25. Vortragsabend, am 29. März 1911: Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen 1911-513//1911-769

Rank, Otto (1911-513//1911-769): 25. Vortragsabend, am 29. März 1911: Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen

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                                                                                         Aus Vereinen und Versammlungen.                                                  427

    Übrigens muss sehr energisch betont werden, dass man auf diese
    Weise niemals wissenschaftliche Statistik machen darf. Es ist selbst-
    verständlich, dass auch durch eine Psychoanalyse viele Neurotische
    nicht geheilt werden können, so z. B. diejenigen, die nicht geheilt
    werden wollen. Die Ungeheilten kommen wieder zum Arzt, nicht die
    Geheilten, und die letzteren haben gerade in diesem Falle sehr ge-
    wichtige Gründe, nichts von ihrer Kur verlauten zu lassen.
    Interessant ist, dass Bunnemann eine Psychoanalyse bei der
    Therapie der Angstanfälle ebenfalls nützlich fand, allerdings nicht die
    Freud’sche, sondern eine andere, die ausserhalb der Sexualität nach
    psychischen Ursachen sucht; es muss nach ihm „der unbewusste Vor-
    stellungskomplex bewusst, der Zusammenhang zwischen diesem und
    den Symptomen dem Patienten glaubhaft gemacht werden“, worauf
    erst die Gegensuggestionen wirksam, dass ein angeführter Fall von
    Heilung ist sehr hübsch: Ein Herr konnte im Sitzen keine geistige
    Arbeit verrichten ohne heftige Angst, weil ihm einmal ein Arzt Angst
    vor der Bluthure im Gehirn gemacht hatte. Er scheint geheilt zu sein
    durch Bunnemann’s Psychoanalyse.
                                                                                         Bleuler, Burghölzli.


    Wiener psychoanalytische Vereinigung.

    21. Sitzung, am 1. März 1911:

    Prof. Freud: Materialen zur Traumlehre.

    Es werden zwei neue Sexualsymbole (die Krawatte als männliches, das Holz
    als weibliches) des Träumen erwiesen, ferner einige technische Kunstgriffe zur
    Symbolik (Ort, an dem man schon einmal war) wie zur Umkehrungsdeutung (doppelte
    Umkehrung) gegeben, und endlich drei Beispiele auf die Annahme Freud’s hin
    geprüft, dass das Material des Traumes vor einem periodischen Zeitintervall er-
    lebt wurde. Die ausführliche Analyse ergibt in zwei Fällen allerdings ein periodisches
    Intervall, aber die Ereignisse des Traumtages determinieren das Traummaterial in
    völlig ausreichender Weise, so dass der Einfluss der periodischen Tätigkeit sehr
    zweifelhaft bleibt.

    22. Sitzung, am 8. März 1911:

    Bernhard Dattner: Psychoanalytische Probleme in
    Dostojewskis Raskolnikow.

    Der Vortragende betrachtet, unter psychoanalytischer Verwertung des Traumes,
    den Raskolnikow vor dem Morde hat und der den Anstoss zur Tat gibt, den von
    dem Helden vollführten Mord aus drei Gesichtspunkten: 1. aus welchen Motiven
    er die Tat begehen wollte, 2. aus welchen Motiven er selbst sie begangen zu
    haben glaubt, und 3. aus welchen Motiven er sie wirklich begangen hat. Er
    kommt zu dem Schluss, dass sowohl das Motiv des sozialen Mitleids als auch die
    grossmannssüchtige Identifizierung mit Napoleon hinter dem eigentlichen Motiv
    zurücktreten müsse, das dem Mutter-Schwesterkomplex entstamme.

    23. Sitzung, am 15. März 1911:

    Dr. Friedrich S. Krauss als Gast: Das Mieder in Sitte und
    Brauch der Völker.

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    Von der Tatsache des Miederfetischismus ausgehend erläutert der Vortragende
    aus einem reichen folkloristischen Material, dass nicht nur die Schlankheit des
    Frauenleibes, die Taille, sondern in noch viel höherem Grade die Fettleibigkeit der
    Frau bei den meisten Völkern dem Idealtypus entspreche. Von dem Gesichtspunkte,
    dass das Mieder nicht so sehr der Frau als dem Manne unentbehrlich sei, indem
    es ihm die sekundären Geschlechts-Charakteren des Liebeobjekten in sinnlicher
    Weise darbiete, glaubt der Vortragende für die Mieder als Schönheitsmittel der
    Frau und damit als Kulturfaktor eintreten zu sollen.

    24. Sitzung, am 22. März 1911:

    Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mit-
    teilungen.

    1. Frau Dr. Hilferding: Über einen Fall von hysterischem Erbrechen.
    2. Dr. Sachs: Deutung eines Traumes auf Grund der symbolischen Bedeu-
    tung der Krawatte.
    3. Dr. D. E. Oppenheim: Zwei psychoanalytisch interessante Dichter-
    stellen:
                 a) aus Lenaus Faust,
                 b) aus Dostojewskis Roman: Ein Werdennder.
    4. Dr. J. Sadger: Über Mondsucht und Nachtwandeln. — Über die Mastur-
    bationsphantasien.

    25. Vortragsabend, am 29. März 1911:

    Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mit-
    teilungen.

    5. Dr. Furtmüller: Eine Knabenphantasie Goethes.
    6. Dr. Hitschmann: Über Nachwirkungen der Träume und Beeinflussung
    des Wachzustandes durch dieselben. — Über die Beziehung von Traum und
    Dichtung.
    7. G. Grüner: Psychoanalytische Betrachtungen eines Witzes.
    8. Dr. R. Reitler: Über Leonardo da Vincis „Anatomische Darstellung des
    Geschlechtsaktes“. — Über tendenziöses Vergessen.
    9. Dr. D. Oppenheim: Über ein Detail des Osirismythos. — Material zur
    Frage des Ödipusmythos.                                                              Rank.


    Aus der Sitzung der neurologisch-psychiatrischen Sektion der
    Warschauer Gesellschaft der Ärzte.

    Die am 7. Mai 1910 in der Warschauer Gesellschaft der Ärzte
    abgehaltene Sitzung der neurologisch-psychiatrischen Sektion war
    ausschließlich dem Thema „Hysterie“ gewidmet.
    Zwei der Referenten Dr. Jaroszynski und Sterling, besprachen
    dabei ausführlich die Freud’sche Neurosenlehre. Während sich jedoch Jaros-
    zynski darauf beschränkte, die Freud’sche Theorie mit denen von Babinski
    und Janet in ihrer therapeutischen Wirksamkeit zu vergleichen, wobei er ihr als
    einer kausalen und prophylaktischen, einen Vorzug einräumte, hat Sterling die
    Freud’sche Neurosenlehre ausführlicher besprochen. Die Mängel dieser Lehre,
    die er eine der kühnsten psychologischen Verallgemeinerungen der letzten Zeit
    nannt, — erblickt Sterling in der willkürlichen Auffassung der Symptome als

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