S.
D.C. Muner, Coyiaenzuur.
Der Socialismus. *)
Einleitung.
In dem gewaltigen Gemeinwesen jenseits des atlantischen
Oceans, welches das mächtigste Land der Erde nahezu schon ist
und in Bälde unzweifelhaft sein wird, herrscht das allgemeine
Männer Stimmrecht. Auf demselben Grunde ruht, seit 1848,
das politische Leben Frankreichs und nunmehr auch des deutschen
Bundesstaates, wenngleich nicht aller Einzelstaaten Deutschlands.
In Großbritannien ist die Ausdehnung des Stimmrechts noch nicht
ganz so weit gediehen; aber die legte Reformacte hat für einen
großen Theil derjenigen, die von Wochenlohn leben, die Schranken
der Verfassung so weit geöffnet, daß sie, sobald und so oft sie als
ein einheitliches Ganzes aufzutreten und die ihnen eingeräumte
Macht für ein gemeinsames Ziel aufzubieten gewillt sind, die
Gesetzgebung, wenn auch nicht völlig beherrschen, so doch wesentlich
beeinflussen müssen. Gerade diese Leute sind es nun, von denen
die höheren Stände zu sagen pflegen, daß ihnen am Wohlergehen
des Landes nichts gelegen sei, weil sie dabei nichts zu verlieren
haben. In Wahrheit haben sie jedoch selbstverständlicher Weise
dabei am meisten zu verlieren, da ihr tägliches Brod von dem
Gedeihen des Landes abhängt. Nur das ist richtig, daß sie durch
fein eigenes Sonder-Interesse dafür eingenommen wir dürfen
vielleicht sagen, bestochen sind, für die Erhaltung des Eigenthums
in seiner gegenwärtigen Gestalt, oder gar für die Erhaltung der
Ungleichheiten in der Vertheilung des Eigenthums einzustehen.
Soweit ihre Macht jetzt reicht oder späterhin reichen mag, werden
die das Eigenthumsverhältniß regelnden Geseze ihre Stütze in
*) Fortnightly Review, Februar-April 1879. Es sind dieß
Bruchstücke eines im Jahre 1869 begonnenen, nicht über den ersten Entwurf
hinaus gediehenen Werfes, welche Miß Helen Taylor, des Verfassers Stief=
tochter, trotz ihrer augenfälligen Unfertigkeit der Welt nicht vorenthalten
wollte und deren Aufnahme in diese Sammlung uns von derselben gütigst
gestattet ward.]
S.
161
Der Socialismus.
Erwägungen allgemeiner Natur, in dem Urtheil über die Zweck-
dienlichkeit derselben für das allgemeine Beste, nicht in rein
persönlichen Beweggründen der herrschenden Classen zu suchen haben.
Es scheint mir, daß die Bedeutung dieses Umschwungs noch
keineswegs vollständig gewürdigt worden ist, weder von denen,
welche unsere lette Verfassungsreform durchgeführt, noch von
Jenen, welche sich ihr widersetzt haben. Die Wahrheit zu sagen:
der Scharfblick der Engländer für die Tragweite politischer
Neuerungen hat sich in letzter Zeit einigermaßen abgeſtumpft. Sie
haben viele Neuerungen mit angesehen, welche, so lange sie noch
in Aussicht standen, zu großen Erwartungen guter sowohl als
schlimmer Art Anlaß gaben, während der wirkliche Erfolg in
dem einen wie in dem anderen Betracht hinter jenen Voraus=
sagungen weit zurück blieb. Dieß hat eine Vorstellung von der
Art erzeugt, als läge es in der Natur politischer Neuerungen,
die an sie geknüpften Erwartungen nicht zu erfüllen, und man ist,
ohne sich davon genaue Rechenschaft zu geben, in den Glauben
verfallen, daß solche Neuerungen, wenn sie ohne eine gewaltsame
Revolution erfolgen, den gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht
erheblich oder dauernd zu verändern vermögen. Diese Auffassung
beruht jedoch auf einer oberflächlichen Beurtheilung der Vergangen-
heit sowohl als der Zukunft. Die mannigfachen Reformen der letzten
zwei Generationen sind an schwerwiegenden Folgen mindestens so
fruchtbar gewesen, wie man vorhergesagt hatte. Die Voraus-
sagen waren allerdings oft irrig in Bezug auf die Raschheit,
mit der diese Erfolge eintraten, und selbst mitunter in Bezug auf
deren Natur. Wir belächeln jetzt die eiteln Erwartungen der
jenigen, die da meinten, daß die Emancipation der Katholiken
Irland beruhigen oder mit der englischen Herrschaft aussöhnen
werde. Als die ersten zehn Jahre nach der Reformacte von 1832
verstrichen waren, hielten Wenige mehr die Meinung aufrecht, daß
dieselbe alle bedeutenden praktischen Uebelstände beseitigen würde,
oder daß sie dem allgemeinen Stimmrecht das Thor geöffnet
hätte. Aber die weiteren fünf und zwanzig Jahre ihrer Wirksam-
feit haben ihren mittelbaren Ergebnissen, welche weit gewichtiger
find als ihre unmittelbaren Folgen, zu einer reichen Entfaltung
verholfen. Plötzliche Wirkungen find im geschichtlichen Leben gewöhn-
lich von oberflächlicher Art. Ursachen, welche tief in die Wurzeln
fünftiger Ereignisse eindringen, bringen den bedeutendsten Theil
ihrer Wirkung nur allmählich hervor und haben daher Zeit, mit
der gewohnten Ordnung der Dinge zu verschmelzen, ehe die all-
gemeine Aufmerksamkeit sich auf die Veränderungen lenkt, die sie
Mill, ges. Werke. XII.
11
S.
Der Socialismus.
162
hervorrufen. Daher sind zur Zeit, da die bewirkten Veränderungen
flar zu Tage liegen, oberflächliche Beobachter oft nicht mehr im
Stande deren Verknüpfung mit der Ursache zu erkennen. Die
entfernteren Folgen einer neuen politischen Thatsache werden selten
als solche erkannt und richtig beurtheilt, ausgenommen in dem Falle,
wenn sie schon vorher in's Auge gefaßt worden sind.
Diese rechtzeitige Würdigung wird uns besonders leicht in
Betreff der Tragweite der Wandlung, welche die Reformacte von
1867 in unseren Einrichtungen hervorgebracht hat. Der große
Machtzuwachs, welchen diese Erweiterung des Wahlrechts den
arbeitenden Classen gewährt hat, ist von dauernder Art; die Um-
stände, welche dieselben bisher veranlaßt haben, von dieser Macht
einen sehr beschränkten Gebrauch zu machen, sind ihrer Natur
nach nur von zeitweiliger Geltung. Selbst der unaufmerkſamſte
Beobachter muß wissen, daß die arbeitenden Classen politische
Ziele besitzen und voraussichtlich auch besitzen werden, die ihnen
in ihrer Eigenschaft als Arbeiter am Herzen liegen, und in Bezug
auf welche sie mit Recht oder Unrecht glauben, daß die
Interessen und Ansichten der anderen mächtigen Classen den ihrigen
zuwiderlaufen. So sehr sie auch für den Augenblick in der Ver-
folgung dieser Ziele durch den Mangel einer politischen Organisa-
tion, durch innere Zwistigkeiten oder durch den Umstand aufgehalten
sein mögen, daß sie bisher ihre Wünsche in keine hinreichend be-
stimmte praktische Form gekleidet haben, so ist es doch so gewiß,
als irgend etwas in politischen Dingen sein kann, daß sie binnen
furzer Zeit Mittel und Wege finden werden, ihre gesammte
Macht als Wähler in wirksamer Weise der Förderung ihrer ge-
meinsamen Ziele dienstbar zu machen. Und wenn sie dieß thun,
werden sie nicht in der planlosen und unzweckmäßigen Weise vor-
gehen, wie sie Leute kennzeichnet, die den Mechanismus der
Gesetze und der Verfassung nicht zu benützen verstehen; auch
werden sie dabei nicht blos einem rohen nivellirenden Triebe ge=
horchen. Die Presse, das Vereins- und Versammlungswesen, und
die Entsendung einer möglichst großen Anzahl von Männern in's
Parlament, welche für die Bestrebungen der arbeitenden Classen
in Pflicht genommen sind, -dieß sind die Werkzeuge, deren sie sich
bedienen werden. Die politischen Zielpunkte selbst werden durch
scharf ausgeprägte staatsrechtliche Lehren bestimmt werden; denn die
politischen Fragen werden gegenwärtig vom Standpunkt der arbeiten-
den Classen aus in wissenschaftlicher Weise behandelt, und Ansichten,
welche zu Gunsten der besonderen Interessen diesen Classen auf-
gestellt wurden, werden jetzt zu Systemen und Glaubenslehren
S.
Der Socialismus.
163
verarbeitet, welche, mit demselben Rechte wie die Lehren älterer
Denker, einen Platz im Bereiche der Staatswissenschaft für
sich in Anspruch nehmen. Es ist auf's dringendste zu wünschen,
daß alle denkenden Menschen sich bei Zeiten die Frage vorlegen,
wie diese volksthümlichen Glaubenssysteme wahrscheinlicher Weise
beschaffen sein werden, und daß sie auf jeden einzelnen Artikel
derselben das Licht der gründlichsten Untersuchung und Erörterung
fallen lassen, damit, wenn der rechte Augenblick gekommen ist,
alles Richtige an ihnen, wenn möglich, einmüthig angenommen,
und alles unrichtige ebenso einmüthig verworfen werde, und damit
ein feindlicher Zusammenstoß physischer oder auch nur mora-
lischer Art - zwischen dem Alten und dem Neuen vermieden,
und die besten Bestandtheile beider zu einem verjüngten Aufbau
der Gesellschaft vereinigt werden können. Bei der Langsamkeit,
mit welcher sich gewöhnlich solche große sociale Wandlungen, die
nicht durch physische Gewalt herbeigeführt werden, vollziehen, haben
wir noch einen Zeitraum von ungefähr einem Menschenalter vor
uns, von dessen gehöriger Verwendung es abhängt, ob die An-
passung der socialen Einrichtungen an den veränderten Zustand
der menschlichen Gesellschaft das Werk weiser Voraussicht oder
das Ergebniß des Widerstreites von einander entgegengesetzten
Vorurtheilen werden soll. Die Zukunft des Menschengeschlechtes
wird ernstlich bedroht sein, wenn man zugiebt, daß die Entschei
dung so gewaltiger Fragen zwischen der unwissenden Neuerungs-
sucht und dem unwissenden Widerstreben gegen jede Neuerung
ausgefochten werde.
Die Untersuchung aber, welche jetzt Noth thut, muß bis auf
die allerobersten Principien der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
zurückgehen, denn die fundamentalen Lehren, welche früheren
Generationen als unbestreitbar galten, werden nunmehr in Zweifel
gezogen. Bis auf unser Zeitalter ist die Institution des Eigen-
thums in der Form, wie sie von Alters her auf uns gekommen
ist, von Niemandem außer von einigen wenigen speculativen Denkern
ernstlich in Frage gestellt worden; denn die Conflicte der Ver-
gangenheit haben sich zwischen Classen abgespielt, welchen insge-
sammt an der Erhaltung der bestehenden Eigenthumsordnung
gelegen war. Damit ist es nun zu Ende. Wenn Classen eine
Stimme bei der Erörterung haben, welche so viel wie gar kein
Eigenthum besitzen, und welche an dieser Institution blos insoferne
interessirt sind, als sie dem allgemeinen Wohle dient, werden
diese niemals zugeben, daß irgend ein Princip als ausgemacht
hingestellt werde, am wenigsten das des Privateigenthums,
11*
S.
Der Socialismus.
164
dessen Rechtmäßigkeit und Ersprießlichkeit von vielen Denkern, die
sich auf den Standpunkt der arbeitenden Classen stellen, bestritten
wird. Diese Classen werden sicherlich verlangen, daß der Gegen-
stand in allen seinen Theilen neuerdings von Grund aus erörtert
werde, daß alle Vorschläge, diese Einrichtung zu beseitigen, und
alle in Aussicht genommenen Modificationen derselben, welche ihrem
Interesse günstig zu sein scheinen, die eingehendste Prüfung und
Berücksichtigung erfahren, bevor man sich dafür entscheidet, daß es
beim Alten sein Bewenden haben müsse. So weit England in
Betracht kommt, haben die arbeitenden Classen bis jetzt nur gegen
gewisse Außenwerke des Systems des Privateigenthums feindselige
Gesinnungen gezeigt. Viele verlangen, daß das unbeschränkte
Recht der Vertragschließung, welches eines der gewöhnlichen
Attribute des Privateigenthums ist, für alle Fragen aufgehoben
werde, die sich auf die Arbeitslöhne beziehen. Die anspruchs-
volleren unter ihnen stellen in Abrede, daß der Boden ein
geeigneter Gegenstand privater Aneignung sein könne, und haben
eine Agitation für die Zurücknahme desselben durch den Staat in's
Werk gesetzt. Dazu kommt die Anklage gegen den sogenannten
,,Wucher", welche einige der Agitatoren in ihren Kundgebungen
erheben, ohne aber irgend genauer zu bestimmen, was sie darunter
verstehen; auch scheint dieser Ruf nicht heimischen Ursprungs zu
sein, sondern dem kürzlich durch die Arbeitercongresse und die
Internationale mit den Socialisten des Continents angebahnten
Verkehr zu entstammen; denn diese erklären sich gegen alle von
Geld genommenen Zinsen und bestreiten die Rechtmäßigkeit
jedes Einkommens, das in irgend welcher Form von Eigenthum
allein, ohne Arbeit, abgeleitet ist. Es sind bis jetzt keine An-
zeichen dafür vorhanden, daß diese Lehre in Großbritannien er-
heblichen Anklang gefunden hätte, aber der Boden ist für die
Aufnahme solcher Saat vortrefflich vorbereitet, und diese wird von
jenen Ländern her weithin ausgestreut, in denen umfassende all-
gemeine Theorien und vielverheißende Entwürfe nicht Mißtrauen
erregen, sondern für die Popularität einer Bewegung unerläßlich
sind. Ich denke dabei an Frankreich, Deutschland und die Schweiz,
in welchen Ländern eigenthumsfeindliche Lehren im weitesten Sinne
des Wortes eine beträchtliche Verbreitung in den Kreisen der Ar-
beiter gefunden haben. Dort nennen sich fast alle diejenigen,
welche eine Reform der Gesellschaft zu Gunsten der arbeitenden
Claffen anstreben, Socialisten, eine Bezeichnung, unter welcher
Bestrebungen von sehr verschiedener Natur zusammengefaßt und
zusammengeworfen werden, welche aber doch zum mindesten die
S.
Der Socialismus.
165
Geneigtheit zu einer Umgestaltung des Privateigenthums in sich
schließt, die in der Regel einer Abschaffung desselben nahekommt.
Und man dürfte wahrscheinlich finden, daß selbst in England die
hervorragenderen und eifrigeren Arbeiterführer gewöhnlich im
Stillen Socialisten der einen oder der anderen Färbung sind,
obgleich sie ihre praktischen Bemühungen näher liegenden zielen
zuwenden und es zufrieden sind, mit ihren extremen Theorien so
lange zurückzuhalten, bis dieselben Principien in kleinerem Maß-
stabe erprobt sind; denn sie besißen, gleich den meisten am öffent-
lichen Leben theilnehmenden Engländern, ein besseres Verständniß
als ihre festländischen Genossen für die Unmöglichkeit, große und
dauernde Wandlungen in den fundamentalen Ideen der Menschheit
durch einen Handstreich zu bewirken. Se lange dieß der Charakter
der englischen Arbeiter bleibt wie es der Charakter der Eng-
länder im Allgemeinen ist - - steht nicht zu befürchten, daß sie
blindlings auf die unbesonnenen Extravaganzen einiger auswärtiger
Socialisten eingehen werden, welche selbst in der nüchternen
Schweiz öffentlich ihre Geneigtheit aussprechen, mit dem
bloßen Umsturz zu beginnen und den darauf folgenden Wiederauf-
bau sich selbst zu überlassen; und unter Umsturz verstehen sie
nicht blos die Vernichtung jedweder Art von Regierung, sondern
desgleichen die Confiscation alles Eigenthums, welches den Händen
der Besitzer entzogen und zum allgemeinen Besten verwendet
werden soll. In welcher Weise aber dieses zu geschehen habe,
darüber, so meinen sie, werde man späterhin eine Entscheidung
treffen können.
Es ist eines der merkwürdigsten Zeichen der Zeit, daß man
solch einer Lehre in einer öffentlichen Zeitschrift, dem Organ einer
Arbeiterverbindung (dem in Neufchâtel erscheinenden Blatt: „La
Solidarité") begegnen kann. Bon den Führern der englischen
Arbeiter deren Delegirte auf den Congressen von Genf und
Basel zu dem Quantum von gesundem Wienschenverstand, welches
daselbst anzutreffen war, weitaus die stärkste Beisteuer geliefert
haben, steht es nicht zu erwarten, daß sie vorsätzlich mit der
Anarchie beginnen werden, ohne sich eine Meinung darüber gebildet
zu haben, welche neue Form der Gesellschaft an die Stelle der
alten treten solle. Aber es ist klar, daß wir alle ihre etwaigen
Vorschläge nur dann richtig würdigen und die Gründe unseres
Urtheils nur dann in einer für die Masse des Volkes überzeugen-
den Weise darlegen können, wenn wir zuvor die beiden gegnerischen
Theorien die des Socialismus und die des Privateigen-
thums durchmustert haben, da wir einer von beiden noth-
S.
Der Socialismus.
166
wendiger Weise die Mehrzahl der Prämissen für unsere Unter-
suchung entnehmen müssen. Bevor wir daher mit Nutzen daran
gehen können, diese Reihe von Fragen im Einzelnen zu erörtern,
wird es räthlich sein, die allgemeineren Fragen, welche der Socia-
lismus aufwirst, von Grund aus zu prüfen. Bei dieser Prüfung
sollten wir uns von jedem feindseligen Vorurtheil fern halten.
Denn als so unwiderleglich auch die Argumente zu Gunsten der
Gesetze des Privateigenthums denen gelten mögen, in deren Augen
fie den doppelten Zauber besitzen, welchen das unvordenkliche Her=
kommen und das persönliche Interesse verleiht, so ist doch
nichts natürlicher, als daß sie einem Arbeiter, welcher über poli-
tische Dinge nachzudenken begonnen hat, in ganz anderem Lichte
erscheinen. Nachdem die vom Glück minder begünstigten Classen
von „volljährigen Männern" nach harten Kämpfen in einigen
Ländern vollständig, in anderen nahezu die Grenze erreicht haben,
über welche hinaus, wenigstens für sie, fein weiterer Fortschritt in
Bezug auf rein politische Rechte möglich ist, sollten sie sich da
nicht die Frage stellen, ob denn damit aller Fortschritt zu Ende
sein müsse? Trotz alle dem, was für die Ausdehnung freiheitlicher
Rechte bisher geschehen ist und voraussichtlich noch geschehen wird,
giebt es doch eine kleine Minderzahl, die zu großem Reichthum
geboren ist, während die Mehrzahl zu einer Dürftigkeit bestimmt
ist, die durch den Contrast nur noch verschärft wird. Die große
Mehrheit der Menschen ist zwar nicht mehr auf Grund der Gesetze
gefnechtet oder in einem Zustand von Abhängigkeit erhalten, wohl aber
auf Grund ihrer Armuth: sie sind immer noch an einen Ort, an eine
Beschäftigung und an den beherrschenden Willen eines Arbeit-
gebers gefettet; und der Zufall der Geburt schließt sie von den
Genüssen sowohl als von den intellectuellen und moralischen Vor-
theilen aus, welche Andere ohne eigene Anstrengung und unab-
hängig von jedem Verdienste ererben. Mit Recht halten dieß die
Armen für ein Uebel, kaum geringer als irgend eines, mit welchem
die Menschheit bisher gerungen hat. Ist es ein nothwendiges Uebel?
Dafür geben es diejenigen aus, welche es nicht fühlen, welche in
der Lotterie des Lebens die großen Preise gewonnen haben. Aber
auch die Sclaverei, der Despotismus, alle Vorrechte der Oligar-
chie wurden für nothwendig erklärt. Alle die stufenweiſen Er-
rungenschaften der ärmeren Classen, welche dieselben theils den
edleren Gefühlen der Machthaber, theils ihrer Furcht verdanken,
und zum Theil mit Geld erkauft oder als Gegenleistung für die
Unterstützung erlangt haben, welche sie einem Theil der Mächtigen
in seinen Streitigkeiten mit einem anderen gewährten, hatten von
S.
167
Der Socialismus.
vornherein die stärksten Vorurtheile gegen sich; aber ihre Er-
langung war ein Zeichen der Erstarkung der unteren Classen,
mithin ein Mittel weiteren Machterwerbes; sie verschaffte diesen
Classen daher einen gewissen Antheil an dem Ansehen, das die
Wacht genießt, und rief eine entsprechende Wandlung in dem Ur-
theil der Gesellschaft hervor. Alle Rechte, deren Erwerbung ihnen
geglückt war, wurden nun als ihr rechtmäßiges Eigenthum be-
trachtet; derjenigen hingegen, die sie noch nicht erlangt hatten,
galten sie immer noch als unwürdig. Daher haben die Classen,
welche das herrschende sociale System in eine untergeordnete
Stellung versetzt, wenig Grund, irgend einem der Sätze Glauben
zu schenken, welche dieses selbige System als Principien aufgestellt
haben mag. Wenn man in Betracht zieht, wie wunderbar ge-
schmeidig sich die Meinungen der Menschen erwiesen haben, wie
sie immer darauf abzielten, das Bestehende zu heiligen und das
noch nicht Bestehende entweder für gemeingefährlich oder für un-
ausführbar zu erklären, da darf man wohl die Frage aufwerfen,
welche Gewähr denn jene Classen dafür besitzen, daß es mit der
Unterscheidung zwischen Arm und Reich eine andere Bewandtniß
habe, daß dieselbe auf einer zwingenderen Nothwendigkeit beruhe
als jene anderen altherkömmlichen Thatsachen, welche jetzt, da sie
beseitigt sind, selbst von Jenen verurtheilt werden, welche ehemals
aus ihnen Nutzen zogen. Die bloße Versicherung einer be-
theiligten Partei kann die Frage nicht entscheiden. Die arbeitenden
Classen haben das Recht zu verlangen, daß das ganze Gebiet der
socialen Einrichtungen von neuem geprüft und jede Frage so er-
wogen werde, als ob sie jetzt zum ersten Male aufgeworfen würde,
wobei man nie vergessen darf, daß es nicht Jene zu überzeugen
gilt, welche ihr Lebensbehagen und ihr Ansehen dem gegenwärtigen
Systeme verdanken, sondern Jene, welche ohne jedes Sonder-
Interesse nur von dem Streben nach voller Gerechtigkeit und nach
Förderung des Gesammtwohls beseelt sind. Es sollte das Ziel
der Untersuchung sein, festzustellen, welcherlei Verfügungen in
Bezug auf das Eigenthum ein vorurtheilsfreier, zwischen Besitzen-
den und Nicht-Besitzenden völlig unparteiisch in der Mitre stehen-
der Gesetzgeber treffen würde, dieselben nur mit solchen Gründen
zu vertheidigen und zu rechtfertigen, welche für einen derartigen
Gesetzgeber wirklich bestimmend wären, und nicht mit solchen, die
den Eindruck machen, daß sie zu Gunsten des bereits Bestehenden
zusammengesucht sind. Alle Rechte oder Privilegien des Eigen-
thums, welche dieser Prüfung nicht Stand halten, werden -
oder später aufgegeben werden müssen. Außerdem sollten
früher
S.
Der Socialismus.
168
alle Einwendungen gegen die Institution des Eigenthums selbst
unparteiisches Gehör finden. Alle die Uebel und Mißstände, welche
mit der Einrichtung, selbst in ihrer besten Gestalt, verknüpft sind,
sollten freimüthig eingeräumt werden, und die beste Abhilfe oder
Linderung, welche menschlicher Scharfsinn zu erdenken vermag, da-
gegen zur Anwendung kommen. Endlich sollten alle, welchen
Namen immer habenden, Entwürfe, die von Socialreformatoren
vorgebracht wurden, um die durch die Einrichtung des Eigenthums
bezweckten Vortheile ohne deren Uebelstände zu erreichen, mit
gleicher Unbefangenheit geprüft und keiner derselben von vornherein
als ungereimt oder unausführbar verworfen werden.
Die Einwürfe der Socialisten gegen die bestehende
Gesellschafts-Ordnung.
Wie bei allen Reformvorschlägen zwei Stücke in Betracht
zu ziehen sind, nämlich was von der Umgestaltung betroffen wer-
den und worin die Umgestaltung bestehen soll, so sind auch am
Socialismus, als Ganzes genommen, und an jeder seiner Abarten
für sich, zwei Seiten zu unterscheiden: die kritische oder zerstörende
und die positive oder schaffende. Wir haben zunächst das Ur-
theil des Socialismus über die bestehenden Einrichtungen und
Uebungen und über deren Erfolge, und an zweiter Stelle die man-
nigfachen Pläne in's Auge zu fassen, welche derselbe entworfen hat,
um zu Vollkommenerem zu gelangen. In Betreff des ersten
Punktes stimmen alle die verschiedenen socialistischen Schulen
überein. Die Einwendungen, die sie gegen die bestehende wirth-
schaftliche Ordnung der Gesellschaft erheben, sind fast genau dieselben.
Bis zu einem gewissen Punkte fallen auch ihre allgemeinen Vor-
stellungen von der Abhilfe, die dagegen zu treffen ist, zusammen;
aber in den Einzelheiten gehen ihre Meinungen, trotz dieser all-
gemeinen Uebereinstimmung, weit aus einander. Wenn wir daran
gehen, uns ein Urtheil über ihre Lehren zu bilden, werden wir
es ebenso naturgemäß als zweckdienlich finden, mit dem negativen,
ihnen allen gemeinsamen, Theile derselben zu beginnen und von
ihren Meinungsverschiedenheiten erst dann zu handeln, wenn wir
zu ihren positiven Bestrebungen gelangen, in denen allein sich
ernste Differenzpunkte zwischen ihnen ergeben.
S.
169
Der Socialismus.
Dieser erste Theil unserer Aufgabe bietet keinerlei Schwierig-
teiten, da er blos in einer Aufzählung vorhandener Uebel besteht.
An diesen ist wahrlich kein Mangel und die Mehrzahl von ihnen
liegt klar und unverhüllt zu Tage. Ja, viele darunter bilden die
alltäglichsten Gemeinpläße der Moralisten, obwohl die Wurzeln
derselben in eine Tiefe hinabreichen, zu der die Moralisten nur
selten vorzubringen versuchen. Sie sind von so mannigfaltiger
Art, daß die einzige Schwierigkeit darin liegt, ein annähernd er-
schöpfendes Verzeichniß derselben zu geben. Wir werden uns für
den Augenblick damit begnügen, einige wenige von den wichtigsten
zu erwähnen. Eines aber muß der Leser fortwährend im Auge
behalten. Wenn ein Punkt der Aufzählung nach dem anderen vor
seinem geistigen Auge vorüberzieht, und wenn er eine Thatsache
nach der anderen, die er zu den Naturnothwendigkeiten zu rechnen
gewohnt war, zur Anklage gegen die socialen Einrichtungen ver-
wendet sieht, hat er kein Recht, das Verfahren ein unbilliges zu
schelten und zu versichern, daß die gerügten Uebelstände dem
Menschen und der Gesellschaft nothwendig anhaften und durch
keinerlei sociale Anordnungen zu beseitigen seien. Denn das
hieße nichts anderes thun, als die strittige Frage umgehen.
Niemand gesteht bereitwilliger zu als die Secialisten - ja sie
behaupten es sogar mit weit mehr Entschiedenheit, als durch den
wirklichen Sachverhalt gerechtfertigt scheint daß die Uebel, über
welche sie Beschwerde führen, innerhalb der gegenwärtigen Verfassung
der Gesellschaft feine Heilung gestatten. Sie wollen, daß man
erwäge, ob sich nicht irgend eine andere Form der Gesellschaft
ausfindig machen ließe, welcher diese Uebelstände gar nicht oder in
viel geringerem Maße anhaften würden. Alle diejenigen, welche
die gegenwärtige Ordnung der Gesellschaft, als ein Ganzes, an-
greifen, und die Möglichkeit einer vollständigen Umgestaltung in's
Auge fassen, haben das Recht, alle die Uebelstände, welche sich
gegenwärtig in der Gesellschaft vorfinden, als Argumente zu
Gunsten ihrer Sache aufzuführen, gleichviel ob die socialen Ein-
richtungen an ihnen Schuld zu tragen scheinen oder nicht,
vorausgesetzt, daß sie nicht das Ergebniß von Naturgesetzen sind,
denen menschliche Macht nicht gewachsen ist oder die Wissen-
schaft noch nicht zu begegnen gelernt hat. Moralische und solche
physische Uebelstände, welche beseitigt wären, wenn alle Menschen
handelten, wie sie sollten, lassen sich füglich gegen den Zustand
der Gesellschaft, welcher sie zuläßt, in's Feld führen, und
können so lange als triftige Argumente gelten, bis der Nach-
weis geführt wird, daß jeder andere Zustand der Gesellschaft ein
=
S.
Der Socialismus.
170
gleiches oder ein größeres Maß von derartigen Uebeln in seinem
Gefolge hätte. Nach der Meinung der Socialisten haben die
gegenwärtigen gesellschaftlichen Einrichtungen in Betreff des Eigen-
thums und der Hervorbringung und Vertheilung des Vermögens,
als Mittel zur Förderung des allgemeinen Wohls betrachtet, ihre
Aufgabe völlig verfehlt. Sie sagen, daß diese Einrichtungen einer
ungeheuren Masse von Elend und Schlechtigkeit gegenüber sich
machtlos erweisen; daß das moralische oder physische Gute, was
sie zu Wege bringen, im Vergleiche zur aufgewandten Mühe, er-
bärmlich gering ist, und daß selbst dieses wenige Gute durch Mittel
erzeugt wird, welche an verderblichen Consequenzen, sittlicher wie
physischer Art, überaus ergiebig sind.
Obenan unter den bestehenden socialen Uebeln steht die
Armuth. Die Institution des Eigenthums wird hauptsächlich
darum gerühmt und vertheidigt, weil man in ihr das Mittel
erblickt, durch welches der Arbeit und Genügsamkeit ihre Beloh-
nung gesichert und die Menschheit in den Stand gesetzt wird, sich
über die Stufe der Dürftigkeit zu erheben. Dieß mag sich wirklich
so verhalten, und die meisten Socialisten gestehen zu, daß es sich
in früheren Perioden der Geschichte so verhielt. Aber wenn diese
Einrichtung, so sagen sie, in dieser Hinsicht nicht mehr oder nichts
Vollkommeneres leisten kann, als sie bisher geleistet hat, dann ist
ihr Leistungsvermögen ein sehr beschränktes zu nennen. Wie klein
ist nicht, selbst in den civilisirtesten Ländern Europa's, der Bruch-
theil der Bevölkerung, welchem ein nur einigermaßen nennens
werther persönlicher Vortheil aus den Segnungen des Eigenthums
erwächst! Man kann sagen, daß auch die Anderen ihr tägliches
Brod entbehren müßten, wenn sich nicht Eigenthum in den Händen
ihrer Arbeitgeber vorfände; aber wenn man dieß auch einräumt,
so ist doch das tägliche Bred das Einzige, was sie haben, und
dieß oft in unzureichender Menge, fast immer von ungenügender
Güte, und ohne jede Sicherheit, daß sie es in Zukunft überhaupt
erhalten werden; denn ein überaus großer Theil der arbeitenden
Classen ist zu irgend einer Lebens Epoche (wenigstens zeitweilig)
auf öffentliche oder private Mildthätigkeit angewiesen, und die
Gesammtheit ist stets der Gefahr ausgesetzt, in eine derartige
Lage zu gerathen. Es wäre überflüssig, hier den Jammer der
Armuth zu schildern, oder die Anzahl von Menschen, welche selbst
in den fortgeschrittensten Ländern in dauernder Weise den aus
ihr entspringenden physischen und moralischen Leiden preisgegeben
sind, abschätzen zu wollen. Dieß mag den Philanthropen über-
lassen bleiben, welche dieses Elend mit hinreichend starken Farben
S.
Der Socialismus.
171
ausgemalt haben. Für uns genüge die Bemerkung, daß im
civilisirten Europa, und selbst in England und Frankreich,
der Zustand großer Massen von Menschen ein elenderer ist,
als bei den meisten uns bekannt gewordenen Stämmen von
Wilden.
Man kann einwenden, daß Niemand ein Recht habe, sich über
dieses harte Loos zu beschweren, weil es nur Solche trifft, die
wegen ihrer geringeren Thatkraft oder Klugheit von Anderen über-
holt werden. Aber selbst wenn dieß wahr wäre, läge darin doch
nur ein recht armseliger Trost. Wenn ein Nero oder Domitian
hundert Menschen zwingen würde, einen Wettlauf zu unternehmen,
bei welchem die fünfzig oder zwanzig zuletzt Ankommenden dem
Tode verfallen sollten, so wäre das Unrecht darum fein geringeres,
weil die Stärksten oder die Flinksten sicher wären, wenn kein
ungünstiger Zufall sie aufhält, zu entrinnen. Das Jammervolle
und Verbrecherische bestünde darin, daß überhaupt irgend welche
dem Tode verfielen. Nicht anders steht es im Haushalt der
Gesellschaft; wenn es irgend welche Menschen giebt, welche unter
materiellen Entbehrungen oder sittlicher Herabwürdigung leiden,
deren leibliche Bedürfnisse entweder gar nicht oder in einer Weise,
die nur thierischen Geschöpfen genügen kann, befriedigt werden,
so beweist dieß, wenngleich nicht nothwendiger Weise ein Verbrechen
der Gesellschaft, so doch pro tanto einen Mißerfolg ihrer Ein-
richtungen. Und es heißt zum Unglück nur den Hohn hinzufügen,
wenn man eine Verkleinerung des Uebels darin erblicken will,
daß die also Leidenden die in moralischer oder physischer Hinsicht
schwächeren Mitglieder des Gemeinwesens sind. Ist denn die Schwäche
eines Wesens ein Grund, Leiden über dasselbe zu verhängen?
Gewährt sie nicht vielmehr einen geradezu unabweislichen Anspruch
auf Schutz vor Leiden? Könnten die Glücklichen, wenn ihr Geist
und Gemüth von der rechten Art wäre, ihres Glückes froh werden,
wenn um dieses Glückes willen auch nur einem einzigen Menschen
in ihrer Nähe aus einer anderen Ursache als durch eigenes Ver-
schulden die Bedingungen eines begehrenswerthen Daseins entzogen
würden?
Es giebt eine Bedingung, unter welcher, falls sie zutreffen
sollte, die socialen Einrichtungen von jeder Verantwortlichkeit für
die erwähnten llebel freigesprochen werden müßten. Da die mensch-
liche Gattung keine anderen Mittel zur Sicherung einer genuß-
reichen Existenz, oder der Existenz überhaupt, hat, als sie durch
ihre eigene Arbeit und Enthaltsamkeit hervorbringt, so entfiele
jeder Grund zur Beschwerde gegen die Gesellschaft, wenn Jeder,
S.
Der Socialismus.
172
der bereit ist, einen angemessenen Theil dieser Arbeit und Ent-
haltsamkeit auf sich zu nehmen, auch einen angemessenen Antheil
an dem Ertrage derselben erhielte. Aber ist dieß der Fall? Ist
nicht vielmehr das Gegentheil davon der Fall? Anstatt daß die
Belohnung der Arbeit und Enthaltsamkeit des Einzelnen ent-
spräche, steht sie nahezu in umgekehrtem Verhältnisse zu der-
selben: diejenigen, welche an Arbeit und Enthaltsamkeit am
meisten leisten, erhalten am wenigsten. Sogar die arbeitsscheuen,
gedanken- und gewissenlosen Armen, von denen man am ehesten
behaupten kann, daß sie ihre Lage selbst verschulden, unterziehen
sich oft größerer und schwererer Arbeit, nicht nur als diejenigen,
welche zu wirthschaftlicher Unabhängigkeit geboren sind, sondern
selbst als fast alle besser entlohnten unter denen, die ihren Unter-
halt erwerben; ja, die, wenn auch unzulängliche, Selbstbeherrschung,
der sich der arme Arbeitsmann unterzieht, kostet ihm mehr
Opfer und Anstrengung, als fast jemals von den begünstigteren
Mitgliedern der Gesellschaft erfordert wird. Jeder Gedanke einer
austheilenden Gerechtigkeit, oder eines angemessenen Verhältnisses
zwischen Erfolg und Verdienst, oder zwischen Erfolg und An-
strengung, ist bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesellschaft so
augenscheinlich chimärischer Art, daß man ihn in das Reich der
Träume verweisen muß. Allerdings ist das Loos des Einzelnen
nicht ganz unabhängig von seiner Tugend und seiner Einsicht;
diese wirken in der That zu seinen Gunsten, aber sie thun dieß
in viel geringerem Maße als viele andere Dinge, die mit Ver-
dienst nicht das Mindeste zu schaffen haben. Der großen Mehr-
zahl fällt ihr Loos durch die Geburt zu. Einige werden zu Reich-
thum ohne Arbeit geboren, Andere zu Stellungen, in denen sie
durch Arbeit reich werden können, die große Mehrheit zu harter
Arbeit und lebenslanger Armuth, gar Viele zum Elend. Zunächst
nach der Geburt entscheiden Zufall und Gelegenheit über den Er-
folg im Leben. Wenn es demandem, der nicht zu Reichthum geboren
ist, gelingt, solchen zu erwerben, so hat sein Fleiß und seine
Geschicklichkeit an diesem Erfolge gewöhnlich einen Antheil; aber
Fleiß und Geschicklichkeit allein hätten dazu nicht ausgereicht, wenn
nicht auch eine Gunst der Umstände und Zufälle mitgewirkt hätte,
wie diese nur wenigen Menschen zu Theil wird. Wenn es wahr
ist, daß Manchen ihre Tugenden bei ihrem Fortkommen zu gute
kommen, so gereichen Anderen, und vielleicht ebenso vielen, ihre Laster
zum Vortheil: ihre Kriecherei und ihr Intriguengeist, ihre hart-
herzige knickerische Selbstsucht, desgleichen der Spielgeist, die er-
laubten Lügen und Kniffe des kaufmännischen Verkehrs, und nicht
S.
173
Der Socialismus.
selten auch die ächte und rechte Schurkerei. Thatkraft und Talent
sind für den Erfolg im Leben von viel größerem Belang als
Tugend; und wenn der Eine dadurch sein Glück macht, daß er
seine Thatkraft und sein Talent einem Unternehmen widmet, das
allgemeinen Nutzen bringt, so gedeiht dagegen ein Anderer, indem
er dieselben Eigenschaften dazu verwendet, einen Rivalen aus dem
Sattel zu heben und zu Grunde zu richten. Das Aeußerste, was ein
Moralist zu behaupten wagen kann, ist dieß, daß unter sonst gleichen
Umständen Ehrlichkeit die beste Politik ist, und daß bei Gleich-
heit der übrigen Vortheile die Aussichten des ehrlichen Mannes
günstiger stehen als jene des Schuftes; aber selbst dieß ist in
vielen Lagen und Lebensstellungen fraglich, und von mehr als
diesem kann überhaupt keine Rede sein. Man kann nicht behaupten,
daß die Ehrlichkeit als Förderungsmittel auch nur so viel zählt,
als der Vorsprung um eine einzige Sprosse auf der Stufenleiter
der Gesellschaft. Der Zusammenhang zwischen Glück und Wohl-
verhalten ist der Hauptsache nach folgender: es giebt einen Grad
der Schlechtigkeit oder vielmehr einiger Arten von Schlechtigkeit,
welcher die reichste Gunst des Schicksals wettzumachen vermag;
aber das Gegenstück zu diesem Sage fehlt: bei der Lage, in der
sich die meisten Menschen befinden, ist auch der höchste Grad des
Wohlverhaltens häufig unvermögend, sie ohne die Mithilfe glück-
licher Zufälle in der Welt emporzuheben.
Dieses Uebel also, große Armuth, und zwar eine Armuth,
welche mit dem Verdienste sehr wenig zu thun hat, ist der erste
große Mißerfolg der bestehenden Einrichtungen der Gesellschaft.
Der zweite ist das menschliche Mißverhalten: Verbrechen, Laster
und Thorheit mit all den Leiden, die sie in ihrem Gefolge haben.
Denn nahezu alle Arten des menschlichen Mißverhaltens, es mag
sich um Vergehen gegen uns selbst oder gegen Andere handeln,
lassen sich auf eine von drei Ursachen zurückführen: auf Armuth
und die sie begleitenden Versuchungen bei der großen Menge, auf
Müssiggang und Mangel an Beschäftigung bei den Wenigen, deren
Lebensumstände sie nicht zur Arbeit nöthigen, und auf schlechte oder
mangelnde Erziehung bei Beiden. Die beiden ersten Factoren müssen
zum mindesten als Mißerfolge der socialen Einrichtungen angesehen
werden, während man im dritten jezt allgemein das Verschulden
man möchte fast sagen, die verbrecherische Schuld derselben
Einrichtungen erkennt. Ich behandle den Gegenstand hier nur
obenhin und in großen Zügen; eine tiefere Erforschung der
Quellen menschlicher Charaktermängel und Irrungen würde viel
deutlicher das ursächliche Band darlegen, welches dieselben mit
S.
Der Socialismus.
174
einer fehlerhaften Organisation der Gesellschaft verknüpft, aber
freilich auch die Bedingtheit dieses mangelhaften Zustandes der
Gesellschaft durch einen unentwickelten Zustand des menschlichen
Geistes darthun.
Bei diesem Punkte machten die bloßen Gleichmacher früherer
Zeiten in der Aufzählung der Uebel der Gesellschaft Halt; ihre
tieferblickenden Nachfolger aber, die heutigen Socialisten, gehen
weiter. In ihren Augen ist die ganze eigentliche Basis des mensch-
lichen Lebens, wie es gegenwärtig bestellt ist, das Grundprincip,
welches die Erzeugung und Vertheilung aller materiellen Güter
beherrscht, seinem inneren Wesen nach verwerflich und gesellschafts-
feindlich. Es ist dieß der Grundsatz des Individualismus und der
Concurrenz: Jeder für sich und gegen alle Anderen. Derselbe ist
auf den Widerstreit, nicht auf die Harmonie der Interessen gegründet,
und unter seiner Herrschaft ist es der Kampf, der Jedem seinen
Platz anweist: er drängt Andere zurück oder wird von ihnen
zurückgedrängt. Die Socialisten betrachten dieses System des
Privatkrieges (wie man es nennen möchte) zwischen einem Jeden
und allen Anderen als besonders verhängnißvoll in wirthschaftlicher
wie in sittlicher Rücksicht. Vom Standpunkt der Moral sind dessen
Uebel augenfällig. Ihm entstammt Neid, Haß und jede Art der
Lieblosigkeit, es macht Jedermann zum natürlichen Feind aller
Anderen, welche seinen Pfad kreuzen, und Jedermann muß dieß fort-
während von Jedem erwarten. Unter dem gegenwärtigen System
kann kaum irgend Einer gewinnen, ohne daß ein Anderer oder
viele Andere verlieren oder ihre Hoffnungen getäuscht sehen. In
einer wohleingerichteten Gesellschaft müßten die vom Erfolg ge-
krönten Bemühungen des Einen jedem Anderen zum Vortheil
gereichen, während jetzt das Gegentheil stattfindet; und die Quelle
bes größten Gewinnes ist die schlimmste von allen, der Tod: der Tod
jener Wesen, welche uns am nächsten stehen und am theuersten sein
sollten. In Betreff seiner rein ökonomischen Wirksamkeit erfährt
der Grundsatz der individuellen Concurrenz von Seiten der Social-
Reformatoren eine nicht minder unbedingte Verurtheilung, wie in
sittlicher Rücksicht. In der Concurrenz der Arbeiter erblicken sie
die Ursache der niedrigen Arbeitslöhne, in der Concurrenz der
Producenten die Ursache des Ruins und Bankerottes, und beide
Uebel so behaupten sie besitzen die Tendenz, in dem Maße
als Bevölkerung und Vermögen zunehmen, beständig zu wachsen.
Nach ihrer Meinung schädigt dieser Proceß Alle, mit Ausnahme
der großen Landeigenthümer, der Besizer von firen Geldein-
kommen und einiger weniger großer Capitalisten, deren Reichthum
S.
175
Der Socialismus.
sie nach und nach in den Stand setzt, alle anderen Producenten
an Wohlfeilheit zu überbieten, alle Unternehmungen der Gewerb-
thätigkeit unter ihre Herrschaft zu bringen, alle concurrirenden
Arbeitgeber vom Markte zu verdrängen, und die Arbeiter in eine
Art von Sclaven oder Leibeigenen zu verwandeln, welche in Betreff
ihrer Subsistenzmittel von ihnen abhängen und gezwungen sind,
diese unter jenen Bedingungen entgegenzunehmen, die es ihnen
zu stellen beliebt. Mit einem Wort: die Gesellschaft eilt, nach
der Ansicht dieser Denker, einer neuen Art von Feudalherrschaft,
jener der großen Capitalisten, entgegen.
Da ich in späteren Abschnitten dieses Buches reichliche Gelegen-
heit finden werde, meine eigene Meinung über diese und viele andere
mit ihnen verknüpfte und ihnen untergeordnete Themen auszusprechen,
will ich jetzt ohne weitere Vorbereitung daran gehen, die Ansichten
hervorragender Socialisten über die bestehenden Einrichtungen der
Gesellschaft in einer Auswahl von Stellen aus ihren Schriften
darzulegen. Ich wünsche zunächst nur als ein Berichterstatter zu
gelten, der die Ansichten Anderer mittheilt. Es wird sich später
zeigen, wie viel von dem, was ich anführe, mit meinen eigenen
Ueberzeugungen zusammentrifft oder denselben widerspricht.
Die klarste, bündigste, bestimmteste und detaillirteste Formu-
lirung der Anklagen, welche die Socialisten im Allgemeinen mit
Bezug auf das wirthschaftliche Gebiet der menschlichen Angelegen-
heiten gegen die bestehende Gesellschafts-Ordnung erheben, findet
sich in dem kleinen Werke von Louis Blanc, betitelt,,Organi-
sation du travail". Meine ersten hierauf Bezug habenden An-
führungen sollen daher dieser Abhandlung entnommen sein.
,,Die Concurrenz ist für das Volk ein System der Ausrottung."*)
„Ist der Arme ein Mitglied oder ein Feind der Gesellschaft? Wir
bitten um Antwort."
Rings um sich findet er den Boden in Beschlag genommen. Darf
er die Erde zu seinem eigenen Nußen bebauen? Nein; denn das Recht des
ersten Besitzergreifers ift Eigenthumsrecht geworden. Darf er die Früchte
pflücken, welche die Hand Gottes auf dem Pfade der Menschen reifen läßt?
Nein; denn die Früchte sind gleich dem Boden Eigenthum geworden. Darf
er sich der Jagd oder dem Fischfang widmen? Nein; denn das ist ein Recht,
welches die Regierung verpachtet. Darf er Wasser schöpfen aus einer Quelle,
welche inmitten eines Feldes liegt? Nein; denn der Eigenthümer des Feldes
ist Kraft des Zuwachsrechtes auch Besitzer der Quelle. Darf er, sterbend vor
Hunger und Durst, die Hand ausstrecken, um das Mitleid seiner Neben-
menschen anzurufen? Nein; denn es giebt Gesetze gegen den Bettel. Darf
*L. Blanc, Organisation du travail, 4. Aufl., 1845, S. 7.
S.
176
Der Socialismus.
er, obdachlos und von Müdigkeit erschöpft, sein Haupt auf das Straßen-
pflafter niederlegen, um zu schlafen? Nein; denn es giebt Gefeße gegen das
Bagabundenthum. Darf er dieß grausame Baterland, in dem ihm alles versagt
wird, fliehen und seinen Lebensunterhalt fern von dem Orte suchen, wo seine
Wiege stand? Nein; denn es ist nicht gestattet, in die Fremde zu ziehen,
außer unter gewissen Bedingungen, die er unmöglich erfüllen kann."
Was wird dieser Unglückliche beginnen? Er wird sagen: "Ich habe
zwei Arme, um zu arbeiten, ich habe Verstand, Jugend und Stärke; nehmt
all dieß und gebt mir dafür ein Stückchen Brod. So thun und sagen heute die
Proletarier. Aber selbst hier kann er die Antwort hören: 'Ich habe Dir keine
Arbeit zu geben. Und was kann er dann beginnen?
Was ist die Concurrenz vom Standpunkt des Arbeiters?*) Sie ist
die Versteigerung der Arbeit. Ein Unternehmer braucht einen Arbeiter; drei
bieten sich ihm an. 'Wie viel verlangst du für Deine Arbeit? "Drei
Francs, ich habe Weib und Kind zu ernähren. Gut, und Du'?
Zwei Francs und einen halben. Ich habe ein Weib, aber keine Kinder.
Bortrefflich. Und Du?
"Mir genügen zwei Francs. Ich stehe
allein'. Du bist mein Mann'. Es ist geschehen, der Handel ist ge-
schlossen. Was wird nun mit den beiden zurückgewiesenen Arbeitern ge-
schehen? Wir wollen hoffen, daß sie ruhig verhungern werden. Aber wenn
fie Diebe werden sollten? Oh, es ist nichts zu besorgen, dafür haben wir
die Polizei. Und wenn Mörder? Dafür haben wir den Henker. Was den
glücklichsten von den Dreien betrifft, so wird sein Triumph vielleicht nicht
lange währen. Es kann ein Vierter kommen, der fräftig genug ist, um
jeden zweiten Tag zu faften, und dann gleitet der Preis rasch das letzte Stück
der schiefen Ebene herab, dann giebt es einen neuen Pariah, vielleicht einen
neuen Recruten für die Galeere."
"Wird man uns entgegnen, daß diese traurigen Ergebnisse auf Ueber-
treibung beruhen, daß sie jedenfalls nur dann möglich sind, wenn die Arbeit
nicht für alle Arme ausreicht, welche Arbeit suchen? Dann will ich meiner=
seits fragen, ob vielleicht die Concurrenz in sich selbst die Kraft trägt, das
Eintreten diefes mörderischen Mißverhältnisses zu verhüten? Wer fann mir
bei der ungeheuern, durch die allgemeine Concurrenz geschaffenen Verwirrung
dafür einstehen, daß, wenn das eine Gewerbe Mangel an Arbeitskräften hat,
ein anderes nicht mit solchen überladen ist? Und wenn von vier und dreißig
Millionen Menschen auch nur zwanzig genöthigt sind zu stehlen um zu leben,
so reicht dieß hin, um das Princip zu verdammen."
Aber wer wäre so blind, nicht einzusehen, daß unter der Herrschaft der
uneingeschränkten Concurrenz das stetige Sinten der Arbeitslöhne nothwendig
eine allgemeine Thatsache und durchaus kein ausnahmsweises Vorkommniß
ist? Giebt es etwa eine Grenze für die Bevölkerung, welche dieselbe niemals
überschreiten fann? Steht es vielleicht in unserer Macht, zur Industrie, die
den Launen der individuellen Selbstsucht preisgegeben ist, zu dieser Industrie,
welche einem mit Trümmern bedeckten Meere gleicht, zu sagen: Bis hieher
und nicht weiter? Die Bevölkerung mehrt sich unablässig. Gebietet doch
der Mutter des Armen, unfruchtbar zu werden und hadert mit Gott, der
fie fruchtbar werden ließ; denn wenn ihr das nicht thut, wird der Ringplat
bald zu enge sein für die Masse der Kämpfer! Eine Maschine ist erfunden
worden; gebietet doch, daß man sie zerbreche und thut die Wissenschaft in
I
*) a. a. D. S. 9.
S.
Der Socialismus.
177
Bann; denn sonst werden die tausend Arbeiter, welche die neue Maschine
verdrängt, bei der nächsten Werkstätte anpochen und die Löhne ihrer Camera-
den herabdrücken. Ein consequentes Sinken der Arbeitslöhne, das schließlich
zur Vernichtung einer gewiffen Zahl von Arbeitern führt, das ist die unver-
meidliche Folge der freien Concurrenz. Sie ist ein System der Gewerb-
thätigkeit, durch welches die Arbeiter gezwungen find, fich wechselseitig aus-
zurotten.
,Wenn es eine unbestreitbare Thatsache giebt, so ist es die, daß die
Bevölkerungszunahme unter den Armen viel rascher vor sich geht, als unter
den Reichen *). Der Statistik zufolge betragen die Geburten in den reichsten
Stadttheilen von Paris nur ein Zweiunddreißigftel der Bevölkerung, während
fie fich in anderen Quartieren bis auf ein Sechsundzwanzigstel erheben. Dieses
Mißverhältniß ist eine allgemeine Thatsache, und Hr. Sismondi hat in seinem
Werke fiber politische Dekonomie eine sehr gute Erklärung für sie gegeben,
indem er sie der Unfähigkeit der Tagelöhner zuschreibt, fich von Hoffnung und
von Vorbedacht beeinflussen zu lassen. Nur der, welcher sich als Herr des
nächsten Tages weiß, kann die Zahl seiner Kinder der Größe seines Ein-
kommens anpassen; aber wer nur von einem Tag zum andern lebt, der
trägt das Joch eines geheimnißvollen Fatalismus, dem er seine Nachkommen
weiht, wie er ihm selbst geweiht ward. Ueberbieß giebt es Armenhäuser,
welche die Welt mit einer wahren Ueberschwemmung von Bettlern bedrohen?
Welches Mittel haben wir, um diesem Unheil zu entgehen?
Ist es doch einleuchtend, daß jede Gesellschaft, in der die Lebensmittel weniger
rasch zunehmen als die Anzahl der Menschen, am Rande eines Abgrundes
steht."
Concurrenz erzeugt Elend, das ist durch Zahlen bewiesen **). Das
Elend ist entsetzlich fruchtbar, auch das ist durch Zahlen bewiesen. Die Frucht-
barkeit des Armen stößt unglückliche Geschöpfe in's Leben hinaus, welche
Arbeit benöthigen und keine finden können; dieß ist wiederum durch Zahlen
bewiesen. Eine Gesellschaft, die so weit gekommen ist, hat nur die Wahl,
die Armen zu tödten oder fie ohne Gegenleistung zu erhalten; sie hat die
Wahl zwischen Grausamkeit und Wahnsinn."
So viel in Betreff der Armen. Wir wenden uns nun zu
den Mittelclassen.
Wohlfeilheit, das ist das große Wort, in welches sich, nach den
Volkswirthen aus der Schule der Say's und Smith's, alle Bortheile der
freien Concurrenz zusammenfassen lassen ***). Aber warum steift man sich
darauf, die Wirkungen der Wohlfeilheit nur mit Rücksicht auf den augen-
blicklichen Vortheil, welchen sie dem Consumenten gewährt, in's Auge zu
faffen? Die Wohlfeilheit nügt den Consumenten nur, indem sie den Samen
der verderblichsten Anarchie unter den Producenten ausstreut. Die Wohl-
feilheit ist die Keule, mit der die reichen Producenten ihre ärmeren Rivalen
zermalmen. Die Wohlfeilheit ist der Hinterhalt, in den die verwegenen
Speculanten die Männer der harten Arbeit locken. Die Wohlfeilheit ist das
Todesurtheil des Fabricanten, der nicht die Kosten einer theuern Maschine
bestreiten kann, welche seine reicheren Nebenbuhler sich mit Leichtigkeit verschaffen
*) a. a. D. S. 53.
** Ebend. S. 59.
***) Ebend. S. 59.
Mill, ges. Werte. XII.
12
S.
Der Socialismus.
178
fönnen. Die Wohlfeilheit ist der Büttel des Monopols, sie ist der
Schlund, welcher den kleinen Fabricanten, den kleinen Händler, den tleinen
Befizer verschlingt. Sie ist mit einem Worte die Vernichtung der Mittel-
claffen zu Gunsten einiger industrieller Oligarchen."
Sollten wir also die Wohlfeilheit an und für sich als ein Unheil
betrachten? Niemand würde wagen, solchen Widersinn zu behaupten. Aber
es ist die Eigenthümlichkeit der schlechten Principien, Gut in Böse zu ver-
wandeln und alles zu verfälschen. Unter dem System der Concurrenz ist die
Wohlfeilheit nur ein furzlebiger und trügerischer Segen. Sie erhält sich so
lange, als der Kampf währt; sobald der Reichste alle seine Rivalen aus dem
Felde geschlagen hat, beginnen die Preise wieder zu steigen. Die Concurrenz
führt zum Monopol; aus demselben Grunde führt die Wohlfeilheit zur
höchsten Anspannung der Preise. So wird das, was zuerst eine Waffe im
Kampfe der Producenten unter. einander war, früher oder später eine Ursache
der Berarmung für die Consumenten selbst. Und wenn wir zu dieser Ursache
alle anderen bereits aufgezählten, darunter in erster Linie die schrankenlose
Volksvermehrung, hinzunehmen, müssen wir nothgedrungen die Verarmung
der Masse der Consumenten als eine directe Folge der Concurrenz anerkennen.
„Aber dieselbe Concurrenz, welche die Quellen des Consums verstegen
zu machen strebt, treibt andererseits die Production zu einer fieberhaften
Thätigkeit. Die Verwirrung, welche der Kampf Aller gegen Alle hervorruft,
entzieht jedem Producenten die Kenntniß des Marktes. Er muß im Finstern
erzeugen, und für den Absatz seiner Waaren sich auf den Zufall verlassen.
Warum sollte er sich also eine Beschränkung auferlegen, zumal es ihm
freisteht, seine Berluste auf die in so hohem Maße nachgiebigen Arbeitslöhne
zu übertragen. Nicht einmal diejenigen, welche mit Verlust arbeiten, stellen
die Production ein, weil sie ihre Maschinen, Geräthschaften, Rohstoffe und
Gebäude nicht brach liegen lassen und den Rest ihrer Kundschaft nicht
aufgeben wollen; und da die Industrie unter der Herrschaft des Prin-
cips der Concurrenz nur mehr ein Hazardspiel ist, will der Spieler nicht
auf die Aussicht verzichten, durch einen glücklichen Wurf wieder empor-
zukommen."
"Daraus folgt also, und wir wüßten diesen Punkt nicht nachdrücklich
genug hervorzuheben, daß die Concurrenz die Production zur Zunahme und
ben Verbrauch zur Abnahme zwingt, daß sie das genaue Gegentheil von
dem bewirkt, was das Ziel der ökonomischen Wissenschaft ist, und daß sie
demnach nicht blos eine Bedrückung ist, sondern auch eine Thorheit."
,um nicht bei Gemeinplägen und bei solchen Wahrheiten zu verweilen,
welche gerade ihrer Wahrheit wegen den Eindruck bloßer Phrasen machen,
habe ich nichts von der schrecklichen sittlichen Fäulniß gesagt, welche die
heutige Organisation oder vielmehr Desorganisation der Industrie in
das Herz des Bürgerthums getragen hat*). Alles ist fäuflich geworden, und
die Concurrenz ist selbst bis in das Reich der Gedanken vorgedrungen."
Die Werkstätte erdrückt durch die Fabrik; der bescheidene Laben ver-
drängt durch das prunkhafte Waarenlager; der Handwerker, der sein eigener
Herr ist, ersetzt durch den Tagelöhner, der es nicht ist; die Arbeit des Spatens
durch die Arbeit des Pfluges beseitigt und dadurch das Feld des armen
*) a. a. D. S. 65.
S.
Der Socialismus.
179
Mannes unter die schmähliche Herrschaft des Wucherers gebracht; die Banke-
rotte vermehrt; die Gewerbthätigkeit durch die regellose Ausdehnung des
Credits in ein Spiel des Zufalls verwandelt, bei welchem Niemand, selbst
nicht der Schurke, des Gewinnes sicher ist; und endlich durch diese riesige
Verwirrung, welche so sehr dazu angethan ist, Mißtrauen, Eifersucht, Haß
in jeder Seele zu wecken, alle hochherzigen Bestrebungen allmählich ertödtet
und alle Quellen der Treue, der Hingebung, der Poefte ausgetrocknet: dieß
ist das entsetzliche, aber nur allzu wahrhafte Gemälde der Erfolge, welche die
Anwendung des Princips der Concurrenz erzielt hat."
Die Fourieristen zählen durch ihren hervorragendsten Wort-
führer, Hrn. Considérant, die Uebel der bestehenden Civilisation
in nachstehender Reihenfolge auf.
Für's Erste werfen sie ihr vor, daß sie einen ungeheuern Be-
trag von Arbeit und menschlicher Thatkraft unproductiv oder zu
Zwecken der Zerstörung verwendet *).
,,Da ist zunächst das Heer, welches in Frankreich, wie in allen anderen
Ländern, die stärksten und gesündesten, eine große Anzahl der begabtesten und
intelligentesten Männer und einen ansehnlichen Theil der öffentlichen Ein-
fünfte an sich reißt
Der gegenwärtige Zustand der Gesell-
schaft züchtet in seiner unlauteren Atmosphäre eine unzählige Menge von
Auswürflingen, deren Arbeit nicht nur unproductiv, sondern geradezu de-
structiv zu nennen ist, wie: Abenteurer, Prostituirte, Leute ohne nachweis-
baren Erwerb, Bettler, Sträflinge, Schwindler, Diebe und andere, deren
Zahl eher in Zunahme als in Abnahme begriffen ist."
"Zu der Liste von unproductiven Arbeitern, welche die heutige Ein-
richtung der Gesellschaft erfordert, sind noch hinzuzufügen die als Obrigkeiten,
als Advocaten, in den Gerichtshöfen Beschäftigten, die Polizei, Kerkermeister,
Henter u. f. w. lauter Verrichtungen, welche die heutige Gesellschaft nicht
entbehren kann."
Ebenso die Mitglieder der sogenannten 'guten Gesellschaft'; alle die
ihr Leben mit Nichtsthun zubringen; die Müffiggänger aus allen Ständen."
„Ebenso die zahllosen Zollbeamten, Steuereinnehmer, Accifebeamten ;
furz, das ganze Heer von Leuten, welche beaufsichtigen, Rechnung führen,
nehmen, aber nichts erzeugen."
"Ebenso die Arbeiten der Sophisten (Philosophen, Metaphysiker, Boli-
tifer) welche auf Irrwegen wandeln, welche nichts thun, um die Wissen-
schaft zu fördern und nichts hervorbringen außer Aufregung und unfrucht-
baren Wortstreit; der Nebeschwall der Advocaten, Vertheidiger, Zeugen 2c."
Und endlich alle kaufmännische Thätigkeit, von der der Banquiers und
Mäkler bis zu jener des Krämers hinter seinem Ladentisch."
Zweitens behaupten sie, daß selbst die Thätigkeit und die
Kräfte, welche unter dem gegenwärtigen System auf die Produc-
*) Considérant, Destinée Sociale. tome I. p. 35, 36, 37, 3me éd.
Paris, 1848. [ p. 52-55 der zweiten Auflage (1847), die uns allein zu
Gebote stand.]
12*
S.
180
Der Socialismus.
tion verwendet werden, blos einen kleinen Theil von dem hervor-
bringen, was fie bei besserer Ausnüßung und Leitung hervor
bringen könnten:
Welchem Menschen, der nur etwas Einsicht und Unparteilichkeit besitzt,
fönnte es entgehen, wie sehr die Zusammenhanglosigkeit, die Unordnung, der
Mangel an Eintracht, die Zerstückelung der Arbeit und deren gänzliche
Ueberlassung an die Thätigkeit Einzelner, ohne jede Organisation, ohne
irgend welche große oder allgemeine Gefichtspunkte, zur Einschränkung der
Production beitragen und die Mittel für unser Schaffen zerstören oder
wenigstens vergeuden? Führt nicht die Unordnung zur Armuth, wie Ord-
nung und gute Wirthschaft zum Reichthum? Ist nicht Mangel an ein-
trächtigem Zusammenwirken eine Quelle der Schwäche, wie die Eintracht
eine Quelle der Stärke ist? Und wer kann behaupten, daß die Arbeit
unserer Zeit, die landwirthschaftliche, die häusliche, die Fabrikarbeit, die wissen-
schaftliche, fünstlerische oder kaufmännische Thätigkeit, sei es im Staate oder
innerhalb der Gemeinden, organisirt ist? Wer fann behaupten, daß alle auf
irgend einem dieser Gebiete geleistete Arbeit in Unterordnung unter allgemeine
Gesichtspunkte, oder mit Voraussicht, Sparsamkeit und Ordnung verrichtet
wird? Oder wer fann behaupten, daß es bei der gegenwärtigen Einrichtung
der Gesellschaft möglich ist, bei jedem Mitglied derselben alle Fähigkeiten,
welche ihm die Natur verliehen hat, durch eine gute Erziehung auszubilden,
und jedermann mit solchen Verrichtungen zu beschäftigen, für welche er eine
Vorliebe empfinden, für welche er sich am fähigsten erweisen und welche er
daher mit dem größten Nußen für sich selbst und Andere ausüben würde?
Hat man auch nur daran gedacht, sich mit den Problemen zu beschäftigen,
welche die Charakterverschiedenheiten der Menschen darbieten, mit der Aufgabe,
wie die Verschiedenheit der Berufsarten mit der Mannigfaltigkeit natürlicher
Anlagen in Einklang zu bringen und demgemäß zu regeln ist? Leider nein!
Es ist ein vermessener Traum der glühendsten Philanthropen, fünf und zwanzig
Millionen Franzosen lesen und schreiben zu lehren. Und, wie die Dinge jetzt
stehen, dürfen wir fühnlich behaupten, daß selbst dieß ihnen nicht gelingen wird.
Und ist es nicht auch ein seltsames Schauspiel, ein Schauspiel, das
uns mit Scham erfüllen muß, daß bei einem Zustand der Gesellschaft, bei
welchem der Boden schlecht oder mitunter gar nicht bebaut ist, und die
Menschen schlecht gekleidet sind und schlecht wohnen, doch große Menschen-
mengen beständig an Arbeit Mangel leiden, und Elend schmachten, weil
sie dieselbe nicht bekommen fönnen? Wahrlich, wir müssen anerkennen, daß
die Völker nicht darum arm sind und darben, weil die Natur ihnen die
Mittel, Wohlstand zu erwerben, versagt hat, sondern weil wir bei der
Ausmuzung dieser Mittel ohne Plan und Ordnung vorgehen; mit anderen
Worten, weil die Gesellschaft elend eingerichtet und die Arbeit nicht orga=
nifirt ift."
Aber das ist noch nicht alles, und man macht sich eine allzu schwache
Vorstellung von dem Uebel, wenn man nicht in Betracht zieht, daß zu all
den Freveln der Gesellschaft, welche die Quellen des Reichthums und des
Glückes verschütten, noch die Kämpfe und Zwiftigkeiten hinzukommen, mit
einem Worte der Krieg, welchen die Gesellschaft unter mannigfachen Namen
und Formen zwischen ihren Mitgliedern pflegt und fördert. Diese Kämpfe
und Zwiftigkeiten entsprechen eingewurzelten Gegenfäßen, tiefgreifenden Wider-
sprüchen zwischen verschiedenen Intereffen. Genau so start, als die Claffen-
oder Standesunterschiede innerhalb einer Nation find, so stark sind auch die
S.
181
Der Socialismus.
Gegensätze der Interessen und die offene oder versteckte Befehdung in ihrem
Innern, und dieß gilt auch, wenn man blos das Gebiet des Handels und
der Gewerbe in Betracht zieht" *).
Einer der leitenden Gedanken dieser Schule ist die Betonung
der Kostspieligkeit und gleichzeitigen Unfittlichkeit der Einrichtungen,
welche gegenwärtig die Vertheilung des Ertrags des Landes unter
die verschiedenen Consumenten bezwecken, des ungeheuern
Ueberflusses an Zwischenhändlern: Großhändlern, Ladenhältern,
Krämern und ihren unzähligen Bediensteten, gleichwie des ver-
derblichen Einflusses, den eine derartige Zersplitterung der Be-
schäftigungen ausübt.
1
„Es ist klar, daß das Interesse des Händlers dem des Producenten wie
dem des Consumenten entgegengesetzt ist. Hat er nicht denselben Gegenstand.
in seinem Verkehr mit dem Producenten nach Möglichkeit entwerthet und so
wohlfeil als er nur fonnte gekauft, den er euch jetzt unter Anpreisungen
seiner Vortrefflichkeit so theuer als möglich verkauft? So ist auch das
Interesse der Kaufmannschaft, das der Gesammtheit und jedes Einzelnen
darunter, dem Interesse des Producenten und des Consumenten, das heißt,
dem Interesse der Gesammtheit der Gesellschaft entgegengesetzt."
"Der Händler ist eine Mittelsperson, welche aus der allgemeinen Anarchie
und Planlosigkeit der Industrie Nußen zieht. Er fauft Producte, er kauft
alles andere auf, er eignet sich alles an und legt auf alles Beschlag, so
daß er:
Erstens, sowohl die Production als auch die Consumtion unter sein
Joch beugt, denn beide müssen sich an ihn wenden, entweder um zuletzt die
fertigen Waaren, oder um zuerst das Rohmaterial, welches verarbeitet
werden soll, zu beziehen. Der Handel mit all seinen Schlichen des Auffauss,
der Preiserhöhung und Preisherabsetzung, mit seinen unzähligen Praktiken und
dem Einfluß, den er den Vermittlern, durch deren Hände alles geht, verleiht,
erhebt rechts und links Abgaben, und schreibt der Production und der Con-
fumtion, deren gehorsamer Diener er sein sollte, eigenmächtig Gesetze vor."
„Er beraubt, zweitens, die Gesellschaft durch seinen ungeheuern
Gewinn, einen Gewinn, welcher auf dem Consumenten wie auf dem
Producenten lastet, und ganz außer Verhältniß zu den geleisteten Diensten
steht, für welche der zwanzigste Theil der gegenwärtig bamit beschäftigten
Personen ausreichen würde.
„Drittens beraubt er die Gesellschaft durch die Verminderung ihrer
productiven Kräfte, indem er neunzehn Zwanzigstel der Handelsleute, welche
weiter nichts als Schmaroßer sind, der productiven Arbeit entzieht. So
schädigt der Handel die Gesellschaft, nicht nur, indem er sich einen übergroßen
Antheil am Gesammtvermögen aneignet, sondern auch, indem er die Produc-
tionskraft der socialen Werkstätte bedeutend herabsetzt. Die überwiegende
Mehrzahl der Händler würde zur productiven Arbeit zurückkehren, wenn ein
vernünftig organisirtes System des Handelsverkehrs an Stelle des jest be=
ftehenden unentwirrbaren Chaos treten würde."
Viertens schädigt er die Gesellschaft durch die Verfälschung der
Waaren, welche gegenwärtig alle Grenzen übersteigt. Und in der That, es
*) a. a. D., 38-40 [56-59].
S.
Der Socialismus.
182
ist klar, daß, wenn hundert Gewürzträmer fich in einer Stadt niederlassen,
in welcher es vorher nur zwanzig gab, die Leute darum nicht anfangen
werden, fünfmal soviel Gewürze zu verbrauchen. Deshalb werden nun die
hundert vortrefflichen Gewürzhändler mit einander um den Gewinn balgen
müssen, welchen früher die zwanzig auf redliche Weise gemacht haben; die Con-
currenz zwingt fie, sich auf Kosten des Consumenten schablos zu halten, entweder
indem sie, wie mitunter geschieht, die Preise erhöhen, oder indem sie, was immer
geschieht, die Waaren verfälschen. Wenn es so weit gekommen ist, ist es mit
aller Redlichkeit zu Ende. Schlechtere oder verfälschte Waaren werden jedes-
mal als gute oder ächte verkauft, wenn der Kunde nicht zu gewißigt ist, um
sich betrügen zu lassen. Und wenn der Kunde gründlich hintergangen
ward, tröstet sich das kaufmännische Gewissen mit dem Gedanken: Ich gebe
meinen Preis an, die Leute können den Artikel nehmen oder stehen lassen,
niemand ift gezwungen zu kaufen. Der Schade, welchen die Consumenten
durch die schlechte Qualität oder die Verfälschung der Waaren erleiden, ist
ganz unberechenbar."
„Er beraubt die Gesellschaft, fünftens, durch Waarenanhäufungen, seien
es nun fünstliche oder nicht, in Folge deren große Mengen von Gütern, die
an einem Orte angesammelt liegen, beschädigt werden und wegen Mangels an
Abnehmern zu Grunde gehen. Fourier fagt (Théorie des Quatre Mouve-
ments, p. 334, erste Ausgabe): Das fundamentale Princip der Handels-
systeme, daß den Kaufleuten volle Freiheit zu gewähren set,
giebt ihnen ein unbeschränktes Eigenthumsrecht auf die Güter, mit denen sie
Handeln; sie haben das Recht, fie vollständig vom Markt zurückzuziehen, fie
dem Verbrauche vorzuenthalten und selbst sie zu verbrennen, wie dieß die
Orientalische Gesellschaft zu Amsterdam mehr als einmal gethan hat, indem
fie große Mengen Zimmt öffentlich verbrannte, um den Preis des Artikels
zu heben. Was sie mit Zimmt that, hätte sie auch mit Korn gethan; nur
die Furcht, von der Bevölkerung gesteinigt zu werden, hielt sie davon ab,
einen Theil ihres Korns zu verbrennen, um den Reft zu viermal höherem
Preise zu verkaufen. Es ist in der That in Hafenstädten ein ganz alltägliches
Vorkommniß, daß Getreidevorräthe in's Meer geworfen werden, weil die
Händler sie verfaulen ließen, während sie ein Steigen der Preise abwarteten.
Ich hatte selbst, als ich Commis war, für die Vollziehung dieser schmählichen
Handlungen zu forgen, und eines Tages mußte ich etwa zwanzigtausend
Centner Reis in's Meer werfen lassen, welche mit gutem Nutzen hätten ver-
tauft werden können, wäre der Händler weniger geldgierig gewefen. Die
Gesellschaft trägt die Kosten dieser Vergendung, welche unter dem Schutz
des philosophischen Grundsazes,volle Freiheit für die Kaufleute"
alle Tage stattfindet."
Sechstens, der Handel beraubt die Gesellschaft außerdem durch alle
die Verluste, Beschädigungen und Vergendungen, welche sich aus der außer-
ordentlichen Zerstreuung der Güter in Millionen von Läden und aus der
Vervielfältigung und den Verwicklungen des Transportes ergeben."
Siebentens, der Handel beraubt die Gesellschaft durch schamlosen und
zügellofen Wucher, durch Wucher von geradezu Entsetzen erregender Art.
Der Händler betreibt sein Geschäft mit einem fictiven Capital, welches sein
wirkliches Capital weit übersteigt. Ein Händler mit einem Capital von
30000 Francs wird sich mit Hilfe von Credit und Wechseln auf Unter-
nehmungen von 100, 200, 300taufend Francs einlassen. Auf diese Weise
zieht er aus einem Capital, das er gar nicht besißt, einen wucherischen
S.
183
Der Socialismus.
Zins, welcher zu dem Capital, das er wirklich sein eigen nennt, in gar
feinem Verhältniß steht."
,,Achtens, er beraubt die Gesellschaft durch unzählige Bankerotte;
denn die täglichen Unfälle unseres taufmännischen Systems, politische Er-
schütterungen und jede andere Art von Störung muß schließlich einen Tag
herbeiführen, an dem der Händler, welcher seine Mittel übersteigende Ver-
bindlichkeiten auf sich genommen hat, nicht länger im Stande ist, ihnen
gerecht zu werden; und sein Concurs
er mag nun ein betrügerischer sein
oder nicht muß ein schwerer Schlag für seine Gläubiger sein. Der
Bankerott des Einen zieht den Bankerott Anderer nach sich, und bald folgt
ein Zusammensturz dem anderen, das Verderben in weite Kreise tragend.
Und immer find es der Consument und der Producent, welche darunter
leiden, denn der Handel, als ein Ganzes betrachtet, bringt kein Vermögen
hervor und verwendet im Verhältniß zu der Geldmenge, die durch seine Hände
geht, sehr wenig Capital. Wie viele Fabriken werden durch diese Schläge
zertrümmert, wie viele ergiebige Quellen des Reichthums durch diese Manöver
und diese Unglücksfälle verschüttet!"
„Der Producent liefert die Waaren; der Consument giebt das Geld her;
der Handel bringt den Credit hinzu, der auf wenig oder gar kein wirkliches
Capital begründet ist, und die einzelnen Glieder der handeltreibenden
Gemeinschaft find in feiner Weise für einander verantwortlich. Dieß ist in
wenigen Worten die ganze Theorie des Gegenstandes."
„Neuntens, der Handel beraubt die Gesellschaft durch die Unab-
hängigkeit und Unverantwortlichkeit, welche ihm verstattet, zu
solchen Zeiten zu kaufen, in denen die Producenten genöthigt sind, zu verkaufen
und mit einander zu concurriren, um sich Geld für ihren Miethzins und
für die zur Production nothwendigen Ausgaben zu verschaffen. Wenn der
Markt überfüllt und die Waaren wohlfeil find, dann kauft der Handel.
Dadurch erzeugt er ein Steigen der Preise und plündert so durch diesen
einfachen Kunstgriff sowohl den Producenten als auch den Consumenten."
„Er beraubt, zehntens, die Gesellschaft, indem er ihr Capital ent-
zieht, welches zur productiven Verwendung zurückkehren wird, wenn der
Handel den ihm zukommenden bescheidenen Platz einnimmt und blos zu
einer Vermittlung des Geschäftsverkehrs zwischen den (mehr oder weniger
weit entfernten) Producenten und den großen Mittelpunkten der Consum-
tion den socialistischen Gemeinden wird. Somit würde das für diese
faufmännischen Speculationen verwendete Capital (welches, so klein es auch
im Vergleich zu der ungeheuern Geldmenge ist, die durch die Hände der
Kaufleute geht, doch an und für sich kolossale Summen ausmacht) der
Production einen neuen Anstoß ertheilen, wenn der Handel des zeitweiligen
Eigenthumsrechtes auf die Güter beraubt und deren Vertheilung die Auf-
gabe einer verwaltenden Organisation würde. Das Börsenspiel ist die
Häßlichste Form, in welcher diese Verderbniß des Handels erscheinen tann."
Elftens beraubt er die Gesellschaft durch das Auffaufen oder Mono-
polisiren von Rohstoffen. Denn (so sagt Fourier, a. a. D., S. 359) die
erhöhten Preise von aufgekauften Artikeln werden schließlich von den Consu-
menten, wenngleich zunächst von den Fabrikanten getragen, welche ihren
Betrieb fortzusetzen genöthigt sind, mithin Geldopfer bringen und in der
Hoffnung auf beffere Zeiten mit geringem Nußen arbeiten; und es dauert
oft lange, bis sie fich für die hohen Preise, welche der Monopolist sie in
erster Reihe zu zahlen genöthigt hat, schadlos halten können. . . .
S.
Der Socialismus.
184
Alle diese Schäden, sowie viele andere, welche ich übergehe, werden
noch durch die ungeheure Verwickelung des kaufmännischen Verkehrs verviel-
facht, denn die Güter gehen nicht nur einmal durch diese gierigen Krallen;
es giebt deren einige, die zwanzig oder dreißig Mal hin und her gehen müssen,
bevor sie zum Consumenten gelangen. Zunächst macht das Rohmaterial
diesen Weg, bevor es zum Fabricanten kommt, der es zuerst verarbeitet;
dann kehrt es zum Handel zurüd, um von ihm wieder für eine zweite
Verarbeitung entlassen zu werden; und so geht dieß fort, bis der Gegen-
stand feine endgiltige Gestalt erreicht hat. Dann gelangt er in die Hände
der großen Kaufleute, welche denselben den Engroshändlern, und diese wieder
den großen Detailhändlern der Städte, und diese den fleinen Krämern und
den Ladenbefizern auf dem Lande verkaufen; und jedesmal, wenn der
Gegenstand die Hände wechselt, läßt er etwas in denselben zurück."
Einer meiner Freunde, welcher vor kurzem den Jura durch-
wanderte, wo befanntlich viel Metallarbeiten angefertigt werden, hatte Ge-
legenheit, in das Haus eines Bauern zu treten, welcher ein Verfertiger von
Schaufeln war. Er fragte ihn um den Preis. Wir wollen uns verstän-
digen, antwortete der arme Arbeiter, durchaus kein Nationalökonom, aber
ein Mann von gesundem Verstand; ich verkaufe sie zu 16 Sous für den
Handel, welcher sie im Detailverkauf in der Stadt zu 40 Sous abgiebt.
Wenn Sie einen Weg finden könnten, einen directen Verkehr zwischen dem
Arbeiter und dem Consumenten zu eröffnen, fönnten Sie dieselben zu
28 Sous bekommen, und wir würden jeder 12 Sous bei diesem Geschäfte
gewinnen" *).
Ganz ähnlich äußert sich Owen in dem Book of the New
Moral World, II. Theil, 3. Capitel**):
"Das heutzutage herrschende System veranlaßt einen großen Theil der
Gesellschaft, sein Leben der Vertheilung von Gütern in großem, mittlerem
oder kleinem Maßstab zu widmen und dieselben in größeren oder fleineren
Mengen von Ort zu Ort zu befördern, um den Mitteln und Bedürfnissen
der verschiedenen Rangstufen der Gesellschaft und Gruppen von Individuen,
wie sie jetzt in Städten, Märkten, Dörfern und auf Landfigen wohnen, zu
entsprechen. Dieses System der Vertheilung schafft eine Classe in der
Gesellschaft, deren Geschäft es ist, von einigen zu kaufen und an Andere
zu verkaufen. Dieses Vorgehen versetzt sie in eine Lage, welche es ihnen
wünschenswerth erscheinen läßt, zu einem Preise einzukaufen, der zur Zeit
als ein niedriger gilt, und mit dem größtmöglichen dauernden Gewinn zu
verkaufen. Ihr eigentliches Absehen geht hierbei dahin, sich durch die Differenz
zwischen dem Einkaufs- und Verkaufspreise so viel als möglich zu bereichern."
Aus dieser Methode der Vertheilung der Güter der Gesellschaft ent-
springen mit Nothwendigkeit zahllose principielle Irrthümer und praktische
Üebelſtände."
"Erstens, es entsteht eine Claffe der Vertheiler im Allgemeinen, deren
Interesse von jenem der Einzelnen, von denen sie kaufen und an die fie
verkaufen, verschieden und ihm augenscheinlich entgegengesetzt ist."
3weitens, es entstehen drei Classen von Bertheilern, die kleinen, die
mittleren und die großen Käufer und Verkäufer, oder die Detailhändler, die
Engroshändler und die großen Kaufleute."
Considérant, a. a. D., S. 43-51 [= 64-71].
[Dieſes Citat konnte ausnahmsweise nicht verificirt werden.]
S.
Der Socialismus.
185
Drittens, drei auf diese Weise zu Stande gekommene Classen von
Käufern stellen die kleinen, die mittleren und die großen Einkäufer dar."
"Durch diese Einreihung in verschiedene Classen von Käufern und Ver-
fäufern werden die Betreffenden bald zur Wahrnehmung geführt, daß sie
gesonderte und einander zuwiderlaufende Interessen befizen und verschiedene
Rangstellungen in der Gesellschaft einnehmen. Auf diese Weise wird eine Un-
gleichheit der Gesinnung und der Lebenslage geschaffen und aufrecht er-
halten, welche von all dem Hochmuth und all der kriecherischen Unter-
würfigkeit begleitet ist, die solche Ungleichheiten jedesmal erzeugen. Die
Betreffenden empfangen eine regelrechte Schulung in einem allgemeinen
System der Täuschung, damit ihnen der wohlfeile Einkauf und der theure
Verkauf beffer gelinge.
Die Kleineren Verkäufer eignen sich dadurch, daß fie oft Stunden lang
auf Kunden warten, einen schädlichen Hang zum Müffiggang an. Auch
unter der Classe der Engroshändler macht sich dieser Uebelstand in beträcht-
lichem Grade fühlbar."
4
Infolge dieser Einrichtung giebt es auch in den Städten, Märkten und
Dörfern weit mehr Verkaufsläden, als nothwendig sind, und ein sehr großes
Capital geht so ohne Nutzen für die Gesellschaft zu Grunde. Und da sie sich
wegen ihrer großen Anzahl überall die Kunden streitig machen, streben sie da-
nach, einander an Wohlfeilheit zu überbieten, und bemühen sich daher beständig,
den Producenten durch die Eröffnung von sogenannten billigen Läden und
Magazinen zu schädigen; und um sich in seiner Rolle zu behaupten, muß
der Herr oder müssen seine Bediensteten beständig die Gelegenheit erspähen,
gute Käufe zu machen, das heißt, Güter um weniger, als ihre Productions-
kosten betragen, an sich zu bringen."
„Die fleinen, mittleren und großen Vertheiler müssen insgesammt von
den Producenten erhalten werden, und je größer die Zahl der ersteren im
Vergleich mit der Zahl der letzteren ist, desto schwerer wird die Last, welche
der Producent zu tragen hat; denn in dem Maße, als die Zahl der Ver-
theiler zunimmt, muß die Ansammlung von Vermögen abnehmen und müssen
größere Anforderungen an den Producenten gestellt werden."
"Unter dem gegenwärtigen System bilden die Vertheiler des Vermögens
eine die Producenten erdrückende Laft und zugleich einen sehr wirksamen
Factor der Entfittlichung der Gesellschaft. Die abhängige Stellung, in der
sie sich beim Beginne ihrer Laufbahn befinden, lehrt oder veranlaßt sie, gegen
ihre Kunden friecherisch zu sein, und so bleiben sie auch, so lange sie durch
wohlfeilen Einkauf und theuren Verkauf Reichthümer zu sammeln fortfahren.
Sobald sie aber so viel erworben haben, als sie ausreichend erachten, um
nach ihrem Sinne unabhängig, das heißt frei von Geschäften zu leben,
zeigen sie sich nur allzu oft im höchsten Grade dummstolz, und voll An-
maßung gegen ihre Untergebenen."
„Diese Einrichtung ist eine für die Gesellschaft ganz und gar unzwed-
mäßige; denn in ihrem Interesse liegt es, die größte Menge von Gütern der
besten Qualität zu erzeugen, während das gegenwärtige System der Ver-
theilung nicht blos eine große Zahl von Menschen von der Production
abzieht, um sie zu Zwischenhändlern zu machen, sondern überdieß den Con-
fumenten mit all dem Aufwand belastet, den eine höchst kostspielige und ver-
schwenderische Art der Vertheilung verursacht; denn die letztere kommt dem
Consumenten um ein mehrfaches theurer zu stehen als der ursprüngliche
Kostenpreis des gekauften Gutes betrug."
"Ferner kommt der Verkäufer durch die Lage, in welche ihn die in ihm
S.
186
Der Socialismus.
wachgerufene Gewinnsucht auf der einen und die Concurrenz von Rivalen,
welche ähnliche Erzeugnisse verkaufen, auf der anderen Seite versetzt, in starte
Versuchung, die Waaren, welche er zum Verkaufe feilbietet, zu verfälschen;
und falls dieß Lebensmittel sind sei es im Lande erzeugte oder aus der
Frembe eingeführte, so übt die Verfälschung auf die Gesundheit und mithin
auf das Wohlbefinden und Glück der Consumenten oft eine überaus verderb-
liche Wirkung, erzeugt zahlreiche vorzeitige Todesfälle, besonders unter den
arbeitenden Claffen, welche als die Käufer der geringeren oder wohlfeileren
Artikel in diesem Betracht vielleicht am meisten zu leiden haben
"Die Kosten einer solchen Vertheilung von Gütern in Großbritannien
und Frland betragen im Lauf eines Jahres mit Einschluß der Beförderungs-
spesen von Ort zu Ort und mit Berücksichtigung aller auf diesem Gebiete
direct und indirect beschäftigten Personen schwerlich viel weniger als
hundert Millionen Pfund, wobei wir die Verschlechterung der Qualität
vieler Güter nicht in Rechnung ziehen, welche durch den Transport, durch
allzu große Parzellirung, und durch Aufbewahrung in ungeeigneten Maga-
zinen und an Orten verursacht wird, wo die Luft der Erhaltung dieser
Waaren in einem für den Gebrauch erträglich geeigneten, geschweige denn in
dem besten Zustande wenig günstig ist."
Zur ferneren Beleuchtung des Interessengegensatzes zwischen
Individuen und Classen, welcher die gegenwärtige Verfassung der
Gesellschaft durchdringt, bemerkt Hr. Considérant des weiteren:
Wenn der Weinbauer Freihandel wünscht, so richtet andererseits diese
Freiheit den Getreidebauer, den Eisen-, Tuch- und Baumwollwaarenfabri-
canten und wie wir hinzufügen müssen auch den Schmuggler und
den Zollbeamten zu Grunde. Wenn es im Interesse der Consumenten liegt,
daß Maschinen erfunden werden, welche durch die Herabsetzung der Produc-
tionskosten den Preis ermäßigen, so rauben eben diese Maschinen Tausenden
von Arbeitern, welche keine andere Arbeit zu finden wissen und sie auch nicht
sogleich finden können, ihre Beschäftigung. In diesem Beispiel haben wir
also wieder einen der unzähligen circuli vitiosi der Civilisation vor Augen
denn es giebt tausend Thatsachen, von denen jede für sich den
Beweis liefert, daß bei unserem heutigen socialen System die Einführung
von etwas Gutem immer irgend ein Uebel im Gefolge hat."
"Endlich, wenn wir noch tiefer herabsteigen, bis zu den Einzelheiten des
Alltagslebens, so finden wir, daß es im Interesse von Schneidern, Schuftern
und Hutmachern liegt, wenn Röcke, Schuhe und Hüte bald abgetragen
werden, daß den Glasern die Hagelwetter zu Gute kommen, welche die Fenster
zertrümmern, daß die Steinmeze und Baumeister aus Feuersbrünsten
Nuzen ziehen, daß die Advocaten durch Processe bereichert werden, die Aerzte
durch Krankheiten, die Weinhändler durch Trunkenheit, und die öffentlichen
Dirnen durch Ausschweifungen. Und welch ein schwerer Schicksalsschlag
wäre es für die Richter, die Polizeidiener und die Kerkermeister, ebenso wie
für die Bertheidiger und Rechtsanwälte, wenn es mit allen Verbrechen, Ver-
gehen und Processen plötzlich zu Ende wäre" *).
Im folgenden lernen wir eine der Hauptlehren dieser Schule
fennen:
*) Considérant, Destinée Sociale, I, 59-60 [87-89].
S.
Der Socialismus.
187
„Und zu all dem kommt noch, daß die Civilisation, welche auf allen
Seiten Kampf und Zwift säet, welche einen großen Theil ihrer Kräfte un-
productiv oder zu Zwecken der Zerstörung verwendet, welche weiterhin den
gemeinsamen Reichthum durch die unnöthige Reibung und Zwietracht, welche
fie in die Gewerbthätigkeit einführt, verringert, es kommt noch hinzu,
sage ich, daß dieses selbe sociale System die besondere Eigenthümlichkeit hat,
ein Widerstreben gegen die Arbeit, eine Scheu vor der Thätigkeit zu er-
zeugen."
Allerorten hört man den Arbeiter, den Hand- wie den Kopfarbeiter,
über seine Stellung und Beschäftigung flagen, während dieselben sehnsüchtig
bie Zeit erwarten, da sie die ihnen durch die Verhältnisse aufgezwungene
Arbeit abschütteln können. Daß sie abstoßend ist, daß sie kein anderes Motiv,
feinen anderen Hebel als die Furcht vor dem Hungertode kennt, das ist das
große, das verhängnißvolle Merkmal der civilisirten Arbeit. Wer in ihrem
Dienste steht, ist zur Zwangsarbeit verurtheilt. So lange die productive
Arbeit so organisirt bleibt, daß sie, anstatt mit Vergnügen, mit Schmerz,
Ueberdruß und Widerwillen verknüpft ist, werden sich ihr jederzeit Alle,
die es irgend vermögen, entziehen. Von seltenen Ausnahmen abgesehen,
werden sich nur diejenigen der Arbeit widmen, welche die Noth dazu zwingt.
Daher werden die zahlreichsten Classen, die Urheber des Reichthums der
Gesellschaft, die emfigen directen Erzeuger jeder Bequemlichkeit und jedes
Lurus stets zu einem Loose verurtheilt sein, welches der nächste Nachbar der
Armuth und des Hungers ist; sie werden immer die Sclaven der Unwissen-
heit und Verderbtheit sein; sie werden immer jene große Heerde von Last-
thieren bleiben, welche wir, leiblich verkümmert und durch Krankheiten decimirt,
in der großen Werkstätte der Gesellschaft über den Pflug oder über den
Arbeitstisch gebeugt sehen, um die leckeren Speisen und die üppigen Genüſſe
der oberen Classen zu beschaffen."
"So lange tein Mittel gefunden wird, die Arbeit anziehend zu machen,
so lange wird es wahr bleiben, daß es viele Arme geben muß, damit
wenige Reiche bestehen können, ein niedriger und gehäffiger Ausspruch, auf
den sich gleichwie auf eine ewige Wahrheit Tag für Tag Personen berufen,
die fich Christen oder Philosophen nennen! Es ist sehr leicht einzusehen, daß
Unterdrückung, Betrug, und vor allem Armuth das bleibende, verhängniß-
volle Erbtheil eines jeden Zustandes der Gesellschaft sein muß, dessen fenn-
zeichnendes Merkmal die Arbeitsschen ist; denn in diesem Falle ist es die
Armuth allein, welche die Menschen zur Arbeit zwingen kann. Und der
Beweis dafür liegt darin, daß, wenn alle Arbeiter, wenn alle Welt plötzlich
reich würde, morgen niemand mehr arbeiten wollte."*)
Nach der Meinung der Fourieristen zielt die gegenwärtige
Einrichtung der Gesellschaft auf die Vereinigung des Reichthums
in den Händen von verhältnißmäßig wenigen, unermeßlich reichen
Individuen oder Genossenschaften und auf die vollständige Unter-
werfung der Uebrigen unter deren Gewalt ab. Fourier hat diesen
Zustand la féodalité industrielle genannt.
„Dieser Feudalismus," sagt Hr. Confidérant, wäre dann erreicht,
wenn der größte Theil des industriellen und des Bodenbefißes der Nation
*) a. a. D. I, 60-61 [89-91].
S.
Der Socialismus.
188
einer Minderheit gehörte, welche das ganze Einkommen derselben mit Beschlag
belegt, während die große Mehrheit, an den Arbeitstisch oder an den Pflug
gebannt, sich mit den Brosamen begnügen muß, die man ihr zuwirft*).
Dieses unheilvolle Ergebniß soll zum Theil durch die bloße
Fortentwicklung der Concurrenz herbeigeführt werden, wie dieselbe
in unserem früheren Auszug aus L. Blanc geschildert wurde, zum
Theil soll die Vergrößerung der Staatsschulden dazu beitragen,
welche Hr. Considérant als Verpfändungen des ganzen Bodens
und des gesammten Capitals des Landes betrachtet, so daß,,les
capitalistes prêteurs" in immer größerem Maßstabe Miteigen-
thümer desselben werden und ohne Mühewaltung und Gefahr einen
stets wachsenden Antheil des Gesammteinkommens an sich reißen.
Prüfung der socialistischen Einwürfe gegen die gegenwärtige
Gesellschafts-Ordnung.
Es läßt sich unmöglich in Abrede stellen, daß die Er-
wägungen, welchen wir im vorausgehenden Abschnitt unsere Auf-
merksamkeit zugewendet haben, eine entsetzliche Anklage, entweder
gegen die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft oder aber gegen
die Stellung des Menschen in dieser Welt enthalten. Wie viel
dem Einen und wie viel dem Anderen zur Last fällt, das ist die
hauptsächliche theoretische Frage, die es nunmehr zu lösen gilt.
Aber selbst die stärkste Sache ist der Uebertreibung fähig; und
es wird vielen Lesern schon aus den Stellen, welche ich angeführt
habe, klar geworden sein, daß es an solchen Uebertreibungen in
den Darstellungen der verständigsten und redlichsten Socialisten
keineswegs fehlt. Obgleich viele von ihren Behauptungen un-
widerleglich sind, so beruhen doch nicht wenige auf nationalökono=
mischen Irrthümern, worunter ich, um es hier ein- für allemal zu
sagen, nicht die Verwerfung irgend welcher von Nationalökonomen
aufgestellten Regeln für das praktische Handeln, sondern mangelnde
Einsicht in wirthschaftliche Thatsachen und in die Ursachen ver-
stehe, welche die ökonomischen Erscheinungen der bestehenden Gesell-
schaft thatsächlich hervorbringen.
*) a. a. D. I, 134 [198].
S.
Der Socialismus.
189
Zunächst muß leider zugegeben werden, daß die Löhne für
gewöhnliche Arbeit in allen Ländern Europa's die materiel-
len und sittlichen Bedürfnisse der Bevölkerung in noch so beschei-
denem Maße zu befriedigen ganz und gar unzulänglich sind.
Wenn aber weiterhin gesagt wird, daß selbst diese unzulängliche
Vergütung die Tendenz hat zu sinken, daß, um mit Hrn. Louis
Blanc zu reden, une baisse continue des salaires stattfindet,
so steht diese Behauptung im Widerspruch mit allen verläßlichen
Nachrichten und vielen allgemein bekannten Thatsachen. Es ist
noch zu beweisen, daß es ein Land in der civilisirten Welt giebt,
in welchem die gewöhnlichen Arbeitslöhne, nach Geld oder nach
Verbrauchsgegenständen bemessen, im Sinken begriffen sind, während
es feststeht, daß sie in vielen Ländern im Großen und Ganzen im
Ansteigen begriffen sind, und zwar in einem Ansteigen, welches sich
fortwährend beschleunigt, anstatt sich zu verlangsamen. Es kommt
gelegentlich vor, daß irgend welche Industriezweige von anderen
allmählich verdrängt werden; und in diesen bleiben dann die Arbeits-
löhne so lange niedrig, bis die Production sich der Nachfrage an-
gepaßt hat; dieß ist allerdings ein Uebel, aber ein nur zeitweiliges
und ein solches, welches selbst beim gegenwärtigen wirthschaftlichen
System bedeutende Linderung zuläßt. Eine auf diese Weise her-
vorgebrachte Berringerung der Arbeitsvergütung in irgend einer
besonderen Beschäftigung ist die Folge und das Anzeichen einer er-
höhten Vergütung oder einer neuen Quelle der Vergütung in
einer anderen Beschäftigung, wobei der Gesammtbetrag und
der Durchschnitt der Vergütung unvermindert bleibt und selbst
zunehmen kann. (Wer eine Erniedrigung des Lohnsatzes in
irgend einem einflußreichen Zweig der Gewerbthätigkeit zu er-
weisen trachtet, findet es immer nothwendig, den Stand der
Arbeitslöhne während eines Monats oder eines Jahres, in welchem
das Geschäft zeitweilig darnieder liegt, mit dem durchschnittlichen
oder selbst mit einem ausnahmsweise hohen Stande zu einer früheren
Zeit zu vergleichen.) *) Diese Wechselfälle sind ohne Zweifel ein
großes Uebel; aber sie waren in früheren Epochen der Volks-
wirthschaft ebenso hart und ebenso häufig wie jetzt. Der ausge
dehntere Maßstab des Handelsverkehrs und die größere An-
zahl von Personen, welche von jeder Schwankung betroffen
*) [Der eingeklammerte Satz unterbricht den Zusammenhang in em-
pfindlicher Weise und wäre vom Verfasser bei einer Ausarbeitung dieses
Entwurfes sicherlich nicht an seiner jezigen Stelle belassen worden.]
S.
Der Socialismus.
190
werden, lassen dieselbe vielleicht größer erscheinen; aber obwohl
bei einer zahlreicheren Bevölkerung sich mehr Personen vorfinden,
welche darunter leiden, so lastet doch das Unglück darum nicht
schwerer auf jedem Einzelnen. Viele Thatsachen sprechen für
eine Verbesserung, und gar keine, die irgend welchen Glauben
verdienen, für eine Verschlechterung in der Lebensweise der
arbeitenden Bevölkerung Europa's; und wo der Anschein für das
Gegentheil spricht, da betrifft die Verschlechterung immer nur eine
besondere Dertlichkeit oder ein besonderes Gewerbe, und läßt sich
jedesmal entweder auf den zeitweiligen Druck, welchen ein un-
glückliches Ereigniß ausübt, oder auf ein schlechtes Gesetz oder
eine unverständige Regierungsmaßregel zurückführen, welche der
Berichtigung zugänglich sind, während die dauernd wirkenden Ur-
fachen insgesammt zu Gunsten der Verbesserung thätig sind.
Während also Hr. Louis Blanc sich viel aufgeklärter als die
alte Schule von Demokraten und Gleichmachern zeigt, indem er
den Zusammenhang zwischen niedrigen Arbeitslöhnen und der
allzu raschen Bevölkerungszunahme anerkennt, scheint er doch in
denselben Irrthum verfallen zu sein, den Malthus und seine An-
hänger anfänglich begangen haben. Diese glaubten nämlich, daß, weil
die Bevölkerung die Tendenz besitzt, stärker zu wachsen als die
Subsistenzmittel, auch ihr Andrängen gegen die Subsistenzmittel
immer heftiger werden müsse. Der Unterschied ist nur der, daß
die ältere Malthusianische Schule diese Tendenz für unbesiegbar
hielt, während Hr. Louis Blanc der Meinung ist, daß sie, aber
nur unter einem communistischen Systeme, unterdrückt werden
könne. Es ist schon ein großer Gewinn für die Wahrheit, wenn
die Einsicht um sich greift, daß die Tendenz zur Uebervölkerung eine
Thatsache ist, mit welcher der Communismus eben so zu rechnen
hätte, wie die bestehende Verfassung der Gesellschaft; und es ist
überaus erfreulich, daß diese Nothwendigkeit von den angesehenſten
Häuptern aller socialistischen Schulen der Gegenwart anerkannt wird.
Owen und Fourier treffen in diesem Eingeständniß mit Hrn. Louis
Blanc zusammen, und jeder von ihnen hält sein eigenes System für
vorzugsweise geeignet, dieser Schwierigkeit zu begegnen. Allein dem
sei wie ihm wolle, die Erfahrung zeigt uns, daß das Andrängen der
Bevölkerung gegen die Subsistenzmittel die Hauptursache der
niedrigen Arbeitslöhne - in dem gegenwärtigen Zustande der Gesell-
schaft zwar ein großes, aber doch kein wachsendes Uebel ist; der Fort-
schritt alles dessen, was man unter dem Namen der Civilisation zu-
sammenfaßt, zielt vielmehr darauf ab, dieses Uebel zu verringern, zum
Theil durch die raschere Vermehrung der Mittel zur Beschäftigung und
S.
Der Socialismus.
191
Ernährung der Arbeitenden, zum Theil durch die erhöhte Leichtigkeit,
welche der Arbeit geboten wird, sich nach neuen Ländern und auf bis-
her unangebaute Arbeitsgebiete zu übertragen, und zum Theil durch
einen allgemeinen Fortschritt in der Einsicht und Bedachtsamkeit
der Bevölkerung. Dieser Fortschritt geht ohne Zweifel langsam
von statten, aber es ist schon viel, daß überhaupt ein solcher statt-
findet, während wir noch am Anfange jener großen, die Erziehung
des ganzen Volkes anstrebenden Bewegung stehen, welche in ihrer
weiteren Entwicklung die Wirksamkeit der beiden früher angeführten
Ursachen des Fortschritts in hohem Grade verstärken muß. Es
bleibt natürlich eine offene Frage, welche Form der Gesellschaft
die beste Eignung besitzt, dem Andrängen der Bevölkerung gegen
die Subsistenzmittel erfolgreich zu widerstehen, und es ließe sich
in dieser Hinsicht Vieles zu Gunsten des Socialismus vor-
bringen; was man lange für die verwundbarste Stelle desselben
gehalten hat, wird sich vielleicht als eine seiner stärksten Seiten er-
weisen. Aber der Socialismus hat keinen begründeten Anspruch,
für das einzige Mittel zu gelten, das die allgemeine und wachsende
Erniedrigung der großen Masse der Menschen verhüten kann, welche
die Frucht jener eigenthümlichen Tendenz der Armuth ist, Ueber-
völkerung zu erzeugen. Auch wie die Gesellschaft gegenwärtig
eingerichtet ist, sinkt sie keineswegs immer tiefer in diesen Pfuhl
hinab, sondern sie erhebt sich aus demselben, zwar langsam, aber
stetig; auch steht es zu erwarten, daß dieser Proceß, falls er
nicht durch schlechte Gesetze gestört wird, andauern und an Ge-
schwindigkeit zunehmen wird.
Es muß weiterhin bemerkt werden, daß die Socialisten- und
das gilt selbst von den verständigsten derselben im Allgemeinen
eine sehr unvollkommene und einseitige Einsicht in die Wirksamkeit
der Concurrenz besitzen. Sie sehen die eine Hälfte ihrer Wirkungen
und übersehen die andere; sie erblicken in ihr einen Factor, welcher
die Vergütung eines Jeden mehr und mehr verkleinert und ihn
zwingt, weniger Lohn für seine Arbeit oder einen geringeren
Preis für seine Waaren anzunehmen; was doch nur dann richtig
wäre, wenn Jeder seine Arbeit oder seine Waaren an einen großen
Monopolisten verkaufen müßte, und die Concurrenz ausschließlich
auf einer Seite stattfände. Sie vergessen, daß die Concurrenz
eine Ursache hoher Preise und Werthe ebenso wohl als niedriger
ist, daß die Käufer der Arbeit und der Waaren ebenso gut mit
einander concurriren wie die Verkäufer, und daß, wenn die
Concurrenz es ist, welche die Preise der Arbeit und der Waaren
so niedrig erhält, wie sie sind, es doch auch wieder die Concurrenz
S.
Der Socialismus.
192
ist, welche dieselben hindert, noch tiefer zu sinken. In Wirklichkeit
besitzt die Concurrenz, wenn sie auf beiden Seiten eine voll-
kommen freie iſt, keine besondere Tendenz, den Preis der Güter
zit, heben oder herabzusetzen, sondern sie strebt dahin, die Preise
auszugleichen, Ungleichheiten der Vergütung aufzuheben, und
alles auf einen mittleren Durchschnitt zu bringen, ein Erfolg,
der soweit er erreicht wird (und er wird ohne Zweifel nur in
sehr unvollkommener Weise erreicht), den Grundsätzen der Socia
listen zufolge ein wünschenswerther ist. Aber wenn wir einstweilen
von der preissteigernden Wirkung der Concurrenz absehen und
unsere Aufmerksamkeit nur auf ihre entgegengesette Wirksamkeit
richten und ferner die letztere nur mit Rücksicht auf die Interessen
der arbeitenden Classen in's Auge fassen, so ersieht man doch
leicht, daß, wenn die Concurrenz die Löhne niedrig. erhält und
dadurch den Arbeitern den Wunsch einflößt, den Arbeitsmarkt,
wenn möglich, ihrem ungehemmten Einfluß zu entziehen, eben die
Concurrenz doch auch dahin wirkt, die Preise der Güter, für welche
die Arbeitslöhne verausgabt werden, niedrig zu erhalten; und dieß
kommt den lohnempfangenden Claffen in hohem Maße zu Gute.
Um diese Ueberlegung zu entkräften, sehen sich die Socialisten,
wie unser Citat aus Louis Blanc gezeigt hat, zur Behauptung
genöthigt, daß die durch die Concurrenz hervorgerufenen niedrigen
Waarenpreise trügerischer Art sind, und daß dieselben schließlich
wieder zu einem höheren als ihrem ursprünglichen Stande ge=
langen, und zwar aus dem Grunde, weil der reichste Concurrent,
nachdem er alle seine Rivalen beseitigt hat, den Markt beherrscht
und jeden beliebigen Preis verlangen kann. Nun zeigt aber die
alltäglichste Erfahrung, daß bei wirklich freier Concurrenz ein
solcher Zustand der Dinge von ganz imaginärer Art ist. Der
reichste Concurrent wird und kann sich nicht seiner sämmtlichen
Rivalen entledigen, um sich zum alleinigen Herrn des Marktes zu
machen, und es ist niemals vorgekommen, daß ein wichtiger Zweig
der Gewerbthätigkeit oder des Handels, an dem früher Biele Theil
hatten, das Monopol Weniger geworden ist, oder irgend eine
Tendenz gezeigt hat, es zu werden.
Ein Verfahren, wie es eben geschildert wurde, kann nur in
einigen wenigen Fällen, z. B. in dem der Eisenbahnen, Platz
greifen, wo feine andere Concurrenz als die zwischen zwei oder
drei großen Gesellschaften möglich ist, weil es sich hier um Unter-
nehmungen in so großem Style handelt, daß capitalbesitzende
Individuen ihnen nicht gewachsen sind; und dieß ist auch einer der
S.
Der Socialismus.
193
Gründe, weshalb Unternehmungen, welche nur durch große Gesell-
schaften mit gemeinsamem Capitale betrieben werden können, nicht
der Concurrenz anheimgegeben werden dürfen; vielmehr sollen sie
(falls nicht der Staat selbst sich dieselben vorbehält) von Staats- +
wegen festgesetzten und von Zeit zu Zeit abgeänderten Bedingungen
unterworfen werden, damit dem Publicum eine wohlfeilere Be-
friedigung seiner Bedürfnisse gesichert werde, als das private
Interesse der Unternehmer, in Ermangelung einer ausreichenden
Concurrenz, gewährleisten würde. In den gewöhnlichen Zweigen der
Gewerbthätigkeit aber hat ein reicher Concurrent niemals die
Macht, alle kleineren zu verdrängen. einige Geschäfte zeigen
allerdings die Tendenz, aus den Händen einer großen Anzahl von
kleinen Händlern oder Producenten in die einer kleineren Zahl
von größeren Geschäftsleuten überzugehen; aber dieß tritt nur in
solchen Fällen ein, in denen der Besitz eines größeren Capitals
die Anschaffung von kostspieligeren, aber auch leistungsfähigeren
Maschinen gestattet oder eine besser organisirte und sparsamere
Geschäftsführung ermöglicht, und so den großen Producenten oder
Händler ganz natürlicher und berechtigter Weise in den Stand setzt,
die Waare dauernd wohlfeiler zu liefern, als bei einem kleineren Be-
triebe möglich ist. Dieß gereicht den Consumenten, also auch den
arbeitenden Classen, zu großem Vortheil, und thut in so weit jener
Vergendung der Hilfsmittel der Gesellschaft Einhalt, über welche
die Socialisten so sehr klagen, der unnöthigen Vermehrung der
bloßen Zwischenhändler und der verschiedenen anderen Classen,,
welche Fourier die Schmarotzer des Gewerbfleißes genannt hat.
Auch nachdem diese Wandlung vollzogen ist, ist die Zahl der
größeren Capitalisten, unter welche sich das Geschäft vertheilt, ob
sie nun selbständig oder in Actiengesellschaften vereinigt arbeiten
mögen, in einem wichtigeren Zweige des Handels selten, wenn
überhaupt jemals, eine so geringe, daß die Concurrenz ihre Wirk-
samkeit ganz und gar verliert; und in Folge dessen kommt die
Kostenersparniß, welche es ihnen ermöglicht hat, die kleinen Händler
zu verdrängen, auch späterhin wie zu Anfang ihren Kunden in
Form von niedrigeren Preisen zugute. Der Einfluß der Con-
currenz auf die Ermäßigung der Waaren Preise (mit Einschluß
jener Artikel, für welche die Arbeitslöhne verausgabt werden) ist
demnach kein trügerischer, sondern ein thatsächlicher, und wir
dürfen hinzufügen, daß er nicht im Abnehmen, sondern im An-
steigen begriffen ist.
Aber es giebt andere Punkte von gleicher Wichtigkeit, in
Bezug auf welche die von den Socialisten gegen die Concurrenz
Mill, ges. Werke. XII.
13
S.
Der Socialismus.
194
erhobenen Anklagen keine so vollständige Widerlegung gestatten.
Die Concurrenz ist die beste Bürgschaft für die Wohlfeilheit, aber
durchaus keine Bürgschaft für die Güte der Waaren. In früheren
Zeiten, als die Zahl der Consumenten wie der Producenten eine
geringere war, konnte sie Beides verbürgen. Der Markt war nicht
ausgedehnt und das Ankündigungs-Wesen nicht ausgebildet genug,
um einen Verkäufer in den Stand zu setzen, durch beständiges
Heranziehen neuer Kunden ein Vermögen zu erwerben; sein Erfolg
beruhte darauf, daß die Kunden, welche er besaß, ihm treu blieben;
ob ein Verkäufer gute oder ob er schlechte Waaren lieferte,
wurde denen, welche es anging, bald bekannt, und er erwarb
einen Ruf von geschäftlicher Redlichkeit oder Unredlichkeit, welcher
für ihn belangreicher war als der Gewinn, den er durch die
Uebervortheilung gelegentlicher Käufer erzielen konnte. Aber bei
dem großen Maßstab des modernen Handelsverkehrs, bei der
bedeutenden Steigerung der Concurrenz und der ungeheuren Aus-
dehnung des Geschäftsverkehrs, auf welchen die Concurrenz
sich erstreckt, hängen die Verkäufer so wenig von ständigen Kunden
ab, daß ihr Ruf viel weniger belangreich für sie wird, während
sie auch mit viel geringerer Sicherheit darauf rechnen können, den
Ruf zu erhalten, den sie verdienen. Auf tausend Menschen,
denen die niedrigen Preise, welche der Händler ankündigt, bekannt
werden, kommt ein einziger, der selbst entdeckt oder von Anderen
erfahren hat, daß die schlechte Qualität der Waaren ihren niedrigen
Breis mehr als ausgleicht; und gleichzeitig machen die viel größeren
Reichthümer, welche heutzutage einige Händler erwerben, die Hab-
sucht aller rege, und die Gier nach raschem Gewinn verdrängt
bei ihnen den bescheidenen Wunsch, sich von ihrem Geschäfte zu
ernähren. Auf diese Weise dringt in dem Maße, als der Wohl-
stand zunimmt und immer lockendere Aussichten sich eröffnen, die
Spielwuth mehr und mehr in das kaufmännische Leben; und wo diese
die Oberhand gewinnt, werden nicht nur die einfachsten Regeln
der Klugheit vernachlässigt, sondern es empfangen auch alle, selbst
die gefährlichsten Formen der kaufmännischen Unredlichkeit einen
Impuls von erschreckender Stärke. Eben dieß hat man im Sinne,
wenn man von der Intensität der heutigen Concurrenz spricht.
Es ist fernerhin zu bemerken, daß wenn diese Intensität eine
gewisse Höhe erreicht und wenn ein Theil der Producenten oder
Verkäufer einer Waare zu einer der betrügerischen Proceduren
gegriffen hat, über deren zunehmende Häufigkeit jetzt so viel ge-
flagt wird, wie: Verfälschung, Verkürzung des richtigen Maßes
u. s. w., die Versuchung, diese betrügerischen Kniffe nachzuahmen,
S.
Der Socialismus.
195
auch auf Solche übermächtig wirkt, welche von selbst nie auf Aehn-
liches verfallen wären; denn das Publicum kennt zwar die nied-
rigen Preise, welche in Folge der Fälschungen allein möglich ge-
worden sind, aber es entdeckt nicht sofort und entdeckt mitunter
überhaupt nicht daß die Waare selbst den niedrigeren Preis
nicht werth ist; und da es sich nicht dazu versteht, einen höheren
Preis für eine bessere Waare zu bezahlen, so befindet sich der
redliche Händler dem unredlichen gegenüber im empfindlichsten
Nachtheil. So werden diese betrügerischen Praktiken, sobald erst
Einige damit begonnen haben, zu Handelsüsancen und die Sitt-
lichkeit der handeltreibenden Classen sinkt tiefer und tiefer.
In dieser Hinsicht also haben die Socialisten die Existenz
eines Uebels dargethan, welches nicht nur ein beträchtliches ist,
sondern überdieß auch mit der Zunahme von Bevölkerung und
Bermögen wächst und zu wachsen strebt. Man muß jedoch darauf
hinweisen, daß die Gesellschaft sich bisher noch gar nicht der Mittel
bedient hat, welche ihr für die Bekämpfung dieses Uebels schon
jetzt zu Gebote stehen. Die Gesetze gegen kaufmännischen Betrug
find sehr mangelhaft und ihre Ausführung ist es noch mehr. Ge-
setze von dieser Art haben nur dann Aussicht, ernstlich durchgeführt
zu werden, wenn ihre Durchführung zur speciellen Aufgabe be-
stimmter Personen gemacht wird; sie erfordern mehr als andere
einen öffentlichen Ankläger. Es bleibt noch zu ermitteln, in wie-
weit es möglich ist, vermittelst des Strafgesetzes eine Classe von
Vergehen zu unterdrücken, welche jetzt nur selten vor die Gerichte
gebracht werden, und gegen welche, wenn dieß geschieht, die eng-
lische Rechtspflege eine höchst ungehörige Milde an den Tag legt.
Aber gegen jene Classe dieser betrügerischen Handlungen, welche
für die große Masse die wichtigste ist, jene Fälschungen nämlich,
welche den Preis oder die Güte von Gegenständen des täglichen Ver-
brauchs berühren, kann die Bildung von Consumvereinen einen er-
heblichen Schuh gewähren. Durch diese Maßregel wird jede An-
zahl von Consumenten, welche eine Verbindung zu diesem Zwecke
eingeht, in den Stand gesetzt, die Detail-Händler zu übergehen
und die Waaren unmittelbar vom Großhändler, oder noch besser
(da es gegenwärtig Engros Consumagenturen giebt) vom Pro-
ducenten zu beziehen, wodurch sie sich von der schweren Abgabe,
die sie jetzt an die Vermittler entrichten, befreien und gleich-
zeitig den gewöhnlichen Urhebern der Fälschungen und anderer
Betrügereien aus dem Wege gehen. Die Aufgabe der Verthei-
lung wird auf diese Weise durch Mittelpersonen besorgt, welche
von Leuten, die nichts Anderes als die Wohlfeilheit und Güte der
13*
S.
Der Socialismus.
196
Waaren im Auge haben, ausgewählt und bezahlt werden, und es wird
gleichzeitig möglich, die Anzahl der mit dieser Aufgabe Beschäftigten
so sehr zu verringern, als es die Größe der zu erledigenden Arbeit
nur irgend zuläßt. Die schwache Seite dieses Systems liegt in der
bei den Dirigenten erforderlichen Geschicklichkeit und Verläßlichkeit und
in der unvollkommenen Natur der Ober-Aufsicht, welche die Gesammit-
heit über sie ausüben kann. Aber der große Erfolg und die rasche
Verbreitung des Systems beweisen, daß diese Schwierigkeiten sich
in ziemlich befriedigender Weise überwinden lassen. Obgleich man
nun bei diesem Vorgehen auf die wohlthätige, der Förderung der
Wohlfeilheit dienliche, Tendenz der Concurrenz zwischen den Detail-
händlern verzichten und dieselbe durch andere Bürgschaften er-
setzen muß, so entgeht man doch auf jeden Fall der schädlichen
Tendenz, welche eben dieselbe Concurrenz in Bezug auf die Ver-
schlechterung der Qualität äußert; und das Gedeihen der Consum
vereine beweist, daß dieser Vortheil nichts weniger als auf Kosten
der Wohlfeilheit erreicht wird; denn der Gewinn des Unternehmens
setzt dieselben in den Stand, den Kunden eine bedeutende Er-
mäßigung beim Preise eines jeden ihnen gelieferten Artikels zu
gewähren. Soweit also diese Classe von Uebeln in Betracht kommt,
ist bereits eine wirksame Abhilfe in Thätigkeit, welche, obwohl sie
von socialistischen Principien an die Hand gegeben und zum Theil
auf dieselben gegründet ist, doch mit der gegenwärtigen Eigenthums-
ordnung wohl vereinbar ist.
Gegen jene größeren und auffälligeren betrügerischen Hand-
lungen im wirthschaftlichen Leben, oder gegen jene einem Betrug
gleichkommenden Manöver, welche von Kaufleuten und Banquiers
gegen einander oder zum Nachtheil von Personen begangen werden,
die ihnen Geld anvertraut haben, und von denen so viele beklagens-
werthe Fälle kund geworden sind, steht uns kein Hilfsmittel wie
das im Vorigen beschriebene zu Gebote, und die einzige Abhilfe,
welche die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft verstattet, ist
eine strengere Verurtheilung derselben durch die öffentliche Meinung
und eine kräftigere Repression durch das Gesez. Keines dieser
beiden Mittel ist bisher in einer auch nur annähernd durch-
greifenden Weise erprobt worden. Die Gelegenheit, bei welcher
diese unredlichen Praktiken gewöhnlich an den Tag kommen, ist das
Eintreten der Zahlungsunfähigkeit; aber die Urheber dieser Schlechtig
feiten werden nicht zu den Verbrechern, sondern zu den insolventen
Schuldnern gezählt, und die Geseze Englands und anderer Länder
waren in früherer Zeit so grausam gegen die einfache Zahlungs-
unfähigkeit, daß man in Folge einer jener Reactionen, denen
S.
Der Socialismus.
197
die Ansichten der Menschen unterworfen sind, nunmehr in dem in-
solventen Schuldner vorwiegend einen Gegenstand des Mitleids
erblickt, und zu denken scheint, daß das Gesetz und die öffentliche
Meinung kaum schonend genug mit ihm verfahren kann. Vermöge
eines Irrthums von entgegengesetter Art, als ihn unsere Gesetze
sonst zu begehen pflegen (denn diese lassen bei der Bestrafung von
Bergehen die Frage der Wiedergutmachung des zugefügten Schadens
gemeiniglich gänzlich außer Acht), hatte die auf Bankerotte bezüg=
liche Gesetzgebung lange Zeit hindurch nur das eine Ziel im Auge:
den Gläubigern zu den Resten ihres Eigenthums zu verhelfen.
Der Bestrafung des Bankerottirers hingegen für andere Vergehen
als jene, die dieser Absicht direct entgegenwirken, wurde so gut
als gar kein Gewicht beigelegt. In den letzten drei oder vier
Jahren hat sich ein leiser Rückschlag geltend gemacht, und es ist
mehr als eine Bankerott - Acte erlassen worden, welche mit dem
Bankerottirer etwas weniger glimpflich verfährt; allein der Haupt-
Accent wird immer noch auf das pecuniäre Interesse der Gläubiger
gelegt; und von einer geringen Zahl scharf umschriebener Hand-
lungen abgesehen, wird den Verbrechen des Bankerottirers fast völlige
Straflosigkeit zu Theil. Man darf daher zuversichtlich behaupten,
daß, wenigstens in Großbritannien, die Gesellschaft die ihr zustehende
Gewalt, kaufmännische Unredlichkeit in eine Gefahr für den Un-
redlichen zu verwandeln, keineswegs ausgenützt hat. Dieselbe gleicht
vielmehr dem dreisten Wagestück eines Spielers, bei welchem alle
Vortheile auf seiner Seite stehen; wenn der Streich gelingt, macht
er sein Glück oder befestigt es; wenn er mißlingt, ist er höchstens
ein armer Mann geworden, was ihm vielleicht bereits drohte, als
er sich entschloß, sein Glück zu versuchen; und er wird von denen,
die der Sache nicht auf den Grund sehen, und selbst von Vielen,
die dieß thun, nicht als ein Ehrloser, sondern als ein Unglück-
licher betrachtet. So lange nicht eine sittlich strengere und ver
nünftigere Behandlung der schuldbaren Crida versucht worden ist
und fehlgeschlagen hat, kann man die kaufmännische Unredlichkeit
nicht zu den Uebeln zählen, deren Herrschaft von dem Bestand
der kaufmännischen Concurrenz untrennbar ist.
Ein anderer Punkt, in welchem sich bei den Socialisten, den
Unionisten und anderen Parteigängern der Arbeit im Kampfe gegen
das Capital zahlreiche Mißverständnisse zeigen, hat auf das Ver-
hältniß Bezug, in dem sich der Gesammtertrag der Production in Wirk-
lichkeit vertheilt, und auf den Theilbetrag desselben, welcher den Pro-
ducenten wirklich entzogen wird, um Andere zu bereichern. Ich unter-
lasse es hier, vom Grund und Boden zu sprechen, da dieser Gegen-
S.
Der Socialismus.
198
stand eine besondere Behandlung erheischt. Aber in Betreff des
im Geschäft verwendeten Capitals enthält die populäre Auffassung
ein gutes Stück Irrthum. Wenn z. B. ein Capitalist £20,000
in seinem Geschäft anlegt und daraus ein Einkommen von, sagen
wir, 2000 jährlich bezieht, so macht dieß auf die Menge den
Eindruck, als ob er sowohl aus den 20,000 wie aus den
2000 den vollen Genuß zöge, während die Arbeiter nichts
als ihre Löhne zu eigen haben. Aber in Wahrheit erhält er die
2000 nur unter der Bedingung, daß er von den £20,000
nichts für seinen eigenen Gebrauch verwendet. Er hat zwar die
gesetzliche Verfügung darüber und kann sie, wenn es ihm beliebt,
verschwenden, aber wenn er dieß thut, fann er nicht auch die
£2000 jährlich beziehen. So lange er von seinem Capital ein
Einkommen erhalten will, liegt es nicht in seinem Belieben, es dem
Gebrauche Anderer vorzuenthalten. Soweit sein angelegtes Capital
in Gebäuden, Maschinen und anderen Werkzeugen der Production
besteht, ist es für die Production verwendet und nicht für den
Lebensbedarf oder den Genuß irgend welcher Personen verfügbar.
Der Theil, welcher also verfügbar ist (mit Einschluß dessen, was
für die In-Stand-Haltung und Wiederherstellung der Gebäude und
Werkzeuge verausgabt wird), wird an Arbeiter ausbezahlt und
bildet ihre Vergütung und den auf sie fallenden Antheil am Er-
trage der Production. So weit es sich um persönliche Verwendung
handelt, haben sie das Capital, und er blos den Gewinn, der ihm
nur unter der Bedingung zu Theil wird, daß er das Capital zur
Befriedigung nicht der eigenen Bedürfnisse, sondern jener der Arbeiter
verwende. Das Verhältniß, in welchem der Capitalgewinn ge-
meiniglich zum Capital selbst (oder vielmehr zum umlaufenden Theil
desselben) steht, ist auch das Verhältniß, in welchem der Antbeil
des Capitalisten am Ertrag zum Gesammtantheil der Arbeiter steht.
Selbst von seinem eigenen Antheil erhält er nur einen kleinen
Theil in seiner Eigenschaft als Besizer des Capitals. Denn der
Theil des Ertrags, welcher dem Capital als solchem zufällt, wird
durch die Capitalzinsen gemessen, da dieß alles ist, was der Be-
fizer des Capitals erhält, wenn er weiter nichts als das Capital
selbst zur Production beisteuert. Nun betragen die Interessen von
jenem Capital, das in Staatspapieren angelegt ist (und diese gelten
als die sicherste Anlage), bei dem gegenwärtigen seit vielen
Jahren nur wenig veränderten Zinsfuß ungefähr 3 Per-
cent. Auch bei dieser Anlage ist ein gewisses geringes Risico
vorhanden: die Gefahr eines Staatsbankerottes, die Gefahr,
inmitten einer Handelskrisis die Papiere zu niedrigen Preisen
S.
199
Der Socialismus.
verkaufen zu müssen. Veranschlagen wir nun diese Gefahren mit
1½ Percent, so bleiben 3 Percent übrig, welche wir als die Ver-
gütung des Capitals nach Abzug der Versicherungsprämie ansehen
können. Auf die Sicherheit einer Hypothek erhält man gewöhnlich
4 Percent, aber bei diesem Geschäfte sind beträchtlich größere Ge-
fahren in Rechnung zu ziehen: die Unsicherheit des Rechtstitels
auf Grund und Boden unter unserer schlechten Gesetzgebung, die
Möglichkeit, das Pfandobject mit großen Auslagen an Gerichts-
kosten veräußern zu müssen, und die Verzögerung in der Be=
zahlung der Interessen, der man sich selbst dann, wenn das Capital
ungefährdet ist, aussetzt. Wo Geld, unabhängig von jeder per-
sönlichen Bemühung, ein größeres Einkommen abwirft, wie dieß
manchmal, z. B. bei den Actien von Eisenbahn- und anderen
Gesellschaften der Fall ist, da bietet doch der Ueberschuß kaum
jemals eine Entschädigung für die Gefahr, das Capital ganz oder
theilweise durch Mißwirthschaft einzubüßen, wie es bei der Brigh-
ton'er Eisenbahn-Gesellschaft geschah, deren Dividenden, nachdem
sie 6 Percent jährlich betragen hatten, auf einen Stand zwischen
Null und 1 Percent herabsanken, und deren Actien, die zu 120
gekauft worden waren, nicht höher als zu ungefähr 43 verkauft
werden konnten. Wenn Geld zu den hohen Zinsen, von denen man
gelegentlich hört, ausgeliehen wird, Zinsen, welche nur Verschwender
und Personen in Geldverlegenheiten bewilligen, so geschieht dieß
darum, weil die Gefahr des Verlustes hier so groß ist, daß nur wenige,
die Geld besitzen, dazu bewogen werden können, ihnen überhaupt zu
leihen. So wenig berechtigt ist das Geschrei über den,,Wucher" als
eine der drückenden Lasten, welche die Arbeiterbevölkerung zu tragen
hat! Von dem Gewinn also, den ein Fabricant oder ein anderer Ge-
schäftsmann aus seinem Capital zieht, kann nicht mehr als etwa 3 Per-
cent als Ertrag des Capitals selbst veranschlagt werden. Wenn
er bereit und im Stande wäre, diese ganze Summe seinen Arbeitern
zu überlassen, unter welche sich bereits sein ganzes Capital, wie es
von Jahr zu Jahr neu hervorgebracht wird, vertheilt, so könnte
ihnen daraus nur eine unbedeutende Erhöhung ihres Wochenlohnes
erwachsen. Ein großer Theil dessen, was er über die 3 Per-
cent hinaus erhält, bildet eine Versicherungsprämie gegen die
mannigfaltigen Verluste, denen er ausgesetzt ist; diesen Betrag kann
er solider Weise nicht für seinen eigenen Bedarf verausgaben,
sondern muß daraus eine Reserve bilden, um jene Verluste vor-
kommenden Falles zu decken. Der Rest gilt mit Fug als die Ver-
gütung für seine Geschicklichkeit und seinen Fleiß als der Lohn für
seine Arbeit als Oberaufseher. Allerdings wird, wenn er sehr viel
S.
Der Socialismus.
200
Glück im Geschäft hat, dieser Lohn ungemein reichlich ausfallen
und in gar keinem Verhältniß zu dem Betrage stehen, den dieselbe
Mühewaltung und Geschicklichkeit als Honorar erzielen würde.
Aber andererseits setzt er sich einer schlimmeren Gefahr aus als dem
Verluste seiner Stellung, der Gefahr nämlich, die Arbeit zu ver-
richten, ohne irgend etwas dadurch zu verdienen, der Gefahr, die Mühe
und die Sorgen zu tragen und des Lohnes zu entrathen. Ich behaupte
nicht, daß die Mißlichkeiten seiner Stellung ihre Vorrechte auf-
wiegen, oder daß ihm kein Vortheil aus seiner Lage erwächst, die
ihn, anstatt zu einem geschickten Beaufsichtiger, der seine Dienste
Anderen vermiethet, zu einem Capitalisten und Arbeitgeber macht;
aber für die Schätzung dieses Vortheils dürfen die großen Treffer
in der Lotterie des Geschäftslebens nicht allein maßgebend sein.
Wenn wir vom Gewinn der Einen den Verlust der Anderen ab-
ziehen und von dem verbleibenden Ueberschuß eine, auf Grund
des Marktpreises fachmännischer Beaufsichtigung berechnete, ent-
sprechende Vergütung für die Arbeit, Geschicklichkeit und die Sorgen
Beider in Abrechnung bringen, dann wird der Rest ohne Zweifel
noch immer ein beträchtlicher sein, aber im Vergleich zu dem -
alljährlich reproducirten und in Gestalt von Arbeitslöhnen zur
Bertheilung gelangenden - Gesammt Capital stellt er sich viel
geringfügiger dar, als er der Phantasie des Publicums erscheint;
und wollte man ihn ganz und gar zum Antheil der Arbeiter schlagen,
so würde dieser einen geringeren Zuwachs erfahren, als ihm
durch irgendeine wichtige Erfindung im Maschinenwesen oder durch
die Beseitigung von überflüssigen Zwischenhändlern oder anderen
Schmaroßern des Gewerbfleißes" zu Theil werden kann. Um
jedoch den Antheil am Productionsertrage, welcher dem Ca-
pital als Vergütung anheimfällt, nicht in unvollständiger Weise
abzuschätzen, dürfen wir nicht bei den Interessen stehen bleiben,
die das gegenwärtig für die Production verwendete Capital aus
dem Ertrag derselben bezieht, sondern müssen auch jene Zahlungen
mit einschließen, welche an die früheren Eigner von Capital,
welches unproductiv verausgabt wurde und jetzt nicht mehr vor-
handen ist, geleistet werden und die natürlicherweise aus dem Er-
trag anderen Capitals bestritten werden Von dieser Art sind die
Interessen der Staatsschuld, welche eine Ausgabe darstellen, mit
der die Nation in Folge der Gefahren und Bedrängnisse ver-
gangener Zeiten oder in Folge des Unverstandes oder Leicht-
finns ihrer ehemaligen Herrscher belastet ist, an denen sie selbst einen
mehr oder weniger großen Antheil gehabt hat. Hieher sind ferner
die Interessen von den Schulden der Landeigenthümer und anderer
S.
Der Socialismus.
201
unproductiver Consumenten insoweit zu rechnen, als das entlehnte
Geld nicht zu lohnenden Verbesserungen der productiven Kräfte
des Bodens angewendet worden ist. Was das Grundeigenthum
selbst betrifft -die Ueberweisung der Grundrente an einzelne
Privat-Personen als deren Eigenthum, so spare ich, wie schon
erwähnt, diese Frage für eine spätere Erörterung auf; denn die Art
und Weise des Grundbesizes könnte in jeder als wünschenswerth
erachteten Weise verändert, alles Land könnte sogar für Staats-
Eigenthum erklärt werden, ohne daß dadurch das Eigenthumsrecht
auf all das, was ein Erzeugniß menschlicher Arbeit und Enthalt=
samkeit ist, irgendwie beeinträchtigt würde.
Es schien mir wünschenswerth, die Erörterung der Frage des
Socialismus mit diesen Bemerkungen, welche die Uebertreibungen
der Socialisten auf ihr wahres Maß zurückführen sollen, zu be-
ginnen, damit die in Wirklichkeit zwischen dem Socialismus und
der bestehenden Gesellschaftsordnung schwebenden Streitfragen keine
unrichtige Auffassung erfahren. Es ist nicht wahr, daß uns das
gegenwärtige sociale System wie viele Socialisten glauben -
cinem Zustand von allgemeinem Elend und allgemeiner Unfreiheit
entgegentreibt, vor dem der Socialismus allein uns bewahren
kann. Die Uebel und Ungerechtigkeiten, die unter dem gegen-
wärtigen System bestehen, sind groß; aber sie sind nicht im Wachsen
begriffen; im Gegentheil, die herrschende Tendenz zielt auf ihre,
wenngleich langsame, Verminderung ab. Ueberdieß würde die
Ausgleichung der in der Theilung des Productionsertrags zwischen
Capital und Arbeit bestehenden Ungleichheiten, so sehr diese
auch das natürliche Rechtsgefühl verlegen mögen, keineswegs einen
so großen für die Hebung des niederen Lohnſtandes verwendbaren
Fonds ergeben, wie die Socialisten und Viele, die nicht Socialisten
find, anzunehmen geneigt sind. Es steht nicht so, daß man irgend
einen in der gegenwärtigen Gesellschaft herrschenden Mißbrauch
oder irgend eine derartige Ungerechtigkeit nur zu beseitigen brauchte,
damit die Menschheit ihrer Leiden ledig und der Glückseligkeit theil-
haft werde. Was uns zu thun obliegt, ist vielmehr dieses: wir
haben zwei verschiedene Gesellschaftssysteme in leidenschaftloser
Weise mit einander zu vergleichen, um entscheiden zu können,
welches derselben die reichsten Hilfsquellen zur Ueberwindung der
unvermeidlichen Bedrängnisse des Lebens darbietet. Und wenn wir
finden sollten, daß die Beantwortung dieser Frage schwieriger ist
und in höherem Maße als man gemeiniglich annimmt von mora-
lischen und intellectuellen Bedingungen abhängt, so kann uns die
Erwägung trösten, daß wahrscheinlich ein nicht allzu knapp be-
S.
Der Socialismus.
202
messener Zeitraum vor uns liegt, innerhalb dessen das Problem
auf experimentellem Wege, durch den thatsächlichen Versuch, seine
Lösung erhalten kann. Wir werden, so denke ich, finden, daß es
für die Ausführbarkeit und Ersprießlichkeit der socialistischen Ent-
würfe keine andere stichhaltige Probe geben kann; desgleichen aber
auch, daß die intellectuellen und sittlichen Grundlagen des Socialis-
mus das aufmerksamste Studium verdienen, weil sie uns in vielen
Fällen die leitenden Grundsätze für die Reformen an die Hand
geben, welche unerläßlich sind, damit das gegenwärtige wirthschaft-
liche System der Gesellschaft in den Stand gesetzt werde, unter
den denkbar günstigsten Umständen seine Lebens- und Leistungsfähig-
feit zu erproben.
Die Schwierigkeiten des Socialismus.
Wir können Alle, die sich den Namen Socialisten beilegen,
in zwei Gruppen sondern. Das Werk der ersten Gruppe sind
jene Entwürfe einer neuen, das Privateigenthum und die indivi-
duelle Concurrenz beseitigenden, und durch andere Triebfedern des
Handelns ersetzenden Gesellschaftsordnung, welche auf die Verhält-
niffe je einer Dorf- oder Stadtgemeinde berechnet sind; und nur
durch Vervielfältigung solcher wirthschaftlicher Einheiten könnte
die neue Ordnung der Dinge schließlich auf ein ganzes Land aus-
gedehnt werden. Von dieser Art sind die Systeme Owen's,
Fourier's und der besonneneren und mehr philosophisch gearteten
Socialisten überhaupt. Die andere Gruppe, welche auf dent
Continent mehr als in Großbritannien zu Hause ist und die
revolutionäre Schule der Socialisten heißen kann, hat sich ein
weit fühneres Ziel gesezt. Es ist dieß die Verwaltung der ge-
sammten productiven Hilfsquellen eines Volkes durch eine gemein-
same Behörde, die Centralregierung des Landes. Und im Hin-
blick auf dieses Ziel erklären manche unter ihnen es auch für
wünschenswerth, daß die arbeitenden Classen oder irgend Jemand
zu deren Gunsten von dem gesammten Eigenthum des Landes
Besitz ergreife und darüber zum allgemeinen Besten verfüge.
Welches immer die Schwierigkeiten der ersten dieser beiden
Formen des Socialismus sein mögen, es ist klar, daß die zweite
S.
Der Socialismus.
203
mit eben denselben und außerdem noch mit vielen andern zu ringen
bat. Die erste besitzt überdieß den großen Vorzug, daß sie sich
schrittweise verwirklichen und daß ihre Tauglichkeit sich durch den
Versuch erproben läßt. Sie kann zuerst an einem auserlesenen
Kreise erprobt und dann in dem Maße ausgedehnt werden, als
die Erziehungs- und Bildungsstufe der Menschen es gestattet.
Sie muß nicht nothwendig ein Werkzeug des Umsturzes sein (und
würde es im natürlichen Lauf der Dinge auch nicht werden), ehe
sie sich fähig erwiesen hat, als ein Mittel des Wiederaufbaues
zu dienen. Aber dieß gilt mit nichten von der anderen Form.
Denn diese beabsichtigt die alte Ordnung mit einem Schlage durc
die neue zu ersetzen, auf all das Gute zu verzichten, welches durch
das gegenwärtige System verwirklicht wird (gleichwie auf all das-
jenige, welches die weitere Vervollkommnung des Systems in
reichem Maß in Aussicht stellt), und dafür ohne jegliche Vor-
bereitung das Problem in seiner schwierigsten Form in Angriff
zu nehmen, wie man den Kreislauf des socialen Lebens ohne die
Triebfraft fortführen könnte, welche denselben bisher allezeit unter-
halten hat. Man muß gestehen, daß diejenigen, welche auf die
Stärke ihrer subjectiven, bisher durch keinerlei thatsächliche Er-
probung bekräftigten, Ueberzeugung hin ein so gefährliches Spiel
wagen wollen, welche Alle, die jetzt ein behagliches Dasein
genießen, der einzigen ihnen zu Gebote stehenden Mittel, dasselbe
fortzusetzen, mit Gewalt berauben, und das entsetzliche Elend und
Blutvergießen, welches im Falle eines Widerstandes gegen diesen
Versuch erfolgen müßte, auf sich nehmen wollen, daß diese Per-
sonen, sage ich, einerseits ein ungetrübtes Vertrauen in ihre
eigene Weisheit und andererseits eine Gleichgiltigkeit gegen die
Leiden Anderer besitzen müssen, welche Robespierre und St. Just,
die bisher als mustergiltig für die Vereinigung dieser beiden
Attribute galten, kaum erreicht haben dürften. Trotzdem ist es
wohl begreiflich, daß dieser Plan sich einer ausgedehnteren Popu-
larität erfreut als die vorsichtigere und vernunftgemäßere Form
des Socialismus; denn er verspricht das, was er sich vorsetzt,
rasch durchzuführen, und eröffnet schwärmerischen Anhängern die
Aussicht, alle ihre Bestrebungen zu ihren Lebzeiten und mit einem
Male verwirklicht zu sehen.
Wir werden jedoch am zweckmäßigsten verfahren, wenn wir
die Besonderheiten der revolutionären Form des Socialismus
erst dann in Betracht ziehen, nachdem wir die auf beide Formen
gleichmäßig anwendbaren Erwägungen vorgebracht und nach Gebühr
geprüft haben.
S.
Der Socialismus.
204
Der Ertrag der Erde würde auch nicht annähernd seine
gegenwärtige Größe erreicht haben oder für die Erhaltung einer
Zahl, wie die ihrer jeßigen Bewohner, genügen, wenn nicht zwei
Bedingungen erfüllt wären: das Vorhandensein einer Fülle von
kostspieligen Maschinen, Gebäuden und anderen Productions-Werk-
zeugen, und das Vermögen, große Unternehmungen zu beginnen
und beträchtliche Zeit auf ihre Früchte zu warten. Mit anderen
Worten, es ist eine bedeutende Ansammlung von Capital
erforderlich, sowohl von solchem, das in Geräthschaften und
Gebäuden fest angelegt ist, als auch von umlaufendem, das heißt,
von derartigem Capital, welches zur Erhaltung der Arbeiter
und ihrer Familien während der Zeit verwendet wird, welche
verstreichen muß, ehe die productiven Verrichtungen vollendet
und ihre Erzeugnisse eingeheimst sind. Diese Nothwendigkeit ent-
springt aus Naturgesetzen und ist mit den Bedingungen des
menschlichen Lebens unlösbar verknüpft; aber diese Erfordernisse
der Production, das umlaufende und das stehende Capital des
Landes (wozu noch der Boden und Alles, was darin mitinbegriffen
ist, hinzukommt) fann entweder das gemeinsame Eigenthum der-
jenigen sein, die davon Gebrauch machen, oder einzelnen Personen
angehören; und es fragt sich, welche von diesen Einrichtungen für
das Glück der Menschheit am zuträglichsten ist. Das charakteri
stische Merkmal des Socialismus besteht darin, daß die Werkzeuge
und Mittel der Production allen Mitgliedern der Gesellschaft ge=
meinsam angehören, woraus sich die Folge ergiebt, daß die Ver-
theilung des Ertrags unter die Gesammtheit der Eigenthümer
eine öffentliche Angelegenheit ist, die in Uebereinstimmung mit
Regeln erfolgt, welche die Gesellschaft festseßt. Der Socialismus
schließt durchaus nicht das Privateigenthum an Verbrauchsgegen
ständen aus, das uneingeschränkte Recht jedes (männlichen oder
weiblichen) Individuums auf seinen Antheil am Erträgniß und
auf dessen Verwendung zum Verbrauch, zum Austausch oder zu
Geschenken. Es könnte z. B. der Boden durchaus Eigenthum des
Gemeinwesen zu landwirthschaftlichen oder anderen productiven
Zwecken sein und auf gemeinsame Rechnung bearbeitet werden,
und doch könnte die jedem Einzelnen oder jeder Familie als ein
Theil ihrer Vergütung zugewiesene Behausung ihnen ebenso aus-
schließlich angehören (so lange sie ihr Theil zur gemeinsamen
Arbeit beizusteuern fortfahren), als dieß jetzt mit irgend welcher
Wohnstätte der Fall ist; und nicht allein vom Wohnhaus könnte dieß
gelten, sondern desgleichen von jedem Stück Landes, welches die
Verhältnisse der Gemeinde dem Hause als Ziergarten zu Zwecken
S.
205
Der Socialismus.
des Vergnügens zuzuweisen gestatten. Die unterscheidende Eigen-
thümlichkeit des Socialismus ist also nicht darin zu suchen,
daß alle Dinge Gemeingut sind, sondern blos darin, daß die
Production auf gemeinsame Kosten betrieben und die Productions-
Mittel als gemeinschaftliches Eigenthum betrachtet werden. Die
praktische Ausführbarkeit der socialistischen Einrichtungen
im Umfange von Fourier's oder Owen's Gemeinden unter-
liegt mithin (then) gar keinem Zweifel. Eine ganz andere Be-
wandtniß hat es freilich mit dem Plan, die gesammte Production
eines Volkes durch eine einheitliche oberste Leitung zu regeln;
aber eine aus Ackerbautreibenden und Fabrikarbeitern bestehende
Vereinigung von etwa zwei bis viertausend Mitgliedern dürfte,
falls die klimatischen und Boden-Verhältnisse nicht ganz besonders
ungünstig sind, leichter zu leiten sein als so manche Actiengesell-
schaft. Die Frage ist nur die, ob dieser gemeinsame Betrieb Aus-
sicht hat, ebenso erfolgreich zu wirken wie die selbständige
Thätigkeit Einzelner mit eigenen Capitalien; und diese Frage
muß von zwei Gesichtspunkten, erstens mit Rücksicht auf die
Leistungsfähigkeit des oder der leitenden Männer und zweitens
mit Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der gewöhnlichen Arbeiter
geprüft werden. Um die Frage möglichst zu vereinfachen, wollen
wir annehmen, daß die zu beurtheilende Form des Socialismus
der einfache Communismus sei, das heißt: die gleiche Vertheilung
des Ertrags unter alle Theilhaber oder, dem noch höheren Stand-
punkt der Gerechtigkeit zufolge, für den Hr. Louis Blanc eintritt,
die Vertheilung je nach der Verschiedenheit der Bedürfnisse, wobei
aber die Natur der Pflichten sowie die (wirklichen oder schein-
baren) Verdienste oder Leistungen des Einzelnen keinen Einfluß
auf die ihm zufallende Vergütung äußern. Es giebt andere
Formen des Socialismus, vor allen den Fourierismus, welche
aus Rücksichten der Gerechtigkeit oder Ersprießlichkeit für ver-
schiedene Arten oder Grade von Leistungen verschiedene Vergütungen
gestatten; aber die Prüfung dieser Abarten wollen wir uns für
später aufsparen.
Wenn man das System des Privateigenthums mit dem des
Communismus vertauschen wollte, würde die Verschiedenheit der
wirthschaftlichen Triebfedern sich nirgends stärker geltend machen
als bei den Leitern der Geschäfte. Unter dem gegenwärtigen
System, wo die Leitung gänzlich in den Händen einer oder
mehrerer Personen liegt, welche das Capital entweder selbst
besitzen oder doch die persönliche Verantwortlichkeit für dasselbe
tragen, fällt aller Gewinn, durch den die beste Verwaltung sich
S.
Der Socialismus.
206
von der schlechtesten (bei der das Geschäft eben noch fortbestehen
kann) unterscheidet, diesen leitenden Personen zu; sie ernten die
ganze Belohnung für gute Wirthschaft, soweit sie nicht durch ihr
eigenes Interesse oder durch Wohlwollen veranlaßt werden, die-
selbe mit ihren Untergebenen zu theilen; und sie tragen den ganzen
Schaden für Mißwirthschaft, soweit nicht durch denselben ihr
Vermögen, weiterhin Arbeiter zu beschäftigen, beeinträchtigt wird.
Dieses starke persönliche Motiv, alle ihre Kräfte für die Einträg-
lichkeit und Wirthschaftlichkeit des Geschäftsbetriebes einzusetzen,
würde unter der Herrschaft des Communismus in Wegfall ge-
rathen, da die Geschäftsleiter keine andere Dividende als die
übrigen Mitglieder des Gemeinwesens bezögen. Was in Kraft
bliebe, wäre nur das Allen gemeinsame Interesse an einer Ge-
schäftsführung, welche diese Dividende so ansehnlich als möglich
macht, die Triebfedern des Gemeingeistes, der Gewissenhaftigkeit
und das Streben nach Ehre und Ansehen auf Seiten der Leiter.
Diese Beweggründe besitzen, insbesondere in ihrer Vereinigung,
eine bedeutende Macht. Allein dieselbe ist von sehr verschiedener
Stärke bei verschiedenen Personen und ist nach gewissen Richtungen
weit größer als nach anderen. Nach der Aussage der Erfahrung
sind, auf der niedrigen Stufe sittlicher Vollkommenheit, welche die
Menschheit bisher erreicht hat, die Beweggründe der Gewissen-
haftigkeit, der Ehre und des guten Rufes selbst dann, wenn sie zu
einiger Stärke gediehen sind, doch in der Regel weit wirksamer als
Hemmungen denn als thätige Antriebe; man darf mehr von ihnen
erwarten, wo es gilt, Unrecht hintanzuhalten, als wo es sich darum
handelt, alle Kräfte für die Verrichtungen des täglichen Lebens
anzuspannen. Für die meisten Menschen giebt es nur einen ein-
zigen Antrieb, welcher sich nachhaltig und unverwüstlich genug
erwiesen hat, um die niemals fehlende Trägheit und Bequemlich-
keit zu überwinden und sie zu drängen, sich ohne Unterlaß einer,
an sich zumeist reiz- und anregungslosen, Arbeit hinzugeben. Dieß
ist die Hoffnung auf Besserung ihrer Vermögenslage und jener
ihrer Familie, und je enger ein Mehraufwand von Mühe mit
einer entsprechenden Vermehrung ihres Ertrages verknüpft ist,
desto gewaltiger wird sich dieser Antrieb erweisen. Wer das
Gegentheil behauptet, hat damit auch gesagt, daß Ehre und Pflicht-
gefühl für die meisten Menschen wie sie gegenwärtig sind -
fräftigere Triebfedern des Handelns sind als ihre persönlichen
Interessen, nicht etwa nur in Betreff einzelner Handlungen und
Unterlassungen, rücksichtlich welcher dieser Gefühle eine ausnahms-
weise Pflege erfahren haben, sondern mit Rücksicht auf die ge-
S.
Der Socialismus.
207
sammte Lebensführung; und zu solch einer Ansicht wird sich, wie
ich glaube, Niemand bekennen. Man kann hier einwerfen, daß
diese verhältnißmäßige Schwäche des Gemeinsinns nichts Unver-
meidliches, sondern nur das natürliche Ergebniß einer unzulänglichen
Erziehung ist. Ich gestehe dieß bereitwillig zu, wie ich auch zugebe,
daß es selbst heute viele Menschen giebt, welche diese allgemeine
Schwäche nicht theilen. Aber es muß viel Zeit dahinfließen, be-
vor diese Ausnahmen zu einer Mehrheit oder selbst nur zu einer
beträchtlichen Minderheit anwachsen können. Die Erziehung
menschlicher Wesen ist eine der allerschwierigsten Künste, und dieß
ist einer der Punkte, betreffs deren sie bisher am allerwenigsten
erreicht hat; überdieß können Verbesserungen in der Erziehung nicht
anders als sehr allmählich stattfinden, da die künftige Genera-
tion von der gegenwärtigen erzogen wird und die sittlichen Mängel
der Lehrer ihrer Fähigkeit, die Schüler zu besseren Menschen, als
sie selbst sind, zu erziehen, eine unüberschreitbare Schranke setzen.
Wenn wir es also nicht mit einem auserlesenen Theil der Bes
völkerung zu thun haben, müssen wir uns darauf gefaßt machen,
daß für die sorgfältigste und eifrigste Besorgung der gewerblichen
Aufgaben der Gesellschaft das persönliche Interesse noch lange Zeit
hindurch ein wirksamerer Sporn sein wird als Beweggründe
eblerer Natur. Man wird sagen, daß die Gier nach persönlicher
Bereicherung heutzutage durch ihre eigenen Ausschreitungen, durch
die unbesonnenen und oft unredlichen Wagnisse, zu denen sie ver-
leitet, sich selbst entgegenarbeitet. Dieß ist richtig, und unter
einem communistischen System würde diese Quelle des Uebels
zum größten Theil verstopft sein. Ja, es ist selbst wahrscheinlich,
daß Unternehmungslust, sei es von guter oder von verwerflicher
Art, nur in geringem Maße vorhanden wäre, und daß der Ge-
schäftsbetrieb im Allgemeinen der Herrschaft der Routine an-
heimfiele; umſomehr, als die Pflichterfüllung in solchen Ge-
meinwesen durch äußere Sanctionen erzwungen werden muß, und
es um so leichter ist, jeden Einzelnen zur Erfüllung seiner Pflicht
anzuhalten, je vollständiger sich dieselbe auf feste Regeln zurück-
führen läßt. Ein Umstand, welcher dieses Ergebniß noch wahr-
scheinlicher macht, ist die beschränkte Befugniß zu selbständigem
Handeln, welche den Leitern zukäme. Sie würden ihre Stellung
natürlich blos der Wahl der Gemeinde verdanken, welche sie
jederzeit von ihren Functionen entheben könnte, und dieses Ver-
hältniß würde ihnen, selbst wenn es nicht so in der Verfassung
des Gemeinwesens vorgesehen wäre, die Nothwendigkeit auferlegen,
S.
Der Socialismus.
208
sich der allgemeinen Zustimmung der Menge zu versichern, bevor
sie eine Aenderung in der hergebrachten Weise des Geschäftsbe-
triebes eintreten lassen. Die Schwierigkeit, eine zahlreiche Körper-
schaft zu Abänderungen der gewohnten Arbeitsweise zu vermögen,
welche oft große Störungen mit sich bringen, und deren Gefahren
weit augenfälliger sind als ihre Vortheile, würde sehr dahin
wirken, alle Dinge in ihren gewohnten Geleisen zu erhalten.
Andererseits hat die Erwählung dieser Leiter durch Personen,
welche an dem Gedeihen der Unternehmung unmittelbar betheiligt
sind, und welche eigene Erfahrung und hinreichende Gelegenheit
sich ein Urtheil zu bilden besitzen, im Durchschnitt mehr Aussicht,
eine geschickte Verwaltung zu erzielen als die Zufälligkeiten der
Geburt, welche heutzutage so oft darüber entscheiden, wer der Eigen-
thümer des Capitals wird. Dieß mag richtig sein; und wenn man
auch erwiedern kann, daß der Besitzer ererbten Capitals ganz ebenso
gut wie die Gemeinde einen Geschäftsleiter, welcher tauglicher ist
als er selbst, verwenden kann, so verschafft er sich dadurch doch
nur ebenso günstige, und nicht günstigere Bedingungen, als jene.
Zu Gunsten der gegnerischen Seite muß nun aber gesagt werden,
daß unter dem communistischen System die zur Leitung am meisten be-
fähigten Personen wahrscheinlich nur selten bereit sein würden, dieselbe
zu übernehmen. Gegenwärtig genießt der Geschäftsleiter, selbst wenn
er nur ein besoldeter Beamter ist, eine ungleich höhere Vergütung,
als die anderen bei dem Geschäfte verwendeten Personen, und seinem
Ehrgeiz stehen noch höhere sociale Stellungen offen, für welche ihm
seine Thätigkeit als Geschäftsleiter die Wege ebnet. In einer
communistischen Gesellschaft wären ihm alle diese Vortheile ver-
sagt, er würde vom Erträgniß der Arbeit des Gemeinwesens
feinen anderen Antheil empfangen als jedes andere Mitglied; er
hätte nicht mehr die Hoffnung, aus der Classe der Entlohnten in
jene der Capitalisten aufzusteigen; und während er in keiner Hin-
sicht besser gestellt wäre als ein anderer Arbeiter, würden seine
Sorgen und seine Verantwortlichkeit um so viel größer sein,
daß wahrscheinlich gar Viele die minder beschwerliche Stellung
vorziehen würden. In dieser Schwierigkeit hat bereits Plato
einen möglichen Einwand gegen das in seiner Republik borge-
schlagene System der Gütergemeinschaft innerhalb einer herrschen-
den Classe erkannt; und das Motiv, von dem er erwartete, daß
es die geeigneten Männer veranlassen würde, trotz des Fehlens
aller gewöhnlichen Lockmittel die Lasten und Sorgen der Herrschaft
auf sich zu nehmen, war fein anderes als die Furcht, von schlech-
S.
. Der Socialismus.
209
teren Männern regiert zu werden. Dieß ist in der That der
Beweggrund, auf den man sich der Hauptsache nach verlassen
müßte; die zur Leitung tauglichsten Männer würden sich zur
Uebernahme derselben bereit finden lassen, damit diese nicht in
unfähigere Hände gerathe. Und dieser Beweggrund würde sich
wahrscheinlich dann wirksam erweisen, wenn der Eindruck vor-
herrschte, daß das Gemeinwesen durch unfähige Leitung dem Unter-
gange oder auch nur einer unverkennbaren Verschlechterung seiner
Lage entgegengeht. Aber man dürfte in der Regel nicht erwarten,
daß dieses Motiv auch dort zur Geltung fäme, wo es sich darum
handelte, nicht den Verfall hintanzuhalten, sondern nur den Fort-
schritt zu fördern; es wäre denn im Falle von Erfindern oder
Projectanten, welche begierig sind, irgend einen Plan, von dem
sie sich große und sofortige Vortheile versprechen, zu erproben.
Und Leute dieser Art sind sehr oft durch ihr allzu sanguinisches Tem-
perament und mangelhaftes Urtheil schlecht dazu befähigt, an der
Spitze der Geschäfte zu stehen; überdieß haben sie, selbst wenn sie
diese Befähigung befizen, zu allermeist mit den Vorurtheilen der
Durchschnittsmenschen zu kämpfen. Sie würden es daher in vielen
Fällen nicht einmal bis zur Ueberwindung der ersten Schwierig
keiten und dahin bringen, daß die Genossenschaft ihre Entwürfe
annähme und ihnen die Geschäftsleitung übertrüge. Der communi-
stische Betrieb würde somit allem Anschein nach weniger als der
Privatbetrieb jenes Eröffnen neuer Bahnen und jene Aufopferung
augenblicklicher Vortheile für entferntere und ungewisse begünstigen,
welche zwar selten völlig gefahrlos, aber trotzdem eine unerläßliche
Bedingung für das Zustandekommen großer Verbesserungen im
wirthschaftlichen Loose der Menschheit ist, ja sogar für die Er-
haltung des gegenwärtigen Zustandes, im Hinblick auf die stets an-
wachsende Zahl der zu ernährenden Bevölkerung.
Wir haben bisher die verschiedenen Beweggründe blos in
Rücksicht ihrer Einwirkung auf die leitenden Männer der Ge-
nossenschaft in Betracht gezogen. Sehen wir nun zu, wie es sich
in dieser Hinsicht mit den gewöhnlichen Arbeitern verhielte.
Das einzige persönliche Interesse, welches dieselben unter der
Herrschaft des Communismus an der redlichen und eifrigen Ver-
richtung ihrer Arbeit hätten, wäre ihr Antheil an dem Gesammt=
Interesse. Doch stünde es in dieser Hinsicht nicht schlimmer, als
es gegenwärtig in Betreff der großen Mehrheit der Mitglieder
der arbeitenden Classen steht. Denn da dieselben heutzutage feste
Löhne erhalten, sind sie von einem unmittelbaren persönlichen
Interesse an der Ergiebigkeit ihrer Arbeit so weit entfernt, daß
Mill, gef. Werke. XII.
14
S.
Der Socialismus.
210
sie nicht einmal jenen Antheil am allgemeinen Interesse haben,
welcher unter einem communistischen System jedem Arbeiter zu-
täme. Demzufolge ist auch die geringe Leistungsfähigkeit der ge-
mietheten Arbeit und die unvollkommene Art und Weise, in welcher
dieselbe die wirklichen Fähigkeiten der Arbeiter zur Entfaltung
bringt, ein Punkt, in Betreff dessen alle Welt einig ist. Der
Ruf, in dem ein Lohnarbeiter steht, ist für diesen freilich keines-
wegs gleichgiltig. Findet doch der gute Arbeiter leichter Beschäf=
tigung und mitunter auch höhere Entlohnung. Auch ist für ihn
die Möglichkeit vorhanden, sich zur Stellung eines Aufsehers oder
eines anderen untergeordneten Beamten emporzuschwingen, welche
nicht nur besser als gewöhnliche Arbeit bezahlt wird, sondern ihm
mitunter auch den Weg zu noch vortheilhafteren Posten eröffnet.
Aber dagegen ist für die andere Seite in Rechnung zu bringen,
daß unter der Herrschaft des Communismus die allgemeine Ge-
sinnung der Gemeinde, welche ja aus den Cameraden bestünde, unter
deren Augen jedermann arbeitete, sicherlich gute und angestrengte
Arbeit begünstigen würde und der Trägheit, Nachlässigkeit und Ver-
geudung abhold wäre. Dieß ist unter dem gegenwärtigen System
so wenig der Fall, daß die öffentliche Meinung der arbeitenden
Claffen im Allgemeinen in der gerade entgegengesetzten Richtung
thätig ist. Die Satzungen mancher Gewerkvereine verbieten
geradezu ihren Mitgliedern, in ihren Leistungen ein gewisses Maß
zu überschreiten, damit nicht die für die Ausführung der Arbeit
erforderliche Anzahl von Arbeitern verringert werde, und aus
demselben Grunde stößt die Einführung von arbeit-sparenden
Einrichtungen oft auf heftigen Widerstand. Wenn man dagegen
einen Zustand eintauschte, in welchem jedermann ein Interesse
daran hätte, jeden Anderen so geschickt, thätig und sorgsam als
möglich zu machen (wie dieß unter der Herrschaft des Communis-
mus der Fall wäre), so würde dieß eine sehr entschiedene Wand-
lung zum Beſſeren bedeuten.
Es lassen sich jedoch und diese Thatsache verdient ernste
Beachtung die Hauptmängel des gegenwärtigen Systems in
Rücksicht auf die Ergiebigkeit der Arbeit verbessern und die Haupt-
sächlichen Vorzüge des Communismus erreichen, ohne daß man es
nöthig hätte zu Einrichtungen zu greifen, welche mit dem Privat-
eigenthum und der freien Concurrenz unvereinbar sind. Ein an-
sehnlicher Fortschritt ist bereits durch die Einführung der Stück-
Arbeit in jenen Gewerben, welche dieselbe zulassen, erzielt worden.
Dadurch wird das persönliche Interesse des Arbeiters mit der
Quantität der von ihm geleisteten Arbeit enge verknüpft,
- aller-
S.
211
Der Socialismus.
dings weniger mit der Qualität derselben, für welche immer noch
die Wachsamkeit des Arbeitgebers die einzige Sicherheit bietet;
auch steht die Stückarbeit durchaus nicht in besonderer Gunst bei
den Arbeitern selbst, welche, im Gegentheile, sich ihr oft ernstlich
widersetzen, weil sie dieselbe für ein Mittel zur Einschränkung des
Arbeits-Marktes halten Und sie haben in der That guten Grund
zu ihrer Abneigung, wenn es, wie versichert wird, ein beliebter
Kunstgriff der Arbeitgeber ist, zuerst durch Stück - Arbeit das
Maximum dessen, was ein guter Arbeiter leisten kann, zu ermitteln,
und dann den Preis der Stück-Arbeit so niedrig anzusetzen, daß
er durch diese auf's Aeußerste gespannte Thätigkeit nicht mehr er-
werben kann, als was sie ihm als Taglohn für gewöhnliche Arbeit
hätten zahlen müssen.
Es giebt aber eine weit vollständigere Abhilfe gegen die
Nachtheile der gemietheten Arbeit, als die Einführung der Stück-
Arbeit gewähren kann. Dieselbe besteht in der sogenannten in-
dustriellen Theilhaberschaft (industrial partnership), in der Heran-
ziehung der ganzen Masse der Arbeiter zur Theilnahme am Geschäfts-
gewinn, indem man nach Abzug einer gewissen Vergütung für
den Capitalisten den gesammten Reinertrag oder einen bestimmten
Theil desselben, in Form eines nach Percenten bemessenen zu-
schlags zu den Löhnen, unter alle bei der Arbeit mitwirkenden
Personen vertheilt. Diese Maßregel hat sich in England sowohl
als anderswo in vorzüglichster Weise bewährt. Sie hat sämmt-
liche in solch einem Unternehmen beschäftigte Arbeiter dazu be-
stimmt, dem Gedeihen desselben die sorgfältigste Pflege zu widmen;
sie hat ebenso sehr die eifrige Mühewaltung gefördert als der
Vergeudung Einhalt gethan, und dadurch in den Geschäften, in
denen dieses System eingeführt wurde, die Vergütung für jede
Art von Arbeitsleistung sehr wesentlich gehoben. Es ist einleuch
tend, daß dasselbe einer unbeschränkten Ausdehnung fähig ist und
eine unbegrenzte Steigerung des den Arbeitern zufallenden Ge-
winnantheils gestattet, so lange nur den Leitern der erforderliche
Grad von persönlichem Interesse an dem Gelingen des Unter-
nehmens gewahrt bleibt. Es ist sogar, wenn erst derartige Ein-
richtungen sich eingebürgert haben, nicht unwahrscheinlich, daß viele
solche Unternehmungen zu irgend welcher Zeit (anläßlich des
Ablebens des Chefs oder seines Rücktritts vom Geschäfte) durch
freies Uebereinkommen in reine cooperative Genossenschaften werden
verwandelt werden.
Es stellt sich also heraus, daß der Communismus in Bezug
auf die Beweggründe, welche die große Masse der Arbeiter zur
14 *
S.
Der Socialismus.
212
Kraftanstrengung bestimmen, keinen Vorzug besitzt, den sich nicht
auch das System des Privateigenthums zu eigen machen könnte;
daß er hingegen in Bezug auf die leitenden Männer weit un-
günstigere Verhältnisse als das letztere darbietet.
Es haften
ihm auch einige, wie es scheint unabwendbare, Uebelſtände in
Folge der Nothwendigkeit an, über gewisse Fragen in einer mehr
oder weniger willkürlichen Weise zu entscheiden, welche sich unter
dem bestehenden System, oft zwar schlecht genug, aber doch von
selbst erledigen.
bei der Au
Allen, welche bei der Arbeit mitwirken, gleiche Entlohnung
zu geben, ist eine einfache und von gewissen Gesichtspunkten aus
eine gerechte Vorschrift. Aber es ist das eine sehr unvollkommene
Gerechtigkeit, wenn nicht auch Jedem eine gleich große Arbeits-
leistung zugetheilt ist. Nun sind aber die mannigfachen Arten
von Arbeitsleistungen, deren jede Gesellschaft bedarf, sehr ver-
schieden an Schwierigkeit und Unannehmlichkeit. Diese gegen
einander so abzumessen, daß man qualitative Unterschiede in
quantitative umsetzen kann, ist so schwierig, daß die Communiſten
gewöhnlich vorschlagen, ein Jeder solle in einer gewissen Reihen-
folge jede Art von Arbeit verrichten. Aber dieß würde einen
fast völligen Verzicht auf die wirthschaftlichen Vortheile der
Arbeitstheilung bedeuten, welche Vortheile zwar von den National-
ökonomen häufig überschätzt werden (oder richtiger, sie unterschätzen
vielfach die Bedeutung der diesen Vortheilen gegenüberstehenden
Nachtheile), die aber doch mit Rücksicht auf die Ergiebigkeit der
Arbeit sehr beträchtlich sind, und zwar aus zwei Gründen: einmal
weil dieses Zusammenwirken von Beschäftigungen es ermöglicht,
daß die Arbeit sich mit einiger Rücksichtnahme auf die specielle
Eignung und Fähigkeit der Arbeiter unter diese vertheilt, und
dann, weil jeder Arbeiter dadurch, daß er sich auf eine Art von
Arbeit beschränkt, in derselben größere Geschicklichkeit und Flink-
heit erreichen kann. Demnach wäre diese Einrichtung, welche man
als die unerläßliche Bedingung einer gerechten Vertheilung ansieht,
wahrscheinlich ein sehr großer Nachtheil für die Production. Es
hieße aber überdieß einen sehr mangelhaften Maßstab der Gerech=
tigfeit anlegen, wenn man von Jedem den gleichen Betrag von
Arbeit verlangte. Verschiedene Menschen besitzen eine ungleiche,
geistige und körperliche, Befähigung zur Arbeit, und was für den
Einen fast ein Spiel ist, das ist eine unerträgliche Bürde für den
Anderen. Es wird deshalb einer Behörde bedürfen, welche die
Befugniß besitzt, Nachlässe von dem gewöhnlichen Arbeitsquantum
zu gewähren, und die den Einzelnen zugetheilten Aufgaben einiger-
S.
Der Socialismus.
213
maßen mit ihren Fähigkeiten in Einklang zu bringen. So lange es
aber träge oder eigennüßige Personen giebt, welche lieber für sich
arbeiten lassen, als selbst arbeiten, werden häufig genug Versuche
unternommen werden, solche Nachlässe durch Protection oder durch
falsche Vorspiegelungen zu erlangen, und die Vereitlung dieser
Versuche wird erhebliche Schwierigkeiten verursachen und keines-
wegs allemal gelingen. In Genossenschaften allerdings, welche aus
auserlesenen Personen bestehen, denen an dem Erfolg des Unter-
nehmens ernstlich gelegen ist, werden sich diese Uebelstände, wenig-
stens eine Zeit lang, wenig fühlbar machen; aber Pläne für die
Neugestaltung der Gesellschaft müssen mit dem Durchschnitts-
menschen rechnen und außerdem mit der großen Zahl von
Menschen, welche an persönlichen und socialen Tugenden weit
unter dem Durchschnitt stehen. Die Händel und die Erbitterung,
welche sich bei der Vertheilung der Arbeit überall, wo solche
Personen in's Spiel kommen, unfehlbar ergeben würden, müßten
den Frieden und die Eintracht schwer erschüttern, welche, nach der
Erwartung der Communisten, unter den Mitgliedern ihrer Ge-
nossenschaften herrschen werden. Selbst unter den günstigsten Ver-
hältnissen würde dieses gute Einvernehmen schwereren Störungen
ausgesetzt sein, als die Communisten vorauszusetzen pflegen. Ihre
Verfassung verhütet zwar, daß Streitigkeiten über materielle Inter-
essen ausbrechen können; aus diesem Gebiet des menschlichen Strebens
ist der Individualismus verbannt. Aber es giebt andere Gebiete,
aus denen er sich durch keine Gesetzes - Bestimmung verbannen
läßt; auch unter einem communistischen System wird der Wett-
streit um Ansehen und persönliche Macht nicht ausbleiben. Wenn
den selbstsüchtigen Tendenzen das Gebiet des Gelderwerbs und
der materiellen Interessen, welches ihr gewöhnlichster Tummelplatz
ist, entzogen wird, so werden sie das ihnen noch verbleibende
Terrain desto nachdrücklicher behaupten; und wir dürfen er-
warten, daß die Kämpfe um Vorrang und Einfluß auf die
Verwaltung mit um so größerer Erbitterung werden geführt
werden, da die aus ihrer gewohnten Bahn gelenkten selbstischen
Triebe der Menschen nunmehr nur auf diesem Wege ihre Be-
friedigung werden suchen müssen. Aus allen diesen Gründen
steht zu vermuthen, daß die communistischen Gemeinden gar oft
nichts weniger als jenes bestechende Gemälde gegenseitiger Liebe
und Einmüthigkeit des Willens und der Gesinnung aufweisen
würden, welches die Communisten entwerfen, gleichwie daß Par-
teiungen dieselben häufig spalten und nicht selten auch zerreißen
würden
S.
Der Socialismus.
214
Andere und zahlreiche Keime der Zwietracht trägt die dem
communistischen Princip innewohnende Nothwendigkeit in ihrem
Schooße, Fragen von dem höchsten Belang für jeden Einzelnen,
welche gegenwärtig dem individuellen Ermessen überlassen bleiben
fönnen und wirklich überlassen bleiben, durch die öffentliche
Stimme zu entscheiden. Man denke z. B. an die Frage der Er-
ziehung. Alle Socialisten sind in ihrer Anerkennung der uner-
meßlichen Bedeutung der Jugend-Erziehung einig. Es steht hier-
bei von den Gründen abgesehen, die für alle Welt gelten
für ihr gesellschaftliches System, welches an die Einsicht und Sitt-
lichkeit des einzelnen Bürgers so ungleich höhere Ansprüche stellt,
noch weit mehr als für jedes andere auf dem Spiele. Unter der
Herrschaft des Communismus wäre es nun die Sache der Ge-
fammtheit, die hierauf bezüglichen, für Alle ohne Ausnahme gelten-
den Anordnungen zu treffen; denn Eltern, welche ihre Kinder in
irgend welcher anderer Weise erzogen zu sehen wünschten, würden
der hiefür erforderlichen Geldmittel entrathen und wären auf den
Einfluß beschränkt, den ihr eigener persönlicher Unterricht zu üben
vermöchte. Allein jedes volljährige Mitglied der Gemeinde hätte
bei der Wahl des zur allgemeinen Anwendung bestimmten Syſtems
eine gleichberechtigte Stimme. Hier liegt uns denn eine überaus
ergiebige Quelle des Zwiespaltes vor Augen. Alle die in Betreff
der Erziehung ihrer eigenen Kinder irgend welche besondere Mei-
nungen oder Wünsche hegten, fönnten dieselben nur dann zu ver-
wirklichen hoffen, wenn es ihnen gelänge, die Entscheidung des
Gemeinwesens in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Es thut nicht Noth eine Reihe anderer wichtiger Fragen,
bezüglich deren sich wahrscheinlich tiefgreifende und oft unversöhn-
liche Meinungsverschiedenheiten ergeben würden (z. B. die Ver-
wendungsweise der productiven Hilfsquellen der Genossenschaft, die
Bedingungen des socialen Lebens, die Beziehungen der Gemeinde
zu anderen Genossenschaften u. s. w.), in erschöpfender Weise auf-
zuzählen. Allein selbst die zu erwartenden Zwistigkeiten wären
für die Zukunft der Menschheit weit weniger gefahrdrohend als
jene trügerische Einmüthigkeit, welche dadurch entstünde, daß alle
individuellen Meinungen und Wünsche durch das Machtgebot der
Mehrheit in den Staub getreten würden. Die Hindernisse, welche
sich dem menschlichen Fortschritt in den Weg stellen, sind allezeit
groß, und es bedarf eines Zusammentreffens glücklicher Umstände,
damit sie überwunden werden. Allein hiefür ist es unerläßlich,
daß die menschliche Natur die Möglichkeit besitze, sich nach mannig-
fachen Richtungen, im Denken wie im Handeln, frei und un-
S.
Der Socialismus.
215
gehemmt zu entfalten, daß die Menschen für sich selber denken und
für sich selber Versuche anstellen und nicht ihren Herrschern (diese
mögen nun im Namen einiger Weniger oder der Mehrzahl re-
gieren) die Befugniß übertragen, für sie zu denken und ihnen vor-
zuschreiben, wie sie zu handeln haben. In einem communistischen
Gemeinwesen wäre jedoch das Privatleben in einem geradezu bei-
spiellosen Maße der Herrschaft der öffentlichen Gewalten unter-
worfen, und der individuellen Geistes- und Charakter-Entwicklung
wären engere Grenzen gesteckt, als dieß bisher unter den Voll-
bürgern irgend eines Staates der Fall war, der zu den fort-
schrittlichen Zweigen der menschlichen Gattung gezählt hat. Schon
jetzt macht sich der einengende Druck, welchen die Mehrheit auf
die Individualität ausübt, als ein großes und in Zunahme be-
griffenes Uebel fühlbar; der Communismus würde dasselbe wahr
scheinlich noch bedeutend steigern, und eine Milderung des Uebels
ließe sich vielleicht nur dann erwarten, wenn die Einzelnen das
Recht hätten, nach freier Wahl in eine Genossenschaft von Gleich-
gesinnten einzutreten.
Ich häufe diese Erwägungen nicht in der Absicht, um kraft
derselben die Möglichkeit zu bestreiten, daß die communistische Pro-
ductionsweise in irgend einem fünftigen Zeitalter die den Bedürf-
nissen und Verhältnissen der Menschheit am meisten entsprechende
Gesellschaftsform sein wird. Dieß ist, wie ich denke, eine offene
Frage und wird es lange Zeit bleiben; neues Licht wird fortwährend
auf dieselbe fallen, sowohl auf Grund von Versuchen, die man
unternehmen wird, um das communistische Princip unter günstigen
Umständen zu erproben, als in Folge der Verbesserungen, welche
das gegenwärtige System, das des Privatbesitzes, stufenweise
erfahren wird. Nur das Eine ist gewiß, daß der Communis-
mus zu seinem Gedeihen einer hohen Stufe der sittlichen wie der
geistigen Bildung in allen Mitgliedern des Gemeinwesens bedarf,
der sittlichen, damit sie es lernen, ohne jede Aussicht auf Privat-
vortheil, nur auf Grund ihres Antheils am gemeinsamen Inter-
esse der Genossenschaft, ihrer pflichtmäßigen Ergebenheit und ihrer
Anhänglichkeit an dieselbe, die ihnen obliegende Lebensarbeit recht-
schaffen und eifrig zu vollbringen, der geistigen, damit sie im
Stande seien, entfernte Interessen richtig abzuschäßen und auf ver
wickelte Erwägungen einzugehen, zum mindesten so weit als dieß
nöthig ist, um hierauf bezügliche gute Rathschläge von schlechten
zu unterscheiden. Nun verwerfe ich zwar ganz und gar die
Meinung, daß es unmöglich sei, eine Geistes- und Gemüths-
bildung, wie sie zu diesen Zwecken erforderlich ist, zum Erbgut
S.
Der Socialismus.
216
eines jeden Mitglieds der Nation zu machen; allein ich bin über-
zeugt, daß diese Aufgabe eine überaus schwierige und daß der
Weg, der von unseren heutigen Zuständen dahin führt, ein sehr
weiter ist. Ich lasse den Einwand gelten, daß der gegenwärtige
Gesellschaftszustand in Rücksicht jener sittlichen Eigenschaften, auf
welchen das Gedeihen des Communismus beruht, geradezu schädi
gend wirkt und daß nur ein communistisches Zusammenleben die
Menschen mit Erfolg für den Communismus erziehen kann. Die
Sache des Communismus ist es somit, seine sittenbildende Gewalt
mittelst des praktischen Versuches zu erweisen. Versuche allein
können darthun, ob bereits jezt irgend ein Theil der Bevölkerung
ein hinlänglich hohes Niveau sittlicher Bildung erreicht hat, damit
der Communismus gedeihen und die nächste Generation dieses
Kreises die Erziehung erhalten könne, ohne welche sich dieses hohe
Niveau nicht dauernd behaupten läßt. Wenn communistische Ge-
nossenschaften zeigen, daß sie Bestand haben und gedeihen können,
so werden sie sich vervielfältigen und voraussichtlich in den vor-
geschritteneren Ländern immer weitere Volkskreise für sich ge<
winnen, sobald dieselben die für diese Lebensordnung erforderliche
sittliche Reife erlangt haben. Allein eine unzureichend vorbereitete
Bevölkerung - etwa unter dem Einfluß einer diesem Beginnen
günstigen politischen Umwälzung in communistische Genossen=
schaften zwängen zu wollen, dieß wäre ein Unternehmen, welches
nur zu argen Enttäuschungen führen könnte.
Wenn der praktische Versuch nothwendig ist um die Leistungs-
fähigkeit des Communismus zu erproben, so gilt dieß nicht minder
von jenen Formen des Socialismus, welche auf der Anerkennung
der Schwierigkeiten des Communismus beruhen und diese durch
die Anwendung geeigneter Mittel zu überwinden trachten. Die
bedeutendste unter denselben ist der Fourierismus, welcher - wenn
auch nur als eine Probe erfindsamen Scharfsinns in hohem
Maße die Aufmerksamkeit eines Jeden verdient, der die mensch-
liche Natur oder die Gesellschaft zum Gegenstande seines Studiums
gewählt hat. Es giebt kaum eine Einwendung oder Schwierigkeit,
welche Fourier nicht vorhergesehen und der er nicht durch Veran-
staltungen, die den Charakter von sich-selbst-regulirenden Apparaten
besitzen, zuvorzukommen gesucht hätte, wobei er jedoch ein weniger
hohes Princip der austheilenden Gerechtigkeit als das rein com-
munistische zu Grunde legt, denn er läßt Ungleichheiten der Ver-
theilung und individuellen Capitalbesig, wenngleich nicht die will-
türliche Verfügung über denselben, bestehen. Das große Problem,
dem er beizukommen strebt, ist die Frage, wie man die Arbeit
S.
217
Der Socialismus.
anziehend machen könnte; denn gelänge dieß, so wäre die Haupt-
sächliche Schwierigkeit des Socialismus überwunden. Er behauptet,
daß keine Art von nützlicher Arbeit an sich selbst oder für alle
Menschen lästig und widerwärtig ist, und daß sie dieß nur dann
wird, wenn ein Uebermaß von Anstrengung gefordert, wenn ihr
der Neiz der Geselligkeit und der Sporn des Wetteifers entzogen
oder wenn sie von den Menschen mit Geringschäzung betrachtet
wird. Die Arbeiter eines Fourieristischen Dorfes sollen sich nach
freier Wahl in Gruppen theilen, von denen sich jede einer anderen
Art von Beschäftigung widmet, und dieselbe Person darf einer
beliebigen Zahl solcher Gruppen angehören. Nachdem zunächst
ein gewisses Minimum für den Unterhalt eines jeden Gemeinde-
gliedes, dasselbe mag nun arbeitsfähig sein oder nicht, bei Seite
gesetzt ist, vertheilt die Gesellschaft den Rest des Productions-
Ertrages unter die verschiedenen Gruppen nach jenem Maßstab,
der sich erfahrungsmäßig geeignet erweist, jeder Gruppe das er-
forderliche Quantum von Arbeitskräften, und kein größeres als
dieses, zuzuführen; wenn sich ein allzu großer Zulauf zu gewissen
Gruppen ergiebt, so gilt dieß als ein Anzeichen, daß sie im Ver-
hältniß zu anderen allzu hoch entlohnt werden; finden irgend
welche Gruppen zu wenig Zuspruch, so muß ihre Entlohnung
erhöht werden. Die jeder Gruppe zugewiesene Quote wird in
festen Verhältnissen unter drei Elemente: Arbeit, Capital und
Talent vertheilt, wobei die Zuerkennung des auf das Talent ent-
fallenden Antheils auf Grund einer Abstimmung der Gruppen-
Mitglieder selbst erfolgt. Fourier spricht die Hoffnung aus, daß
angesichts der Mannigfaltigkeit menschlicher Anlagen Jeder oder
fast Jeder im Stande sein wird, sich in einer oder der anderen
Gruppe hervorzuthun. Die Vergütung für das Capital soll so
bemessen werden, daß sie die Einzelnen zu Ersparungen an ihrem
Verbrauche in solchem Maße veranlaßt, daß dadurch das gemein-
same Capital bis zur wünschenswerthen Höhe vermehrt wird.
Bon erstaunlichem Scharfsinn zeugen die zahlreichen Vorrichtungen,
welche dazu dienen sollen, kleineren Schwierigkeiten zu begegnen
und geringere Uebelſtände hinwegzuräumen. Im Hinblick auf diese
mannigfachen Vorkehrungen geben sich die Fourieristen der Er-
wartung hin, daß die persönlichen Beweggründe zu gemeinnütziger
Arbeit keineswegs beseitigt, sondern in hohem Maße verstärkt
würden, da jede Mehranstrengung weit sicherer als heutzutage,
wo so viel von den Zufällen der gesellschaftlichen Stellung ab-
hängt, zu einer Mehrentlohnung führen würde. Die Ergiebigkeit
der Arbeit wäre daher, wie sie meinen, eine beispiellose; und eine
S.
Der Socialismus.
218
nicht minder außerordentliche Arbeitersparniß würde sich daraus
ergeben, daß Alles, was jetzt für nußlose oder schädliche Dinge
vergeudet wird, nützlichen Verwendungen zu gute käme, und daß
ferner eine ungeheure Zahl nuzloser Vermittler entfiele, indem
das Geschäft des Ein- und Verkaufs durch eine einzige Behörde
für die ganze Gemeinde besorgt würde. Die individuelle Selbst-
bestimmung und freie Verfügung der Individuen über ihr Leben
würde durchaus nicht mehr beschränkt werden, als nöthig erscheint,
um der Gesammtheit die vollen Vortheile des Zusammenwirkens
der Arbeit auf dem Gebiete der gewerblichen Verrichtungen zu
sichern. Alles in allem gewährt solch eine Fourieristische Gemeinde
an sich ein anziehendes Bild, und überdieß muthet sie der ge-
wöhnlichen Menschennatur weit weniger zu als irgend ein anderes
socialistisches System, das wir kennen. Es ist dringend zu
wünschen, daß dieser Entwurf bald Gelegenheit finde, seinen Werth
durch ein vollgiltiges Experiment zu erproben; denn auf keinem
anderen Wege läßt sich über die Lebensfähigkeit eines neuen socialen
Systems entscheiden *).
Unsere Durchmusterung der mannigfachen Schwierigkeiten, mit
welchen der Socialismus behaftet ist, hat mithin zu dem folgenden
Endergebniß geführt. Die verschiedenen Vorschläge, welche dahin
zielen, die Hilfsquellen eines Landes durch collective statt durch
private Thätigkeit auszubeuten, verdienen alle Beachtung und
scheinen eines Versuches wohl werth zu sein; auch werden einige
derselben möglicherweise dereinst sich fähig und würdig zeigen, die
gegenwärtige Gesellschafts-Ordnung zu ersetzen. Doch lassen sich
derartige Bersuche zunächst nur mit auserlesenen Kräften in Angriff
nehmen, und jene Entwürfe haben erst ihre Fähigkeit zu erweisen,
die Menschheit im Großen und Ganzen zu der Entwicklungsstufe
emporzuheben, welche eine unerläßliche Voraussetzung ihres gedeih-
lichen Wirkens bildet. Dieß muß selbstverständlicher Weise in
*) Die Grundsäße des Fourierismus hat Hr. Victor Considérant_in
seinen verschiedenen Schriften, insbesondere in dem Werke, welches La
destinée sociale betitelt ist, mit ebenso viel Kraft als Klarheit dargestellt
und vertheidigt. Doch sollte der Forscher es nicht unterlassen, die Schriften
Fourier's selbst zu studiren, wo er unverkennbaren Spuren des Genies mitten
unter den zügellosesten und unwissenschaftlichsten Phantasien über die physische
Welt und sehr interessanten, aber voreiligen Speculationen über die Schick-
sale des Menschengeschlechtes in der Vergangenheit und Zukunft begegnen
wird. Wir wollen nicht verschweigen, daß Fourier über einige wichtige
sociale Fragen, wie z. B. über die Ehe, eigenthümliche Ansichten aufstellt,
welche aber, wie er selbst erklärt, von seinem System der Gewerbthätigkeit
ganz unabhängig und von demselben leicht zu trennen find.
S.
Der Socialismus.
219
noch viel höherem Maße von dem weit vermesseneren Plane gelten,
der dahin geht, den gesammten Boden und das ganze Capital
eines Landes mit Beschlag zu belegen und sofort auf Rechnung
der Gesammtheit zu verwalten. Auch wenn wir ganz und gar
von dem Unrecht absehen, welches damit gegen die gegenwärtigen
Besitzer verübt würde, ist der Gedanke, die gesammte Gewerb-
thätigkeit eines Landes von einem einzigen Mittelpunkte aus zu
leiten, ein so augenfällig chimärischer, daß Niemand es bisher
gewagt hat, in Betreff der Art und Weise seiner Verwirklichung
irgend einen Vorschlag zu machen. Auch würden die revolutio=
nären Socialisten, selbst wenn sie ihr nächstes Ziel erreicht hätten
und den Gesammt-Besitz eines Landes in Händen hielten, es fast
sicherlich unthunlich finden, in anderer Weise über denselben zu
verfügen, als indem sie die Gesammtmasse zerschlügen und jeden
derartigen Bruchtheil einer kleinen socialistischen Gemeinde zur
Verwaltung überwiesen. Das Problem der Verwaltung, welches
wir auch mit Rücksicht auf eine ausgewählte und für diese Auf-
gabe wohl vorbereitete Bevölkerung so überaus schwierig fanden,
müßte jetzt ohne jegliche Vorbereitung, so gut es eben ginge, durch
Vereinigungen von Menschen gelöst werden, welche kein anderes
Band als das der örtlichen Nähe mit einander verknüpfte, oder
die auf gut Glück aus der Gesammt-Bevölkerung herausgegriffen
wären, welche alle Uebelthäter, alle Arbeitsscheuen und Laster-
haften, alle Jene, die an Ausdauer, Voraussicht und Selbst-
beherrschung am tiefsten stehen, in sich schließt, und deren Mehrheit
zwar nicht ebenso tief gesunken, aber gerade in Rücksicht der für
den Erfolg des Socialismus wesentlichen sittlichen Eigenschaften,
wie die Socialisten selbst versichern, durch den gegenwärtigen
Gesellschaftszustand schwer geschädigt ist. Es heißt keineswegs zu
viel behaupten, wenn man meint, daß die Einführung des Socia
lismus unter solchen Umständen zu nichts Anderem führen könnte
als zu einem unheilvollen Zusammenbruch. Seinen Aposteln
bliebe nur der Trost, daß die jetzt bestehende Gesellschaftsordnung
noch vorher in Trümmer gegangen wäre, und daß Alle, die aus
ihr Nutzen ziehen, in das gemeinsame Verderben mitgerissen würden.
Es würde dieß wahrscheinlich für Manche unter ihnen ein wirklich
tröstlicher Gedanke sein; denn wenn der Anschein nicht trügt, so
ist die innerste Triebfeder gar vieler revolutionärer Socialisten
nichts anderes als der Haß, ein Haß, der keiner Entschuldigung
bedarf, in so weit er sich gegen die gegenwärtig bestehenden Uebel
richtet, der sich jedoch unseliger Weise in der gewaltsamen Zer-
störung des socialen Gebäudes um jeden Preis und selbst zum
S.
Der Socialismus.
220
Schaden der jetzt leidenden Classen Luft machen möchte, - von
der Hoffnung getrieben, es werde aus dem Chaos eine neue,
bessere Welt erstehen, und an jeder Möglichkeit einer anderen, mehr
schrittweisen Verbesserung verzweifelnd. Diese Ungeduldigen ver-
gessen jedoch, daß das Chaos die denkbar ungünstigste Vorbe-
reitung für den Aufbau eines Kosmos ist, und daß lange
Jahrhunderte des Kampfes, der Gewaltthätigkeit und der tyran-
nischen Bedrückung der Schwachen durch die Starken dahin gehen
müßten, ehe ein solcher auch nur möglich würde. Sie wissen
nicht, daß sie die Menschheit in jenen Natur-Zustand stürzen
würden, in dem jedermann jedermanns Feind ist und den Hobbes *)
mit so lebhaften Farben geschildert hat:
Unter solchen Verhältnissen ist kein Raum für regelmäßige
Arbeit, weil die Früchte derselben unsicher sind, und demgemäß
giebt es keinen Anbau des Bodens, keine Schifffahrt, keinen
Verbrauch von Gütern, welche zur See eingeführt werden, keine
behagliche Wohnstätte, keine Werkzeuge, um Dinge, welche viel
Kraft erfordern, in Bewegung zu setzen oder von der Stelle zu
rücken, keine Kenntniß von der Oberfläche der Erde, keine Zeit-
rechnung, keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Gesellschaft, und,
was das Schlimmste ist, beständige Gefahr und Furcht vor einem
gewaltsamen Tode in einem furzen, einsamen, armseligen, ekeln
und thierischen Leben."
Wenn es richtig ist, daß die ärmsten und elendesten Mit-
glieder der sogenannten civilisirten Gesellschaft sich jetzt ebenso
schlecht befinden, als sich unter jener schlimmsten Form der Barbarei,
welche aus der Zertrümmerung der Civilisation hervorgeht, ein
jeder befände, so folgt daraus doch keineswegs, daß man den
geeigneten Weg einschlägt, um die ersteren aus diesem Elend zu
erheben, wenn man alle Anderen in dasselbe hinabstürzt. Im
Gegentheile: nur durch die Hilfe der Ersten, welche sich empor-
gearbeitet haben, sind so viele Andere dem allgemeinen Loos ent-
gangen, und nur von einer besseren Organisation desselben Pro-
cesses ist eine endliche Erhebung auch der Uebrigen zu erwarten.
*) Leviathan, Theil I, Cap. 13.
S.
221
Der Socialismus.
Der Begriff des Privateigenthums ist kein fester, sondern
ein wandelbarer.
Die voranstehenden Betrachtungen scheinen hinreichend zu be=
weisen, daß eine gänzliche Erneuerung des socialen Gebäudes,
wie sie der Socialismus plant, der die ökonomische Verfassung
der Gesellschaft auf ganz andere Grundlagen als Privateigenthum
und freie Concurrenz stellen will, daß eine solche Erneuerung,
sage ich, so werthvoll sie auch als ein Ideal und selbst als eine
Verkündigung des in ferner Zukunft zu Erreichenden sein mag,
doch für die Linderung der gegenwärtig bestehenden Uebel nichts zu
leisten vermag. Denn sie erheischt von den Trägern der neuen Ord-
nung sittliche und intellectuelle Eigenschaften, welche bei Allen erst
zu erproben und bei den Meisten erst zu schaffen wären; und dieß
läßt sich nicht durch eine Parlamentsacte, sondern im günstigsten
Falle erst nach Ablauf eines langen Zeitabschnitts erreichen.
Geraume Zeit hindurch wird mithin auch in Zukunft das Princip
des Privateigenthums das Feld behaupten; und selbst wenn in
irgend einem Lande eine Volksbewegung Socialisten an die Spitze
einer revolutionären Regierung bringen sollte, so würde doch allen
möglichen Verlegungen des Privateigenthums zum Troße diese
Institution selbst fortbestehen und entweder von denselben ange-
nommen oder nach ihrer Vertreibung wieder eingesetzt werden;
aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen das Einzige, worauf
fie heutzutage für ihre Sicherheit und ihren Lebensunterhalt an-
gewiesen sind, nicht fahren lassen werden, ehe ein Ersatz dafür
nicht nur ersonnen, sondern auch in thatsächliche Wirksamkeit
getreten ist. Selbst diejenigen, welche das Eigenthum Anderer
unter sich getheilt hätten - wenn es solche geben sollte
würden danach streben, das was sie erlangt haben, zu behalten,
und dem Eigenthum in den Händen der neuen Inhaber die Heilig-
keit wiederzugeben, die sie ihm in den Händen der früheren Be-
fizer aberkannten.
Allein obgleich die Institution des Privateigenthums aus
diesen Gründen voraussichtlich eine lange, wenn auch vielleicht
keine ewige, Dauer zu gewärtigen hat, so folgt daraus doch keines-
wegs, daß dieselbe während dieses ganzen Zeitraums völlig unver-
ändert bleiben muß, oder daß alle Rechte, welche man zur Zeit
als zum Begriff des Eigenthums gehörig ansieht, wesentliche
Elemente desselben sind und so lange bestehen müssen, als dieses
selbst besteht. Es ist im Gegentheil denjenigen, welche aus den
S.
Der Socialismus.
222
die Eigenthumsverhältnisse regelnden Gesetzen den unmittelbarsten
Nutzen ziehen, sowohl durch ihre Pflicht als durch ihr Interesse
geboten, allen Vorschlägen, welche diese Geseze für die Mehrzahl
der Menschen irgend weniger drückend zu machen streben, unpar-
teiisches Gehör zu schenken. Dieß wäre unter allen Umständen
eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es ist überdieß eine Vorschrift
der Klugheit, um sich den sicherlich nicht ausbleibenden Ver-
suchen gegenüber nicht in's Unrecht zu setzen, welche dahin zielen
werden die socialistischen Gesellschaftsformen vorzeitig in's Leben
zu rufen.
Zu den Irrthümern, welche am häufigsten begangen werden
und die größten praktischen Fehlgriffe in der Behandlung der
menschlichen Angelegenheiten nach sich ziehen, gehört die Annahme,
daß derselbe Name immer dieselbe Gruppe von Vorstellungen
bezeichne. Kein Ausdruck ist diesem Mißverständniß öfter aus-
gesetzt gewesen, als das Wort Eigenthum. Es bedeutet für jeden
Zustand der Gesellschaft die weiteste Befugniß des ausschließlichen
Gebrauchs oder der ausschließlichen Verfügung über Sachen (und
mitunter leider auch über Personen), welche das Gesetz gewährt
oder das jeweilige Herkommen anerkennt; aber diese Befugnisse
sind sehr wandelbarer Natur und in verschiedenen Ländern und
Gesellschaftszuständen ungemein verschieden.
So zum Beispiel schloß das Eigenthumsrecht in alten Zeiten
nicht das Recht der lettwilligen Verfügung in sich. Dieses Recht
ist in den meisten Ländern Europa's erst spät eingeführt worden;
und noch lange, nachdem es zur Geltung gelangt war, erfuhr es
Einschränkungen zu Gunsten der sogenannten natürlichen Erben.
Wo es nicht erlaubt ist, über sein Vermögen testamentarisch zu
verfügen, dort ist das Privateigenthum nichts anderes als ein
lebenslänglicher Nießbrauch. Und in der That lag es, wie Sir
Henry Maine in seinem überaus lehrreichen Buch über „das alte
Recht" so trefflich und eingehend dargethan hat, ursprünglich in
dem Begriff des Eigenthums, daß es der Familie und nicht dem
Einzelnen angehöre. Das Familienhaupt verwaltete dasselbe und
war derjenige, der die Eigenthumsrechte thatsächlich ausübte. Wie
in anderen Hinsichten, so beherrschte der Patriarch auch in dieser
die Familie mit nahezu despotischer Gewalt. Aber es stand nicht
in seiner Macht, den Miteigenthümern ihren Antheil zu entziehen;
er konnte auch über das Eigenthum nicht derart verfügen, daß er
ihnen die gemeinsame Nutznießung schmälerte oder ihr Erbrecht in
Frage stellte. Nach den Gesetzen und dem Herkommen einiger
Nationen konnte das Eigenthum nicht ohne die Zustimmung der
S.
Der Socialismus.
223
männlichen Nachkommen veräußert werden; in anderen Fällen
war das Kind berechtigt, eine Theilung des Eigenthums und
die Ausfolgung des ihm gebührenden Antheils zu verlangen, wie
dieß in der Legende vom Verlorenen Sohn geschieht. Wenn die
Familienglieder auch nach dem Tode des Oberhauptes vereinigt
blieben, so erhielt dasselbe einen Nachfolger, der nicht immer einer
seiner Söhne sein mußte; es konnte auch das älteste Mitglied der
Familie, der Stärkste oder derjenige sein, den die Uebrigen dazu
erforen; und im Uebrigen blieb alles beim Alten. Wenn anderer-
seits die Gemeinschaft sich in verschiedene Familiengruppen auflöſte,
nahm jede derselben ein Stück des Eigenthums mit sich. Ich
sage des Eigenthums, und nicht des Erbes, denn es handelte sich
hier nur um die Fortdauer von bereits bestehenden Rechten und
nicht um die Entstehung von neuen; nur der Antheil des ver-
storbenen Oberhauptes fiel den Ueberlebenden durch Erbschaft zu.
Fassen wir das unbewegliche Eigenthum als solches in's
Auge (die für ein primitives Zeitalter weitaus wichtigste Art des
Eigenthums), so finden wir, daß dasselbe in Bezug auf Dauer
und Ausdehnung großen Veränderungen unterlag. Nach jüdischem
Gesetze war das Eigenthum an unbeweglichen Gütern blos von
zeitweiliger Art; im Jubeljahr fielen dieselben wieder zum Behuf
einer neuen Vertheilung an den Staat zurück; doch dürfte
man diese Vorschrift in der historischen Periode des jüdischen
Staates vermuthlich mit Erfolg umgangen haben. In vielen
Ländern Asiens bestand vor dem Eindringen europäischer Ideen
nichts, worauf der Ausdruck Landeigenthum, wie wir ihn ver-
stehen, streng anwendbar gewesen wäre. Die Eigenthumsrechte
waren unter verschiedene Parteien zersplittert und mehr durch
Herkommen als durch Gesetze geregelt. Zuerst kam der Staat,
der eine sehr bedeutende Grundrente erheben durfte. Die Höhe
derselben war durch die Sitte und sogar durch alte Satzungen
auf einen gewissen Theil des Rohertrags beschränkt, aber thatsäch-
lich gab es keine feste Grenze. Der Staat konnte diesen seinen
Antheil auf einen Einzelnen übertragen, welcher dadurch das
Recht der Einsammlung und alle anderen Rechte des Staates,
aber keines der an dem Boden haftenden Rechte einer Privat-
person erwarb. Diese Privatrechte waren von verschiedener Art.
Die wirklichen Bebauer des Bodens, oder doch diejenigen unter
ihnen, welche lange Zeit daselbst seßhaft gewesen waren, hatten
ein Recht, ihren Besitz zu behaltenes galt für ungesetzlich, sie zu
vertreiben, so lange sie ihre Grunbrente bezahlten, die gewöhnlich
nicht durch ein Uebereinkommen, sondern durch das in der bes
S.
Der Socialismus.
224
treffenden Gegend geltende Herkommen bestimmt war. Zwischen
den wirklichen Landbauern und dem Staat, oder dem Stellvertreter
des Staates, welchem er seine Rechte übertragen hatte, standen
Mittelspersonen mit Rechten von wechselndem Umfang. Es gab
Regierungs-Beamte, welche den Antheil des Staates am Ertrag,
oft in großen Gebieten, einsammelten; und obgleich sie verpflichtet
waren, alles, was sie eingesammelt hatten, nach Abzug eines
Bercent-Antheils, der Regierung auszuliefern, war doch diese
Stellung in ihrer Familie oftmals erblich. Es gab auch nicht
selten Dorfgemeinden, welche aus den angeblichen Nachkommen
der ersten Ansiedler bestanden. Diese theilten das Land oder den
Ertrag desselben nach herkömmlichen Regeln unter sich; sie be-
bauten den Boden entweder selbst oder ließen ihn durch Andere
bebauen, und ihre Stellung kam der eines Landeigenthümers nach
englischer Auffassung überaus nahe. Doch war dieß kein indivi-
duelles, sondern Collectiv-Eigenthum; es war unveräußerlich (der
Antheil der einzelnen Theilhaber konnte nur mit Zustimmung
der Gesammtheit verkauft oder verpfändet werden) und wurde
nach festen Regeln verwaltet. Im mittelalterlichen Europa wurde
fast alles Land als Lehen für militärische oder landwirthschaft-
liche Dienstleistungen von dem Landesfürsten empfangen, und
in Großbritannien anerkennt die Theorie des Gesetzes selbst jetzt noch,
wo die Dienstpflicht und alle dem Souverän vorbehaltenen Rechte
längst in Vergessenheit gerathen oder gegen Steuern vertauscht worden
sind, bei keinem Privatmann ein uneingeschränktes Eigenthumsrecht
auf den Boden; denn derjenige, der dieses Recht im vollsten
Maße ausübt, der Besitzer eines Freigutes, wird nur ein,,Lehens-
mann" der Krone genannt. In Rußland war selbst zur Zeit, als
die Bebauer des Bodens Leibeigene des Grundherrn waren,
das Eigenthumsrecht des letzteren durch die Rechte der ersteren
beschränkt, welche sie als eine Körperschaft, die ihre Angelegen-
heiten selbst verwaltete, besaßen, und in die er nicht eingreifen
durfte. Ebenso blieben in den meisten Ländern des Festlandes
von Europa nach der Abschaffung oder dem Erlöschen der Hörig-
keit diejenigen, welche früher als Hörige den Boden bebaut hatten,
im Besitz von Rechten, wie andererseits auch gewisse Verpflich-
tungen auf ihnen lasteten. Die großen Agrar-Reformen Stein's
und seiner Nachfolger in Preußen bestanden in der Aufhebung
dieser Rechte wie der ihnen entsprechenden Verpflichtungen und in
der factischen Theilung des Bodens zwischen den ehemaligen
Herren und den Bauern, welche an die Stelle des früheren
beschränkten Besitzrechts beider Parteien auf das Ganze trat.
S.
Der Socialismus.
225
In anderen Ländern, wie in Toscana, ist der Halbpächter (métayer)
thatsächlich der Miteigenthümer des Grundherrn, da das Her-
kommen, wenn auch nicht das Gesetz, ihm, so lange er die üblichen
Bedingungen erfüllt, die Fortdauer des Besizes und die Hälfte
des Rohertrags gewährleistet.
Und ferner, gleichwie die Ausdehnung der Eigenthumsrechte,
die sich auf dieselben Objecte beziehen, zu verschiedenen Zeiten
eine verschiedene ist, so findet ein gleicher Wandel auch in Betreff
dieser Objecte selbst statt. In allen Ländern erstreckte sich das
Recht des Eigenthums in früherer Zeit, und in vielen erstreckt
es sich noch heute, auf den Besitz von menschlichen Wesen. Es hat
oft Eigenthum an öffentlichen Aemtern, so z. B. in Frankreich vor
der Revolution an Richterstellen und zahllosen anderen obrigkeit-
lichen Würden, gegeben; in Großbritannien haben wir immer noch
einige fäufliche Aemter, obwohl sie, wie ich glaube, kraft einer
gesetzlichen Bestimmung mit dem Tode der gegenwärtigen Inhaber
erlöschen werden; und wir gehen eben erst daran, die Käuflichkeit
der Offizierspatente in der Armee aufzuheben. Deffentliche
Körperschaften, welche für gemeinnützige Zwecke gestiftet und mit
Gütern ausgestattet wurden, rufen für ihren Besitzstand das
gleiche unverletzliche Eigenthumsrecht an, wie Privatpersonen für
den ihrigen; und obwohl eine gesunde politische Moral diesen
Anspruch nicht billigen kann, wird er doch vom Gesetze anerkannt.
Wir sehen also, daß das Eigenthumsrecht in verschiedenen Län-
dern und zu verschiedenen Zeiten verschieden ausgelegt und
ihm eine wechselnde Ausdehnung gegeben wurde, und daß der
Begriff Eigenthum ein veränderlicher ist, der oftmals Wandlungen
erfahren hat und noch weitere Wandlungen zu erwarten haben mag.
Es muß auch bemerkt werden, daß die Umgestaltungen, von denen
er bisher in der fortschreitenden Entwickelung der Gesellschaft be-
troffen wurde, in der Regel Verbesserungen waren. Wenn
daher von irgend einer Seite, gleichviel ob mit Recht oder Un-
recht, behauptet wird, daß eine bestimmte Veränderung oder
Modification der Befugnisse, welche den rechtmäßigen Eigen-
thümern gewiffer Dinge über dieselben zustehen, dem allgemeinen
"Wohl zuträglich und für den Fortschritt förderlich wäre, so
ist es jedenfalls kein entscheidendes Gegen - Argument, wenn
man darauf erwiedert, daß die in Vorschlag gebrachte Neue-
rung dem Begriff des Eigenthums widerstreite. Der Eigen-
thumsbegriff ist nicht etwas, das sich im ganzen Lauf der Ge-
schichte unabänderlich gleich geblieben ist und keinerlei Modi-
ficationen zuläßt; er ist vielmehr so wandelbar wie alle anderen
Mill, ges. Werte. XII.
15
S.
Der Socialismus.
226
Schöpfungen des menschlichen Geistes. Das Wort Eigenthum iſt
jedesmal ein bündiger Ausdruck für die durch das Gesetz oder
Herkommen einer gegebenen Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit
verliehenen dinglichen Rechte; aber weder in dieser, noch in irgend
welcher anderer Hinsicht können Gesetz und Herkommen eines gegebe-
nen Landes und einer gegebenen Zeit den Anspruch auf ewige und un-
wandelbare Geltung erheben. Ein Reformvorschlag ist nicht nothwen-
dig darum verwerflich, weil seine Annahme nicht die Anpassung
aller menschlichen Angelegenheiten an die zur Zeit geltende Idee
des Eigenthums, sondern die Anpassung der zur Zeit geltenden
Idee des Eigenthums an die Entwicklung und Verbesserung der
menschlichen Angelegenheiten in sich schlösse. Diese Bemerkung
soll dem billigen Anspruch der Eigenthümer auf staatliche Ent-
schädigung für alle gesetzlichen Eigenthumsrechte, die ihnen im
Interesse des öffentlichen Nutzens entzogen würden, keinerlei Ein-
trag thun. Dieser billige Anspruch, seine Begründung und die
Schranken, innerhalb deren er zu gelten hat, sind ein besonderer
Gegenstand, der als solcher späterhin abgehandelt werden soll. Mit
diesem Vorbehalt aber ist die Gesellschaft vollkommen berechtigt,
jedes besondere Eigenthumsrecht aufzuheben oder abzuändern,
welches ihr nach reiflicher Ueberlegung als ein Hinderniß für das
öffentliche Wohl erscheint. Und die furchtbare Anklage, welche,
die Socialisten (wie wir in einem früheren Abschnitt sahen)
gegen die bestehende Wirthschaftsordnung erheben und zu erhärten
vermögen, nöthigt uns sicherlich, alle jene Mittel aufzusuchen
nnd ernstlichst in Betracht zu ziehen, deren Anwendung die
Institution des Privat-Eigenthums möglicherweise in den Stand
segen kann, auch über jene weiten Volkskreise, die gegenwärtig
an ihren unmittelbaren Wohlthaten nur einen sehr geringen An-
theil haben, einen reicheren Segen zu verbreiten.
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Der Socialismus
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