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Aus einem Briefe Freuds
14. 4 1929.
9: - . Ihr kritisches Referat über meine Dostojewski-
Studie habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Alles,
was Sie einwenden, läßt sich hören und soll als in
einem Sinne zutreffend anerkannt werden. Zur Vertretung
meiner Sache kann ich einiges vorbringen. Es wird
sich ja nicht darum handeln, wer recht oder unrecht
behalten soll.Ich glaube, daß Sie einen zu hohen Maßstab an diese
Kleinigkeit anlegen. Sie ist jemandem zu Gefallen ge-
schrieben und ungern geschrieben. Ich schreibe jetzt über-
haupt ungern. Sie haben diesen Charakter gewiß gemerkt.
Das soll natürlich flüchtige oder schiefe Urteile nicht
rechtfertigen, bloß die nachlässige Architektur des Ganzen.
Der unharmonische Eindruck, den die Anfügung der
Zweigschen Analyse macht, ist nicht zu bestreiten. Bei
tieferem Eingehen findet sich wohl eine Rechtfertigung.
Von den Rücksichten auf den Ort des Erscheinens frei,
hätte ich gewiß geschrieben: Wir dürfen erwarten, daß
in der Geschichte einer Neurose mit so schwerem Schuld-
gefühl der Onaniekampf eine besondere Rolle spielt. Diese
Erwartung wird durch die pathologische Spielsucht Dosto-63
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jewskis voll erfüllt. Denn wie eine Novelle Zweigs er-
kennen läßt usw. Der Raum, der dieser Novelle einge-
räumt ist, entspricht also nicht der Relation Zweig—
Dostojewski, sondern der anderen, Onanie—Neurose. Doch
ist es ungeschickt herausgekommen.An einer wissentlich objektiven sozialen Einschätzung
der Ethik halte ich fest und möchte darum auch dem
braven Philister das Zeugnis des guten ethischen Ver-
haltens nicht bestreiten, selbst wenn es ihn wenig Selbst-
überwindung gekostet hat. Daneben lasse ich ja die sub-
jektive psychologische Betrachtung der Ethik, die Sie
vertreten, gelten. Mit Ihrem Urteil über Welt und heutige
Menschheit einverstanden, kann ich, wie Sie wissen, Ihre
pessimistische Abweisung einer besseren Zukunft nicht
für gerechtfertigt halten.Den Psychologen Dostojewski habe ich allerdings dem
Dichter subsummiert. Ich hätte ihm auch vorzuwerfen,
daß sich seine Einsicht so sehr auf das abnorme Seelen-
leben einschränkt. Denken Sie an seine erstaunliche Hilf-
losigkeit gegen die Phänomene der Liebe; eigentlich
kennt er nur das rohe, triebhafte Begehren, die maso-
chistische Unterwerfung und die Liebe aus Mitleid. Sie
haben auch recht mit der Vermutung, daß ich Dosto-
jewski bei aller Bewunderung seiner Intensität und Über-
legenheit eigentlich nicht mag. Das kommt daher, daß
sich meine Geduld mit pathologischen Naturen in der
Analyse erschöpft. In Kunst und Leben bin ich gegen
sie intolerant. Das sind persönliche Charakterzüge, unver-
bindlich für andere.Wo wollen Sie Ihren Aufsatz erscheinen lassen?
Ich anerkenne ihn doch sehr. Voraussetzungslos muß64
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Aus einem Briefe Freuds
1930-071/1930
1930-071/1930