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| Nr. 24506 | Wien, Samstag | Neue Freie Presse | 3. September 1932 |
II
Chronikbeilage
der „Neuen Freien Presse“
Aufklärungen, Anwen-
dungen, Orientierungen.
Von Professor Sigmund Freud.
Wir veröffentlichen nachstehend mit Ge-
nehmigung des Internationalen Psychoana-
lytischen Verlages in Wien einen Abschnitt
aus dem eben erscheinenden neuen Buche
Sigmund Freuds: „Neue Folge der
Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse“.
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Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozusagen Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwarten |
Nun erwarten Sie aber nicht, die diese Vorschau zu hören, der Kampf um die Analyse sei zu Ende und hätte mit ihrer Anerkennung als Wissenschaft, ihrer Zulassung als Lehrstoff zur Universität geendet. Es ist keine Rede davon, er setzt sich fort, nur in mehr gesitteten Formen. Nun ist auch, daß sich in der wissenschaftlichen Gesellschaft eine Art von Pufferschicht zwischen der Analyse und ihren Gegnern gebildet hat, Leute, die etwas an der Analyse gelten lassen, es aber unter rechtgläubigen Vorbehaltsäußerungen bestreiten, darüber andrerseits ablehnen, wie sie nicht laut genug verkünden können. Was sie bei dieser Auswahl bestimmt hat, ist nicht leicht zu erraten. Es scheinen persönliche Sympathien zu sein. Der eine nimmt Anstoß an der Sexualität, der andere am Unbewußten; be- sonders unbeliebt scheint die Tatsache des Symbolik zu sein. Das Gebäude der Psychoanalyse, obwohl unfertig, doch schon heute eine Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach Belieben Willkür Elemente herausbrechen kann, scheint für diese Eklektiker nicht in Betracht zu kommen. Von keinem dieser Halb- oder Viertelsanhänger könnte ich den Eindruck be- kommen, daß ihre Ablehnung auf Nachprüfung begründet war. Auch manche hervorragende Männer gehören zu dieser Kategorie. Sie sind freilich entschuldigt durch die Tatsache, daß ihre Zeit wie ihr Interesse anderen Dingen gehören, nämlich jenen, in deren Bewältigung sie so Bedeutendes er- leistet haben. Aber sollten sie dann nicht lieber mit ihrem Ur- teil zurückhalten, anstatt so entschieden Partei zu nehmen? Bei einem dieser Großen gelang mit einmal eine rasche Be- kehrung. Es war ein weltberühmter Kritiker, der den geistigen Strömungen der Zeit mit wohlwollendem Ver- ständnis und prophetischem Scharfblick gefolgt war. Ich lernte ihn erst kennen, als er das achtzigste Jahr überschritten hatte, aber er war noch immer bezaubernd im Gespräch. Sie werden leicht erraten, wen ich meine. Ich war es auch nicht, der auf die Psychoanalyse zu reden kam. Er tat es, indem er sich auf die bescheidenste Weise an mir maß. „Ich bin nur ein Literat“, sagte er, „aber Sie sind ein Naturforscher und Entdecker. Aber das eine muß ich Ihnen sagen: Ich habe nie sexuelle Gefühle für meine Mutter gehabt.“ „Aber das brauchen Sie ja gar nicht gewußt zu haben“, war meine Er- widerung, „das sind ja für den Erwachsenen unbewußte Vor- gänge.“ „Ach, so meinen Sie das“, sagte er erleichtert und drückte meine Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im besten Einvernehmen. Ich hörte später, daß er in dem kurzen Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt freund- lich über die Analyse äußerte und gerne das ihm neue Wort „Verdrängung“ gebrauchte. |