Wie die Angst entsteht.
Mit sicherer Hand stellst Du die Frage dort, wo ich den schwachen
Punkt fühle. Ich weiß darüb er also nur folgendes:
Daß die Angst meiner Neurotischen viel mit der Sexualität zu thun
hat, ist mir rasch klar geworden uzw ist mir aufgefallen
mit welcher Sicherheit der an der Frau verübte Coit. interr.
zur Angstneurose führt. Ich bin nun zuerst verschiedene Irrwege
gegangen. Ich dachte, die Angst, an der die Kranken leiden
sei aufzufassen als Fortsetzung der beim sexuell Akt empfundenen
also eigentlich ein hysterisches Symptom. Die Beziehungen zwischen
Angstneurose u Hysterie sind ja manifest genug. Anlaß zur
Angstempfindg beim Coit. interr. könnte zweierlei geben: bei
der Frau die Befürchtg gravid zu werden, beim Man̄ die Sorge
das Kunststück zu verfehlen. Ich überzeugte mich nun an
verschiedenen Fällen, daß Angstneurose auch dort auftrat,
wo von diesen beiden Momenten keine Rede gewesen
war, wo es den Leuten im Grunde nicht wichtig war, ob
sie ein Kind bekom̄en. Also eine fortgesetzte, erin̄erte,
hysterische Angst war die der Angstneurose nicht.
Ein zweiter höchst wichtiger fester Punkt zeigte sich mir durch folgende
Beobachtg: die Angstneurose befällt Frauen die beim Coitus
anaesthetisch sind geradeso wie die empfindlichen. Das ist höchst
merkwürdig, es kan̄ aber nur den Sinn haben, daß die
Quelle der Angst nicht im Psychischen zu suchen ist. Demnach
liegt sie im Physischen, es ist ein physisches Moment des
Sexuallebens, was Angst erzeugt.
Welches aber?
Zu dem Zwecke stelle ich mir die Fälle zusam̄en, in denen ich
Angst aus sexualer Ursache stam̄end fand. Sie erschienen
zunächst recht disparat.
1. Angst bei virginalen Personen (sexuellen Wahrnehmungen u
Mittheilungen, Ahnungen des Sexuallebens); durch zahlreiche
sichere Beispiele bestätigt, beide Geschlechter, Frauen vor-
wiegend. Nicht selten eine Hindeutung auf ein Mittel-
glied, eine erectionsartige Empfindg, die in den Genitalien
entsteht .
2). Angst bei absichtlich abstinenten Personen, Prüden (ein Typus
der Neuropathen). Männer u Frauen, die sich durch Pedanterie
u Reinlichkeitssinn auszeichnen, denen alles Sexuelle ein Gräuel
ist, dieselben Personen neigen zur Verarbeitg der Angst in
Phobien, Zwangshandlungen, Folie de doute.
3). Angst der notgedrungen Abstinenten, Frauen, die vom Manne
vernachlässigt oder wegen mangelnder Potenz nicht befriedigt
werden. Diese Form der Angstneurose mit Sicherheit erwerbbar
in Folge der Nebenumstände mit Neurasth häufig
combinirt.
4). Angst der im coit. interrupt lebenden Frauen, oder was ähnlich
ist, der Frauen, deren Männer vorzeitige Ejaculat haben.
Personen alle, die auf physische Reizg nicht zur Befriedigg
kom̄en.
5). Angst der den coit. interr. übenden Männer, noch mehr
solcher die sich auf man̄igfaltige Art erregen und
die Erection nicht zum Coitus verwerten.
6). Angst der Männer, die über ihre Lust oder Kräfte gehen, ältere
Leute, deren Potenz nachläßt, die aber doch Coitus forciren.
7). Angst der Männer, die gelegentlich abstiniren, jüngere
Män̄er, die ältere Frauen geheiratet haben, or denen ihnen
eigentlich graust, oder der Neurastheniker, die von der
Masturbation abgezogen werden durch geistige Beschäftigung
ohne dafür zu coitiren, oder die bei begin̄ender Potenz-
schwäche in der Ehe wegen der Sensationen post coitum
abstiniren.
In übrigen Fällen war der Zusam̄enhang der Angst
mit dem Sexualleben nicht augenfällig (er kön̄te, theoretisch
hergestellt werden.
Wie ließen sich alle diese Einzelfälle vereinigen! Am
meisten kehrt darin Abstinenz wieder. Durch die Thatsache,
daß auch Anaesthetische auf coit. int. Angst bekom̄en,
belehrt, möchte man sagen, es handelt sich um eine
physische Anhäufung von Erregung, also Anhäufung
physischer sexualer Span̄ung: Die Anhäufg
Folge verhinderter Abfuhr, es ist also die Angstneurose
eine Stauungsneurose wie die Hysterie, daher die
Ähnlichkeit, u da die Angst gar nicht in dem Angehäuften enthalten ist, so drückt man die Thatsache auch so aus, die Angst
ist durch Verwandlung aus der angehäuften sexualen
Span̄ung hervorgegangen.
Eine gleichzeitig erworbene Kenntniß über den Mechanismus
der Melancholie schiebt sich hier ein. Gar besonder häufig sind
die Melancholischen anaesthetisch gewesen, sie haben kein
Bedürfnis (u keine Empfindg) nach dem Coitus, aber große Sehnsucht
nach Liebe in ihrer psychischen Form, man möchte sagen: psychische
Liebesspan̄ung, wo diese sich anhäuft, unbefriedigt bleibt,
entsteht Melancholie. Das wäre das Gegenstück zur
Angstneurose. Wo sich physische Sexualspan̄g anhäuft – Angstneurose.
" " psychische Sexualspan̄g anhäuft – Melancholie.
Warum aber die Verwandlg in Angst bei der Anhäufung?
Da sollte man auf den normalen Mechanismus der Erledigung
angehäufter Span̄ung eingehen. Es handelt sich hier um den
zweiten Fall, den Fall endogener Erregung. Bei exogener Erregung
ist die Sache einfacher. Die Erreggsquelle ist außen u schickt einen
Erregungszuwachs in die Psyche, der nach seiner Quantität erledigt
wird. Es reicht dazu jede Reaktion hin, die die in̄ere psychische Erregung um
dasselbe Quantum vermindert.
Anders bei endogener Span̄ung, deren Quelle im eigenen Körper
liegt (Hunger, Durst, Sexualtrieb) Hier nützen nur specifische Reaktionen,
solche die das weitere Zustandekom̄en der Erregg in den betreffenden
Endorganen verhindern, ob sie mit großem oder geringem Aufwand
zugänglich sind. Man kan̄ sich hier vorstellen, daß die endogene
Span̄ung continuirlich oder discontinuirlich wächst, jedenfalls erst
bemerkt wird, wen̄ sie eine gewisse Schwelle erreicht wird. Erst
von dieser Schwelle an wird sie psychisch verwertet, tritt mit
gewißen Vorstellgsgruppen in Beziehung, welche dann die specifische
Abhilfe veranstalten. Also physisch sexuale Span̄ung erweckt von
gewißem Wert an psychische Libido, die dan̄ den Coitus udgl ein-
leitet. Kan̄ die specif. Reaktion nicht erfolgen, so wächst die
physisch-psychische Spannung (der Sexualaffect) ins Ungemessene,
er wird störend, es ist aber noch im̄er kein Grund zu seiner
Verwandlung. Bei der Angstneurose tritt solche Verwandlung
aber ein, somit taucht jetzt der Gedanke auf, es handle
sich dabei um folgende Entgleisung: die physische Span̄ung
wächst, erreicht ihren Schwellenwert, mit dem sie psychischen Affekt wecken kann, aber aus irgend welchen Gründen bleibt die psychische
Anknüpfung die ihr geboten ist, ungenügend, es kan̄ nicht zur
Bildung eines Sexualaffectes kom̄en, weil es an den psychisch
Bedingungen fehlt, somit verwandelt sich die nicht psychisch
gebundene, physische Span̄ung in – Angst.
Folgt man der Theorie so weit, so muß man fordern, daß bei
der Angstneurose ein Manco an Sexualaffect an psychLibido
zu konstatiren sei. Das wird nun von der Beobachtg bestätigt.
Die Patientin̄en sind alle über den aufgestellten Zusam̄enhang
entrüstet, im Gegentheil, sie haben jetzt gar keine Lust usw
Männer bestätigen es oft als Wahrnehmg, seitdem sie ängstlich,
gar keine sexuelle Lust.
Wir wollen jetzt die Probe machen, ob dieser Mechanismus für die
einzeln aufgezählten Fälle stim̄t:
1). Virginale Angst. Hier ist das Vorstellgsgebiet, der die physische Span̄ung auf-
nehmen soll, noch nicht vorhanden, oder es ist nur ungenügend vor-
handen und es kom̄t psychische Ablehnung als saeculares Erziehgsresultat
hinzu. Stim̄t sehr gut.
2). Angst der Prüden: Hier ist der Fall der Abwehr, direkte psych. Verweigerg
die die Verarbeitg der Sexual Span̄g unmöglich macht. Hier auch der
Fall der häufig Zwangsvorstellgen – Stim̄t sehr gut.
3) Angst der erzwungenen Abstinenz eigentlich dasselbe, da solche Frauen
meist um nicht in Versuchg zu gerathen, psychische Verweigerung
schaffen. Letztere ist hier eine gelegentliche, bei 2) eine principielle
4) Angst des coit. interr bei Frauen. Hier ist Mechanism einfacher.
Es handelt sich um endogene Erregg, die nicht entsteht, sondern erzeugt
wird, aber nicht in dem Maße, daß sie psychischen Affekt wecken könnte.
Es wird künstlich eine Entfremdg zwischen physisch-sexualem Akt u dessen
psychischer Verarbeitg herbeigeführt. Wenn dan̄ die endogene Span̄ung
sich aus eigenem noch steigert, findet sie keine Verarbeitg.
– macht Angst. Hier kan̄ Libido enthalten sein, aber nicht gleichzeitig mit Angst.
Also nach psychischer Verweigerung hier psychische Entfremdung.
. endogen entstandene Span̄g zugeführte Span̄ung
5. Angst des coit. interr oder der Zurückhaltung bei Männern.
Der klarere Fall ist der der Zurückhaltung, coit inter. läßt sich z. Th.
als solche auffassen. Handelt sich wiederum um psych Ablenkung,
indem der Aufmerksamkeit ein anderes Ziel gesetzt u sie von
der Verarbeitung der physisch Span̄ung abgehalten wird.
Die Erklärg des coit. int. ist aber wahrscheinlich einer Verbesserg bedürftig.
6) Angst der abnehmenden Potenz oder der unzureichenden Libido
Was hier nicht Umsetzg der phys. Span̄ung in Angst wegen Senilität ist,
erklärt sich, daß nicht genügend psychische Lust für den einzelnen Akt
aufgebracht werden kann.
7). Angst der degoutierten Männer, der abstinenten Neurastheniker.
Erstere fordert keine neue Erklärg, letztere ist vielleicht eine besondere
abgeschwächte Form v Angstneurosen, da diese sonst nur bei Potenten
ordentlich ausfällt; u hat etwa damit zu thun, daß das neurasth
Nervensystem eine Anhäufg von physisch Span̄g nicht aushält, da
mit der Masturbation die Gewöhng an häufige, vollständige
Span̄ungslosigkeit verbunden ist.
Im ganzen stim̄t es also nicht übel. Wo physische Sexualspan̄g
reichlich entsteht, dieselbe aber nicht durch psych Verarbeitg zum
Affekt werden kann (wegen mangelnder Entwicklg der psychischen
Sexualität, wegen versuchter Unterdrückg derselben [Abwehr], wegen
Zerfall derselben oder gewohnheitsmäßiger Entfremdg der physischen
u psych Sexualität], da verwandelt sich die Sexualspan̄ung in
Angst. Dazu gehört also Anhäufg von phys. Span̄g und Verhinderg
der Abfuhr nach psychischer Seite
Warum aber geschieht die Verwandlg gerade in Angst?
Angst ist die Empfindg der Anhäufg eines anderen endogenen
Reizes, des Reizes zur Atmung, der keine psych Verarbeitg
sonst kennt, könnte also für angehäufte phys. Span̄g überhaupt
in Verwendung kom̄en. Ferner: sieht man die Symptome der
Angstneurose näher an, so findet man den großen Angstanfall auch
zerstückelt in ihr, also: bloße Dyspnoe, bloßes Herzklopfen, bloße
Angstempfindg u Combinationen davon. Genauer zugeschaut,
sind dieß die Innervationswege, welche die physisch-sexuale
Span̄g auch sonst geht, auch wen̄ sie in psychisch Verarbeitg eintritt.
Die Dyspnoe, das Herzklopfen sind die des coitus, hier sozusagen
die einzigen Auswege der Erregung, sonst nur als Nebenabfuhren
in Gebrauch. Es ist wieder eine Art von Conversion bei der
Angstneurose wie bei Hysterie, (wieder die Ähnlichkeit); nur
ist es bei Hysterie psych Erregg, die einen falschen Weg
geht, ausschließlich ins Somatische, hier ist es physische Span̄g,
die nicht in’s psych gehen kan̄ u daher auf phys Weg ver-
bleibt. Das combinirt sich enorm häufig.
Soweit bin ich heute gekom̄en. Es bedarf sehr der
Ausfüllung von Lücken; ich halte es für unvollständig,
es fehlt mir etwas, aber die Grundlage halte ich
für richtig. Natürlich absolut nicht reif zum Verlautbaren.
Suggestionen, Amplificationen, endlich Widerleg-
ungen u Aufklärungen höchst dankbar
aufgenommen.
Mit herzl Gruss
Dein
Sigm Freud