-
Etwas Motivenbericht
-
Sigmund Freud
-
1893-102F
-
Liebster Freund! Welch großes Vergügen es mir macht
unsere Ostergespräche so fortsetzen können, brauche ich nur
anzudeuten. Im Ganzen bin ich kaum unbefangen genug
um der richtige Kritiker für Deine Arbeiten zu sein. Also
nur das eine, es gefällt mir sehr gut, u ich glaube nicht,
daß der Congreß etwas Wichtigeres bringen wird. Sollen
Dir aber die Anderen alle die Schönheiten sagen, die dieser
Vortrag verdient, ich werfe mich von jetzt ab aus Ausstellgen
u Vorschläge zur Abänderg, nach Deinem eigenen
Wunsch. -
Es ist doch nicht an einem ganz Kopfschmerzfreien Tag geschrieben, den̄
es hat nicht die Prägnanz u Kürze, mit der Du schreiben
kan̄st. Einzelnes ist entschieden zu lang, z. B. Formes
frustes. Das was zum Barbier soll, habe ich blau angestrichen.
Einige Gelenke habe ich versucht schärfer unter dem Gewebe
herauszuarbeiten. -
Den Vergleich mit der Menièreschen Krankheit kan̄ ich Dir
empfehlen, hoffentlich heißt man die nasale Reflexneurose
bald allgemein die Fliess’sche Krankheit. -
Nun zur sexualen Frage. Ich glaube, man kan̄ sich da
gamehr als
literarischer Geschäftsman̄ gebärden. Wie Du die sex. Aetiologie
bringst, schiebst Du dem Publikum eine Kenntniß zu, die
es doch nur latent besitzt. Es weiß u macht sich nichts wissend.
Preyer, dessen Verdienst ich sehr anerkenne hat doch keinen
Anspruch auf Hervorhebg in solch eiliger Erwähnung. Soweit ich
seine Arbeiten kenne – ich mache es nämlich mit der Literatur
ähnlich wie Du – bleibt er in 2 princip. Punkten zurück. 1) Er
löst die Neurasth auf in einzelne, reflectorisch vermittelte
Magen‑, Darm‑, Blasenbeschwerden usw., dh er ken̄t nicht unsere
aetiol. Formel, er ken̄t nicht neben der direkten Wirkg der
sexuellen Noxe ihre disponirende, die die latente Neurasth
ausmacht. 2) Er leitet die Reflexe von leichten anat. Veränderg
der Genitalien ab anstatt von der Veränderg im Nervensystem
Dabei mag im̄er noch die urethra postica ein ähnliches Reflexorgann
sein wie die Nase. Er schneidet sich doch die Anknüpfg an die
großen Gesichtspunkte weg. -
Ich denke mir, umgehen kan̄st Du die Erwähng der sexuell
Aetiologie der Neur nicht, ohne aus dem Kranz das schönste
Blatt zu reissen. So thu es gleich in der den Verhältnissen
entsprechenden Weise. Kündige die bevorstehenden Untersuchgen
an, gib das anticipirte Resultat für das aus, was es eigentlich
ist für etwas Neues, zeige den Leuten den Schlüßel, der
alles erschließt, die aetiol Formel u wen̄ Du mir
dabei durch Aufnahme einer Bemerkg wie der vom
befreundeten Kollegen einen Platz schaffst
so bin ich sehr erfreut anstatt böse zu sein. Ich habe einen
solchen Passus über die Sex. Dir vorschlagsweise hinge-
schrieben. -
In Betreff der Therapie bei den neur Nasalneuros würde ich
mich nicht zu absprechend äußern. Es kan̄ auch hier Rester-
scheingen geben, die prompt weichen, u wen̄ es reine Fälle
von vasom. Rflxn giebt, so sind vielleicht die rein organischen
Fälle nicht sehr häufig, die Mischfälle vielleicht der Typus.
So denk ich mir’s. -
Aufmerksam werde ich darauf, daß Du verpflichtet bist, eine
Anleitg zur Untersuch und Beurteilg der Nase zu geben
– später einmal, da sich für dies Organ im bescheideneren
Maß eine ähnliche Rolle erwarten läßt wie für den
Augenhintergrund. Hier wie dort vielf organische Veränderg
daneben aber der Blick auf die Cirkulverhätlniße im
Schädelin̄ern! -
Über den Seekadeten bin ich mir nicht klar. Die Masturb hatte er
schon vormittags eingestanden; hast Du herausgebracht, daß
der Anfall direkt nach einem mast. Exzeß war? -
Gewisse Phantasien über die Möglichkeit, Antriebe zur Masturb
von der Nase aus zu unterdrücken, sich solche Antriebe
zu erklären, Anaesthesie aufzuheben udgl, sollten es
nur Phantasien bleiben. -
Nun „Go where glory waits thee."
-
Mit herzlichem Gruß an Dich und Ida
Dein
Sigm Freud -
Kein Misverständniß. Keine Namensnen̄ung! Du hältst mich doch nicht
für so ehrsüchtig.
1893-102F:4
aus
aus
Es sollte hier wohl "auf" heißen.
1893-102F:5
Formes frustes
Formes frustes
Medizinischer Begriff; nicht voll ausgebildetes Krankheitsbild.
1893-102F:6
Menièresche Krankheit
Menièreschen Krankheit
Menièresche Krankheit:
"Morbus Menière ist eine Erkrankung des Innenohres, gekennzeichnet durch: Anfälle von Schwindel (Vertigo), Hörverlust, Phantomgeräusche (Tinnitus, „Ohrensausen“)."
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Morbus_Menière [2026-06-12]
1893-102F:4
Fließ, Wilhelm (1893): Nasale Refelexneurose
Deine Arbeiten
Fließ Wilhelm (1893a): Neue Beiträge zur Klinik und Therapie der nasalen Reflexneurose. Leipzig, Wien: Deuticke.
Fließ Wilhelm (1893b): Die nasale Reflexneurose. In: Verhandlungen des Kongresses für innere Medizin. 12. Kongreß: 384-394.
Fließ Wilhelm (1893c): Die nasale Reflexneurose [Originalreferat] in: Beilage zum Centralblatt für klinische Medizin, Nr. 25, 1983:80.
Fließ, Wilhelm (1893d): Les réflexes d’origine nasale. [Travail lu au Congrès de médecine interne de Wiesbaden]. In: Archives Internationales de laryngologie, 6, 1893:266-296
Schnitzler, Arthur (1893): Rezension zu: Fließ, Wilhelm ›Neue Beiträge zur Klinik und Therapie der nasalen Reflexneurosen‹. In: Internationale klinische Rundschau, 7, 1893:1098.
Chiari, O. (1893): Rezension zu: Fließ, Wilhelm ›Neue Beiträge zur Klinik und Therapie der nasalen Reflexneurosen‹. In: Wiener klinische Wochenschrift, 6, 1893:462.
Schech (1894): Rezension zu: Fließ Wilhelm ›Neue Beiträge zur Klinik und Therapie der nasalen Reflexneurosen‹. In: Münchener medizinische Wochenschrift, 41, 1894:55.
1893-102F:4
12. Kongress für Innere Medizin in Wienbaden, 12.-15. April 1893.
Congreß
1893-102F:4
Congreß
Congreß
1893-102F:7
Peyer, Alexander
Preyer
Freud zitierte hier fälschlich "Preyer".
"William Thierry Preyer (* 4. Juli 1841 in Rusholme bei Manchester, England; † 15. Juli 1897 in Wiesbaden) war ein englischer Physiologe. Er war der erste langjährige Ordinarius für Physiologie in Jena, der das Fach Physiologie an der Jenaer Universität nachdrücklich prägen konnte. Er gehörte mit Rudolf Heidenhain zu den ersten Physiologen, die sich mit Problemen des Hypnotismus befassten."
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/William_Preyer
Hier ist wahrscheinlich Alexander Peyer gemeint, Praktischer Arzt und Publizist, der sich Ende des 19. Jahrhunderts intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen Magen-Darm-Erkrankungen, den Nerven (Neurasthenie) und den Geschlechtsorganen beschäftigte.
Zu seinen Werken zählen:
Peyer, Alexander (1884): Die chronische nervöse oder reflectorische Diarrhoe. Basel: Benno Schwabe.
Peyer, Aleaxander (1889): Asthma und Geschlechtskrankheiten. (Asthma sexuale.). Berlin: Fischer.
Peyer, Alexander - Über Magenaffektionen bei männlichen Genitalleiden., Leipzig, Breitkopf und Härtel, 1890
Peyer, Alexander (1890): Über Magenaffektionen bei männlichen Genitalleiden. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
Peyer, Alexander; Adamkiewicz, Albert (1890): Die Spinalirritation und ihre Beziehung zu den Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane. Wien: W. Braumüller.