S.
169
DER UNTERGANG DES ÖDIPUS-
KOMPLEXESZuerst erschienen in der „Internatio-
nalen Zeitschrift für Psychoanalyse", X. Band,
1924.Immer mehr enthüllt der Ödipuskomplex seine Bedeutung
als das zentrale Phänomen der frühkindlichen Sexualperiode.
Dann geht er unter, er erliegt der Verdrängung, wie wir
sagen, und ihm folgt die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht
klar geworden, woran er zugrunde geht; die Analysen
scheinen zu lehren: an den vorfallenden schmerzhaften Ent-
täuschungen. Das kleine Mädchen, das sich für die bevor-
zugte Geliebte des Vaters halten will, muß einmal eine
harte Züchtigung durch den Vater erleben und sieht sich
aus allen Himmeln gestürzt. Der Knabe, der die Mutter
als sein Eigentum betrachtet, macht die Erfahrung, daß sie
Liebe und Sorgfalt von ihm weg auf einen neu Ange-
kommenen richtet. Die Überlegung vertieft den Wert dieser
Einwirkungen, indem sie betont, daß solche peinliche
Erfahrungen, die dem Inhalt des Komplex es widerstreiten,
unvermeidlich sind. Auch wo nicht besondere Ereignisse, wie
die als Proben erwähnten, vorfallen, muß das Ausbleiben
der erhofften Befriedigung, die fortgesetzte Versagung desS.
170
gewünschten Kindes, es dahin bringen, daß sich der kleine
Verliebte von seiner hoffnungslosen Neigung abwendet. Der
Ödipuskomplex ginge so zugrunde an seinem Mißerfolg, dem
Ergebnis seiner inneren Unmöglichkeit.Eine andere Auffassung wird sagen, der Ödipuskomplex
muß fallen, weil die Zeit für seine Auflösung gekommen
ist, wie die Milchzähne ausfallen, wenn die definitiven nach-
rücken. Wenn der Ödipuskomplex auch von den meisten
Menschenkindern individuell durchlebt wird, so ist er doch
ein durch die Heredität bestimmtes, von ihr angelegtes
Phänomen, welches programmgemäß vergehen muß, wenn
die nächste vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt.
Es ist dann ziemlich gleichgültig, auf welche Anlässe hin
das geschieht, oder ob solche überhaupt nicht ausfindig zu
machen sind.Beiden Auffassungen kann man ihr Recht nicht abstreiten.
Sie vertragen sich aber auch miteinander; es bleibt Raum
für die ontogenetische neben der weiter schauenden phylo-
genetischen. Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon
bei seiner Geburt bestimmt zu sterben und seine Organ-
anlage enthält vielleicht bereits den Hinweis, woran. Doch
bleibt es von Interesse zu verfolgen, wie dies mitgebrachte
Programm ausgeführt wird, in welcher Weise zufällige
Schädlichkeiten die Disposition ausnützen.Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft
worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer
Phase fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende
Rolle übernommen hat. Aber dies Genitale ist allein das
männliche, genauer bezeichnet der Penis, das weibliche
ist unentdeckt geblieben. Diese phallische Phase, gleichzeitig dieS.
171
des Ödipuskomplexes, entwickelt sich nicht weiter zur end-
gültigen Genitalorganisation, sondern sie versinkt und wird
von der Latenzzeit abgelöst. Ihr Ausgang vollzieht sich aber
in typischer Weise und in Anlehnung an regelmäßig wieder-
kehrende Geschehnisse.Wenn das (männliche) Kind sein Interesse dem Genitale
zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige
manuelle Beschäftigung mit demselben und muß dann die
Erfahrung machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun
nicht einverstanden sind. Es tritt mehr oder minder deutlich,
mehr oder weniger brutal, die Drohung auf, daß man ihn
dieses von ihm hochgeschätzten Teiles berauben werde.
Meist sind es Frauen, von denen die Kastrationsdrohung
ausgeht, häufig suchen sie ihre Autorität dadurch zu ver-
stärken, daß sie sich auf den Vater oder den Doktor berufen,
der nach ihrer Versicherung die Strafe vollziehen wird. In
einer Anzahl von Fällen nehmen die Frauen selbst eine
symbolische Milderung der Androhung vor, indem sie nicht
die Beseitigung des eigentlich passiven Genitales, sondern
die der aktiv sündigenden Hand ankündigen. Ganz besonders
häufig geschieht es, daß das Knäblein nicht darum von der
Kastrationsdrohung betroffen wird, weil es mit der Hand
am Penis spielt, sondern weil es allnächtlich sein Lager
näßt und nicht rein zu bekommen ist. Die Pflegepersonen
benehmen sich so, als wäre diese nächtliche Inkontinenz
Folge und Beweis für allzu eifrige Beschäftigung mit dem
Penis und haben wahrscheinlich Recht darin. Jedenfalls ist das
andauernde Bettnässen der Pollution des Erwachsenen gleich-
zustellen, ein Ausdruck der nämlichen Genitalerregung, welche
das Kind um diese Zeit zur Masturbation gedrängt hat.S.
172
Die Behauptung ist nun, daß die phallische Genital-
organisation des Kindes an dieser Kastrationsdrohung zugrunde
geht. Allerdings nicht sofort und nicht ohne daß weitere
Einwirkungen dazukommen. Denn der Knabe schenkt der
Drohung zunächst keinen Glauben und keinen Gehorsam.
Die Psychoanalyse hat neuerlichen Wert auf zweierlei
Erfahrungen gelegt, die keinem Kinde erspart bleiben und
durch die es auf den Verlust wertgeschätzter Körper-
teile vorbereitet sein sollte, auf die zunächst zeitweilige,
später einmal endgültige Entziehung der Mutterbrust und
auf die täglich erforderte Abtrennung des Darminhaltes.
Aber man merkt nichts davon, daß diese Erfahrungen beim
Anlaß der Kastrationsdrohung zur Wirkung kommen würden.
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht worden ist,
beginnt das Kind mit der Möglichkeit einer Kastration zu
rechnen, auch dann nur zögernd, widerwillig und nicht
ohne das Bemühen, die Tragweite der eigenen Beobachtung
zu verkleinern.Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kin-
des endlich bricht, ist die des weiblichen Genitales.
Irgend einmal bekommt das auf seinen Penisbesitz stolze
Kind die Genitalregion eines kleinen Mädchens zu Gesicht
und muß sich von dem Mangel eines Penis bei einem ihm
so ähnlichen Wesen überzeugen. Damit ist auch der eigene
Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrationsdrohung
gelangt nachträglich zur Wirkung.Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der
Kastration drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen,
daß sich das Sexualleben des Kindes um diese Zeit keines-
wegs in der Masturbation erschöpft. Es steht nachweisbar inS.
173
der Ödipuseinstellung zu seinen Eltern, die Masturbation ist
nur die genitale Abfuhr der zum Komplex gehörigen Sexual-
erregung und wird dieser Beziehung ihre Bedeutung für
alle späteren Zeiten verdanken. Der Ödipuskomplex bot dem
Kinde zwei Möglichkeiten der Befriedigung, eine aktive und
eine passive. Es konnte sich in männlicher Weise an die
Stelle des Vaters setzen und wie er mit der Mutter ver-
kehren, wobei der Vater bald als Hindernis empfunden
wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen und sich vom
Vater lieben lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde.
Worin der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber
mochte das Kind nur sehr unbestimmte Vorstellungen
haben; gewiß spielte aber der Penis dabei eine Rolle, denn
dies bezeugten seine Organgefühle. Zum Zweifel am Penis
des Weibes war noch kein Anlaß. Die Annahme der
Kastrationsmöglichkeit, die Einsicht, daß das Weib kastriert
sei, machte nun beiden Möglichkeiten der Befriedigung aus
dem Ödipuskomplex ein Ende. Beide brachten ja den Ver-
lust des Penis mit sich, die eine, männliche, als Straffolge,
die andere, weibliche, als Voraussetzung. Wenn die Liebes-
befriedigung auf dem Boden des Ödipuskomplexes den Penis
kosten soll, so muß es zum Konflikt zwischen dem narziß-
tischen Interesse an diesem Körperteile und der libidinösen
Besetzung der elterlichen Objekte kommen. In diesem Kon-
flikt siegt normalerweise die erstere Macht; das Ich des
Kindes wendet sich vom Ödipuskomplex ab.Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise
dies vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben
und durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte
Vater‑ oder Elternautorität bildet dort den Kern des Über‑Ichs,S.
174
welches vom Vater die Strenge entlehnt, sein Inzest-
verbot perpetuiert und so das Ich gegen die Wiederkehr der
libidinösen Objektbesetzung versichert. Die dem Ödipus-
komplex zugehörigen libidinösen Strebungen werden zum
Teil desexualisiert und sublimiert, was wahrscheinlich bei
jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht, zum Teil ziel-
gehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. Der ganze
Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr des
Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine
Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die
nun die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht.Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom
Ödipuskomplex den Namen einer „Verdrängung“ zu versagen,
obwohl spätere Verdrängungen meist unter der Beteiligung
des Über-Ichs zustandekommen werden, welches hier erst
gebildet wird. Aber der beschriebene Prozeß ist mehr als
eine Verdrängung, er kommt, wenn ideal vollzogen, einer
Zerstörung und Aufhebung des Komplexes gleich. Es liegt
nahe anzunehmen, daß wir hier auf die niemals ganz scharfe
Grenzscheide zwischen Normalem und Pathologischem gestoßen
sind. Wenn das Ich wirklich nicht viel mehr als eine Ver-
drängung des Komplexes erreicht hat, dann bleibt dieser im
Es unbewußt bestehen und wird später seine pathogene
Wirkung äußern.Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation,
Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über‑Ichbildung und
Latenzperiode läßt die analytische Beobachtung erkennen
oder erraten. Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipus-
komplex an der Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber
damit ist das Problem nicht erledigt, es bleibt Raum für eineS.
175
theoretische Spekulation, welche das gewonnene Resultat um-
werfen oder in ein neues Licht rücken kann. Ehe wir aber
diesen Weg beschreiten, müssen wir uns einer Frage zuwenden,
welche sich während unserer bisherigen Erörterungen erhoben
hat und so lange zur Seite gedrängt wurde. Der beschriebene
Vorgang bezieht sich, wie ausdrücklich gesagt, nur auf das
männliche Kind. Wie vollzieht sich die entsprechende Ent-
wicklung beim kleinen Mädchen?Unser Material wird hier – unverständlicherweise – weit
dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht
entwickelt einen Ödipuskomplex, ein Über‑Ich und eine
Latenzzeit. Kann man ihm auch eine phallische Organisation
und einen Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort
lautet bejahend, aber es kann nicht dasselbe sein wie beim
Knaben. Die feministische Forderung nach Gleichberechtigung
der Geschlechter trägt hier nicht weit, der morphologische
Unterschied muß sich in Verschiedenheiten der psychischen
Entwicklung äußern. Die Anatomie ist das Schicksal, um ein
Wort Napoleons zu variieren. Die Klitoris des Mädchens
benimmt sich zunächst ganz wie ein Penis, aber das Kind
nimmt durch die Vergleichung mit einem männlichen Ge-
spielen wahr, daß es „zu kurz gekommen“ ist, und empfindet
diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur Minder-
wertigkeit. Es tröstet sich noch eine Weile mit der Erwartung,
später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes Anhängsel wie
ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der Männlichkeits-
komplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel versteht
das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter,
sondern erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal
ein ebenso großes Glied besessen und dann durch KastrationS.
176
verloren hat. Es scheint diesen Schluß nicht von sich auf
andere, erwachsene Frauen auszudehnen, sondern diesen,
ganz im Sinne der phallischen Phase, ein großes und voll-
ständiges, also männliches, Genitale zuzumuten. Es ergibt
sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen die
Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich
der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet.Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch
ein mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über‑Ichs und zum
Abbruch der infantilen Genitalorganisation. Diese Veränderungen
scheinen weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung,
der äußeren Einschüchterung zu sein, die mit dem Verlust
des Geliebtwerdens droht. Der Ödipuskomplex des Mädchens
ist weit eindeutiger als der des kleinen Penisträgers, er geht
nach meiner Erfahrung nur selten über die Substituierung
der Mutter und die feminine Einstellung zum Vater hinaus.
Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne einen Versuch
der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet – man
möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung – vom
Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in
dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als
Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. Man hat
den Eindruck, daß der Ödipuskomplex dann langsam verlassen
wird, weil dieser Wunsch sich nie erfüllt. Die beiden Wünsche
nach dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im
Unbewußten stark besetzt erhalten und helfen dazu, das
weibliche Wesen für seine spätere geschlechtliche Rolle
bereit zu machen. Die geringere Stärke des sadistischen
Beitrages zum Sexualtrieb, die man wohl mit der Ver-
kümmerung des Penis zusammenbringen darf, erleichtert dieS.
177
Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen in zielgehemmte
zärtliche. Im ganzen muß man aber zugestehen, daß unsere
Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim Mädchen
unbefriedigend, lücken‑ und schattenhaft sind.Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeit-
lichen und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex,
Sexualeinschüchterung (Kastrationsdrohung), Über‑Ichbildung
und Eintritt der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will
aber nicht behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche
ist. Abänderungen in der Zeitfolge und in der Verkettung
dieser Vorgänge müssen für die Entwicklung des Individuums
sehr bedeutungsvoll werden.Seit der Veröffentlichung von O. Ranks interessanter
Studie über das „Trauma der Geburt“ kann man auch das
Resultat dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex
des Knaben gehe an der Kastrationsangst zugrunde, nicht
ohne weitere Diskussion hinnehmen. Es erscheint mir aber
vorzeitig, heute in diese Diskussion einzugehen, vielleicht
auch unzweckmäßig, die Kritik oder Würdigung der Rankschen
Auffassung an solcher Stelle zu bringen.
You are here
Der Untergang des Ödipuskomplexes
1924-003/1926
1924-003/1926