S.
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Paranoia.
Die Wahnvorstellg steht in der Psycheatrie der Zwangs=
vorstellg als rein intellektuelle Störung, die Paranoia
neben dem Zwangsirresein als intellektuelle Psychose. Wenn
die Zwangsvorstellg einmal auf Affektstörg zurückgeführt
ist, der Nachweis erbracht ist, daß sie ihre Stärke einem Conflict
verdankt, dann muß die Wahnvorstellg derselben Auffassung
verfallen, dan̄ ist auch sie die Folge von Affektstörungen
und verdankt ihre Stärke einem psychologischen Vorgang.Das Gegentheil davon wird von den Psychiatern angenom̄en,
während der Laie gewohnt ist, den Wahnsinn von erschütternden
seelischen Erlebnißen abzuleiten. Wer über gewiße Dinge
den Verstand nicht verliert "der hatte keinen zu verlieren"Es ist nun in der That so: Die chronische Paranoia in
ihrer klassischen Form ist ein pathologischer Modus der
Abwehr wie Hysterie, Zwangsneurose und hallucinatorische
Verworrenheit, Man wird paranoisch über Dinge, die
man nicht vertragt, vorausgesetzt, daß man die eigen-
thümliche psychischeDefuDisposition dazu besitzt.Worin besteht diese Disposition? In der Neigg zu dem, was das
psychische Ken̄zeichen der Paranoia darstellt, und dies wollen wir uns
an einem Beispiel betrachten.Eine etwa 30j. alternde Jungfrau lebt mit Bruder u Schwester gemeinsam.
Sie gehören dem besseren Arbeiterstande an, der Bruder arbeitet sich
zum kleinen Fabrikanten empor. Unterdeß vermiethen sie ein
Zim̄er an einen Genossen, einen vielgereisten, etwas rätselhaften
sehr geschickten u intelligenten Mann, der 1 Jahr lang bei ihnen
haust u ihnen der beste Kamerad u Gesellschafter ist. Der Man̄ zieht
wieder ab, um nach 6 Monaten wiederzukehren. Er bleibt jetzt
nur kürzere Zeit u verschwindet dan̄ endgiltig. Die Schwestern
bedauern oft seine Abwesenheit, wissen ihm nur Gutes nachzusagen
doch erzählt die jüngere der älteren von einem Mal, wo er
den Versuch machte, sie in Gefahr zu bringen. Sie räumte die
Zim̄er auf, während er noch im Bette lag; da rief er sie zum
Bett u als sie ahnungslos kam, gab er ihr seinen Penis
in die Hand. Die Scene hatte keinerlei Fortsetzung,S.
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Der Fremde verreiste bald nachher
Im Laufe der nächsten Jahre wurde die Schwester, die das erlebt hatte,
leidend, began̄ zu klagen u endlich formte sich ein unverken̄barer
Beachtungs- u Verfolggswahn des Inhaltes: die Nachbarin̄en bedauerten
sie als eine Sitzen gebliebene, die im̄er noch auf jenen Man̄ warte,
man mache ihr Andeutgen dieser Art, sage ihr allerlei in Bezug
auf diesen Man̄ nach udgl. Das sei natürlich alles unwahr. Diesem
Zustand verfällt die Kranke seither nur auf Wochen, sie wird
zeitweise wieder klar, erklärt das alles für Folgen der Aufregg,
leidet übrigens auch in Intervallen an unschwer sexuell
zu deutender Neurose – und geräth bald wieder in einen neuen
Schub von Paranoia hinein.Die altere Schwester hat mit Erstaunen bemerkt, daß die Kranke, sobald
das Gespräch auf jene Scene der Versuchg kam, dieselbe läugnete.
Breuer erfuhr von dem Fall, er wurde zu mir geschickt und ich bemühte
mich, den Drang zur Paranoia zu heilen, dadurch daß ich die Erin̄erg
an jene Szene in ihr Recht einsetzen wollte. Es gelang nicht, ich
sprach sie 2mal, ließ mir in der Concentrationshypnose alles auf
den Gast Bezügliche erzählen, bekam auf meine dringenden Fragen
ob nicht doch etwas „Genantes“ vorgefallen, die entschiedenste
Verneinung zur Antwort u – sah sie nicht wieder. Sie ließ
mir mittheilen, es rege sie zu sehr auf. Abwehr! Das war klar
zu erken̄en. Sie wollte nicht daran erin̄ert werden, folglich
hatte sie es absichtlich verdrängt.Die Abwehr war ganz unzweifelhaft, sie hätte sich ebensowol
ein hysterisches Symptom oder eine Zwangsvorstellung an-
schaffen können. Worin lag aber das Eigenthümliche der paranoischen
Abwehr?Sie ersparte sich etwas; etwas wurde verdrängt. Es läßt sich errathen,
was. Wahrscheinlich war sie wirklich in Aufregg ob des Anblicks
gerathen u ob der Eriñerg daran. Sie ersparte sich also den
Vorwurf: eine „schlechte Person“ zu sein. Denselben bekam sie dan̄
von außen zu hören. Der sachliche Inhalt blieb also ungestört
erhalten, es änderte sich aber etwas an der Stellung des ganzen
Dinges. Früher war es ein in̄erer Vorwurf, jetzt eine
von außen kom̄ende Zumuthung. Das Urtheil über sie war
nach außenprojiversetzt, die Leute sagten das, was sonst
sie sich gesagt hätte. Etwas war profitirt dabei. Das[Anmerkung:
Der Begriff "Genantes" leitet sich von "genieren" (schämen) und "genant" (beschämend) ab.]S.
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von in̄en erfolgte Urtheil hätte sie acceptiren müßen, das von außen
anlangende kon̄te sieannehmen. ablehnen. Das Urtheil, der Vorwurf war
somit vom Ich ferngehalten.Die Paranoia hat also die Absicht, eine dem Ich unerträgliche
Vorstellg dadurch abzuwehren, daßindemder Thatbestand in die Außenwelt
projicirt wird.Zwei Fragen: Wie kom̄t man zu einer solchen Verlegung? Gilt das
noch für andere Fälle von Paranoia.?Ad I). Sehr einfach, es handelt sich um den Misbrauch eines im Normalen
sehr häufig gebrauchten psychischen Mechanismus der Verlegung oder
ProjektionErstens haben wir dieBei jeder in̄eren Veränderg haben
wir die Wal, ob wir eine in̄ere oder äußere Ursache annehmen
wollen. Wo uns etwas von dem in̄eren Hergang abdrängt, werden wir
natürlich zum äußeren greifen. Zweitens sind wir gewöhnt, daß
unsere in̄eren Zustände (durch den Ausdruck der Gemütsbewegg)
den Anderen verrathen werden. Das ergiebt den normalen Beachtungs-
wahn und die normale Projektion. Normal ist das nämlich, so lange
wir uns dabei unserer eigenen in̄eren Verändg bewußt
bleiben. Vergessen wir an die, erübrigt nur der Schenkel, des
Syllogismus, der nach aussen führt, so ist die Paranoia damit der
Überschätzg dessen, was man von uns weiß u dessen, was man
uns angethan hat. Was weiß man von uns, was wir gar nicht
wissen, nicht zugeben können. Also Misbrauch des Projektions-
mechanismus zu Zwecken der Abwehr.Bei den Zwangsvorstellgen geht nämlich etwas ganz analoges vor sich.
Auch der Substitutionsmechnanism ist ein normaler. Wen̄ die alte
Jungfrau sich einen Hund hält, der Hagestolz Tabakdosen sam̄elt,
so substituirt erstere ihr Bedürfniß nach ehelicher Gemeinschaft, letzterer
sein Bedürfniß nach – zahlreichen Eroberungen. Jeder Sam̄ler ist
ein substituirter Don Juan Tenorio, wie auch der Bergspitzenbezwinger
der Sportsman udgl Es sind das erotische Aequivalente. Die Frauen
ken̄en sie auch. Die gynek Behandlg fällt unter diesen Gesichtspunkt
Es giebt 2 Sorten von kranken Frauen, die einen die ihrem Arzt
so treu sind wieeinemihrem Mann, die anderen die ihre Ärzte so
wechseln wie die Liebhaber.Dieser normal wirkende Substitutmechanism wird nun bei den
Zwangsvorstellg misbraucht – gleichfalls zu Zwecken der Abwehr.S.
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Nun gilt eine solche Auffassg auch für andere Fälle von Paranoia?
Ich sollte meinen für alle; Ich will Muster hernehmen.Der Querulantparanoiker verträgt die Idee nicht, daß er unrecht gethan
hat, oder daß er sich von seinem Besitz tren̄en soll. Folglich ist das
Urtheil nicht rechtskräftig, er hat nicht Unrecht udgl. Der Fall ist zu
klar vielleicht nicht ganz eindeutig, etwa einfacher aufzulösen.Die grande nation kan̄ die Idee nicht fassen, daß sie im Krieg besiegt werden
kan̄. Ergo ist sie nicht besiegt worden, der Sieg gilt nicht; sie giebt das
Beispiel einer Massenparanoia u erfindet den Wahn des Verraths.
Der Alkoholiker wird sich nie eingestehen, daß er durch Trinken impotent
geworden ist. Soviel Alkohol er verträgt, diese Einsicht verträgt er nicht,
also ist die Frau die Schuldige – Eifersuchtswahn udgl.Der Hyochonder wird lange ringen, bis er für seine Empfindg von schwerem
Kranksein den Schlüssel gefunden hat. Er wird sich nicht eingestehen, daß
sie von seinem sex. Leben rühren, es gewährt ihm aber die größte
Befriedigg, wen̄ sein Leiden kein endogenes, nach Moebius sondern
ein exogenes ist, folglich ist er vergiftet.Der beim Avancement übergangene Beamte bedarf das Verfolggscomplot
u das Ausspionirtwerden in seinem Zim̄er, sonst muß er sich seinen
Schiffbruch eingestehen.Es muß ja nicht im̄er Verfolgswahn sein, der so entsteht. Ein Größenwahn
leistet es vielleicht noch besser, das Peinliche vom Ich abzuhalten.
Da ist die verblühte Köchin, die sich an den Gedanken gewöhnen dürfte,
daß sie vom Liebesglück ausgeschlossen bleibt, das ist der richtige
Moment für den Herrn gegenüber, der sie offenbar heiraten
will u es ihr in so merkwürdig schüchterner Weise aber doch
unverken̄bar zu verstehen gibt.In allen Fällen wird die Wahnidee gehalten mit der selben Energie,
mit welcher eine andere unerträglich peinliche Idee vom Ich
abgewehrt wird. Sie lieben also den Wahn wie sich selbst. Das
ist das Geheimniß.Nun wie verhält sich diese Form der Abwehr zu den bereits
gekan̄ten:1) Hysterie 2) Zwangsvorst 3). halluc. Verworr, 4) Paranoia.
In Betracht kom̄t: Affekt, Zufall der Vorstellg
u die Hallucinationen.
S.
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1) Hysterie: Die unerträgliche Vorstellung wird nicht zur Association
mit dem Ich zugelassen. Ihr Inhalt bleibt abgesprengt erhalten, [¿¿] fehlt
im Bewußtsein, ihr Affekt durch Conversion ins Körperliche – Psychoneurose
die einzige.2) Zwangsvorstellg. Die unv. V. wird gleichfalls nicht zur Association
zugelassen. Affekt bleibt erhalten; Inhalt substituirt.3). Halluc. Verworrenheit: Ganze unverträgl Vorstellg – Affekt u
Inhalt vom Ich abgehalten, was nur auf Kosten einer
partiellen Lösg von der Außenwelt möglich. Es kom̄t zu
Hallucinationen, die dem Ich freundlich sind, nur die Abwehr unterstützen.4) Paranoia. Inhalt und Affekt der unv. V. erhalten, recht im
Gegensatz zu 3), aber in die Außenwelt projicirt – Halluc,
die bei manchen Formen entstehen, sind dem Ich feindlich
unterstützen aber die Abwehr.Im Gegensatz dazu die hysterischen Psychosen, in denen gerade
die abgewehrten Vorstellg zur Macht kom̄en. Typus Anfall
und Etat second. Hallucinationen sind Ich feindlichÜbersicht
abgewehrte Affekt
Vorstellgsinhalt
Hallucination
Facit
Hysterie
durch Conversion
erledigt -fehlt dem Bewussts.
-–––––
labile Abwehr
mit gutem GewinnZwangsvorst.
erhalten +
fehlt dem Bew.
- substituirt.–––––
Dauernde Abwehr
ohne GewinnHalluc Verw.
fehlt -
- fehlt.
ichfreundlich
abwehrfreundlichDauernde Abwehr
glänzender GewinnParanoia
erhalten +
+ erhalten
hinausprojicirtichfeindlich
abwehrfreundlichDauernde Abwehr
ohne GewinnHysterische
Psychosebeherrscht
sein +das Bewusst-
+ichfeindlich
abwehrfeindlichMislungene
AbwehrWahnidee ist entweder Abklatsch oder Gegensatz der abgewehrten
„(Größenwahn)
Paranoia u Halluc Verworrh sind die beiden Trotz- oder Justamentpsychosen.
Die „Eigenbeziehg" der Paranoia = analog der Halluc der Verworrh, die ja
gerade das Gegentheil der abgewehrten Thatsache behaupten wollen.
So will Eigenbeziehg stets die Richtigkeit der Projektion erweisen.
›Jedenfalls widme ich Dir hiermit einen neue – Erfindung, die mich mehr aus dem Gleichgewicht bringt als manches andere vorher, gegen die ich noch nicht kühl geworden bin. Es ist die Erklärung der Paranoia, meine Erfindungen sind sämtliche so unpraktischer Natur. Dag mir Deine Meinung darüber; bis dahin bin ich wohl auch zur Ruhe gekommen.‹
(Sigmund Freud an Wilhelm Fließ, 24. Jänner 1895)