Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 1933-001/1932.2

Freud, Sigmund (1933-001/1932.2): Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen

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S.
Nr. 24506 Wien, Samstag Neue Freie Presse 3. September 1932

II

Chronikbeilage
der „Neuen Freien Presse“

Aufklärungen, Anwen-
dungen, Orientierungen.

Von Professor Sigmund Freud.

Wir veröffentlichen nachstehend mit Ge-
nehmigung des Internationalen Psychoana-
lytischen Verlages in Wien einen Abschnitt
aus dem eben erscheinenden neuen Buche
Sigmund Freuds: „Neue Folge der
Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse“.

Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozusagen
des trockenen Tones satt, über Dinge vor Ihnen reden, die
sehr wenig theoretische Bedeutung haben, die Sie aber doch
nahe angehen, inwiefern Sie der Psychoanalyse freundlich ge-
sinnt sind? Sehen wir zum Beispiel den Fall, daß Sie in
Ihren Mußestunden einen deutschen, englischen oder ameri-
kanischen Roman zur Hand nehmen, in dem Sie eine Schilde-
rung der Menschen und der Zustände von heute zu finden er-
warten. Nach wenigen Seiten stoßen Sie auf eine erste
Aeußerung über Psychoanalyse und dann fast auf weitere,
von denen der Zusammenhang oft nicht zu erfordern scheint.
Sie müssen nicht meinen, daß es sich dabei um Anwendungen
der Tiefenpsychologie zum besseren Verständnis der Personen
im Text oder ihrer Taten handelt; es gibt allerdings auch
ernsthafterere Dichtungen, in denen das wirklich versucht wird.
Nein, es sind meist spöttische Bemerkungen, mit denen der
Verfasser des Romans seine Belesenheit oder seine intellek-
tuelle Ueberlegenheit dartun will. Man immer bekommen
Sie auch den Eindruck, daß er das wirklich kennt, worüber
er sich ausspricht. Oder Sie gehen zu Ihrer Erholung in eine
gesellige Vereinigung; es muß nicht gerade in Wien sein.
Nach kurzer Zeit geht das Gespräch auf Psychoanalyse, Sie
hören die verschiedensten Leute ihr Urteil abgeben, meist im
Tone unerschütterter Sicherheit. Dies Urteil ist ganz gewöhnlich
ein geringschätziges, oft eine Schmähung, zum mindesten
wieder eine Spötterei. Wenn Sie so unvorsichtig sind, zu ver-
raten, daß Sie etwas von dem Gegenstand verstehen, fallen
alle über Sie her, verlangen Aufschlüsse und Erklärungen
und geben Ihnen nach kurzer Zeit die Ueberzeugung, daß alle
diese strengen Urteile vor jeder Information gefällt worden
waren, daß kaum einer von diesen Gegnern je ein analytisches
Buch zur Hand genommen hat oder, wenn doch, daß er nicht
über den ersten Widerstand beim Zusammentreffen mit einem
neuen Stoff hinweggekommen ist.

Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwarten
Sie vielleicht auch eine Anweisung, welche Argumente man
zur Richtigstellung der offenkundigen Irrtümer über die
Analyse verwenden, welche Bücher man zur besseren Infor-
mation empfehlen oder selbst, welche Beispiele aus Ihrer
Lektüre oder Erfahrung Sie in der Diskussion anführen sollen,
um die Einstellung der Gesellschaft zu ändern. Ich bitte Sie,
tun Sie nichts von alledem. Es wäre unnütz; am besten, Sie
verbergen überhaupt Ihr besseres Wissen. Wenn das nicht
mehr möglich ist, so beschränken Sie sich darauf, zu sagen,
Sie meinen, soweit Sie orientiert sind, daß die Psychoanalyse
ein besonderer Wissenszweig sei, recht schwer zu verstehen und
zu beurteilen, daß sie sich mit sehr ernsthaften Dingen be-
schäftige, so daß man ihr mit ein paar Scherzen nicht nahe-
komme, und daß man sich für gesellschaftliche Unterhaltungen
lieber ein anderes Spielzeug aussuchen solle. Natürlich be-
teiligen Sie sich auch nicht an Deutungsversuchen, wenn un-
vorsichtige Leute ihre Träume erzählen, und widerstehen auch
der Versuchung, durch Berichte von Heilungen um Gunst für
die Analyse zu werben.

Nun erwarten Sie aber nicht, die diese Vorschau zu
hören, der Kampf um die Analyse sei zu Ende und hätte mit
ihrer Anerkennung als Wissenschaft, ihrer Zulassung als
Lehrstoff zur Universität geendet. Es ist keine Rede davon,
er setzt sich fort, nur in mehr gesitteten Formen. Nun ist auch,
daß sich in der wissenschaftlichen Gesellschaft eine Art von
Pufferschicht zwischen der Analyse und ihren Gegnern gebildet
hat, Leute, die etwas an der Analyse gelten lassen, es aber
unter rechtgläubigen Vorbehaltsäußerungen bestreiten, darüber andrerseits
ablehnen, wie sie nicht laut genug verkünden können. Was
sie bei dieser Auswahl bestimmt hat, ist nicht leicht zu erraten.
Es scheinen persönliche Sympathien zu sein. Der eine nimmt
Anstoß an der Sexualität, der andere am Unbewußten; be-
sonders unbeliebt scheint die Tatsache des Symbolik zu sein.
Das Gebäude der Psychoanalyse, obwohl unfertig, doch
schon heute eine Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach
Belieben Willkür Elemente herausbrechen kann, scheint für diese
Eklektiker nicht in Betracht zu kommen. Von keinem dieser
Halb- oder Viertelsanhänger könnte ich den Eindruck be-
kommen, daß ihre Ablehnung auf Nachprüfung begründet
war. Auch manche hervorragende Männer gehören zu dieser
Kategorie. Sie sind freilich entschuldigt durch die Tatsache,
daß ihre Zeit wie ihr Interesse anderen Dingen gehören,
nämlich jenen, in deren Bewältigung sie so Bedeutendes er-
leistet haben. Aber sollten sie dann nicht lieber mit ihrem Ur-
teil zurückhalten, anstatt so entschieden Partei zu nehmen?
Bei einem dieser Großen gelang mit einmal eine rasche Be-
kehrung. Es war ein weltberühmter Kritiker, der den
geistigen Strömungen der Zeit mit wohlwollendem Ver-
ständnis und prophetischem Scharfblick gefolgt war. Ich
lernte ihn erst kennen, als er das achtzigste Jahr überschritten
hatte, aber er war noch immer bezaubernd im Gespräch. Sie
werden leicht erraten, wen ich meine. Ich war es auch nicht,
der auf die Psychoanalyse zu reden kam. Er tat es, indem er
sich auf die bescheidenste Weise an mir maß. „Ich bin nur
ein Literat“, sagte er, „aber Sie sind ein Naturforscher und
Entdecker. Aber das eine muß ich Ihnen sagen: Ich habe
nie sexuelle Gefühle für meine Mutter gehabt.“ „Aber das
brauchen Sie ja gar nicht gewußt zu haben“, war meine Er-
widerung, „das sind ja für den Erwachsenen unbewußte Vor-
gänge.“ „Ach, so meinen Sie das“, sagte er erleichtert und
drückte meine Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im
besten Einvernehmen. Ich hörte später, daß er in dem kurzen
Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt freund-
lich über die Analyse äußerte und gerne das ihm neue Wort
„Verdrängung“ gebrauchte.