Freud, Sigmund (1926-074/1926.01): Ansprache an die Mitglieder des Vereines B`Nai B`rith
S.
Hochwürdiger Großpraesident würdige
Praesidenten, liebe Brüder!Dank für die Ehren, die Sie mir
heute erwiesen haben! Sie wissen,
warum ich nicht mit dem Ton der
eigenen Stimme antworten kann.
Sie haben einen meiner Freunde und
Schüler von meiner wissenschaftlichen
Arbeit sprechen hören, aber das Urteil
über diese Dinge ist schwierig und
vielleicht noch lange Zeit nicht mit
einiger Sicherheit zu fällen. Erlauben
Sie mir, etwas zur Rede des Anderen
hinzuzufügen, der auch mein Freund
und mein sorgsamer Arzt ist. Ich möchte
Ihnen kurz mitteilen, wie ich B.B.
geworden bin und was ich bei Ihnen gesucht habe.Es geschah in den Jahren nach 1895, daß zwei
starke Eindrücke bei mir zurhalbe
gleichen Wirkung zusam̄entrafen.
Einerseits hatte ich die ersten Einblicke
in die Tiefen des menschlichen Trieb-
lebens gewonnen, manches gesehen, was
ernüchtern, zunächst sogar erschrecken
konnte, anderseits hatte die Mitteilung
meiner unliebsamen Funde den
Erfolg, daß ich den grössten Teil meiner
damaligen menschlichen Beziehungen
veeinbüßte; ich kam mir vor wie
geächtet, von allen gemieden. In dieser
Vereinsamung erwachte in mir die
Sehnsucht nach einem Kreis von aus-
erlesenen, hochgestimmten Männern,
die mich ungeachtet meiner Verwegen-
heit freundschaftlich aufnehmen sollten.
Ihre Vereinigung wurde mir als
der Ort bezeichnet, wo solche Männer
zu finden seien.Dass Sie Juden sind, konnte mir nur
erwünscht sein, denn ich war selbst
Jude, und es war mir immer nicht nur
unwürdig, sondern direkt unsinnigS.
erschienen, es zu verleugnen. Was mich ans
Judentum band, war – ich bin schuldig,
es zu bekennen – nicht der Glaube
auch nicht der nationale Stolz, denn ich
war immer ein Ungläubiger, bin ohne
Religion erzogen worden, wenn
auch nicht ohne Respekt vor den „ethisch“
genannten Forderungen der menschlichen
Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe
ich, wenn ich dazu neigte, zu unter-
drücken mich bemüht, als unheilvoll
und ungerecht, erschreckt durch die warn-
enden Beispiele der Völker, unter
denen wir Juden leben. Aber es
blieb genug anderes übrig, was die Anzieh-
ung des Judentums und der Juden un-
widerstehlich machte, viele dunkle Gefühls-Mächte,
umso gewaltiger, je weniger sie sich in
Worten erfassen ließen, ebenso wie
die klare Bewußtheit der inneren
Identität, die Heimlichkeit der gleichen
seelischen Konstruktion. Und dazu kam
bald die Einsicht, dass ich nur meiner
jüdischen Natur die zwei Eigenschaften
verdankte, die mir auf meinem
schwierigen Lebensweg unerläßlich
geworden waren. Weil ich Jude war,
fand ich mich frei von vielen Vorur-
teilen, die andere im Gebrauch ihres
Intellektshemmbeschränkten, als Jude war ich
dafür vorbereitet, in die Opposition zu
gehen und auf das Einvernehmen mit der
„kompakten Majorität“ zu verzichten.So wurde ich also einer der Ihrigen, nahm
Anteil an Ihren humanitären und nation-
alen Interessen, gewann Freunde unter
Ihnen und bestimmte die wenigen
Freunde, die mir geblieben waren, in
unsere Vereinigung einzutreten. Es
kam ja garnicht in Frage, daß ich Sie
von meinen neuen Lehren überzeuge,
aber zu einer Zeit, da in Europa niemand
auf mich hörte und ich auch noch in Wien
keine Schüler hatte, schenkten Sie mir
eine wohlwollende Aufmerksamkeit.S.
Sie waren mein erstes Auditorium.
Etwa zwei Drittel der langen Zeit
seit meinem Eintritte hielt ich gewissenhaft
bei Ihnen aus, holte mir Erfrischung und
Anregung aus dem Verkehr mit Ihnen. Sie
waren heute so liebenswürdig, es mir nicht
vorzuhalten, dass ich Ihnen in diesem letzten
Drittel fern geblieben bin. Die Arbeit
wuchs mir dann über den Kopf, Anforder-
ungen, die mit ihr zusam̄enhingen, drängten
sich vor, der Tag vertrug nicht mehr die
Verlängerung durch den Sitzungsbesuch,
bald darauf auch der Leib nicht die Ver-
spätung der Malzeit. Zuletzt kamen die
Jahre des Krankseins, das mich auch
heute abhält, bei Ihnen zu erscheinen.Ob ich ein richtiger B.B. in Ihrem Sinne
gewesen sind, weiß ich nicht. Fast wollte
ich es bezweifeln, es waren zuviel
besondere Bedingungen in meinem
Falle ausgebildet. Aber daß Sie mir viel
bedeutet und viel geleistet haben in
den Jahren, da ich zu Ihnen gehörte,das
deßen darf ich Sie versichern. Und
so empfangen Sie für damals wie
für heute meinen wärmsten Dank.In W. B & E
Ihr Sigm Freud[Dieser Text bezieht sich auf die Festrede von Prof. Ludwig Braun und wurde zur Feier von Sigmund Freuds 70. Geburtstages am 6. Mai 1926 vorgelesen.]