Die psychischen Instanzen 1933-001/1933.3

Freud, Sigmund (1933-001/1933.3): Die psychischen Instanzen

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    Die psychischen Instanzen
     

    Von Sigm.Freud

    Die hier wiedergegebenen Abschnitte sind
    der „Die Zerlegung der psychischen Persön-
    lichkeit überschriebenen XXXI.Vorlesung der
    „Neuen Folge der Vorlesungen zur Einfüh-
    rung in die Psychoanalyse" entnommen.
     

    Wir wollen das Ich zum Gegenstand dieser Unter-
    suchung machen,unser eigenstes Ich.Aber kann man
    das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt,
    wie soll es zum Objekt werden? Nun,es ist kein
    Zweifel,daß man dies kann.Das Ich kann sich selbst
    zum Objekt nehmen,sich behandeln wie andere Ob-
    jekte,sich beobachten,kritisieren,Gott weiß was
    noch alles mit sich selbst anstellen.Dabei stellt sich
    ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber.Das Ich
    ist also spaltbar,es spaltet sich während mancher
    seiner Funktionen,wenigstens vorübergehend.Die
    Teilstücke können sich nachher wieder vereinigen.
    Das ist gerade keine Neuigkeit,vielleicht eine unge-
    wohnte Betonung allgemein bekannter Dinge.Ander-
    seits sind wir mit der Auffassung vertraut,daß die
    Pathologie uns durch ihre Vergrößerungen und Ver-
    gröberungen auf normale Verhältnisse aufmerksam
    machen kann,die uns sonst entgangen wären.Wo sie
    uns einen Bruch oder Riß zeigt,kann normalerweise
    eine Gliederung vorhanden sein.Wenn wir einen
    Kristal zu Boden werfen,zerbricht er,aber nicht
    willkürlich,er zerfällt dabei nach seinen Spaltrich-
    tungen in Stücke,deren Abgrenzung,obwohl unsicht-
    bar,doch durch die Struktur des Kristalls vorher be-
    stimmt war.Solche rissige und gesprungene Struk-
    turen sind auch die Geisteskranken.Etwas von der
    ehrfürchtigen Scheu,die alte Völker den Wahnsinni-
     

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    gen bezeugten,können auch wir ihnen nicht ver-
    sagen.Sie haben sich von der äußeren Realität ab-
    gewendet,aber eben darum wissen sie mehr von der
    inneren psychischen Realität und können uns man-
    ches verraten,was uns sonst unzugänglich wäre.
    Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir,sie
    leiden am Beobachtungswahn.Sie klagen uns,daß sie
    unausgesetzt und bis in ihr intimstes Tun von der
    Beobachtung unbekannter Mächte,wahrscheinlich
    doch Personen,belästigt werden,und hören halluzi-
    natorisch,wie diese Personen die Ergebnisse ihrer
    Beobachtung verkünden: Jetzt will er das sagen,jetzt
    kleidet er sich an,um auszugehen usw.Diese Beob-
    achtung ist noch nicht dasselbe wie eine Verfolgung,
    aber sie ist nicht weit davon,sie setzt voraus,daß
    man ihnen miẞtraut,daß man erwartet,sie bei ver-
    botenen Handlungen zu ertappen,für die sie gestraft
    werden sollen.Wie wäre es,wenn diese Wahnsinni-
    gen Recht hätten,wenn bei uns allen eine solche
    beobachtende und strafandrohende Instanz im Ich
    vorhanden wäre,die sich bei ihnen nur scharf vom
    Ich gesondert hätte und irrtümlicherweise in die
    äußere Realität verschoben worden wäre?
     

    Ich weiß nicht,ob es Ihnen ebenso ergehen wird
    wie mir.Seitdem ich unter dem starken Eindruck
    dieses Krankheitsbildes die Idee gefaßt hatte,daß die
    Sonderung einer beobachtenden Instanz vom übrigen
    Ich ein regelmäßiger Zug in der Struktur des Ichs
    sein könnte,hat sie mich nicht mehr verlassen,und
    ich war getrieben,nach den weiteren Charakteren.
    und Beziehungen dieser so abgesonderten Instanz zu
    forschen.Der nächste Schritt ist bald getan.Schon der
    Inhalt des Beobachtungswahns legt es nahe,daß das
    Beobachten nur eine Vorbereitung ist für das Rich-
     

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    ten und Strafen,und somit erraten wir,daß eine
    andere Funktion dieser Instanz das sein muß,was
    wir unser Gewissen nennen.Es gibt kaum etwas
    anderes in uns,was wir so regelmäßig von unserem
    Ich sondern und so leicht ihm entgegenstellen wie
    gerade das Gewissen.Ich verspüre die Neigung etwas
    zu tun,wovon ich mir Lust verspreche,aber ich
    unterlasse es mit der Begründung: mein Gewissen
    erlaubt es nicht.Oder ich habe mich von der über-
    großen Lusterwartung bewegen lassen,etwas zu tun,
    wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch erhob,
    und nach der Tat straft mich mein Gewissen mit pein-
    lichen Vorwürfen,läßt mich die Reue ob der Tat
    empfinden.Ich könnte einfach sagen,die besondere
    Instanz,die ich im Ich zu unterscheiden beginne,ist
    das Gewissen,aber es ist vorsichtiger,diese Instanz
    selbständig zu halten und anzunehmen,das Gewissen
    sei eine ihrer Funktionen,und die Selbstbeobachtung,
    die als Voraussetzung für die richterliche Tätigkeit
    des Gewissens unentbehrlich ist,sei eine andere.Und
    da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz
    gehört,daß man dem Ding einen eigenen Namen gibt,
    will ich diese Instanz im Ich von nun an als das
    ,,Über-Ich" bezeichnen.
     

    Jetzt bin ich darauf gefaßt,daß Sie mich höhnisch
    fragen,ob unsere Ichpsychologie überhaupt darauf
    hinausläuft,gebräuchliche Abstraktionen wörtlich zu
    nehmen und zu vergrößern,sie aus Begriffen in
    Dinge zu verwandeln,womit nicht viel gewonnen
    wäre.Ich antworte,es wird schwer halten,in der Ich-
    psychologie dem Allbekannten auszuweichen,es wird
    mehr auf neue Auffassungen und Anordnungen an-
    kommen als auf Neuentdeckungen.Bleiben Sie also
    vorläufig bei ihrer herabsetzenden Kritik und warten
     

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    Sie die weiteren Auslührungen eb. Die Tatsachen der
    Pathologie geben unseren Bemühungen einen Hinter-
    grund. den Sie für die Populärpsychologie vergebene
    suchen würden Ieh setze fort. Kaum daß wir uns mit
    der Idee einen solchen Über-Ichs befreundet haben,
    das eine gewisse Selbständigkeit genießt, seine eige»
    nen Absichten verfolgt und in seinem Energiebssitz
    vom Ich unabhängig ist, drängt sich uns ein Krank-
    heitsbild auf, das die Strenge, ja die Graussmkeit
    dieser Instanz und die Wandlungen in ihrer Bezie-
    hung zuin Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den
    Zustand der Melancholie, genauer des melancholi-
    schen Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört
    haben. auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An die-
    sem Leiden, von dessen Verursachung und Mechanis-
    mus wir viel zu wenig wissen, ist der uuftälligste
    Zug die Art, wie das Uber-Ich — sagen Sie nur im
    Stillen: das Gewissen —— das Ich behandelt. Während
    der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr oder
    weniger streng gegen sich sein kann wie ein anderer,
    wird im melanoholischen Anfall das Uber-Ich uber-
    streng beschimpft, erniedrigt, ruißhandelt das arme
    Ich, läßt es die schwersten Strafen erwarten, macht
    ihm Vorwürfe wegen längst vergangener Handlun
    gen. die zu ihrer Zeit leicht genommen wurden, als
    hätte es das ganze Intervall über Anklageu gesam-
    melt und nur seine gegenwärtige Erstarkung abge»
    wartet, um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund
    dieser Anklagen zu verurteilen. Das Uber-Ich legt
    den strengsten moralischen Maßstab an des ihm hilf—
    los preisgegebene Ich an, es vertritt ja überhaupt
    den Anspruch der Muralität und wir erfassen mit
    einem Blick, daß unser moralisches Schuldgeiiihl der
    Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Uber-Ich

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  • S.

    ist. Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung, die
    Morelität, die uns angeblich von Gott verliehen und
    so tief eingeptlenzt wurde, als periodisches Phlno-
    men zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von
    Monaten ist der genze moralisehe Spuk vorüber, die
    Kritik des Uhsr-Iehs schweigt, des Ich ist rehsbili-
    tiert und genießt wieder alle Menschenrechte bis zum
    nächsten Anfall. Ju bei manchen Formen der Erkran-
    kung findet in den Zwischenzeiten etwas Gegenteili-
    ges statt; des Ich befindet sich in einem seligen
    Rsuschzustnnd, es triumphiert, eis hätte dns Über-Ich
    alle Kraft verloren oder wäre mit dem Ich zusammen-
    geilossen, und dieses freigewordene. menische Ich
    gestattet sich wirklich hemmungsles die Befriedigung
    aller seiner GeliIste. Vorgänge, reich an nngelösten
    Rätseln!

    Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration
    erwerten, wenn ich Ihnen snlrundige, deß wir über
    die Bildung des Über-Ichs, also über die Entstehung
    des Gewissens mencherlei gelernt haben, Der Philo»
    soph K u n t hat bekanntlich den Ausspruch getan, dal)
    nichts ihm die Größe Gottes so überzeugend heweise
    als der gestimte Himmel und das sittliehe Gewissen in
    uns. Die Gestirne sind gewiß großartig, aber was das
    Gewissen betrifft, so hat Gott hierin ungleiehmii.llige
    und nachlässige Arbeit geleistet, denn eine große
    Über-zahl von Menschen hat davon nur ein beschei-
    denes Ms.]! oder kaum so viel, als noch der Rede wert
    ist, mitbekommen. Wir verkennen das Stück psycho-
    logischer Wahrheit. keineswegs, das in der Behaup-
    tung, das Gewissen sei göttlicher Herkunlt, enthalten
    ist, aber der Satz bedarf der Deutung. Wenn das Ge-
    wissen auch etwas in uns ist, so ist es doch nicht von
    Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum Sexuel-

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  • S.

    leben, des wirklich vom Anfang des Lebens an da ist
    und nicht erst später hinzukommt. Aber des kleine
    Kind ist bekanntlich nmernlisch. es besitzt keine inne
    ren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden
    Impulse. Die Rolle, die später-hin dee Über-Ich über-
    nimmt. wird zuerst von einer äußeren Macht, von der
    elterlichen Autorität, gespielt. Der Elterneinfluß
    regiert das Kind durch Gewährung von Liebeebewei-
    sen und durch Androhung von Strafen, die dem Kind
    den Liebesverlust beweisen und an sich gelürchtet
    werden miissen. Diese Reelengst ist der Vorläufer
    der späteren Gewisseneenget; solange sie herrscht.
    braucht man von Über-Ich und von Gewissen nicht
    zu reden. Erst in weiterer Folge bildet sich die
    sekundäre Situation aus, die wir allzu bereitwillig
    für die nornmle halten, dell die äußere Abhaltung
    verinnerlieht wird. dell en die Stelle der Eltern-
    instenz das Uber—Ich tritt, welches nun das Ich genau
    50 beobachtet, lenkt und bedroht wie früher die Eltern
    das Kind.

    Das Uber-Ich, dee solcher Art die Macht, die Lei-
    stung und selbst die Methoden der Elterninstanz über,
    nimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger, som
    dern wirklich der legilime Leibeeerhe derselben. Es
    geht direkt aus ihr hervor, wir werden bald erfahren,
    durch welchen Vorgang. Zunächst müssen wir jedoch
    bei einer Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen.
    Due Uber-Ich scheint in einseitiger Auswahl nur die
    Härte und Strenge der Eltern, ihre verbietende und
    strniende Funktion eulgegriflen zu haben. während
    deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme und Fort-
    setzung findet. Haben die Eltern wirklich ein strenges
    Regiment geführt, so glauben wir es leicht begreif-
    lich zu finden, wenn sieh auch beim Kind ein strenges

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  • S.

    Uber-Ich entwickelt, aber die Erfahrung zeigt, gegen
    unsere Erwartung, deli des Über-Ich denselben Cha»
    rekt unerhittlieher Härte erwerben kann, auch wenn
    die Erziehung milde und gütig war, Drohungen und
    Strafen möglichst vermieden hat Wir werden auf die—
    sen Widerspruch später zurückkemmen, wenn wir
    die Triebumsetzungen bei der Bildung des Über-Iuhs
    behandeln.

    Von der Umwandlung der Elternbeziehung in dns
    Uber-Ich kann ich Ihnen nicht soviel sagen. wie ich
    gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver
    wickelt ist. dell seine Darstellung sich nicht in den
    Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen
    geben will, zum anderen Teil, weil wir selbst nicht
    glauben, ihn voll durchschaut zu haben. Begniigen
    Sie sich also mit den folgenden Andeutungen. Die
    Grundlnge dieses Vorgenges ist eine sogenannte
    Identifizierung, d. b. eine Angleichung eines [che an
    ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in be-
    stimmten Hinsichten Sn benimmt wie das andere, es
    uecbnhmt, gewissermaßen in sich Enlnimmt Man hat
    die Identifizierung nicht unpassend mit der oralen.
    kennihelistischen Einverleibung der fremden Person
    vergliehen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige
    Form der Bindung an die andere Person. wahrschein—
    lich die. ursprünglichete. nicht dasselbe wie eine
    Objektwnhl. Man kann den Unterschied etwa so ene-
    drticken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater iden.
    tifiziert. so will er sein wie der Vater; wenn er
    ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er ihn
    h a b e n, besitzen; im ersten Fall wird sein Ich mb
    dem Vorbild des Vaters verändert. im zweiten Falle
    ist dies nicht notwendig. Identifizierung und Obiekt-
    wahl sind in weitem Ausmaß unabhängig voneinan-

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  • S.

    de , man kann sich aber auch mit der nämliehen Per-
    son identifizieren, sein Ich nach ihr verändern. die
    man z. B. zum Sexuslobiekt genommen hat. Men sagt,
    daß diese Beeinflussung des Iche durch des Sexual—
    ohiekt besanders häufig bei Frauen vorkommt und
    ihr die Weiblichkeit charakteristisch ist. Von der bei
    weitem lehrreichsten Beziehung zwischen Identifi-
    niernng und Objektwshl muß ich Ihnen schon einmal
    in den friiheren Vorlesungen gesprochen haben. Sie
    ist so leicht an Kindern wie an Erwachsenen, nor-
    malen und kranken Menschen zu beobachten. Wenn
    msn ein Objekt verloren hat oder es nuigeben mußte.
    so entschädigt man sich oft genug dadurch, daß man
    sich mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder
    entrichtet, so daß hier die Objektwahl gleichsam zur
    Identifizierung regrediert.

    Ich bin von diesen Ausführungen über die Identi-
    fizierung selbst durchaus nicht befriedigt, aber ge-
    nug, wenn Sie mir zugeben können, daß die Ein-
    setzung des Über«lehs als ein gelungener Fall von
    Identifizierung mit der Elterninsta.nz beschrieben
    werden kann. Die für diese Auffassung entscheidende
    Tatsache ist nun, del} diese Neuschöpfnng einer über-
    legenen Instanz im Ich aufs Innigste rnit dem Schick-
    sal des Ödipuekomplexes verknüpft ist, so dell das
    Über-Ich als der Erbe dieser für die Kindheit so be-
    deutungsvollen Gefühlsbildung erscheint. Wir ver-
    stehen. mit dem Anflessen des Odipuskomplexes
    mußte das Kind auf die intensiven Objekthesetzungen
    verzichten. die es bei den Eltern untergebracht hatte,
    und zur Entschädigung für diesen Objektverlust wer-
    den die wahrscheinlich längst vorhandenen Identi-
    fizierungen mit den Eltern in seinem Ich so sehr ver-
    stärkt. Solche Identifizierungen als Niederschläge

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  • S.

    aufgegebener Objektbesetzungen werden sich später
    im Leben des Kindes oft genug wiederholen, aber es
    entspricht durchaus dem Geiühlswert dieses ersten
    Falles einer solchen Umsetzung, daß deren Ergebnis
    eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird Ein»
    gehende Untersuehung belehrt uns auch, dell das
    Uber-Ich in seiner Stärke und Ausbildung ver-küm-
    mert, wenn die Überwindung des Ödipuskomplexes
    nur unvollkommen gelingt. Im Laufe der Entwick—
    ‚ lung nimmt das Uber-Ich auch die Einflüsse jener
    Personen an, die an die Stelle der Eltern getreten
    sind, also von Erziehern, Lehrern, idealen Vorbil-
    dern. Es entfernt sich normalerweise immer mehr
    von den ursprünglichen Elternindividuen, es wird
    sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch nicht
    deren vergessen, den das Kind seine Eltern in ver«
    schiedenen Lehenszeiten verschieden einschätzt. Zur
    Zeit, de der Odipuskumplex dem Uber-Ich den Platz
    räumt, sind sie etwas ganz Großertiges, später büßen
    sie sehr viel ein. Es kommen dann such Identifizie
    rungen mit diesen späteren Eltern zustande, sie
    liefern sogar regelmäßig wichtige Beiträge zur Che-
    rekterbildung, aber sie betreffen denn nur des Ich.
    beeinflussen nicht mehr des Uherleh, das durch die
    frühesten Elternimegines bestimmt werden ist.

    Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfaxr
    gen, dal} die Aufstellung des Über—Inhs Wirklich ein
    Strukturverhält-nis beschreibt und nicht einfach eine
    Abstraktion wie die des Gewissens personifiziert.
    Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen.
    die wir diesem Uber-Ich zuteilen. Es ist auch der
    Träger des Ich-Ideale, an dem das Ich sich mißt, dem
    es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weiter-
    gehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist.

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  • S.

    Kein Zweifel, dieses Ich-Ideal ist der Niederschlag
    der nlten Elternvorstellung, der Ausdruck der Be-
    wunderung jener Vollkomznenheit. die das Kind ihnen
    damals zuschrieb. Ich weiß, Sie haben viel von dem
    Gefühl der Minderwertigkeit gehört. das gerade die
    Neurotiker suszeichnen soll. Es spukt besonders in
    der sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller,
    der des Wort Minderwertigkeitskomplex gebraucht,
    glaubt damit allen Anforderungen der Psychoanalyse
    Genüge getan und seine Darstellung aui ein höheres
    psyehologisches Niveau gehoben zu haben In Wirk-
    lichkeit wird das Kunstwort Minderwertigkeitskom-
    plex in der Psychoanalyse kaum verwendet. Es be-
    deutet uns nichts Einfaches, geschweige denn etwas
    Elementares. Es auf die Selbstwahrnehmnng etwaiger
    Organverkiimmerungen zurückzuführen, wie die
    Schule der sogenannten Idividuelpsychologen zu tun
    beliebt, erscheint uns ein kurzsiehtiger Irrtum. Das
    Gefühl der Minderwertigkeit hat starke erotische
    Wurzeln. Das Kind fühlt sich minderwertig, wenn
    es merkt, daß es nicht geliebt wird, und ebenso der
    Erwachsene. Das einzige Organ, das wirklich als
    minderwertig betrachtet wird, ist der verkilmmerte
    Penis. die Klitnris des Mädchens. Aber der Haupt-
    auteil des Minderwertigkeitsgefiihls stammt aus der
    Beziehung des Iehs zu seinem Uber-Ich, ist ebenso
    wie des Schuldgefiihl ein Ausdruck der Spannung
    zwischen beiden. Minderweriigkeitsgafllhl und Schuld-
    gettihl sind überhaupt schwer auseinander zu halten.
    Vielleicht täte man gut deren, im ersteren erotische
    Ergänzung zum moralischen Minderwertigkeitsgeflihl
    zu sehen. Wir haben dieser Frage der begritilichen

    Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aulnierk-
    samkeit geschenkt.

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  • S.

    Gerade weil der Miuderwertigkeitekomplex so po—
    pulär geworden ist, gestatte ich mit, Sie hier mit
    einer kleinen Abschweifung zu unterhalten. Eine
    historische Persönlichkeit unserer Zeit, die noch lebt,
    aber gegenwärtig in den Hintergrund gerückt ist, hat
    von einer Schädigung während der Geburt eine ge—
    wisse Verkümruerung eines Gliedes behalten. Ein
    sehr bekannter Schriftsteller unserer Tage, der am
    liebsten Biographien hervorregender Personen be-
    arbeitet, hnt auch des Leben dieses von mir bezeich-
    neten Mannes behandelt, Nun mag es in schwer sein,
    das Bedürfnis nach psychologischer Vertiefung zu
    nnmrdrücken, wenn man eine Biographie schreibt,
    Unser Autor hat darum den Versuch gewagt. die
    ganze Chursktet'entwicklung des Helden über dein
    Minderwertigkeitsgefühl, das jener körperliche De-
    fekt wechrufen mußte, aufzubauen. Er hat dabei eine
    kleine, aber nicht unwichtige Tatsache übersehen. Es
    ist gewöhnlich, daß Mütter, denen das Schicksal ein
    krankes oder senst hennchteiligtes Kind geschenkt
    hat, es fiir diese ungerechte Zurücksetzung durch ein
    Über-maß von Liebe zu entschädigen suchen. In dem
    zur Rede stehenden Felle benehln sich die stolze Mut—
    ter anders, sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen
    seines Gebreehens. Als aus dem Kinde ein groß
    mächtiger Mann geworden war, bewies dieser dureh
    seine Handlungen unzweideutig, daß er der Mutter
    nie verziehen hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung
    der Mutterliebe fiir das kindliche Sselenleben beein-
    nen, werden Sie die Minderwertigkeitstheorie des
    Biogrsphen wohl in Ihren Gedanken korrigieren.

    Kehren wir zum Uber-Ich zurück! Wir haben ihm
    die Selbstbenbschtung, das Gewissen und die Ideal—
    funktion zugeteilt. Aus unseren Ausführungen iiber

    45

  • S.

    seine Entstehung geht hervor, dal} es eine unsäglich
    wichtige biologische wie eine schicksalsvolle psycho-
    logische Tatsache zu Voruussetzungen hat, nämlich
    die lange Abhängigkeit des Menachenkindee von sei-
    nen Eltern und den Ödipuskomplex, die beide wieder
    innig miteinander verknüpft sind. Das Über-Ich ist
    für uns die Vertretung aller moralischen Beschrän-
    kungen der Anwalt des Strebens nach Vervollkomni-
    nung, kurz das, was uns von dem eogenannt Höheren
    im Menschenleben psychologisch greifbar geworden
    ist. Du es selbst auf den Einfluß der Eltern, Erzieher
    u. dgl. zurückgeht. erfuhren wir nach mehr von sei-
    ner Bedeutung, wenn wir uns zu dienen seinen Quel<
    len wenden, In der Regel folgen die Eltern und die
    ihnen nnelegen Autoritäten in der Erziehung des
    Kindes den Vorschriften des eigenen Über-lebe. Wie
    immer sich ihr Ich mit ihrem Über-Ich auseinander—
    gesetzt haben mag, in der Erziehung des Kindes sind
    sie streng und anspruchsvoll. Sie haben die Schwie-
    rigkeiten ihrer eigenen Kindheit vergessen, sind zu-
    irieden, sich nun voll mit; den eigenen Eltern iden-
    tifizieren zu können, die ihnen seinerzeit die schwe-
    ren Einschränkungen unterlegt haben. So wird das
    Uber-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vor—
    bild der Eltern, sondern des elterlichen Uber-lebe
    aufgebaut; ee erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es
    wird zum Träger der Tradition1 all der zeithestänrli-
    gen Wertungen. die sich auf diesem Wege über Gene-
    rationen fortgepilunzt haben. Sie ernten leicht, Welch
    wichtige Hilfen fiir das Verständnis des sozialen Ver-
    haltens der Menschen, 2. B. fiir des der Verwahr-
    losung. vielleicht auch welch praktische Winke iii!“
    die Erziehung sich aus der Berücksichtigung des
    Uhel»lchs ergehen, Wahrscheinlich sündigen die so-

    46

  • S.

    genannt materialistischen Geschichtsauiiessungen
    darin, daß sie diesen Faktor unterschätzen. Sie tun
    ihn mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien“ der
    Menschen nichts anderes sind als Ergebnis und Über-
    bau ihrer aktuellen ökonomischen Verhältnisse. D
    ist die Wahrheit, aber sehr wahrscheinlich nicht die
    ganze Wahrheit. Die Menschheit lebt nie ganz in der
    Gegenwart, in den Ideologien des Uber-Ichs lebt die
    Vergangenheit, die Tradition der Rasse und des Vol-
    kee fort, die den Einflüssen der Gegenwart, neuen
    Veränderungen, nur langsam weicht, und solange sie
    durch das Uber-ich wirkt, eine mächtige, von den
    ökonomischen Verhältnissen unabhängige Rolle im
    Menschenleben spielt.

    Im Jahre 1921 habe ich versucht. die Differenzie-
    rung von Ich und Uber-Ich beim Studium der Museen-
    psycholegie zu verwenden. Ich gelangte zu einer
    Formel wie: Eine psychologische Messe ist eine Ver-
    einigung von Einzelnen, die die nämliche Person in
    ihr Uber-Ich eingeführt und sich auf Grund dieser
    Gemeinsamkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert
    haben. Sie gilt natürlich nur für Messen, die einen
    Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen die-
    ser Art, so würde die Annahme des Über-Ichs das
    letzte Stück Befremden für uns verlieren und wir
    würden von jener Befangenheit gänzlich frei.werden‚
    die uns doch noch befüllt. wenn wir uns, an die Unter-
    weltetmosphäre gewöhnt. in den oberflächlichereu,
    höheren Schichten des seelischen Apparate bewegen.
    Wir glauben selbstverstündlich nicht, daß wir mit
    der Sondernng des Uber-Iehs dns letzte Wort zur Ich-
    Psychologie gesprochen haben. Es ist eher ein erster
    Anfang. aber in diesem Falle ist nicht nur der Anfang
    schwer. ‚

    47

  • S.

    Wir heißen jenes Unbewullte, des nur latent ist
    und so leicht bewußt wird, des Vorhewußte, behalten
    die Bezeichnung „Unbewnllt“ dem anderen vor. Wir
    haben nun drei Termini: bewußt, vorhewußt, unbe-
    wulit, mit denen wir in der Beschreibung der seeli-
    schen Phänomene unser Anskommen finden. Noch-
    mals, rein deskriptiv ist auch das Vorhewußte unhe—
    wußt, aber wir bezeichnen es nicht so, außer in
    lockerer Darstellung oder wenn wir die Existenz un-
    bewullter Vorgänge überhaupt im Seelenleben zu
    verteidigen haben.

    Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit
    nicht gar mg und erleuhe eine bequeme Handhabung.
    ‚In, aber leider hat die psychunnnlytische Arbeit sich
    gedrängt gefunden, des Wort unbewußt noch in einem
    anderen, dritten, Sinn zu verwenden, und des nung
    allerdings Verwirrung gestiftet haben. Unter dem
    neuen und sterken Eindruck, daß ein weites und
    Wichtiges Gebiet des Seelenlehens der Kenntnis des
    Iehs normalerweise entzogen ist, so daß die Vorgänge
    darin als unbewußte im richtigen dynamischen Sinn
    anerkannt werden müssen, haben wir den Terminus
    „unhewußt" auch in einem topiechon oder systemati
    schen Sinn verstanden, von einem System des Vor—
    hewnßten und des Unbewuilten gesprochen, von einem
    Konflikt des Ichs mit dem System Ubw, das Wort
    immer mehr aber eine seelische Provinz bedeuten
    lassen als eine Qualität des Seelischen, Die eigentlich
    unbequeme Entdeckung, daß auch Anteile des; ichs
    und Uber-Ichs im dynamischen Sinne nnhewußt sind,
    wirkt hier wie eine Erleichterung, gestattet uns, eine
    Komplikation wegzuriiumen. Wir sehen, wir haben
    kein Recht, des ich-fremde Seelengebiet des System
    th zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein aue-

    48

  • S.

    schließender Charakter ist. Gut, so Wellen wir unbe—
    wußt nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen
    und dem bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht
    mehr mißversttindlichen Namen geben. In Anlehnung
    an den Sprachgebrauch bei N i e t z s e h e und iniolge
    einer Anregung von G. Gr 0 dd e ek heißen wir es
    fortan des Es. Dies unpereünliehe Fürwort scheint
    besondere geeignet, den Hauptcharakter dieser Seelen-
    previnz. ihre Ich-Fremdheit, auszudrücken. Uber»leh‚
    Ich und Es sind nun drei Reiche, Gebiete, Previnzen‚
    in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen,
    mit deren gegenseitigen Beziehungen wir uns im
    Weiteren beschäftigen wollen.

    Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute,
    Sie sind unzufrieden damit, daß die drei Qualitäten
    der Bewußtheit und die drei Provinzen des seelischen
    Apparate sich nicht zu drei friedlichen Paaren zu-
    sammengeiunden haben. und sehen darin etwas wie
    eine 'l‘rlibung unserer Resultate, Ich meine aber, wir
    sollten es nicht bedauern und sollten uns sagen, daß
    wir kein Recht hatten, eine se glatte Anordnung zu
    erwarten. Lassen Sie mich eine Vergleichung brin-
    gen; Vergleiche entscheiden nichts, das ist wahr, aber
    sie können machen, daß man sich heimischer fühlt.
    Ich imeginiere ein Land mit mannigialtiger Bodense-
    etaltung. Hugelland, Ebene und Seenketten, mit ge-
    mischter Bevölkerung — es wohnen darin Deutsche.
    MBgyßren und Slovaken, die auch verschiedene Tlttlg-
    keiten betreiben, Nun könnte die Verteilung so sein,
    daß im Hügelland die Deutschen wohnen, die Vieh-
    ziichter sind, im Flachland die Magyarea, die Getreide
    und Wein hauen, an den Seen die Slowaken. die
    Fische langen und Schilf flechten. Wenn diese Ver-
    teilung glatt und reinlioh wäre, würde ein W l l e o n

    4 Almanauh im 49

  • S.

    seine Freude an ihr haben; es wäre auch bequem für
    den Vortrag in der Geographiestunde. Es ist aber
    wahrscheinlich, daß Sie weniger Ordnung und mehr
    Vermengung finden, wenn Sie die Gegend hereieen.
    Deutsche, Megyaren und Bloüvnken leben überall
    durcheinander. im Hugelland gibt es auch Acker, in
    der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natür»
    lich, so wie Sie es erwartet haben. denn auf Bergen
    kann man keine Fische fangen. im Wasser wächst
    kein Wein. Ja, das Bild der Gegend, des Sie mitge-
    bracht haben. mag im großen und ganzen zutreffend
    sein; im einzelnen werden Sie sich Abweichungen ge-
    fallen lassen.

    Sie erwarten nicht, daß ich Ihnen vom Es außer
    dem neuen Namen viel Neues mitzuteilen hehe. Es ist
    der dunkle. unzugä‚ngliche Teil unserer Persönlich-
    keit; das wenige, Was wir von ihm wissen. haben wir
    durch das Studium der Treuumrbeit und der neumti-
    schen Symptombildung erfahren und das meiste davon
    hat negativen Charakter, läßt sich nur als Gegensatz
    zum Inh beschreiben. Wir nähern uns dem Es mit
    Vergleiehen, nennen es ein Chaos. einen Kessel voll
    bredelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei
    am Ende gegen das Somatische offen. nehme da die
    Triehhediirfnieee in sich auf, die in ihm ihren psychi-
    schen Ausdruck finden, wir können aber nicht sagen.
    in welchem Substrat. Von den Triehen her erfüllt ee
    sich mit Energie. eher es hat. keine Organisation,
    bringt keinen Gesamtwillen auf. nur das Bestreben.
    den Triehhediirfniseen unter Einhaltung des Lust- _
    prinzipe Befriedigung zu schaffen. Fiir die Vorgänge
    im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht, vor
    allem nicht der Set; des Widerspruchs. Gegensätz-
    liche Regungen bestehen nebeneinander, ohne ein-

    50

  • S.

    ander aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen‚
    höchstens daß sie unter dem herrschenden ökono-
    mischen Zwang zur Abfuhr der Energie zu Kompro-
    mißbildungen zusammentreten. Es gibt im Es nichts,
    was man der Negation gleichstellen könnte, auch
    nimmt man mit Überraschung die Ausnahme von dem
    Satz der Philosophen wahr, daß Raum und Zeit not
    wendige Formen unserer seelischen Akte seien Im
    Es findet sich nichts, was der Zeitvorstellung ent-
    spricht, keins Anerkennung eines zeitlichen Ablaufs
    und, was höchst merkwürdig ist und seiner Würdi-
    gung im‘philnsophiechen Denken wartet. keine Ver-
    änderung des seelischen Vorgangs durch den Zeit-
    ablaui. Wunschregungen, die des Es nie überschrit—
    ten haben, aber auch Eindrücke, die durch Verdrän-
    gung ins Es versenkt werden sind, sind virtuell un-
    sterblich, verhalten sich nach Dezennien, als ab sie
    neu vor-gefallen wären. Als Vergangenheit erkannt,
    entwertet und ihrer Energiebesetzung beraubt kön-
    nen sie erst werden, wenn sie durch die analytische
    Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht
    nicht; zum kleinsten Teil die therapeutische Wirkung
    der analytischen Behandlung.

    Ich habe immer Wieder den Eindruck, daß wir aus
    dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache der
    Unveriinderlichkeit des Verdrängten durch die Zeit
    viel zu wenig für unsere Theorie gemacht haben. Da
    scheint sich doch ein Zugang zu den tiefsten Ein
    sichten zu eröffnen. Leider bin auch ich da, nicht
    weitergekommen.

    Selbstveretiindlich kennt das Es keine Wertungen,
    kein Gut und Böse, keine Moral. Das ökonomische
    oder, wenn Sie wollen. quantitative Moment, mit dem
    Lustprinzip innig verknüpft, beherrscht alle Vor-

    4‘ 51

  • S.

    ginge. Triehhesetzungen, die nach Abfuhr verlangen,
    das, meinen wir, sei alles im Es. Es scheint sogar,
    daß sich die Energie dieser Triebregungen in einem
    andern Zustand befindet: als in den andern seelischen
    Bezirken, weit leichter beweglich und abfuhrfähig
    ist, denn sonst würden nicht jene Verschiebungen
    und Verdichtungen vor-fallen, die fiir das Es charalc
    teristisch sind und die so vollkommen von der Qua-
    lität des Besetzten « im ich Würden wir es eine
    Vorstellung nennen —— absehen. Man gäbe was darum,
    wenn man von diesen Dingen mehr verstehen könnte!
    Sie sehen übrigens, dell wir in der Lage sind, vom
    Es noch andere Eigenschaften anzugeben, als dsl} es
    unhewullt ist, untl Sie erkennen die Möglichkeit. daß
    Teile vom Ich und Über-Ich unbewußt seien, ohne
    die nämlichen prilniliven und irrationellen Charak-
    tere zu besitzen. Zu einer Charakteristik des eigent-
    lichen Ichs, insofern es sich vom Es und vom Über-
    Ie.h sondern läßt, gelangen wir ein ehesten, wenn wir
    seine Beziehung zum äußersten oberflächlichen Stück
    des seelischen Appsrats ins Auge fassen, des wir als
    das System W»Bw bezeichnen. Dieses System ist der
    Außenwelt zugewenrlet, es vermittelt die Wahrneh»
    mungen von ihr, in ihm entsteht Während seiner
    Funktion das Phänomen des Bewußtseins. Es ist das
    Binnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich iibri-
    gene nicht nur für Erregungen, die von außen, son-
    dern euch für solche, die aus dem Innern des Seelen-
    lebens herankommen. Die Auffassung bedarf kaum
    einer Rechtfertigung, dal} das Ich jener Teil des Es
    ist, der durch die Nähe und den Einfluß der Außen-
    welt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme und zum
    Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Hinden-
    schiebt, mit der sich ein Klümpchen lebender Sub-

    52

  • S.

    stunz umgibt. Die Beziehung zur Außenwelt ist für
    das Ich entscheidend geworden, es hat die Aufgabe
    übernommen, sie bei dem Es zu vertreten, zum Heil
    des Es, das ohne Rücksicht auf diese übergewaltigs
    Außenmscht. im blinden Streben nach Triebbefriedi-
    gung der Vernichtung nicht entgehen wurde. In der
    Erfüllung dieser Funktion muß das Ich die Außen-
    welt beobachten, eine getreue Abbildung von ihr in
    den Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen nie-
    derlegen, durch die Tätigkeit der Realitstsprüfun'g
    fern halten‚ was an diesem Bild der Außenwelt Zutat
    aus inneren Erregungsquellen ist. Im Auftmg des Es
    beherrscht des Ich die Zugänge zur Motilität. aber
    es hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Auf-
    schub der Denkurbeit eingeschaltet, während dessen
    es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwertet.
    Auf solche Weise hat es des Lustprinzip entthrunt,
    des uneingeschränkt den Ablnut der Vorgänge im Es
    beherrscht und es durch des Renlitsham-inzip ersetzt.
    das mehr Sicherheit und größeren Erfolg verspricht.

    Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der
    Vorzüge und Fähigkeiten des Iehs imponiereu lassen;
    es ist jetzt Zeit nach der Kehrseite zu gedenken. Das
    Ich ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die
    Nähe der geishrdrohenden Außenwelt zweckmäßig
    verändertes Stück. In dynamischer Hinsicht ist es
    sehwneh, seine Energien hat es dem Es entlehnt‚ und
    wir sind nicht ganz ohne Einsicht in die Methoden,
    man könnte sagen: in die Sehliche, durch die es dem
    Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher Weg
    ist zum Beispiel auch die Identifizierung mit beibe-
    haltenen oder sufgegehenen Objekten. Die Ohiekt-

    53

  • S.

    besetzungen gehen von den Triebanspriichen des Es
    aus. Das Ich hat sie zunächst zu registrieren. Aber
    indem es sich mit dem Objekt identifiziert, empfiehlt
    es sich bei dem Es an Stelle des Objekts, will es die
    Libido des Es uni sich lenken. Wir haben schon ge—
    hört, dell des Ich im Lauf des Lebens eine große
    Anzahl von solchen .Niederschliigen ehemaliger Ob«
    iektbesetznngen in sich aufnimmt. Im ganzen muß
    das Ich die Absichten des Es durchführen, es erfüllt
    seine Aufgabe, wenn es die Umstände ausfindig
    macht, unter denen die-e Absichten am besten er-
    reicht werden können. Man könnte des Verhältnis des
    Iehs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pierd
    vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für die
    Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel
    zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu
    leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu
    häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter des Roll
    dahin fiihren muß, wohin es selbst gehen will.

    Von einem Teil des Es hat sich des Ich durch Ver»
    dringnngswiderstli.nde geschieden. Aber die VSI‘III'ED>
    gung setzt sich nicht in das Es fort. Das Verdrängte
    fließt mit dem übrigen Es zusammen.

    Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei
    Herren zu dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer,
    es dient drei geetrengen Herren, ist bemüht, deren
    Ansprüche und Forderungen in Einklang miteinander

    zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer sueein< '

    der, scheinen oft unvereinbsr zu sein; kein Wunder.
    wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die
    drei Zwingherrsn sind die Außenwelt, das Uber-Ich
    und das Es. Wenn man die Anstrengungen des Iche
    verfolgt, ihnen gleichzeitig zu gebnrchen‚ kann man
    nicht berenen, dieses Ich personifiziert, es als ein be-

    M

  • S.

    sonderes Wesen hingestelll: zu haben. Es fühlt sich
    von drei Seiten her eingeengt, von dreierlei Gefahren
    bedroht, auf die es im Falle der Bedrängnis mit
    Angstentwlcklung reagiert, Durch seine Herkunft
    aus den Erfahrungen des Wahrnehmungssystems ist
    es dazu bestimmt, die Anforderungen der Außenwelt
    zu vertreten, aber es will auch der getrsne Diener
    des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, eich
    ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich zie»
    hen, In seinem Vsrmittlungsbestreben zwischen Es
    und Realität ist es alt genütigt, die ubwt Gebote
    des Es mit seinen vhwt Estionnlisierungen zu beklei-
    den, die Konflikte des Es mit der Realität zu ver-
    tuschen, mit diplnmntischex- Unauiricbtigkeit eine
    Rücksichtnnhme auf die Realität vorzuspiegeln, auch
    wenn des Es starr und unnnchgiebig geblieben ist.
    Anderseils wird es auf Schritt und Tritt. von dem ge»
    strengen Uber-Ich benbnehtet, das ihm bestimmte
    Normen seines Verhaltens verhält. ohne Rücksicht
    auf die Schwierigkeiten von Seiten des Es und der
    Außenwelt zu nehmen, und es im Falle der Nichtein-
    haltung mit den Spennuugsgefühlen der Minderwep
    tigkeit und des Seliuldhewulltseins bestrait. So vom
    Es getrieben, vom Uber»lch eingeengt, von der Reali—
    tät zurückgestellen, ringt des Ich um die Bewll.ltigung
    seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter
    den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm
    und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so
    oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das
    Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche
    einbekennen muß, bricht es in Angst aus, Realnngst
    vor der Außenwelt, Gewissensnngst vor dem Über-
    Ich, neurotisehe Angst vor der Stärke der Leiden—
    schniten im Es.

    55

  • S.

    Die Strukturverhältnisse der seelischen Persön-
    lichkeit, die ich vor Ihnen entwickelt habe, möchte
    ich in einer enspmchslosen Zeichnung darstellen, die
    ich Ihnen hier vorlege. '

    Sie sehen hier, das Über-Ich taucht in des Es ein;
    als Erbe des Ödipuskomplexes hat es je intime Zu-
    sammenhänge mit ihm; es liegt weiter sb vom Wehr-
    nehmungssystem als des Ich. Des Es verkehrt mit der
    Außenwelt nur über das Ich, wenigstens in diesem
    Schema. Es ist gewiß heute schwer zu sagen, inwie-
    weit die Zeichnung richtig ist; in einem Punkt ist
    sie es gewiß nicht. Der Raum, den des unbewußte Es
    einnimmt, müßte unvergleichlich größer sein als der
    des Ichs oder des Vorbewußten. Ich bitte, verbessern
    Sie dns in Ihren Gedanken.

    56

  • S.

    Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengen-
    den und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen
    noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser Sunderung
    der Persönlichkeit in Ich, ihrer-Ich und Es gewiß nicht
    an scharie Grenzen, wie sie künstlich in der politi-
    schen Geographie gezogen werden sind. Der Eigenart
    des Psychischen können wir nicht durch lineare Kon-
    turen gerecht werden wie in der Zeichnung oder in
    der primitiven Malerei, eher durch verschwimmende
    Ferbenielder wie bei den modernen Malern. Nach-
    dem wir gesondert haben, müssen wir des Gesenderte
    wieder zusammenfließen lassen. Urteilen Sie nicht zu
    hart über einen ersten Versuch, das so schwer erfaß-
    bere Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr
    wahrscheinlich, dell die Ausbildung dieser Sonderun-
    gen bei verschiedenen Personen großen Variationen
    unterliegt, möglich, dsl! sie bei der Funktion selbst
    verändert und zeitweilig rückgebildet werden. Beson—
    ders für die phylegenetisch letzte und heikelste, die
    Differenzierung von Ich und Uber-Ich, scheint der-
    gleichen zuzntrefien. Es ist nnzwcifslhait, dal} das
    Gleiche durch pyschische Erkrankung hervorgerufen
    wird. Man kann sich auch gut vorstellen, dell es ge—
    wissen mystischen Praktiken gelingen mag, die nor—
    malen Beziehungen zwischen den einzelnen seelischen
    Bezirken umzuwerien, so daß 5. B. die Wahrnehmung
    Verhältnisse im tiefen Ich und im Es erfassen kann,
    die ihr sonst unzugä.nglich waren. Ob man auf diesem
    Weg der letzten Weisheiten habhatt werden wird,
    von denen man alles Heil erwartet, darf men getrost
    bezweifeln. Immerhin wollen wir zugeben. dell die
    therapeutischen Bemühungen der Psychoanalyse sich
    einen ähnlichen Angriftspunkt gewählt haben. Ihre
    Absicht ist ja, das Ich zu stärken. es vom Uber-Ich

    57

  • S.

    unabhängiger zu machen, sein Wßhmehmungsfeld zu
    erweitern und seine Organisation auszubauen, so daß
    es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es
    war, soll Ich werden

    Es ist Kultururbeit etwa wie die Trockenlegung
    der Zuydersee.

  • S.

    Internationaler

    Psydxoanalytischer Verlag
    Wien