben. Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives
    und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesen-
    heit von Schmerz und Unlust, anderseits das Erleben
    starker Lustgefühle. Im engeren Wortsinne wird „Glück“
    nur auf das letztere bezogen. Entsprechend dieser
    Zweiteilung der Ziele entfaltet sich die Tätigkeit der
    Menschen nach zwei Richtungen, je nachdem sie das
    eine oder das andere dieser Ziele – vorwiegend oder
    selbst ausschließlich – zu verwirklichen sucht.

    Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des
    Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip
    beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom
    Anfang an; an seiner Zweckdienlichkeit kann kein
    Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader
    mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos eben-
    sowohl wie mit dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt
    nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls wider-
    streben ihm; man möchte sagen, die Absicht, daß der
    Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“
    nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück
    heißt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch
    aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur
    als episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer
    einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur
    ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so ein-

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    gerichtet, daß wir nur den Kontrast intensiv genießen
    können, den Zustand nur sehr wenig.1) Somit sind un-
    sere Glücksmöglichkeiten schon durch unsere Konsti-
    tution beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten hat es,
    Unglück zu erfahren. Von drei Seiten droht das
    Leiden, vom eigenen Körper her, der zu Verfall und
    Auflösung bestimmt sogar Schmerz und Angst als
    Warnungssignale nicht entbehren kann, von der Außen-
    welt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstören-
    den Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus
    den Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden,
    das aus dieser Quelle stammt, empfinden wir vielleicht
    schmerzlicher als jedes andere; wir sind geneigt, es als
    eine gewissermaßen überflüssige Zutat anzusehen, ob-
    wohl es nicht weniger schicksalsmäßig unabwendbar
    sein dürfte als das Leiden anderer Herkunft.

    Kein Wunder, wenn unter dem Druck dieser Leidens-
    möglichkeiten die Menschen ihren Glücksanspruch zu
    ermäßigen pflegen, wie ja auch das Lustprinzip selbst
    sich unter dem Einfluß der Außenwelt zum bescheide-
    neren Realitätsprinzip umbildete, wenn man sich bereits
    glücklich preist, dem Unglück entgangen zu sein, das
    Leiden überstanden zu haben, wenn ganz allgemein
    die Aufgabe der Leidvermeidung die der Lustgewinn-
     


    1)Goethe mahnt sogar: „Nichts ist schwerer zu ertragen
    als eine Reihe von schönen Tagen“. Das mag immerhin eine
    Übertriebung sein.

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    nung in den Hintergrund drängt. Die Überlegung lehrt,
    daß man die Lösung dieser Aufgabe auf sehr ver-
    schiedenen Wegen versuchen kann; alle diese Wege
    sind von den einzelnen Schulen der Lebensweisheit
    empfohlen und von den Menschen begangen worden.
    Uneingeschränkte Befriedigung aller Bedürfnisse drängt
    sich als die verlockendste Art der Lebensführung vor,
    aber das heißt den Genuß vor die Vorsicht setzen
    und straft sich nach kurzem Betrieb. Die anderen
    Methoden, bei denen die Vermeidung von Unlust die
    vorwiegende Absicht ist, scheiden sich je nach der
    Unlustquelle, der sie die größere Aufmerksamkeit zu-
    wenden. Es gibt da extreme und gemäßigte Verfahren,
    einseitige und solche, die zugleich an mehreren Stellen
    angreifen. Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von
    den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das
    Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen er-
    wachsen kann. Man versteht: das Glück, das man auf
    diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe. Gegen
    die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders
    als durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen,
    wenn man diese Aufgabe für sich allein lösen will. Es
    gibt freilich einen anderen und besseren Weg, indem
    man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft
    mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik
    zum Angriff auf die Natur übergeht und sie mensch-
    lichem Willen unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen

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    am Glück Aller. Die interessantesten Methoden zur
    Leidverhütung sind aber die, die den eigenen Orga-
    nismus zu beeinflussen versuchen. Endlich ist alles Leid
    nur Empfindung, es besteht nur, insofern wir es ver-
    spüren, und wir verspüren es nur infolge gewisser
    Einrichtungen unseres Organismus.

    Die roheste, aber auch wirksamste Methode solcher
    Beeinflussung ist die chemische, die Intoxikation. Ich
    glaube nicht, daß irgendwer ihren Mechanismus durch
    schaut, aber es ist Tatsache, daß es körperfremde Stoffe
    gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben uns
    unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch
    die Bedingungen unseres Empfindungslebens so ver-
    ändert, daß wir zur Aufnahme von Unlustregungen
    untauglich werden. Beide Wirkungen erfolgen nicht
    nur gleichzeitig, sie scheinen auch innig miteinander
    verknüpft. Es muß aber auch in unserem eigenen
    Chemismus Stoffe geben, die ähnliches leisten, denn
    wir kennen wenigstens einen krankhaften Zustand, die
    Manie, in dem dies rauschähnliche Verhalten zustande
    kommt, ohne daß ein Rauschgift eingeführt worden
    wäre. Überdies zeigt unser normales Seelenleben
    Schwankungen von erleichterter oder erschwerter Lust-
    entbindung, mit denen eine verringerte oder vergrö-
    ßerte Empfänglichkeit für Unlust parallel geht. Es ist
    sehr zu bedauern, daß diese toxische Seite der seeli-
    schen Vorgänge sich der wissenschaftlichen Erforschung

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    bisher entzogen hat. Die Leistung der Rauschmittel im
    Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends
    wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen
    wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libido-
    ökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen nicht
    nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein
    heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außen-
    welt. Man weiß doch, daß man mit Hilfe des „Sor-
    genbrechers“ sich jederzeit dem Druck der Realität
    entziehen und in einer eigenen Welt mit besseren
    Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann. Es ist
    bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel
    auch ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen
    unter Umständen die Schuld daran, daß große Energie-
    beträge, die zur Verbesserung des menschlichen Loses
    verwendet werden könnten, nutzlos verloren gehen.
    Der komplizierte Bau unseres seelischen Apparats
    gestattet aber auch eine ganze Reihe anderer Beein-
    flussungen. Wie Triebbefriedigung Glück ist, so wird
    es Ursache schweren Leidens, wenn die Außenwelt uns
    darben läßt, die Sättigung unserer Bedürfnisse ver-
    weigert. Man kann also hoffen, durch Einwirkung auf
    diese Triebregungen von einem Teil des Leidens frei
    zu werden. Diese Art der Leidabwehr greift nicht
    mehr am Empfindungsapparat an, sie sucht der inne-
    ren Quellen der Bedürfnisse Herr zu werden. In
    extremer Weise geschieht dies, indem man die Triebe

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    ertötet, wie die orientalische Lebensweisheit lehrt und
    die Yogapraxis ausführt. Gelingt es, so hat man damit
    freilich auch alle andere Tätigkeit aufgegeben (das Le-
    ben geopfert), auf anderem Wege wieder nur das Glück
    der Ruhe erworben. Den gleichen Weg verfolgt man
    bei ermäßigten Zielen, wenn man nur die Beherr-
    schung des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende sind
    dann die höheren, psychischen Instanzen, die sich dem
    Realitätsprinzip unterworfen haben. Hierbei wird die
    Absicht der Befriedigung keineswegs aufgegeben; ein
    gewisser Schutz gegen Leiden wird dadurch erreicht,
    daß die Unbefriedigung der in Abhängigkeit gehalte-
    nen Triebe nicht so schmerzlich empfunden wird wie
    die der ungehemmten. Dagegen steht aber eine unleug-
    bare Herabsetzung der Genußmöglichkeiten. Das
    Glücksgefühl bei Befriedigung einer wilden, vom Ich
    ungebändigten Triebregung ist unvergleichlich intensi-
    ver, als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes.
    Die Unwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht
    der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet hierin
    eine ökonomische Erklärung.
    Eine andere Technik der Leidabwehr bedient sich
    der Libidoverschiebungen, welche unser seelischer Ap-
    parat gestattet, durch die seine Funktion so viel an
    Geschmeidigkeit gewinnt. Die zu lösende Aufgabe ist,
    die Triebziele solcher Art zu verlegen, daß sie von
    der Außenwelt nicht getroffen werden

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    können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre
    Hilfe. Am meisten erreicht man, wenn man den Lust-
    gewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller
    Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal
    kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung
    solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen,
    an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des
    Forschers an der Lösung von Problemen und am Er-
    kennen der Wahrheit haben eine besondere Qualität,
    die wir gewiß eines Tages werden metapsychologisch
    charakterisieren können. Derzeit können wir nur bild-
    weise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher“,
    aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der
    Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft;
    sie erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die Schwäche
    dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allge-
    mein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich
    ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht
    gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus. Auch
    diesen Wenigen kann sie nicht vollkommenen Leidens-
    schutz gewähren, sie schafft ihnen keinen für die Pfeile
    des Schicksals undurchdringlichen Panzer und sie pflegt
    zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des
    Leidens wird.1)

    1)Wenn nicht besondere Veranlagung den Lebensinteressen
    gebierterisch die Richtung vorschreibt, kann die gemeine, jedermann
    zugängliche Berufsarbeit an die Stelle rücken, die ihr von dem

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    Wenn schon bei diesem Verfahren die Absicht deut
    lich wird, sich von der Außenwelt unabhängig zu
    machen, indem man seine Befriedigungen in inneren,
    psychischen Vorgängen sucht, so treten die gleichen
    Züge noch stärker bei dem nächsten hervor. Hier wird
    der Zusammenhang mit der Realität noch mehr ge
    lockert, die Befriedigung wird aus Illusionen gewon-
    nen, die man als solche erkennt, ohne sich durch deren
    Abweichung von der Wirklichkeit im Genuß stören
    zu lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen stam-
    men, ist das des Phantasielebens; es wurde seinerzeit,

    weisen Ratschlag Voltaires angewiesen wird. Es ist nicht mög-
    lich, die Bedeutung der Arbeit für die Libidoökonomie im Rah-
    men einer knappen Übersicht ausreichend zu würdigen. Keine an-
    dere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an
    die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in
    ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher ein-
    fügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponen-
    ten, narzißtische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufs-
    arbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen
    zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläßlichkeit
    zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesell-
    schaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Be-
    rufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende
    Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregun-
    gen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch
    wird Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig ge-
    schätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglich-
    keiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbei-
    tet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der
    Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.

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    als sich die Entwicklung des Realitätssinnes vollzog,
    ausdrücklich den Ansprüchen der Realitätsprüfung ent-
    zogen und blieb für die Erfüllung schwer durchsetz-
    barer Wünsche bestimmt. Obenan unter diesen Phan-
    tasiebefriedigungen steht der Genuß an Werken der
    Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen durch
    die Vermittlung des Künstlers zugänglich gemacht
    wird.1) Wer für den Einfluß der Kunst empfänglich
    ist, weiß ihn als Lustquelle und Lebenströstung nicht
    hoch genug einzuschätzen. Doch vermag die milde Nar-
    kose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als
    eine flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens
    herbeizuführen und ist nicht stark genug, um reales
    Elend vergessen zu machen.

    Energischer und gründlicher geht ein anderes Ver-
    fahren vor, das den einzigen Feind in der Realität er-
    blickt, die die Quelle alles Leids ist, mit der sich nicht
    leben läßt, mit der man darum alle Beziehungen ab-
    brechen muß, wenn man in irgendeinem Sinne glück-
    lich sein will. Der Eremit kehrt dieser Welt den
    Rücken, er will nichts mit ihr zu schaffen haben. Aber
    man kann mehr tun, man kann sie umschaffen wollen,
    anstatt ihrer eine andere aufbauen, in der die uner-
    träglichsten Züge ausgetilgt und durch andere im Sinne

    1)Vgl. „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi-
    schen Geschehens“, 1911 (Ges. Schriften Bd. VI) und „Vorlesungen
    zur Einführung in die Psychoanalyse“, XXIII (Ges. Schriften Bd. VII).

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    der eigenen Wünsche ersetzt sind. Wer in verzweifel-
    ter Empörung diesen Weg zum Glück einschlägt, wird
    in der Regel nichts erreichen; die Wirklichkeit ist zu
    stark für ihn. Er wird ein Wahnsinniger, der in der
    Durchsetzung seines Wahns meist keine Helfer findet.
    Es wird aber behauptet, daß jeder von uns sich in
    irgendeinem Punkte ähnlich wie der Paranoiker be-
    nimmt, eine ihm unleidliche Seite der Welt durch eine
    Wunschbildung korrigiert und diesen Wahn in die
    Realität einträgt. Eine besondere Bedeutung bean-
    sprucht der Fall, daß eine größere Anzahl von Men-
    schen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücks-
    versicherung und Leidenschutz durch wahnhafte Um-
    bildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen
    Massenwahn müssen wir auch die Religionen der
    Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natür-
    lich niemals, wer ihn selbst noch teilt.
    Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der Metho-
    den, wie die Menschen das Glück zu gewinnen und
    das Leiden fernzuhalten bemüht sind, vollständig ist,
    weiß auch, daß der Stoff andere Anordnungen zuläßt.
    Eines dieser Verfahren habe ich ich noch nicht angeführt;
    nicht daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es
    uns noch in anderem Zusammenhange beschäftigen wird.
    Wie wäre es auch möglich, gerade an diese Technik
    der Lebenskunst zu vergessen! Sie zeichnet sich durch
    die merkwürdigste Vereinigung von charakteristischen

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    Zügen aus. Sie strebt natürlich auch die Unabhängig-
    keit vom Schicksal – so nennen wir es am besten
    – an und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung
    in innere seelische Vorgänge, bedient sich dabei der
    vorhin erwähnten Verschiebarkeit der Libido, aber
    sie wendet sich nicht von der Außenwelt ab, klam-
    mert sich im Gegenteil an deren Objekte und ge-
    winnt das Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen.
    Sie gibt sich dabei auch nicht mit dem gleichsam müde
    resignierenden Ziel der Unlustvermeidung zufrieden,
    eher geht sie achtlos an diesem vorbei und hält am
    ursprünglichen, leidenschaftlichen Streben nach positi-
    ver Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie diesem
    Ziele wirklich näher als jede andere Methode. Ich
    meine natürlich jene Richtung des Lebens, welche die
    Liebe zum Mittelpunkt nimmt, alle Befriedigung aus
    dem Lieben und Geliebtwerden erwartet. Eine solche
    psychische Einstellung liegt uns allen nahe genug;
    eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlecht-
    liche Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer über-
    wältigenden Lustempfindung vermittelt und so das
    Vorbild für unser Glücksstreben gegeben. Was ist
    natürlicher, als daß wir dabei beharren, das Glück auf
    demselben Wege su suchen, auf dem wir es zuerst
    begegnet haben. Die schwache Seite dieser Lebens-
    technik liegt klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem
    Menschen eingefallen, diesen Weg zum Glück für

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    einen anderen zu verlassen. Niemals sind wir unge-
    schützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, nie-
    mals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte
    Objekt oder seine Liebe verloren haben. Aber die auf
    den Glückswert der Liebe gegründete Lebenstechnik
    ist damit nicht erledigt, es ist viel mehr darüber zu
    sagen.

    Hier kann man den interessanten Fall anschließen,
    daß das Lebensglück vorwiegend im Genusse der Schön-
    heit gesucht wird, wo immer sie sich unseren Sinnen und
    unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen
    und Gesten, Naturobjekte und Landschaften, künst-
    lerischer und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen. Diese
    ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig
    Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles
    zu entschädigen. Der Genuß an der Schönheit hat
    einen besonderen, milde berauschenden Empfindungs-
    charakter.

    Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar
    zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist nicht einzu-
    sehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht
    vermissen.

    Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht
    die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden
    wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie
    keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich,
    wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an
    volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt.

    Leider
    weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am

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    wenigsten zu sagen. Einzig die Ableitung aus dem
    Gebiet des Sexualempfindens scheint gesichert; es wäre
    ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung.
    Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind ursprünglich
    Eigenschaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert,
    daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer er-
    regend wirkt, doch fast nie als schön beurteilt werden, da-
    gegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen
    sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften.

    Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich be-
    reits einiger unsere Untersuchung abschließenden Bemer-
    kungen. Das Programm, welches uns das Lustprinzip
    aufdrängt, glücklich zu werden, ist nicht zu erfüllen,
    doch darf man – nein, kann man – die Bemühungen,
    es irgendwie der Erfüllung näher zu bringen, nicht auf-
    geben. Man kann sehr verschiedene Wege dahin ein-
    schlagen, entweder den positiven Inhalt des Ziels, den
    Lustgewinn, oder den negativen, die Unlustvermeidung,
    voranstellen. Auf keinem dieser Wege können wir
    alles, was wir begehren, erreichen. Das Glück in jenem
    ermäßigten Sinn, in dem es als möglich erkannt wird,
    ist ein Problem der individuellen Libidoökonomie. Es
    gibt hier keinen Rat, der für alle taugt; ein jeder
    muß selbst versuchen, auf welche besondere Fasson er
    selig werden kann. Die mannigfachsten Faktoren werden
    sich geltend machen, um seiner Wahl die Wege zu
    weisen. Es kommt darauf an, wieviel reale Befriedi-
    gung

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    gung er von der Außenwelt zu erwarten hat und in-
    wieweit er veranlaßt ist, sich von ihr un-
    abhängig zu machen; zuletzt auch, wieviel Kraft er sich zutraut,
    diese nach seinen Wünschen abzuändern. Schon dabei
    wird außer den äußeren Verhältnissen die psychische
    Konstitution des Individuums entscheidend werden. Der
    vorwiegend erotische Mensch wird die Gefühlsbezie-
    hungen zu anderen Personen voranstellen, der eher
    selbstgenügsame Narzistische die wesentlichen Befriedi-
    gungen in seinen inneren seelischen Vorgängen suchen,
    der Tatenmensch von der Außenwelt nicht ablassen,
    an der er seine Kraft erproben kann. Für den mitt-
    leren dieser Typen wird die Art seiner Begabung und
    das Ausmaß der ihm möglichen Triebsublimierung da-
    für bestimmend werden, wohin er seine Interessen
    verlegen soll. Jede extreme Entscheidung wird sich da-
    durch strafen, daß sie das Individuum den Gefahren
    aussetzt, die die Unzulänglichkeit der ausschließend ge-
    wählten Lebenstechnik mit sich bringt. Wie der vor-
    sichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital
    an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht auch die
    Lebensweisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer
    einzigen Strebu-
    ng zu erwarten. Der Erfolg ist niemals
    sicher, er hängt vom Zusammentreffen vieler Momente
    ab, von keinem vielleicht mehr als von der Fähigkeit
    der psychischen Konstitution, ihre Funktion der Um-
    welt anzupassen und diese für Lustgewinn auszunützen.

  • S.

    38

    Wer eine besonders ungünstige Triebkonstitution mit
    gebracht und die zur späteren Leistung unerläß-
    liche Umbildung und Neuordnung seiner Libidokompo-
    nenten nicht regelrecht durchgemacht hat, wird es
    schwer haben, aus seiner äußeren Situation Glück zu
    gewinnen, zumal, wenn er vor schwierigere Aufgaben
    gestellt wird. Als letzte Lebenstechnik, die ihm wenig-
    stens Ersatzbefriedigungen verspricht, bietet sich ihm
    die Flucht in die neurotische Krankheit, die er meist
    schon in jungen Jahren vollzieht. Wer dann in späterer
    Lebenszeit seine Bemühungen um das Glück vereitelt
    sieht, findet noch Trost im Lustgewinn der chronischen
    Intoxikation, oder er unternimmt den verzweifelten
    Auflehnungsversuch der Psychose.

    Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl
    und Anpassung, indem sie ihren Weg zum Glücks-
    erwerb und Leidenschutz allen in gleicher Weise auf-
    drängt. Ihre Technik besteht darin, den Wert des
    Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt
    wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der
    Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis,
    durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infanti-
    lismus und Einbeziehung in einen Massenwahn gelingt
    es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose
    zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie wir ge-
    sagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen
    können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen,

  • S.

    39

    der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr
    Versprechen nicht halten. Wenn der Gläubige sich
    endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem
    Ratschluß“ zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm
    als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden
    nur die bedingungslose Unterwerfung übrig geblieben
    ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich
    wahrscheinlich den Umweg ersparen können.