Aus einem Briefe Freuds 1930-071/1930

Freud, Sigmund (1930-071/1930): Aus einem Briefe Freuds

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    Aus einem Briefe Freuds

    14. 4 1929.

    9: - . Ihr kritisches Referat über meine Dostojewski-
    Studie habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Alles,
    was Sie einwenden, läßt sich hören und soll als in
    einem Sinne zutreffend anerkannt werden. Zur Vertretung
    meiner Sache kann ich einiges vorbringen. Es wird
    sich ja nicht darum handeln, wer recht oder unrecht
    behalten soll.

    Ich glaube, daß Sie einen zu hohen Maßstab an diese
    Kleinigkeit anlegen. Sie ist jemandem zu Gefallen ge-
    schrieben und ungern geschrieben. Ich schreibe jetzt über-
    haupt ungern. Sie haben diesen Charakter gewiß gemerkt.
    Das soll natürlich flüchtige oder schiefe Urteile nicht
    rechtfertigen, bloß die nachlässige Architektur des Ganzen.
    Der unharmonische Eindruck, den die Anfügung der
    Zweigschen Analyse macht, ist nicht zu bestreiten. Bei
    tieferem Eingehen findet sich wohl eine Rechtfertigung.
    Von den Rücksichten auf den Ort des Erscheinens frei,
    hätte ich gewiß geschrieben: Wir dürfen erwarten, daß
    in der Geschichte einer Neurose mit so schwerem Schuld-
    gefühl der Onaniekampf eine besondere Rolle spielt. Diese
    Erwartung wird durch die pathologische Spielsucht Dosto-

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    jewskis voll erfüllt. Denn wie eine Novelle Zweigs er-
    kennen läßt usw. Der Raum, der dieser Novelle einge-
    räumt ist, entspricht also nicht der Relation Zweig—
    Dostojewski, sondern der anderen, Onanie—Neurose. Doch
    ist es ungeschickt herausgekommen.

    An einer wissentlich objektiven sozialen Einschätzung
    der Ethik halte ich fest und möchte darum auch dem
    braven Philister das Zeugnis des guten ethischen Ver-
    haltens nicht bestreiten, selbst wenn es ihn wenig Selbst-
    überwindung gekostet hat. Daneben lasse ich ja die sub-
    jektive psychologische Betrachtung der Ethik, die Sie
    vertreten, gelten. Mit Ihrem Urteil über Welt und heutige
    Menschheit einverstanden, kann ich, wie Sie wissen, Ihre
    pessimistische Abweisung einer besseren Zukunft nicht
    für gerechtfertigt halten.

    Den Psychologen Dostojewski habe ich allerdings dem
    Dichter subsummiert. Ich hätte ihm auch vorzuwerfen,
    daß sich seine Einsicht so sehr auf das abnorme Seelen-
    leben einschränkt. Denken Sie an seine erstaunliche Hilf-
    losigkeit gegen die Phänomene der Liebe; eigentlich
    kennt er nur das rohe, triebhafte Begehren, die maso-
    chistische Unterwerfung und die Liebe aus Mitleid. Sie
    haben auch recht mit der Vermutung, daß ich Dosto-
    jewski bei aller Bewunderung seiner Intensität und Über-
    legenheit eigentlich nicht mag. Das kommt daher, daß
    sich meine Geduld mit pathologischen Naturen in der
    Analyse erschöpft. In Kunst und Leben bin ich gegen
    sie intolerant. Das sind persönliche Charakterzüge, unver-
    bindlich für andere.

    Wo wollen Sie Ihren Aufsatz erscheinen lassen?
    Ich anerkenne ihn doch sehr. Voraussetzungslos muß

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    einzig die wissenschaftliche Forschung sein. Bei allen
    anderen Betrachtungen kann man die Wahl eines Stand-
    punktes nicht vermeiden, und solcher gibt es natürlich
    mehrere...“