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Anknüpfend an die Hypothesenüber die Entstehung der griechi-
schen Tragödie, die Farnell, Harrison und Nilsson aufgestellt
haben, und unter Ablehnung der astralmytholomythogischen Theorien von
Fries und Preuss, geht der Vortragende, der in Erscheinungen
des religiösen Lebens (das Griechische Drama hat religiösen
Ursprung) Spiegelungen sozialer Verhältnisse erblickt, von der
Betrachtung der bei fast allen wilden Völkerschaften beobachte-
ten Pubertätsriten aus, zwischen denen und der Situation der
ältesten griechischen Tragödie bereits früher von psychoanalyti-ti-
scher Seite eine Aehnlichkeit festgestellt wurde. Mit dennPu-
bertätsriten, bei denen Tod und Wiedergeburt des Kandidaten in
mimischer Weise dargestellt werden (sie symbolisieren die ge-
sellschaftliche Ablösung des Kandidaten von seiner Mutter und
seine Aufnahme als vollgültiges Mitglied in die Stammesgemein-
schaft), wird der Dithyrambus, aus dem Aristoteles den Ursprung
der Tragödie teilweise herleitet, in Verbindung gebracht; der
Dithyrambus, der Sang von der Geburt des Dionysos, erweist sich
auch als Pubertätszerimonie, als Chorgesang-und Tanz, der von
eingeweihten jungen Männern im Frühling ausgeführt wird, Um auf
magische Weise die Wiedererneuerung alles Lebens und damit auch
die Wiedergeburt des Kandidaten zu bewirken. Aus der primitiven
Gruppe, dem " thiasos ", und ihrem Anführer entwickelt sich einer-
seits die gläubige Gemeinde, der Chor der Tragödie, anderseits
der Dämon, der Gott, der Priester, der Schauspieler. Das Schick-
sal des Gottes ist eigentlich das projizierte Schicksal seiner
Verehrer, die Tod und Wiedergeburt erlietten haben. Die Leiden
des Gottes, des Sonnenheros und Jahreshelden, in dem der perio-
dische Ablauf des Jahres Verkörperung findet, werden später die
Leiden des Gläubigen in den Mysterien und des Helden in der
Tragödie. Die Identität erklärt sich aus der hinter allen Formen
ruhenden Grundbedeutung, der Entwicklung des infantilen Liebes-
lebens im Sinne des Oedipuskomplexes", vom Primitiven im BildeS.
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des Todes und der Wiedergeburt geschaut.
Im Besonderengeht dieübertroffen und von den wenigsten erreicht attische Tragödie, deren Höhe
von keinem Volk der Erde erreichtwurde, teils auf den Kult
des Dionysos, eines Vegetationsgottes thrakischer Herkunft, teils
auf die Totenklage im Heroenkult zurück. Dionysos Eleuthereus
ist der mit einem schwarzen Ziegenfell bekleidete Gott, der die
Hauptperson eines alten vtrako-griechischen Maskenspieles gewesen
zu sein scheint, indem der schwarze Gott, der Winter, den blon-
del, den Frühling oder Sommer, tötet. In diesem Winterspiel, das
mannigfache, auch zeitliche Veränderungen erfuhr, ist möglicher-
weise die Keimzelle der griechischen Tragödie zu erblicken. Ein
noch heute in Thrazien gefeierter ländlich-derberKarneval
weistüberraschende Beziehungen zum alten dionysischen Brauch
auf. Der typische Mythus vom Jahreshelden lebt aber nicht nur
im modernen Karneval, sondern auch in der attischen Tragödie
fort, der er die rituelle Form verleiht, in derder Inhalt dem
Heroenkult, der Homerischen Sage im weiteren Sinn, entnommen ist.
Die im Drama fast stets wiederkehrenden Bestandteile dieses
Mythus sind: Ein Agon oderKampf, der Tod des Helden, die Erzäh-
lung des Boten, die Totenklage, die Wiedererkennung des getö-
teten Helden und seine Auferstehung. Bei Aeschylos trift das
kultische Element noch stark hervor, Sophokles ist bereits ver-
weltlicht, Euripides geht auf diesem Wege weiter, wenn auch da-
neben die rituelle Form wieder stärker zur Geltung kommt. Die
zwiespältige Kunstform der Tragödie, die gesprochenen Dialog-
verse in einer ionisierenden Sprache, die an die dorische Chor-
lyrik anklingenden Chorlieder, leiten sich aus dem Nebeneinander
von epischen und lyrischen Partien in der Totenklage ab. Der
Totenklage im Heroenkult verdankt die Tragödie nicht nur die
äussere Form, sondern auch den Reichtum des Stoffes. Die wech-
selseitige Verschmelzung zwischen Dionysos = und Heroenkult wur-
de durch den gemeinsamen Grundcharakter beider erleichtert. Die
Perserkriege die den nationalen Grössenkomplex der Griechen inS.
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so hohem Masse befriedigten, haben nicht minder ihren Anteil
an der Entwicklung der Tragödie wie die Mysterienreligion, de-
ren Hauptgegensätze Schuld und Sühne, Leben und Tod, die Tragö-
die anschaulich machte. Von dem in unbewussten grausamen und
ingestuösen Wünschen wurzelnden Schuldgefühl führt der Weg zur
Erklärung der "tragischen Schuld" und der Aristotelischen "Ka-
tharsis". Auch die in der älteren Tragödie stets zutagetretende
Scheu vor der Hybris, der Ueberhebung gehört hiehern. Der letzte
Impulsderfür Tragödie erlischt um die Wende unserer Zeit-rechnung,
im 8ten Jahrhundert v.Chr.findenbegegnet wirdendie ersten Vorläuferndes
mittelalterlichen Dramas. In einem Rückblick weist der Vortra-
gende auf die grosse Bedeutung des den Begriff der Entwicklung
symbolisierenden Bildes des Todes und der Wiedergeburt hin, von
dem sich selbst ein Plato, als er die Erziehung der Seele zum
Göttlichen schildert, nicht frei machen kann. Für den schaffen-
den Menschengeist, der im kultische Starrheit zu versinken droh-
te, bedeutetediedie Geburt der alttischen Tragödie eine Wiedergeburt.
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[Die Entstehung der griechischen Tragödie]
1919-507/1919
1919-507/1919