15. Vortragsabend am 18. Januar 1911. Herbert Silberer: Magisches und Anderes 1911-503//1911-764

Rank, Otto (1911-503//1911-764): 15. Vortragsabend am 18. Januar 1911. Herbert Silberer: Magisches und Anderes

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                                                                                         Aus Vereinen und Versammlungen.                                                  271

    handle sich bei der Angst nicht um Mangel an Einsicht und Logik, sondern um
    pathologische Assoziationen und eine abnorme Erregbarkeit der vasomotorisch-
    viszeralen und sekretorischen Nervenvorgänge. Dafür spreche das Vorkommen
    organisch bedingter Angst (Angina pectoris), die anderen Symptome der vasomoto-
    rischen Diathese und die Bedeutung des sogenannten Abreagierens.
    Therapie: Ablenkung, Entfernung aus der Häuslichkeit, antineurasthenische
    Allgemeinbehandlung, Brom, Valviana, Opium, Hyoscin, Vasotonin, Digitalis usw.
    In der Diskussion schlägt Raimann (Wien) vor, die Fälle von Schädigungen
    durch Psychoanalyse zu sammeln. Die Anhänger Freud’s halten seinen Lehre ge-
    schadet. Stranzky (Wien) verteidigt das Vorgehen von DuBois und erkennt
    auch — bei aller masslosen Übertreibung der Anhänger Freud’s — dessen Lehren
    einen Kern von Berechtigung zu. (Nach dem Berichte in der „Monatsschrift für
    Psychologie und Neurologie.“ Heft 6. Dezember 1910).
    Eine Kritik dieser Ausführungen kann erst erfolgen, bis die Vorträge im
    Originale vorliegen.                                                                      Stekel.


    Sitzungsberichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

    12. Vortragsabend, am 21. Dezember 1910.

    Dr. J. Sadger: Über sexualsymbolische Verwertung des Kopf-
    schmerzes.

    Redner führt aus, dass alle jene Kopfschmerzformen, die nicht irgendwie
    organisch oder toxisch bedingt sind, sich aber durch Hartnäckigkeit und Unkurier-
    barkeit auszeichnen, den Verdacht auf sexualsymbolische Besetzung wecken und
    von dieser Seite aus psychoanalytisch zu heilen sind, was an einer Reihe von Fällen
    erläutert wird.

    13. Vortragsabend, am 4. Januar 1911:

    Dr. Alfred Adler: Einige Probleme der Psychoanalyse.

    Der Vortragende spricht zunächst über die Rolle der Sexualität in der
    Neurose und kommt zu dem an Hand eines Beispiels illustrierten Ergebnis,
    dass alles, was uns der Neurotiker an Libido zeige, nicht echt sei. Die Sexualität
    komme in dieser Form in die Neurose dadurch, dass sie frühzeitig geweckt und
    durch die Minderwertigkeit gewisser Organe gereizt, vom gesteigerten männlichen
    Protest als riesenhaft empfunden wird, damit der Patient sich rechtzeitig sichert
    oder sie entwertet.

    14. Vortragsabend, am 11. Januar 1911.

    Frau Dr. Hilferding: Zur Grundlage der Mutterliebe.

    Ausgehend von der ziemlich häufigen Erscheinung der mangelnden Mutterliebe,
    ja der mitunter direkt feindseligen Haltung der Mutter gegen ihr Kind (Kindesmord,
    Kindesmisshandlung) kommt Referentin zu dem Schluss, dass es keine angeborene
    Mutterliebe gebe, dass aber doch durch die körperlich-sexuellen Zusammenhänge,
    die zwischen Mutter und Kind bestehen (die Kindesbewegungen, Pflege, Stillen) stets
    die
    Mutterliebe erworben werden kann und also bei den folgenden Kindern doch in ge-
    wissem Sinne als angeboren gelten könne. Auf Grund dieser körperlich-sexuellen
    Zusammenhänge stelle das Kind in der Zeit nach der Entbindung das natürliche
    Sexualobjekt der Mutter dar, und wenn wir beim Kinde einen Ödipuskomplex an-

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    272                                                                                      Varia.

    nehmen, so nimmt er seinen Ursprung in der Geschlechtsreizung durch die Mutter
    und findet sein Korrelat in entsprechenden Sexualempfindungen der Mutter.

    15. Vortragsabend am 18. Januar 1911.

    Herbert Silberer: Magisches und Anderes.

    Die Magie, aus deren engerem Zweige sich unsere exakte Naturwissenschaft
    entwickelt hat, ist nicht bloss Erkenntnis verborgener Naturgesetze, sondern eine
    Art Dynamisierung psychischer Kräfte und zerfällt, je nachdem deren Wirkungen
    innerliche oder äussere sind, in zwei grosse Gruppen. Zum Verständnis der ersten
    Gruppe zieht Redner den von ihm in den „Arbeiten Jahrbuch, Bd. I u. II“ ent-
    wickelten Gesichtspunkt des funktionalen Phänomens heran, wonach sich nicht nur
    Vorstellungsinhalte sondern auch die jeweilige Funktionsweise des Bewusstseins in
    ein anschauliches Bild, in ein Symbol umsetzt. Im Verlaufe seiner Ausführungen,
    die sich mit der mythologischen Projektion, der Trugmodalität, der Persönlichkeits-
    spaltung u. a. beschäftigen, referiert Redner eine Arbeit von Staudenmaier,
    Versuch zur Begründung einer experimentellen Magie (Oswalds Annalen der
    Naturphilosophie, Bd. IX, 1910) und ein Buch von Camilla Luzerna über das
    Märchen von Goethe, wo sich ähnliche Gesichtspunkte angedeutet finden.
                                                                                         Rank.


    Varia.

    Zur Psychologie der Askese und zum Verständnis mancher komplizierter
    Seelenvorgänge bei Lenau, dürfte das folgende Gedicht von Interesse sein:

    Die Asketen.

                          O spottet nicht der traurigen Asketen,
                          Dass sie den Leib mit scharfen Leinen plagen,
                          Die süssen Erdenfreuden sich versagen,
                          Die flüchtigen, nur allzu schnell verwelten!
                          Selbst solchen, die das Futter gierig mähten,
                          Satt den verlornen Paradieses Klagen,
                          Hat eine Scham von Herzen stets geschlagen,
                          Die, abgewandt, die Weide nur verschmähten.
                          Ein schüchternes Gefühl: „wir sind gefallen!“
                          Hält sie vom lauten Freudenmarkt zurück,
                          Heisst sie den Pfad einsamer Dornen wallen,
                          Es widmet ihr Ernst, wenn sie vorüberstreifen
                          An einem unverblümten Erdenblick:
                          Die Scham verbietet, keck danach zu greifen.

    Dr. W. St.

    Welch hohe Wertung und welch tiefes Verständnis Hebbel den
    Träumen entgegenbrachte, zeigen folgende Stellen seines Tagebuches:
     

    „Wenn sich ein Mensch entschliessen könnte, alle seine Träume, ohne Unter-
    schied, ohne Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit und unter Hinzufügung eines

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