Festsitzung der »Wien« anläßlich des 70. Geburtstages Br. Univ. Prof. Doktor Sigmund Freud 1926-074/1926.2

N. N. (1926-074/1926.2): Festsitzung der »Wien« anläßlich des 70. Geburtstages Br. Univ. Prof. Doktor Sigmund Freud

Zurück zum Werk
  • S.

     

     

    Nach einer Aufnahme von Max Halberstadt, Hamburg



     

    Univ.-Prof. Dr. Sigmund Freud



     

    Anläßlich des 70. Geburtstages am 6. Mai 1926

  • S.

    B’NAI B’RITH MITTEILUNGEN FÜR ÖSTERREICH

    REDIGIERT VON DR. ARNOLD ASCHER, WIEN, II., LAUFBERGERGASSE 8
    Eigentum und Verlag des Verbandes der israelitischen Humanitätsvereine „B’nai B’rith“ für
    Österreich in Wien, IX., Universitätsstraße 4


    Heft 5 Mai 1926 Jahrgang XXVI

    Inhaltsverzeichnis

    Festsitzung der „Wien“ anläßlich des 70. Geburtstages Br. Univ. Prof. Doktor Sigmund
    Freud.Sigmund Freud und seine Lehre.Die Persönlichkeit Freuds und seine
    Bedeutung als Bruder.Meine persönlichen Beziehungen zu Sigmund Freud.
    Bruder Freud.



     

    Festsitzung der »Wien« anläßlich des
    70. Geburtstages Br. Univ. Prof. Doktor
    Sigmund Freud

    Die überaus große Verehrung und Liebe, deren sich
    Br. Sigmund Freud seitens der Wiener B’nai B’rith erfreut, fand
    auch in der Beteiligung an der Feier Ausdruck, welche die
    „Wien“, der er seit 29. September 1897 angehört, am 8. Mai
    1926 im großen Saale des Industriehauses, III., Schwarzenberg-
    platz, zu seinen Ehren veranstaltete. Die zur Festsitzung geladenen
    Brüder und Schwestern waren in solch stattlicher Zahl erschienen,
    daß noch vor Beginn der Festsaal und die Galerie voll gefüllt
    waren und zahlreiche Gäste schwer Einlaß fanden.

    Mit großem Bedauern erfuhren die Anwesenden, daß der
    Jubilar selbst sich außerstande erklärt hatte, an der Veranstaltung
    teilzunehmen. Nachdem die Mitglieder des Generalkomitees, die
    Expräsidenten und Beamten der „Wien“ am Präsidialtische, vor
    dem eine ausgezeichnete, treffend ähnliche Bronzebüste des Bild-
    hauers Paul Königsberger aufgestellt war, Platz genommen,
    leitete Prof. Herz den Abend mit einem stimmungsvollen
    Präludium ein.

    Der Präsident der Loge „Wien“ Br. Dr. Felix Kohn eröffnete
    die Sitzung mit folgenden Worten:

    „Von unserem Bruder Sigmund Freud, dessen siebzigster
    Geburtstag uns heute hier vereint, ist eine Bewegung des Geistes
    ausgegangen, die mächtig an die Pforten der Zukunft pocht.
    Wohin diese Bewegung führen wird, wie weit ihre letzten Wir-
    kungen reichen werden, das sind Fragen, deren Beantwortung
    die Geschichte der Menschheit übernimmt. Wir aber, die
    Generation, die mit Sigmund Freud lebt, und vor allem die

  • S.

    102

    Loge »Wien«, der er durch nahezu drei Jahrzehnte angehört,
    wir stehen im Banne der bedeutenden und zugleich reizvollen
    Persönlichkeit. Wir blicken in Ehrfurcht zu dem Forscher empor,
    dessen Ruhm die Welt erfüllt, und wir dürfen ihn »Bruder«
    nennen. Das gibt der Feier des heutigen Abends ihren besonderen
    Zauber: Sie ist eine Huldigung, die wir dem Genius bereiten,
    und sie ist zugleich ein Familienfest.«

    Präsident Dr. Felix Kohn begrüßt hierauf die Angehörigen
    des Br. Prof. Freud, die zur Festsitzung erschienen sind, ferner
    den s. w. Großpräsidenten des österreichischen Verbandes
    Br. Hofrat Prof. Dr. Ehrmann, den w. Expräsidenten Dr. Ludwig
    Lewy der „Moravia“ (Brünn), den w. Expräsidenten Bernhard Taussig
    der „Ehrmann“ (Linz) und alle Schwestern und Brüder. Br. Doktor
    Felix Kohn teilt sodann mit, daß zahlreiche telegraphische und
    briefliche Glückwünsche eingelangt seien, darunter Gratulationen
    der Großlogen von Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen,
    zahlreicher ausländischer Logen, sämtlicher Logen des Inlandes
    und des jüdischen Jugendbundes.

    Es ergreift sohin namens des Verbandes der israelitischen
    Humanitätsvereine „B’nai B’rith“ für Österreich der s. w.
    Br. Großpräsident Hofrat Prof. Dr. S. Ehrmann
    das Wort:

    „In diesen Tagen, wo Br. Freud das siebente Dezennium voll-
    endet, wird sein wissenschaftliches Werk und seine schrift-
    stellerische Tätigkeit der Gegenstand verdienter Anerkennung und
    Würdigung überall in der Welt sein, wo man sich mit den großen
    und tiefen Fragen beschäftigt, deren Lösung und Aufklärung er
    sich zur Aufgabe gemacht hat.

    Unsere Großloge kann nur mit Verehrung und Bewunderung
    die Stimmen der ganzen Welt über ihn vernehmen. Was mir
    hier aber im Namen der Großloge das Recht verleiht, über ihn
    zu der Festversammlung zu sprechen, ist seine Zugehörigkeit
    zu unserem Bunde und sein offenes Bekenntnis zu unserem
    Stamme und zum jüdischen Wesen. Ich erinnere mich einer
    Diskussion zu Dreien, die er und ein bereits verstorbener aus-
    gezeichneter Bruder und ich nach einer Logendiskussion hatten.
    Dieser genannte geistvolle und charakterstarke Bruder hatte die
    Ansicht vertreten, trotz aller Charakterfestigkeit könne es Situa-
    tionen geben, in denen eine Verleugnung des jüdischen Ur-
    sprungs, ein Austritt aus der Gemeinschaft des Judentums zu
    rechtfertigen wäre, wenn es gilt, eine führende Stellung in Kunst
    und Wissenschaft, Politik und dergleichen einzunehmen, eine
    Lebensaufgabe durchführen zu können, die man sonst aufgeben
    müßte, und es sei dies die private Angelegenheit eines jeden
    Einzelnen. Br. Freud vertrat mit mir die Ansicht, daß es keine reine
    Privatsache sei, sondern daß durch eine solche Auffassung, wie
    sie der erwähnte Bruder als zulässig erklärte, die Rechte und
    Interessen der Allgemeinheit gefährdet werden; denn wenn es zu
    Recht bestünde, daß man von einem einer bestimmten Konfession

  • S.

    103

    oder Volksgemeinschaft angehörigen Staatsbürger verlangen dürfe,
    daß er, um eine bestimmte Stellung auszufüllen, um eine be-
    stimmte Aufgabe im Staate ausführen zu dürfen, zu der er
    befähigt und vor anderen berufen ist, vorerst seinen Ursprung
    und seine Überzeugung zu verleugnen habe, daß man dies mit
    scheinbarem Recht von allen verlangen dürfte, die ein gleiches
    Streben besitzen, daß damit ein Gewohnheitsrecht via facti
    geschaffen würde, also ein Unrecht gegen die Gesamtheit.

    Diese Anschauung hat Br. Freud sein ganzes Leben lang - und
    ich bin so glücklich, sagen zu können, daß ich dieses seit 52 Jahren
    begleite mit Kraft und Aufopferung vertreten; er hat aber
    nicht bloß das starre Recht, sondern sein innerstes Gefühl, seine
    innerste Überzeugung, sein innerstes Wesen in die Wagschale
    gelegt, und er hatte die Kraft und die immense Begabung,
    sich in ein selbstgeschaffenes Gebiet flüchten zu können, darin
    eine weithin sichtbare Tribüne zu finden, von wo er der auf-
    horchenden Welt neue und große Erkenntnisse verkündete.
    Sein wissenschaftliches Wirken war wenn ich so sagen darf -
    die Kritik der seelischen Funktionen des Menschen an sich,
    der Spezies homo sapiens oder auch dissipiens, ohne Rücksicht
    auf Volkszugehörigkeit. Was dem Einzelwesen in der Ent-
    wicklung seiner seelischen Funktion angeboren, was in ihm als
    einem Gliede in der Kette der Ahnen geblieben, was Umwelt,
    Erziehung und Erlebnis in ihm geweckt und hineingelegt,
    das hat er für alle Menschen erforscht und allen Brüdern zur
    Freude und Ehre und der Menschheit zum Frommen. Er ver-
    ließ die altgewohnten Gefilde überkommener wissenschaftlicher
    Methoden und bezog ein neues Land, das er besiedelte und
    wurde so ein Segen für alle Völker der Erde!

    Möge es ihm noch lange vergönnt sein, für die Wissen-
    schaft und zur Ehre des Judentums zu wirken!"

    Hierauf hielten Br. Dr. Eduard Hitschmann („Ein-
    tracht") und Br. Expräsident Prof. Dr. Ludwig Braun („Wien")
    die auf den folgenden Seiten dieser Mitteilungen abgedruckten
    Reden über „Sigmund Freud und seine Lehre", bzw. „Die Persön-
    lichkeit Freuds und seine Bedeutung als Bruder", worauf der
    Bruder des Jubilars, Br. Kommerzialrat Alexander Freud
    („Eintracht"), zunächst namens der Familie Freud für die Ver-
    anstaltung und die Reden innigst dankt und nachfolgendes
    Schreiben verliest:

    Hochwürdiger Großpräsident, würdige Präsidenten,
    liebe Brüder! Dank für die Ehren, die Sie mir heute
    erwiesen haben! Sie wissen, warum ich nicht mit dem Ton
    der eigenen Stimme antworten kann. Sie haben einen meiner
    Freunde und Schüler von meiner wissenschaftlichen
    Arbeit sprechen hören, aber das Urteil über diese Dinge

  • S.

    104

    ist schwierig und vielleicht noch lange Zeit nicht mit einiger
    Sicherheit zu fällen. Erlauben Sie mir, etwas zur Rede
    des Anderen hinzuzufügen, der auch mein Freund und
    mein sorgsamer Arzt ist. Ich möchte Ihnen kurz mit-
    teilen, wie ich B. B. geworden bin und was ich bei
    Ihnen gesucht habe.

    Es geschah in den Jahren nach 1895, daß zwei
    starke Eindrücke bei mir zur gleichen Wirkung zusammen-
    trafen. Einerseits hatte ich die ersten Einblicke in die
    Tiefen des menschlichen Trieblebens gewonnen, manches
    gesehen, was ernüchtern, zunächst sogar erschrecken
    konnte, andererseits hatte die Mitteilung meiner unlieb-
    samen Funde den Erfolg, daß ich den größten Teil
    meiner damaligen menschlichen Beziehungen einbüßte;
    ich kam mir vor wie geächtet, von allen gemieden. In
    dieser Vereinsamung erwachte in mir die Sehnsucht
    nach einem Kreis von auserlesenen, hochgesinnten
    Männern, die mich ungeachtet meiner Verwegenheiten
    freundschaftlich aufnehmen sollten. Ihre Vereinigung
    wurde mir als der Ort bezeichnet, wo solche Männer
    zu finden seien.

    Daß Sie Juden sind, konnte mir nur erwünscht
    sein, denn ich war selbst Jude, und es war mir immer
    nicht nur unwürdig, sondern direkt unsinnig erschienen,
    es zu verleugnen. Was mich ans Judentum band, war —
    ich bin es schuldig, zu bekennen — nicht der Glaube,
    auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer
    ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden,
    wenn auch nicht ohne Respekt vor den „ethisch“
    genannten Forderungen der menschlichen Kultur. Ein
    nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte,
    zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und un-
    gerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der
    Völker, unter denen wir Juden wohnen. Aber es blieb
    genug anderes übrig, was die Anziehung des Judentums
    und der Juden unwiderstehlich machte; viele dunkle
    Gefühlsmächte, um so gewaltiger, je weniger sie sich
    in Worten erfassen ließen, ebenso wie die klare Bewußt-
    heit der inneren Identität, der gleichen seelischen Kon-
    struktion. Und dazu kam bald die Einsicht, daß ich nur
    meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften ver-

  • S.

    105

    dankte, die mir auf meinem schwierigen Lebensweg
    unerläßlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand
    ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im
    Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war
    ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und
    auf das Einvernehmen mit der „kompakten Majorität“
    zu verzichten.

    So wurde ich also einer der Ihrigen, nahm Anteil
    an Ihren humanitären und nationalen Interessen, gewann
    Freunde unter Ihnen und bestimmte die wenigen Freunde,
    die mir geblieben waren, in unsere Vereinigung einzu-
    treten. Es kam ja gar nicht in Frage, daß ich Sie von
    meinen Lehren überzeugte; aber zu einer Zeit, da in
    Europa niemand auf mich hörte und ich auch in Wien
    noch keine Schüler hatte, schenkten Sie mir eine wohl-
    wollende Aufmerksamkeit. Sie waren mein erstes Audi-
    torium.

    Etwa zwei Drittel der langen Zeit seit meinem
    Eintritte hielt ich gewissenhaft bei Ihnen aus, holte mir
    Erfrischung und Anregung aus dem Verkehr mit Ihnen.
    Sie waren heute so liebenswürdig, es mir nicht vorzu-
    halten, daß ich Ihnen in diesem letzten Drittel fern
    geblieben bin. Die Arbeit wuchs mir dann über den
    Kopf, Anforderungen, die mit ihr zusammenhingen,
    drängten sich vor, der Tag vertrug nicht mehr die
    Verlängerung durch den Sitzungsbesuch, bald darauf
    auch der Leib nicht die Verspätung der Mahlzeit.
    Zuletzt kamen die Jahre des Krankseins, das mich auch
    heute abhält, bei Ihnen zu erscheinen.

    Ob ich ein richtiger B. B. in Ihrem Sinne gewesen
    bin, weiß ich nicht. Fast wollte ich es bezweifeln, es
    waren zuviel besondere Bedingungen in meinem Falle
    vorhanden. Aber daß Sie mir viel bedeutet und viel
    geleistet haben in den Jahren, da ich zu Ihnen gehörte,
    dessen darf ich Sie versichern. Und so empfangen Sie
    für damals wie für heute meinen wärmsten Dank!

    In W. B. u. E.

    Ihr

    Sigmund Freud

  • S.

    106

    Das Auditorium lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit
    der Verlesung und war von dem Inhalte tief ergriffen.
    Sodann erklärt der Vorsitzende Br. Präsident Dr. Felix
    Kohn:

    „Nach dem menschlichen Dokument, dessen Worte soeben
    an Ihr Ohr geklungen, nach diesen Worten stünde es mir
    nicht gut an, wenn ich noch viele Worte machte. Darum danke
    ich den Rednern des heutigen Abends kurz, aber von Herzen.
    Sie haben — ein Jeder von seiner Warte — das Bild Freuds
    geschaut, erfaßt, vor uns erstehen lassen und uns näher gebracht.
    Ihre Leistung ehrt nicht nur unseren großen Jubilar, sondern
    nicht minder uns alle, unseren Bund, aus dessen geistiger Atmo-
    sphäre das geworden ist und werden konnte, was uns der
    s. w. Großpräsident und die Brüder Hitschmann und Braun —
    intellektuell und ästhetisch — heute geboten haben. Dank, innigen
    Dank nochmals Allen!“

    Mit einem von Prof. Herz gespielten Harmoniumvortrage
    schloß die erhebende Feier, welche auf alle Teilnehmer sicherlich
    den nachhaltigsten Eindruck machte.


    Br. Dr.
    Eduard Hitschmann,
    Wien.

    Sigmund Freud und seine Lehre.

    Der große, hohe Saal, in dem wir uns zur Feier des
    70. Geburtstages unseres Bruders, meines verehrten
    und geliebten Lehrers Prof. Freud versammeln, hat auch
    eine symbolische Bedeutung, da wir in ihm einen Riesen
    an Geist und an Kraft, einen Förderer der menschlichen
    Seelenkunde und Seelenheilkunde von überdimensionalem
    Maße, einen der größten Gelehrten unserer Zeit feiern. Das
    Ausnahmsweise und Besondere liegt also hier nicht im
    Siebzig-Jahre-alt-werden, in einem Leben voll Arbeit, im
    Mitglied unserer Loge sein; es liegt nicht nur im edeln
    Menschentum seiner Persönlichkeit, es handelt sich nicht
    nur um Freuds Judentum, Österreicher- oder Zeitgenosse-
    sein, sondern darum, daß er weit über die Grenzen von
    Beruf, Volkszugehörigkeit, Vaterland und Gegenwart
    hinaus, wissenschaftliche Leistungen von Ewigkeitswert
    geschaffen hat. Man hat die Geschichte der Wissenschaft
    eine große Fuge genannt, in der die Stimmen der Völker
    nach und nach zum Vorschein kommen. In dieser unserer
    Zeit ist es das jüdische Volk, das durch Freud die Stimmen
    der anderen Völker übertönt. Erfüllt uns darüber ein edler
    Stolz, so übersehen wir nicht, daß er deutsche Kultur
    genossen hat, daß er durch seine Universalität und seine