Meine persönlichen Beziehungen zu Sigmund Freud 1926-074/1926.5

Ehrmann, Salomon (1926-074/1926.5): Meine persönlichen Beziehungen zu Sigmund Freud

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    Br. Großpräsident Hofrat
    Prof. Dr. S. Ehrmann.
          Wien.

    Meine persönlichen Beziehungen zu
    Sigmund Freud*.


     

          Bald sind 52 Jahre seit meiner ersten Begegnung mit
    Br. Sigmund Freud verflossen. Es war an einem hellen
    Herbstmorgen 1874, als ich, frisch an die Wiener Universi-
    tät gekommen, voll Erwartung nach dem Haus Schotten-
    ring 22 wanderte, in dessen vierten Stockwerke das Zoo-
    logische Institut und Hyrtls vergleichendes anatomisches
    Museum untergebracht waren und unter der Leitung von
    Prof. Karl Claus, dem ersten ordentlichen Professor an der
    Wiener Universität, standen, der über Deszendenzlehre
    und Darwinismus vortrug. Man hatte sich seitens der
    Unterrichtsverwaltung doch schließlich bewogen gefühlt,
    dieser Forschungsrichtung in Wien eine Lehrkanzel zu
    widmen. In dem nicht sehr geräumigen Hörsaale versam-
    melte sich um 7 Uhr morgens eine kleine Gesellschaft von
    Hörern — denn auch in der Hörerschaft hatten Darwinis-
    mus und Entwicklungsgeschichte bisher noch keinen
    großen Kreis gewonnen — die meisten wanderten zu dem
    in ausgelaufenen Bahnen sich haltenden Prof. Schmarda.

          Unter den dort Versammelten traf ich nun drei Kol-
    legen, mit denen ich später in nähere Beziehung treten
    sollte. Es waren dies der nur zu früh verstorbene spätere
    Dozent für Physiologie Josef Paneth und unser nach-
    maliger Br. Sigmund Freud; Paneth, ein zarter, lebhafter,
    rasch sprechender, übersprudelnder Jüngling von scharfem
    Profil, Freud, ein ausgeglichener Jüngling mit schlichtem,
    schwarzem, schön gescheiteltem Haar, ruhiger Gebärde, be-
    dachter, ausgeglichener, gewandter Sprache, die mit witzi-
    gen, geistreichen Bemerkungen unterspickt war. Daneben
    kam hie und da auch unser vor zwei Jahren bereits als
    Siebziger dahingegangener Kollege Josef Herzig, nachmals
    bekannter Forscher auf dem Gebiete der organischen
    Chemie und Vorstand eines chemischen Universitäts-Labo-
    ratoriums in Wien.

          Fortan standen wir in kameradschaftlichen Beziehun-
    gen, die sich vertieften, als wir am physiologischen Institut
    unseres gemeinsamen unvergeßlichen Lehrers Ernst Wil-
    helm v. Brücke an benachbarten Arbeitsplätzen der histo-
    logisch-physiologischen Forschung oblagen. Es waren


     

    * Aus den B’nai B’rith Monatsblättern der Großloge für den tschecho-
    slowakischen Staat.

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    schöne Jahre, nicht bloß für uns, sondern auch für die Wie-
    ner Universität. An der Seite des berühmten, damals fast
    berühmtesten physiologischen Forschers, des allseitig ge-
    bildeten, kunstverständigen und humanen Ernst Wilhelm
    v. Brücke wirkten noch zwei jüngere Männer als Assisten-
    ten, der kürzlich verstorbene Sigmund Exner, von mütter-
    licher Seite ein Judenstämmling aus Prag, und der Voll-
    blutjude Ernst Fleischl v. Marxow, ersterer als ruhiger,
    gediegener Gelehrter, letzterer ein hervorragendes Talent,
    man könnte fast von genialer Begabung sprechen. Bei
    Fleischl trafen sich die jüngeren wissenschaftlichen Ar-
    beiter zu regelmäßigen Besprechungen physiologischer und
    philosophischer Fragen an Abenden, die uns beiden wohl
    unvergeßlich bleiben werden. Hier war es, wo Freud, dem
    Antrage Theodor v. Gomperz entsprechend, die Über-
    setzung einiger philosophischer Werke John Stuart Mills
    ins Deutsche übernahm. Später als Demonstratoren an dem
    Institut angestellt, konnten wir uns gegenseitig unter-
    stützen und aushelfen, und ich bin Br. Freud noch heute
    für manche Anregung, für manche Hilfe dankbar.

          Die schöne Zeit sollte für uns beide nicht ohne Trübung
    bleiben. Die Verhältnisse in Österreich und Deutschland
    verdüsterten sich für die Juden, und eine Fortsetzung der
    theoretischen wissenschaftlichen Forschung war diesen er-
    schwert oder unmöglich gemacht auch durch die Aussichts-
    losigkeit, ein Lehramt für Physiologie oder ein verwandtes
    Fach an einer Universität zu erlangen. Wir mußten beide
    daran denken, einem praktisch-medizinischen Fache uns
    zu widmen, waren aber beide darauf bedacht, ein solches
    zu wählen, das die wissenschaftliche Betätigung und den
    Zusammenhang mit unserer vorausgegangenen wissen-
    schaftlichen Arbeitsrichtung nicht verlor. Beide traten wir
    in den Dienst des Allgemeinen Krankenhauses und setzten
    dort die begonnene wissenschaftliche Tätigkeit in klini-
    scher Richtung fort, trotz aller uns von judenfeindlicher
    Seite bereiteten Hemmungen und Hindernisse, Freud auf
    dem Gebiete der Nervenpathologie und Physiologie, ich, als
    dem physiologischen Gebiete näherstehend, zunächst auf
    dem Gebiete der Ophthamologie und zuletzt der Der-
    matologie.

          Zunächst trafen wir uns noch oft im Laboratorium des
    berühmten Neurologen und Gehirnanatomen Theodor
    Meynert; aber als auch dieser mit den Wölfen zu heulen
    begann, faßte Freud den kühnen Entschluß, den er auch
    nie zu bedauern hatte, nach Paris zu gehen, um unter dem
    berühmten Charcot seine Studien und Forschungen fortzu-
    setzen, dessen Vorlesungen er später auch herausgab. Ich

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    fühle heute noch die Traurigkeit, die mich befiel, als Freud
    mir beim Weggehen sein Rauchtischchen aus seinem Dienst-
    zimmer zur Verwahrung in das meine stellte und zur Reise
    nach Paris Abschied nahm.

          Nach Wien zurückgekehrt, begann Freud bald sich
    jenem Gebiete zuzuwenden, das seinen Weltruf begründen
    sollte. Er widmete sich gänzlich der Erforschung des Lebens
    der „Seele“, der Kenntnis ihrer Tiefen und Abgründe, dem
    Einflusse ihrer Anomalien — er revolutionierte, wie ein
    Amerikaner sagte, die Psychologie — und beleuchtete da-
    mit die Äußerungen im Leben des Einzelnen und der
    Menschheit auch in Kunst und Literatur. Er selbst wurde
    ein feiner Kenner der Kunst vergangener Zeiten, während
    ich mich der Erforschung der lebenden Materie an Gesun-
    den und Kranken ergab. Doch blieben wir auch ferner in
    freundschaftlichen Beziehungen, die sich durch unsere
    Liebe zur bildenden Kunst und durch unsere Zugehörigkeit
    zum Orden wenn möglich noch mehr vertieften.

          In der „Wien“ hat Br. Freud zuerst über seine Traum-
    deutung und über andere Probleme seiner Forschung ge-
    sprochen. Alle älteren Brüder der „Wien“ erinnern sich
    noch heute mit inniger Freude seiner launigen Bemer-
    kungen in Diskussionen und beim Brudermahle und wün-
    schen Br. Freud und seiner Familie, daß er noch lange
    unter uns wirken möge!


     

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