I.
Zur Dynamik der Übertragung.
Von Prof. Dr. Sigm. Freud.
Das schwer zu erschöpfende Thema der „Übertragung“ ist kürzlich in diesem Zentralblatt von W. Stekel in deskriptiver Weise behandelt worden1). Ich möchte nun hier einige Bemerkungen anfügen, die verstehen lassen sollen, wie die Übertragung während einer psychoanalytischen Kur notwendig zustande kommt, und wie sie zu der bekannten Rolle während der Behandlung gelangt.
Machen wir uns klar, dass jeder Mensch durch das Zusammenwirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkungen auf ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigenart erworben hat, wie er das Liebesleben ausübt, also welche Liebesbedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, und welche Ziele er sich setzt2). Das ergibt sozusagen ein Klischee (oder auch mehrere), welches im Laufe des Lebens regelmässig wiederholt, neu abgedruckt wird, insoweit die äusseren Umstände und die Natur der zugänglichen Liebesobjekte es gestatten, welches gewiss auch gegen rezente Eindrücke nicht völlig unveränderlich ist. Unsere Erfahrungen haben nun ergeben, dass von diesen das Liebesleben bestimmenden Regungen nur ein Anteil die volle psychische Entwicklung durchgemacht hat; dieser Anteil ist der Realität zugewendet, steht der bewussten Persönlichkeit zur Verfügung und macht ein Stück von ihr aus. Ein anderer Teil dieser libidinösen Regungen ist in der Entwicklung aufgehalten worden, er ist von der bewussten Persönlichkeit wie von der Realität abgehalten, durfte sich entweder nur in der Phantasie ausbreiten oder ist gänzlich im Unbewussten verblieben, so dass er dem Bewusstsein der Persönlichkeit unbekannt ist. Wessen Liebesbedürftigkeit nun von der Realität nicht restlos befriedigt wird, der muss sich mit libidinösen Erwartungsvorstellungen jeder neu auftretenden Person zuwenden, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass beide Portionen seiner Libido, die bewusstseinsfähige wie die unbewusste an dieser Einstellung Anteil haben.
Es ist also völlig normal und verständlich, wenn die erwartungsvoll bereitgehaltene Libidobesetzung des teilweise Unbefriedigten sich auch der Person des Arztes zuwendet. Unserer Voraussetzung gemäss, wird sich diese Besetzung an Vorbilder halten, an eines der Klischees anknüpfen, die bei der betreffenden Person vorhanden sind oder, wie wir auch sagen können, sie wird den Arzt in eine der psychischen „Reihen“ einfügen, die der Leidende bisher gebildet hat. Es entspricht den realen Beziehungen zum Arzt, wenn für diese Einreihung die Vater-Imago (nach Jung’s glücklichem Ausdruck)3) massgebend wird. Aber die Übertragung ist an dieses Vorbild nicht gebunden, sie kann auch nach der Mutter- oder Bruder-Imago usw. erfolgen. Die Besonderheiten der Übertragung auf den Arzt, durch welche sie über Mass und Art dessen hinausgeht, was sich nüchtern und rationell rechtfertigen lässt, werden durch die Erwägung verständlich, dass eben nicht nur die bewussten Erwartungsvorstellungen, sondern auch die zurückgehaltenen oder unbewussten diese Übertragung hergestellt haben.
Über dieses Verhalten der Übertragung wäre weiter nichts zu sagen oder zu grübeln, wenn nicht dabei zwei Punkte unerklärt blieben, die für den Psychoanalytiker von besonderem Interesse sind. Erstens verstehen wir nicht, dass die Übertragung bei neurotischen Personen in der Analyse soviel intensiver ausfällt als bei anderen, nicht analysierten, und zweitens bleibt es rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die Übertragung als der stärkste Widerstand gegen die Behandlung entgegentritt, während wir sie ausserhalb der Analyse als Trägerin der Heilwirkung, als Bedingung des guten Erfolges anerkennen müssen. Es ist doch eine beliebig oft zu bestätigende Erfahrung, dass, wenn die freien Assoziationen eines Patienten versagen,4) jedesmal die Stockung beseitigt werden kann durch die Versicherung, er stehe jetzt unter der Herrschaft eines Einfalles, der sich mit der Person des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen beschäftigt. Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die des Verschweigens der Einfälle verwandelt.
Es scheint auf den ersten Blick ein riesiger methodischer Nachteil der Psychoanalyse zu sein, dass sich in ihr die Übertragung, sonst der mächtigste Hebel des Erfolges, in das stärkste Mittel des Widerstandes verwandelt. Bei näherem Zusehen wird aber wenigstens das erste der beiden Probleme weggeräumt. Es ist nicht richtig, dass die Übertragung während der Psychoanalyse intensiver und ungezügelter auftritt als ausserhalb derselben. Man beobachtet in Anstalten, in denen Nervöse nicht analytisch behandelt werden, die höchsten Intensitäten und die unwürdigsten Formen einer bis zur Hörigkeit gehenden Übertragung, auch die unzweideutigste erotische Färbung derselben. Eine feinsinnige Beobachterin wie die Gabriele Reuter hat dies zur Zeit, als es noch kaum eine Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buch geschildert, welches überhaupt die besten Einsichten in das Wesen und die Entstehung der Neurosen verrät5). Diese Charaktere der Übertragung sind also nicht auf Rechnung der Psychoanalyse zu setzen, sondern der Neurose selbst zuzuschreiben. Das zweite Problem bleibt vorläufig unangetastet.
Diesem Problem, der Frage, warum die Übertragung uns in der Psychoanalyse als Widerstand entgegentritt, müssen wir nun näher rücken. Vergegenwärtigen wir uns die psychologische Situation der Behandlung: Eine regelmässige und unentbehrliche Vorbedingung jeder Erkrankung an einer Psychoneurose ist der Vorgang, den Jung treffend als Introversion der Libido bezeichnet hat6). Das heisst: Der Anteil der bewusstseinsfähigen, der Realität zugewendeten Libido wird verringert, der Anteil der von der Realität abgewendeten, unbewussten, welche etwa noch die Phantasien der Person speisen darf, aber dem Unbewussten angehört, um so viel vermehrt. Die Libido hat sich (ganz oder teilweise) in die Regression begeben und die infantilen Imagines wiederbelebt7). Dorthin folgt ihr nun die analytische Kur nach, welche die Libido aufsuchen, wieder dem Bewusstsein zugänglich und endlich der Realität dienstbar machen will. Wo die analytische Forschung auf die in ihre Verstecke zurückgezogene Libido stösst, muss ein Kampf ausbrechen; alle die Kräfte, welche die Regression der Libido verursacht haben, werden sich als „Widerstände“ gegen die Arbeit erheben, um diesen neuen Zustand zu konservieren. Wenn nämlich die Introversion oder Regression der Libido nicht durch eine bestimmte Relation zur Aussenwelt (im allgemeinsten: durch die Versagung der Befriedigung) berechtigt und selbst für den Augenblick zweckmässig gewesen wäre, hätte sie überhaupt nicht zustande kommen können. Die Widerstände dieser Herkunft sind aber nicht die einzigen, nicht einmal die stärksten. Die der Persönlichkeit verfügbare Libido hatte immer unter der Anziehung der unbewussten Komplexe (richtiger der dem Unbewussten angehörenden Anteile dieser Komplexe) gestanden und war in die Regression geraten, weil die Anziehung der Realität nachgelassen hatte. Um sie frei zu machen, muss nun diese Anziehung des Unbewussten überwunden, also die seither in dem Individuum konstituierte Verdrängung der unbewussten Triebe und ihrer Produktionen aufgehoben werden. Dies ergibt den bei weitem grossartigeren Anteil des Widerstandes, der ja so häufig die Krankheit fortbestehen lässt, auch wenn die Abwendung von der Realität ihre zeitweilige Begründung wieder verloren hat. Mit den Widerständen aus beiden Quellen hat die Analyse zu kämpfen. Der Widerstand begleitet die Behandlung auf jedem Schritt; jeder einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten muss dem Widerstande Rechnung tragen, stellt sich als ein Kompromiss aus den zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr widerstrebenden, dar.
Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner (entweder als Symptom auffälligen oder auch ganz unscheinbaren) Vertretung im Bewussten gegen seine Wurzel im Unbewussten hin, so wird man bald in eine Region kommen, wo der Widerstand sich so deutlich geltend macht, dass der nächste Einfall ihm Rechnung tragen und als Kompromiss zwischen seinen Anforderungen und denen der Forschungsarbeit erscheinen muss. Hier tritt nun nach dem Zeugnis der Erfahrung die Übertragung ein. Wenn irgend etwas aus dem Komplexstoff (dem Inhalt des Komplexes) sich dazu eignet, auf die Person des Arztes übertragen zu werden, so stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall und kündigt sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa durch eine Stockung, an. Wir schliessen aus dieser Erfahrung, dass diese Übertragungsidee darum vor allen anderen Einfallsmöglichkeiten zum Bewusstsein durchgedrungen ist, weil sie auch dem Widerstande Genüge tut. Ein solcher Vorgang wiederholt sich im Verlaufe einer Analyse ungezählte Male. Immer wieder wird, wenn man sich einem pathogenen Komplex annähert, zuerst der zur Übertragung befähigte Anteil des Komplexes ins Bewusstsein vorgeschoben und mit der grössten Hartnäckigkeit verteidigt.8)
Nach seiner Überwindung macht die der anderen Komplexbestandteile wenig Schwierigkeiten mehr. Je länger eine analytische Kur dauert und je deutlicher der Kranke erkannt hat, dass Entstellungen des pathogenen Materials allein keinen Schutz gegen die Aufdeckung bieten, desto konsequenter bedient er sich der einen Art von Entstellung, die ihm offenbar die grössten Vorteile bringt, der Entstellung durch Über tragung. Diese Verhältnisse nehmen die Richtung nach einer Situation, in welcher schliesslich alle Konflikte auf dem Gebiet der Übertragung ausgefochten werden müssen.
So erscheint uns die Übertragung in der analytischen Kur zunächst immer nur als die stärkste Waffe des Widerstandes, und wir dürfen den Schluss ziehen, dass die Intensität und Andauer der Übertragung eine Wirkung und ein Ausdruck des Widerstandes seien. Der Mechanismus der Übertragung ist zwar durch ihre Zurückführung auf die Bereitschaft der Libido erledigt, die im Besitze infantiler Imagines geblieben ist; die Aufklärung ihrer Rolle in der Kur gelingt aber nur, wenn man auf ihre Beziehungen zum Widerstande eingeht.
Woher kommt es, dass sich die Übertragung so vorzüglich zum Mittel des Widerstandes eignet? Man sollte meinen, diese Antwort wäre nicht schwer zu geben. Es ist ja klar, dass das Geständnis einer jeden verpönten Wunschregung besonders erschwert wird, wenn es vor jener Person abgelegt werden soll, der die Regung selbst gilt. Diese Nötigung ergibt Situationen, die in der Wirklichkeit als kaum durchführbar erscheinen. Gerade das will nun der Analysierte erzielen, wenn er das Objekt seiner Gefühlsregungen mit dem Arzt zusammenfallen lässt. Eine nähere Überlegung zeigt aber, dass dieser scheinbare Gewinn nicht die Lösung des Problems ergeben kann. Eine Beziehung von zärtlicher, hingebungsvoller Anhänglichkeit kann ja anderseits über alle Schwierigkeiten des Geständnisses hinweghelfen. Man pflegt ja unter analogen realen Verhältnissen zu sagen: Vor dir schäme ich mich nicht, dir kann ich alles sagen. Die Übertragung auf den Arzt könnte also ebensowohl zur Erleichterung des Geständnisses dienen, und man verstünde nicht, warum sie eine Erschwerung hervorruft.
Die Antwort auf diese hier wiederholt gestellte Frage wird nicht durch weitere Überlegung gewonnen, sondern durch die Erfahrung gegeben, die man bei der Untersuchung der einzelnen Übertragungswiderstände in der Kur macht. Man merkt endlich, dass man die Verwendung der Übertragung zum Widerstande nicht verstehen kann, solange man an „Übertragung“ schlechtweg denkt. Man muss sich entschliessen, eine „positive“ Übertragung von einer „negativen“ zu sondern, die Übertragung zärtlicher Gefühle von der feindseliger, und beide Arten der Übertragung auf den Arzt gesondert zu behandeln. Die positive Übertragung zerlegt sich dann noch in die solcher freundlicher oder zärtlicher Gefühle, welche bewusstseinsfähig sind, und in die ihrer Fortsetzungen ins Unbewusste. Von den letzteren weist die Analyse nach, dass sie regelmässig auf erotische Quellen zurückgehen, so dass wir zur Einsicht gelangen müssen, alle unsere im Leben verwertbaren Gefühlsbeziehungen von Sympathie, Freundschaft, Zutrauen u. dgl. seien genetisch mit der Sexualität verknüpft und haben sich durch Abschwächung des Sexualzieles aus rein sexuellen Begehrungen entwickelt, so rein und unsinnlich sich sich auch unserer bewussten Selbstwahrnehmung darstellen mögen. Ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte gekannt; die Psychoanalyse zeigt uns, dass die bloss geschätzten oder verehrten Personen unserer Realität für das Unbewusste in uns immer noch Sexualobjekte sein können.
Die Lösung des Rätsels ist also, dass die Übertragung auf den Arzt sich nur insoferne zum Widerstande in der Kur eignet, als sie negative Übertragung oder positive von verdrängten erotischen Regungen ist. Wenn wir durch Bewusstmachen die Übertragung „aufheben“, so lösen wir nur diese beiden Komponenten des Gefühlsaktes von der Person des Arztes ab; die andere bewusstseinsfähige und unanstössige Komponente bleibt bestehen und ist in der Psychoanalyse genau ebenso die Trägerin des Erfolges wie bei anderen Behandlungsmethoden. Insoferne gestehen wir gerne zu, die Resultate der Psychoanalyse beruhen auf Suggestion; nur muss man unter Suggestion das verstehen, was wir mit Ferenczi9) darin finden: die Beeinflussung eines Menschen vermittelst der bei ihm möglichen Übertragungsphänome. Für die endliche Selbständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die Suggestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen Situation zur notwendigen Folge hat.
Es kann noch gefragt werden, warum die Widerstandsphänomene der Übertragung nur in der Psychoanalyse, nicht auch bei indifferenter Behandlung z. B. in Anstalten zum Vorschein kommen. Die Antwort lautet: sie zeigen sich auch dort, nur müssen sie als solche gewürdigt werden. Das Hervorbrechen der negativen Übertragung ist in Anstalten sogar recht häufig. Der Kranke verlässt eben die Anstalt ungeändert oder rückfällig, sobald er unter die Herrschaft der negativen Übertragung gerät. Die erotische Übertragung wirkt in Anstalten nicht so hemmend, da sie dort wie im Leben beschönigt, anstatt aufgedeckt wird; sie äussert sich aber ganz deutlich als Widerstand gegen die Genesung, zwar nicht, indem sie den Kranken aus der Anstalt treibt, – sie hält ihn im Gegenteile in der Anstalt zurück, – wohl aber dadurch, dass sie ihn vom Leben ferne hält. Für die Genesung ist es nämlich recht gleichgiltig, ob der Kranke in der Anstalt diese oder jene Angst oder Hemmung überwindet; es kommt vielmehr darauf an, dass er auch in der Realität seines Lebens davon frei wird.
Die negative Übertragung verdiente eine eingehende Würdigung, die ihr im Rahmen dieser Ausführungen nicht zuteil werden kann. Bei den heilbaren Formen von Psychoneurosen findet sie sich neben der zärtlichen Übertragung, oft gleichzeitig auf die nämliche Person gerichtet, für welchen Sachverhalt Bleuler den guten Ausdruck Ambivalenz geprägt hat10). Eine solche Ambivalenz der Gefühle scheint bis zu einem gewissen Masse normal zu sein, aber ein hoher Grad von Ambivalenz der Gefühle ist gewiss eine besondere Auszeichnung neurotischer Personen. Bei der Zwangsneurose scheint eine frühzeitige „Trennung der Gegensatzpaare“ für das Triebleben charakteristisch zu sein und eine ihrer konstitutionellen Bedingungen darzustellen. Die Ambivalenz der Gefühlsrichtungen erklärt uns am besten die Fähigkeit der Neurotiker, ihre Übertragungen in den Dienst des Widerstandes zu stellen. Wo die Übertragungsfähigkeit im wesentlichen negativ geworden ist, wie bei den Paranoiden, da hört die Möglichkeit der Beeinflussung und der Heilung auf.
Mit allen diesen Erörterungen haben wir aber bisher nur eine Seite des Übertragungsphänomens gewürdigt; es wird erfordert, unsere Aufmerksamkeit einem anderen Aspekt derselben Sache zuzuwenden. Wer sich den richtigen Eindruck davon geholt hat, wie der Analysierte aus seinen realen Beziehungen zum Arzt herausgeschleudert wird, sobald er unter die Herrschaft eines ausgiebigen Übertragungswiderstandes gerät, wie er sich dann die Freiheit herausnimmt, die psychoanalytische Grundregel zu vernachlässigen, dass man ohne Kritik alles mitteilen solle, was einem in den Sinn kommt, wie er die Vorsätze vergisst, mit denen er in die Behandlung getreten war, und wie ihm logische Zusammenhänge und Schlüsse nun gleichgültig werden, die ihm kurz vorher den grössten Eindruck gemacht hatten, der wird das Bedürfnis haben, sich diesen Eindruck noch aus anderen als den bisher angeführten Momenten zu erklären, und solche liegen in der Tat nicht ferne; sie ergeben sich wiederum aus der psychologischen Situation, in welche die Kur den Analysierten versetzt hat.
In der Aufspürung der dem Bewussten abhanden gekommenen Libido ist man in den Bereich des Unbewussten eingedrungen. Die Reaktionen, die man erzielt, bringen nun manches von den Charakteren unbewusster Vorgänge mit ans Licht, wie wir sie durch das Studium der Träume kennen gelernt haben. Die unbewussten Regungen wollen nicht erinnert werden, wie die Kur es wünscht, sondern sie streben danach, sich zu reproduzieren, entsprechend der Zeitlosigkeit und der Halluzinationsfähigkeit des Unbewussten. Der Kranke spricht ähnlich wie im Traum den Ergebnissen der Erweckung seiner unbewussten Regungen Gegenwärtigkeit und Realität zu; er will seine Leidenschaften agieren, ohne auf die reale Situation Rücksicht zu nehmen. Der Arzt will ihn dazu nötigen, diese Gefühlsregungen in den Zusammenhang der Behandlung und in den seiner Lebensgeschichte einzureihen, sie der denkenden Betrachtung unterzuordnen und nach ihrem psychischen Wert zu erkennen. Dieser Kampf zwischen Arzt und Patienten, zwischen Intellekt und Triebleben, zwischen Erkennen und Agierenwollen spielt sich fast ausschliesslich an den Übertragungsphänomenen ab. Auf diesem Felde muss der Sieg gewonnen werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist. Es ist unleugbar, dass die Bezwingung der Übertragungsphänomene dem Psychoanalytiker die grössten Schwierigkeiten bereitet, aber man darf nicht vergessen, dass gerade sie uns den unschätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen und vergessenen Liebesregungen der Kranken aktuell und manifest zu machen, denn schliesslich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden.
1)Jahrg. II. Nr. II, S. 26.
2)Verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den missverständlichen Vorwurf, als hätten wir die Bedeutung der angeborenen (konstitutionellen) Momente geleugnet, weil wir die der infantilen Eindrücke hervorgehoben haben. Ein solcher Vorwurf stammt aus der Enge des Kausalbedürfnisses der Menschen, welches sich im Gegensatz zur gewöhnlichen Gestaltung der Realität mit einem einzigen verursachenden Moment zufrieden geben will. Die Psychoanalyse hat über die akzidentellen Faktoren der Ätiologie viel, über die konstitutionellen wenig geäussert, aber nur darum, weil sie zu den ersteren etwas Neues beibringen konnte, über die letztteren hingegen zunächst nicht mehr wusste, als man sonst weiss. Wir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen beiden Reihen von ätiologischen Momenten zu statuieren; wir nehmen vielmehr ein regelmässiges Zusammenwirken beider zur Hervorbringung des beobachteten Effekts an. Δαιμων και Τυχη bestimmen das Schicksal eines Menschen; selten, vielleicht niemals, eine dieser Mächte allein. Die Aufteilung der ätiologischen Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde Grössen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiss auch ihre extremen Fälle haben. Je nach dem Stande unserer Erkenntnis werden wir den Anteil der Konstitution oder des Erlebens im Einzelfalle anders einschätzen und das Recht behalten, mit der Veränderung unserer Einsichten unser Urteil zu modifizieren. Übrigens könnte man es wagen, die Konstitution selbst aufzufassen als den Niederschlag aus den akzidentellen Einwirkungen auf die unendlich grosse Reihe der Ahnen.
3)Symbole und Wandlungen der Libido. Jahrbuch für Psychoanalyse III. S. 164.
4)Ich meine, wenn sie wirklich ausbleiben, und nicht etwa infolge eines banalen Unlustgefühles von ihm verschwiegen werden.
5)Aus guter Familie 1895.
6)Wenngleich manche Äusserungen Jung’s den Eindruck machen, als sehe er in dieser Introversion etwas für die Dementia praecox Charakteristisches, was bei anderen Neurosen nicht ebenso in Betracht käme.
7)Es wäre bequem zu sagen: Sie hat die infantilen „Komplexe“ wieder besetzt. Aber das wäre unrichtig; einzig zu rechtfertigen wäre die Aussage: Die unbewussten Anteile dieser Komplexe. – Die ausserordentliche Verschlungenheit des in dieser Arbeit behandelten Themas legt die Versuchung nahe, auf eine Anzahl von anstossenden Problemen einzugehen, deren Klärung eigentlich erforderlich wäre, ehe man von den hier zu beschreibenden psychischen Vorgängen in unzweideutigen Worten reden könnte. Solche Probleme sind: Die Abgrenzung der Introversion und der Regression gegen einander, die Einführung der Komplexlehre in die Libidotheorie, die Beziehungen des Phantasierens zum Bewussten und Unbewussten wie zur Realität u. a. Es bedarf keiner Entschuldigung, wenn ich an dieser Stelle diesen Versuchungen widerstanden habe.
8)Woraus man aber nicht allgemein auf eine besondere pathogene Bedeutsamkeit des zum Übertragungswiderstand gewählten Elementes schliessen darf. Wenn in einer Schlacht um den Besitz eines gewissen Kirchleins oder eines einzelnen Gehöfts mit besonderer Erbitterung gestritten wird, braucht man nicht anzunehmen, dass die Kirche etwa ein Nationalheiligtum sei, oder dass das Haus den Armeesschatz berge. Der Wert der Objekte kann ein blos taktischer sein, vielleicht nur in dieser einen Schlacht zur Geltung kommen.
9)Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrbuch für Psychoanalyse. Band I, 1909.
10)E. Bleuler: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien in Aschaffenburg’s Handbuch der Psychiatrie, 1911. – Vortrag über Ambivalenz in Bern 1910, referiert in diesem Zentralblatt I, p. 266. – Für die gleichen Phänomene hatte W. Stekel vorher die Bezeichnung „Bipolarität“ vorgeschlagen.