1. Sitzung am 12. Oktober 1921. Hans Prinzhorn: Über Zeichnungen Geisteskranker und Primitiver 1921-514/1921.2

Reik, Theodor (1921-514/1921.2): 1. Sitzung am 12. Oktober 1921. Hans Prinzhorn: Über Zeichnungen Geisteskranker und Primitiver

Zurück zum Werk
S.

Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung   529

 


Wiener Psychoanalytische Vereinigung.

E r s t e  S i t z u n g  a m  12.  O k t o b e r  1921.

Dr. Prinzhorn (Heidelberg), Gastvortrag „Ü b e r  Z e i c h n u n g e n
G e i s t e s k r a n k e r  u n d  P r i m i t i v e r“. Der Vortragende legt eine Samm-
lung spontan entstandener Bilder ungeübter Geisteskranker aus der psychiatri-
schen Klinik in Heidelberg vor. Es sind Gestaltungsversuche frei von Tradition
und Schule; die Zeichner sind zu 75 Prozent Schizophrene. Viele der Zeichnungen
sind symbolische Bildwerke. Der Vortragende wirft die Frage auf, ob Beziehungen
zwischen Geisteskranken und Künstlern bestehen. Die Hauptquellen der Dar-
stellungen sind Erotik und Religion, oft in blasphemischer Ausdrucksweise.
Stofflich erscheint Vorliebe für symbolische und wahnhafte Beziehungen, formal
ein Überwuchern der Darstellungsmittel. Manche Bilder sind selbstgehaltene
Zustandsbilder. Das Weltgefühl des Geisteskranken ist auch für den Künstler
charakteristisch: Freude am Spiel, Hinwendung auf das eigene Ich, Willkür
und Selbstsicherheit. Es entsteht die Frage, ob die Krankheit neue Begabungen
erzeugt oder vorhandene nur erweckt. Man muß mit einem produktiven Faktor
im Fortschreiten des psychotischen Zustandes rechnen.

Vortragender weist auf die gegenwärtige Kunst hin, die besondere
Beziehungen zu den Bildern der Geisteskranken zeigt und versucht die
Unterschiede zum produktiven Künstler hervorzuheben. Dem Geisteskranken
ist die Entfremdung von der Realwelt als Zwang auferlegt, die vom Künstler
bewußt durchgeführt wird. Sich selbst genug, niemandem verpflichtet, haben
die Geisteskranken produziert. Die Bildnerei der Geisteskranken ist der
Zeitkunst so verwandt, weil sie auf der Sehnsuchtslinie liegt. Die Fähigkeit
zu bildnerischen Gestaltungen ist in einem gewissen Ausmaße jedem gegeben.

Vortragender weist auf die Verwandtschaft der primitiven Kunst mit der
Geisteskranker hin, namentlich auf die mann-weiblichen Figuren, die starre
Haltung und den grotesken Zug. Bei manchen Bildern kann man zweifeln, ob
sie von Geisteskranken oder Wilden herrühren. Vortragender spricht dann über
die Neuorientierung in der Völkerpsychologie, die sich von der alten intellek-
tualistischen Ausdeutung entfernt und meint, daß die enge Verwandtschaft
zwischen primitiver Kunst und der von Geisteskranken für die Existenz von
Elementargedanken spreche.

An der Diskussion beteiligten sich: Federn, Nunberg, Schilder,
Pötzl, Rank, Reik, Freud.

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII/4. 35