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Der Fortschritt in der Geistigkeit1
Von
Sigm. Freud
London
Um nachhaltige psychische Wirkungen bei einem Volke zu erzielen, reicht es
offenbar nicht hin, ihm zu versichern, es sei von der Gottheit auserlesen. Man
muß es ihm auch irgendwie beweisen, wenn es daran glauben und aus dem Glau-
ben Konsequenzen ziehen soll. In der Moses-Religion diente der Auszug aus
Ägypten als dieser Beweis; Gott oder Moses in seinem Namen wurde nicht müde,
sich auf diese Gunstbezeugung zu berufen. Das Passahfest wurde eingesetzt, um
die Erinnerung an dies Ereignis festzuhalten, oder vielmehr ein altbestehendes
Fest mit dem Inhalt dieser Erinnerung erfüllt. Aber es war doch nur eine Erin-
nerung, der Auszug gehörte einer verschwommenen Vergangenheit an. In der
Gegenwart waren die Zeichen von Gottes Gunst recht spärlich, die Schicksale
des Volkes deuteten eher auf seine Ungnade hin. Primitive Völker pflegten ihre
Götter abzusetzen oder selbst zu züchtigen, wenn sie nicht ihre Pflicht erfüllten,
ihnen Sieg, Glück und Behagen zu gewähren. Könige sind zu allen Zeiten nicht
anders behandelt worden als Götter; eine alte Identität beweist sich darin, die
Entstehung aus gemeinsamer Wurzel. Auch moderne Völker pflegen also ihre
Könige zu verjagen, wenn der Glanz ihrer Regierung durch Niederlagen mit den
dazugehörigen Verlusten an Land und Geld gestört wird. Warum aber das Volk
Israel seinem Gott immer nur unterwürfiger anhing, je schlechter es von ihm
behandelt wurde, das ist ein Problem, welches wir vorläufig bestehen lassen
müssen.Es mag uns die Anregung geben zu untersuchen, ob die Moses-Religion dem
Volke nichts anderes gebracht hatte als die Steigerung des Selbstgefühls durch
das Bewußtsein der Auserwähltheit. Und das nächste Moment ist wirklich leicht
zu finden. Die Religion brachte den Juden auch eine weit großartigere Gottes-
verehrung.1)Aus dem im Erscheinen begriffenen Buche „Der Mann Moses und die monotheistische
Religion“. Allert de Lange, Amsterdam, 1939.S.
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vorstellung, oder wie man nüchterner sagen könnte, die Vorstellung eines groß-
artigeren Gottes. Wer an diesen Gott glaubte, hatte gewissermaßen Anteil an
seiner Größe, durfte sich selbst gehoben fühlen. Das ist für einen Ungläubigen
nicht ganz selbstverständlich, aber vielleicht erfaßt man es leichter durch den
Hinweis auf das Hochgefühl eines Briten in einem fremden durch Aufruhr un-
sicher gewordenen Land, das dem Angehörigen irgend eines kontinentalen Klein-
staates völlig abgeht. Der Brite rechnet nämlich damit, daß sein Government
ein Kriegsschiff ausschicken wird, wenn ihm ein Härchen gekrümmt wird, und
daß die Aufständischen es sehr wohl wissen, während der Kleinstaat überhaupt
kein Kriegsschiff besitzt. Der Stolz auf die Größe des British Empire hat
also auch eine Wurzel im Bewußtsein der größeren Sicherheit, des Schutzes,
den der einzelne Brite genießt. Das mag bei der Vorstellung des großartigen
Gottes ähnlich sein, und da man schwerlich beanspruchen wird, Gott in der
Verwaltung der Welt zu assistieren, fließt der Stolz auf die Gottesgröße mit dem
auf das Auserwähltsein zusammen.Unter den Vorschriften der Mosesreligion findet sich eine, die bedeutungsvoller
ist, als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen,
also der Zwang, einen Gott zu verehren, den man nicht sehen kann. Wir vermuten,
daß Moses in diesem Punkt die Strenge der Aton-Religion überboten hat; viel-
leicht wollte er nur konsequent sein, sein Gott hatte dann weder einen Namen
noch ein Angesicht, vielleicht war es eine neue Vorkehrung gegen magische Miß-
bräuche. Aber wenn man dies Verbot annahm, mußte es eine tiefgreifende
Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahr-
nehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der
Geistigkeit über die Sinnlichkeit, streng genommen einen Triebverzicht mit seinen
psychologisch notwendigen Folgen.Um glaubwürdig zu finden, was auf den ersten Blick nicht einleuchtend scheint,
muß man sich an andere Vorgänge gleichen Charakters in der Entwicklung der
menschlichen Kultur erinnern. Der früheste unter ihnen, der wichtigste vielleicht,
verschwimmt im Dunkel der Urzeit. Seine erstaunlichen Wirkungen nötigen uns,
ihn zu behaupten. Bei unseren Kindern, bei den Neurotikern unter den Erwach-
senen wie bei den primitiven Völkern finden wir das seelische Phänomen, das
wir als den Glauben an die Allmacht der Gedanken bezeichnen. Nach unserem
Urteil ist es eine Überschätzung des Einflusses, den unsere seelischen, hier dieS.
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intellektuellen, Akte auf die Veränderung der Außenwelt üben können. Im
Grunde ruht ja alle Magie, die Vorläuferin unserer Technik, auf dieser Voraus-
setzung. Auch aller Zauber der Worte gehört hieher und die Überzeugung von
der Macht, die mit der Kenntnis und dem Aussprechen eines Namens verbunden
ist. Wir nehmen an, daß die „Allmacht der Gedanken“ der Ausdruck des Stolzes
der Menschheit war auf die Entwicklung der Sprache, die eine so außerordentliche
Förderung der intellektuellen Tätigkeiten zur Folge hatte. Es eröffnete sich das
neue Reich der Geistigkeit, in dem Vorstellungen, Erinnerungen und Schluß-
prozesse maßgebend wurden, im Gegensatz zur niedrigeren psychischen Tätigkeit,
die unmittelbare Wahrnehmungen der Sinnesorgane zum Inhalt hatte. Es war
gewiß eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege zur Menschwerdung.
Weit greifbarer tritt uns ein anderer Vorgang späterer Zeit entgegen. Unter
dem Einfluß äußerer Momente, die wir hier nicht zu verfolgen brauchen, die
zum Teil auch nicht genügend bekannt sind, geschah es, daß die matriarchalische
Gesellschaftsordnung von der patriarchalischen abgelöst wurde, womit natürlich
ein Umsturz der bisherigen Rechtsverhältnisse verbunden war. Man glaubt den
Nachklang dieser Revolution noch in der Orestie des Aeschylos zu ver-
spüren. Aber diese Wendung von der Mutter zum Vater bezeichnet überdies
einen Sieg der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen Kulturfortschritt,
denn die Mutterschaft ist durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während die
Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen Schluß und eine Voraussetzung aufgebaut.
Die Parteinahme, die den Denkvorgang über die sinnliche Wahrnehmung erhebt,
bewährt sich als ein folgenschwerer Schritt.
Irgendwann zwischen den beiden vorerwähnten Fällen ereignete sich ein
anderer, der am meisten Verwandtschaft zeigt mit dem von uns in der Religions-
geschichte untersuchten. Der Mensch fand sich veranlaßt, überhaupt „geistige“
Mächte anzuerkennen, d. h. solche, die mit den Sinnen, speziell mit dem Gesicht
nicht erfaßt werden können, aber doch unzweifelhafte, sogar überstarke Wir-
kungen äußern. Wenn wir uns dem Zeugnis der Sprache anvertrauen dürfen,
war es die bewegte Luft, die das Vorbild der Geistigkeit abgab, denn der Geist
entlehnt den Namen vom Windhauch (animus, spiritus, ἄνεμος, hebräisch:
ruach, Hauch). Damit war auch die Entdeckung der Seele gegeben als des
geistigen Prinzips im einzelnen Menschen. Die Beobachtung fand die bewegte
Luft im Atmen des Menschen wieder, das mit dem Tode aufhört; noch heuteS.
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haucht der Sterbende seine Seele aus. Nun aber war dem Menschen das Geister-
reich eröffnet; er war bereit, die Seele, die er bei sich entdeckt hatte, allem anderen
in der Natur zuzutrauen. Die ganze Welt wurde beseelt und die Wissenschaft,
die soviel später kam, hatte genug zu tun, um einen Teil der Welt wieder zu
entseelen, ist auch noch heute mit dieser Aufgabe nicht fertig geworden.Durch das mosaische Verbot wurde Gott auf eine höhere Stufe der Geistigkeit
gehoben, der Weg eröffnet für weitere Abänderungen der Gottesvorstellung, von
denen noch zu berichten ist. Aber zunächst darf uns eine andere Wirkung desselben
beschäftigen. Alle solche Fortschritte in der Geistigkeit haben den Erfolg, das
Selbstgefühl der Person zu steigern, sie stolz zu machen, so daß sie sich anderen
überlegen fühlt, die im Banne der Sinnlichkeit verblieben sind. Wir wissen, daß
Moses den Juden das Hochgefühl vermittelt hatte, ein auserwähltes Volk zu sein;
durch die Entmaterialisierung Gottes kam ein neues, wertvolles Stück zu dem
geheimen Schatz des Volkes hinzu. Die Juden behielten die Richtung auf geistige
Interessen bei, das politische Unglück der Nation lehrte sie, den einzigen Besitz,
der ihnen geblieben war, ihr Schrifttum, seinem Werte nach einzuschätzen.
Unmittelbar nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Titus
erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai die Erlaubnis, die erste Thora-
schule in Jabne zu eröffnen. Fortan war es die heilige Schrift und die geistige
Bemühung um sie, die das versprengte Volk zusammenhielt.Soviel ist allgemein bekannt und angenommen. Ich wollte nur einfügen, daß
diese charakteristische Entwicklung des jüdischen Wesens durch das Verbot
Mosis, Gott in sichtbarer Gestalt zu verehren, eingeleitet wurde.Der Vorrang, der durch etwa 2000 Jahre im Leben des jüdischen Volkes
geistigen Bestrebungen eingeräumt war, hat natürlich seine Wirkung getan; er
half die Roheit und die Neigung zur Gewalttat eindämmen, die sich einzustellen
pflegen, wo die Entwicklung der Muskelkraft Volksideal ist. Die Harmonie in
der Ausbildung geistiger und körperlicher Tätigkeit, wie das griechische Volk
sie erreichte, blieb den Juden versagt. Im Zwiespalt trafen sie wenigstens die
Entscheidung zu Gunsten des kulturell Bedeutsameren.
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Der Fortschritt in der Geistigkeit
1939-001/1939.03
1939-001/1939.03