Rank, Otto (1911-510//1911-769): 22. Sitzung, am 8. März 1911: Bernhard Dattner: Psychoanalytische Probleme in Dostojewskis Raskolnikow.
S.
Aus Vereinen und Versammlungen. 427
Übrigens muss sehr energisch betont werden, dass man auf diese
Weise niemals wissenschaftliche Statistik machen darf. Es ist selbst-
verständlich, dass auch durch eine Psychoanalyse viele Neurotische
nicht geheilt werden können, so z. B. diejenigen, die nicht geheilt
werden wollen. Die Ungeheilten kommen wieder zum Arzt, nicht die
Geheilten, und die letzteren haben gerade in diesem Falle sehr ge-
wichtige Gründe, nichts von ihrer Kur verlauten zu lassen.
Interessant ist, dass Bunnemann eine Psychoanalyse bei der
Therapie der Angstanfälle ebenfalls nützlich fand, allerdings nicht die
Freud’sche, sondern eine andere, die ausserhalb der Sexualität nach
psychischen Ursachen sucht; es muss nach ihm „der unbewusste Vor-
stellungskomplex bewusst, der Zusammenhang zwischen diesem und
den Symptomen dem Patienten glaubhaft gemacht werden“, worauf
erst die Gegensuggestionen wirksam, dass ein angeführter Fall von
Heilung ist sehr hübsch: Ein Herr konnte im Sitzen keine geistige
Arbeit verrichten ohne heftige Angst, weil ihm einmal ein Arzt Angst
vor der Bluthure im Gehirn gemacht hatte. Er scheint geheilt zu sein
durch Bunnemann’s Psychoanalyse.
Bleuler, Burghölzli.
Wiener psychoanalytische Vereinigung.
21. Sitzung, am 1. März 1911:
Prof. Freud: Materialen zur Traumlehre.
Es werden zwei neue Sexualsymbole (die Krawatte als männliches, das Holz
als weibliches) des Träumen erwiesen, ferner einige technische Kunstgriffe zur
Symbolik (Ort, an dem man schon einmal war) wie zur Umkehrungsdeutung (doppelte
Umkehrung) gegeben, und endlich drei Beispiele auf die Annahme Freud’s hin
geprüft, dass das Material des Traumes vor einem periodischen Zeitintervall er-
lebt wurde. Die ausführliche Analyse ergibt in zwei Fällen allerdings ein periodisches
Intervall, aber die Ereignisse des Traumtages determinieren das Traummaterial in
völlig ausreichender Weise, so dass der Einfluss der periodischen Tätigkeit sehr
zweifelhaft bleibt.22. Sitzung, am 8. März 1911:
Bernhard Dattner: Psychoanalytische Probleme in
Dostojewskis Raskolnikow.Der Vortragende betrachtet, unter psychoanalytischer Verwertung des Traumes,
den Raskolnikow vor dem Morde hat und der den Anstoss zur Tat gibt, den von
dem Helden vollführten Mord aus drei Gesichtspunkten: 1. aus welchen Motiven
er die Tat begehen wollte, 2. aus welchen Motiven er selbst sie begangen zu
haben glaubt, und 3. aus welchen Motiven er sie wirklich begangen hat. Er
kommt zu dem Schluss, dass sowohl das Motiv des sozialen Mitleids als auch die
grossmannssüchtige Identifizierung mit Napoleon hinter dem eigentlichen Motiv
zurücktreten müsse, das dem Mutter-Schwesterkomplex entstamme.23. Sitzung, am 15. März 1911:
Dr. Friedrich S. Krauss als Gast: Das Mieder in Sitte und
Brauch der Völker.29*
S.
428 Aus Vereinen und Versammlungen.
Von der Tatsache des Miederfetischismus ausgehend erläutert der Vortragende
aus einem reichen folkloristischen Material, dass nicht nur die Schlankheit des
Frauenleibes, die Taille, sondern in noch viel höherem Grade die Fettleibigkeit der
Frau bei den meisten Völkern dem Idealtypus entspreche. Von dem Gesichtspunkte,
dass das Mieder nicht so sehr der Frau als dem Manne unentbehrlich sei, indem
es ihm die sekundären Geschlechts-Charakteren des Liebeobjekten in sinnlicher
Weise darbiete, glaubt der Vortragende für die Mieder als Schönheitsmittel der
Frau und damit als Kulturfaktor eintreten zu sollen.24. Sitzung, am 22. März 1911:
Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mit-
teilungen.1. Frau Dr. Hilferding: Über einen Fall von hysterischem Erbrechen.
2. Dr. Sachs: Deutung eines Traumes auf Grund der symbolischen Bedeu-
tung der Krawatte.
3. Dr. D. E. Oppenheim: Zwei psychoanalytisch interessante Dichter-
stellen:
a) aus Lenaus Faust,
b) aus Dostojewskis Roman: Ein Werdennder.
4. Dr. J. Sadger: Über Mondsucht und Nachtwandeln. — Über die Mastur-
bationsphantasien.25. Vortragsabend, am 29. März 1911:
Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mit-
teilungen.5. Dr. Furtmüller: Eine Knabenphantasie Goethes.
6. Dr. Hitschmann: Über Nachwirkungen der Träume und Beeinflussung
des Wachzustandes durch dieselben. — Über die Beziehung von Traum und
Dichtung.
7. G. Grüner: Psychoanalytische Betrachtungen eines Witzes.
8. Dr. R. Reitler: Über Leonardo da Vincis „Anatomische Darstellung des
Geschlechtsaktes“. — Über tendenziöses Vergessen.
9. Dr. D. Oppenheim: Über ein Detail des Osirismythos. — Material zur
Frage des Ödipusmythos. Rank.
Aus der Sitzung der neurologisch-psychiatrischen Sektion der
Warschauer Gesellschaft der Ärzte.Die am 7. Mai 1910 in der Warschauer Gesellschaft der Ärzte
abgehaltene Sitzung der neurologisch-psychiatrischen Sektion war
ausschließlich dem Thema „Hysterie“ gewidmet.
Zwei der Referenten Dr. Jaroszynski und Sterling, besprachen
dabei ausführlich die Freud’sche Neurosenlehre. Während sich jedoch Jaros-
zynski darauf beschränkte, die Freud’sche Theorie mit denen von Babinski
und Janet in ihrer therapeutischen Wirksamkeit zu vergleichen, wobei er ihr als
einer kausalen und prophylaktischen, einen Vorzug einräumte, hat Sterling die
Freud’sche Neurosenlehre ausführlicher besprochen. Die Mängel dieser Lehre,
die er eine der kühnsten psychologischen Verallgemeinerungen der letzten Zeit
nannt, — erblickt Sterling in der willkürlichen Auffassung der Symptome als```