S.
Die psychischen Instanzen
Von Sigm.Freud
Die hier wiedergegebenen Abschnitte sind
der „Die Zerlegung der psychischen Persön-
lichkeit überschriebenen XXXI.Vorlesung der
„Neuen Folge der Vorlesungen zur Einfüh-
rung in die Psychoanalyse" entnommen.
Wir wollen das Ich zum Gegenstand dieser Unter-
suchung machen,unser eigenstes Ich.Aber kann man
das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt,
wie soll es zum Objekt werden? Nun,es ist kein
Zweifel,daß man dies kann.Das Ich kann sich selbst
zum Objekt nehmen,sich behandeln wie andere Ob-
jekte,sich beobachten,kritisieren,Gott weiß was
noch alles mit sich selbst anstellen.Dabei stellt sich
ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber.Das Ich
ist also spaltbar,es spaltet sich während mancher
seiner Funktionen,wenigstens vorübergehend.Die
Teilstücke können sich nachher wieder vereinigen.
Das ist gerade keine Neuigkeit,vielleicht eine unge-
wohnte Betonung allgemein bekannter Dinge.Ander-
seits sind wir mit der Auffassung vertraut,daß die
Pathologie uns durch ihre Vergrößerungen und Ver-
gröberungen auf normale Verhältnisse aufmerksam
machen kann,die uns sonst entgangen wären.Wo sie
uns einen Bruch oder Riß zeigt,kann normalerweise
eine Gliederung vorhanden sein.Wenn wir einen
Kristal zu Boden werfen,zerbricht er,aber nicht
willkürlich,er zerfällt dabei nach seinen Spaltrich-
tungen in Stücke,deren Abgrenzung,obwohl unsicht-
bar,doch durch die Struktur des Kristalls vorher be-
stimmt war.Solche rissige und gesprungene Struk-
turen sind auch die Geisteskranken.Etwas von der
ehrfürchtigen Scheu,die alte Völker den Wahnsinni-
35
3*
S.
gen bezeugten,können auch wir ihnen nicht ver-
sagen.Sie haben sich von der äußeren Realität ab-
gewendet,aber eben darum wissen sie mehr von der
inneren psychischen Realität und können uns man-
ches verraten,was uns sonst unzugänglich wäre.
Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir,sie
leiden am Beobachtungswahn.Sie klagen uns,daß sie
unausgesetzt und bis in ihr intimstes Tun von der
Beobachtung unbekannter Mächte,wahrscheinlich
doch Personen,belästigt werden,und hören halluzi-
natorisch,wie diese Personen die Ergebnisse ihrer
Beobachtung verkünden: Jetzt will er das sagen,jetzt
kleidet er sich an,um auszugehen usw.Diese Beob-
achtung ist noch nicht dasselbe wie eine Verfolgung,
aber sie ist nicht weit davon,sie setzt voraus,daß
man ihnen miẞtraut,daß man erwartet,sie bei ver-
botenen Handlungen zu ertappen,für die sie gestraft
werden sollen.Wie wäre es,wenn diese Wahnsinni-
gen Recht hätten,wenn bei uns allen eine solche
beobachtende und strafandrohende Instanz im Ich
vorhanden wäre,die sich bei ihnen nur scharf vom
Ich gesondert hätte und irrtümlicherweise in die
äußere Realität verschoben worden wäre?
Ich weiß nicht,ob es Ihnen ebenso ergehen wird
wie mir.Seitdem ich unter dem starken Eindruck
dieses Krankheitsbildes die Idee gefaßt hatte,daß die
Sonderung einer beobachtenden Instanz vom übrigen
Ich ein regelmäßiger Zug in der Struktur des Ichs
sein könnte,hat sie mich nicht mehr verlassen,und
ich war getrieben,nach den weiteren Charakteren.
und Beziehungen dieser so abgesonderten Instanz zu
forschen.Der nächste Schritt ist bald getan.Schon der
Inhalt des Beobachtungswahns legt es nahe,daß das
Beobachten nur eine Vorbereitung ist für das Rich-
36
S.
ten und Strafen,und somit erraten wir,daß eine
andere Funktion dieser Instanz das sein muß,was
wir unser Gewissen nennen.Es gibt kaum etwas
anderes in uns,was wir so regelmäßig von unserem
Ich sondern und so leicht ihm entgegenstellen wie
gerade das Gewissen.Ich verspüre die Neigung etwas
zu tun,wovon ich mir Lust verspreche,aber ich
unterlasse es mit der Begründung: mein Gewissen
erlaubt es nicht.Oder ich habe mich von der über-
großen Lusterwartung bewegen lassen,etwas zu tun,
wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch erhob,
und nach der Tat straft mich mein Gewissen mit pein-
lichen Vorwürfen,läßt mich die Reue ob der Tat
empfinden.Ich könnte einfach sagen,die besondere
Instanz,die ich im Ich zu unterscheiden beginne,ist
das Gewissen,aber es ist vorsichtiger,diese Instanz
selbständig zu halten und anzunehmen,das Gewissen
sei eine ihrer Funktionen,und die Selbstbeobachtung,
die als Voraussetzung für die richterliche Tätigkeit
des Gewissens unentbehrlich ist,sei eine andere.Und
da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz
gehört,daß man dem Ding einen eigenen Namen gibt,
will ich diese Instanz im Ich von nun an als das
,,Über-Ich" bezeichnen.
Jetzt bin ich darauf gefaßt,daß Sie mich höhnisch
fragen,ob unsere Ichpsychologie überhaupt darauf
hinausläuft,gebräuchliche Abstraktionen wörtlich zu
nehmen und zu vergrößern,sie aus Begriffen in
Dinge zu verwandeln,womit nicht viel gewonnen
wäre.Ich antworte,es wird schwer halten,in der Ich-
psychologie dem Allbekannten auszuweichen,es wird
mehr auf neue Auffassungen und Anordnungen an-
kommen als auf Neuentdeckungen.Bleiben Sie also
vorläufig bei ihrer herabsetzenden Kritik und warten
87
S.
Sie die weiteren Auslührungen eb. Die Tatsachen der
Pathologie geben unseren Bemühungen einen Hinter-
grund. den Sie für die Populärpsychologie vergebene
suchen würden Ieh setze fort. Kaum daß wir uns mit
der Idee einen solchen Über-Ichs befreundet haben,
das eine gewisse Selbständigkeit genießt, seine eige»
nen Absichten verfolgt und in seinem Energiebssitz
vom Ich unabhängig ist, drängt sich uns ein Krank-
heitsbild auf, das die Strenge, ja die Graussmkeit
dieser Instanz und die Wandlungen in ihrer Bezie-
hung zuin Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den
Zustand der Melancholie, genauer des melancholi-
schen Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört
haben. auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An die-
sem Leiden, von dessen Verursachung und Mechanis-
mus wir viel zu wenig wissen, ist der uuftälligste
Zug die Art, wie das Uber-Ich — sagen Sie nur im
Stillen: das Gewissen —— das Ich behandelt. Während
der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr oder
weniger streng gegen sich sein kann wie ein anderer,
wird im melanoholischen Anfall das Uber-Ich uber-
streng beschimpft, erniedrigt, ruißhandelt das arme
Ich, läßt es die schwersten Strafen erwarten, macht
ihm Vorwürfe wegen längst vergangener Handlun
gen. die zu ihrer Zeit leicht genommen wurden, als
hätte es das ganze Intervall über Anklageu gesam-
melt und nur seine gegenwärtige Erstarkung abge»
wartet, um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund
dieser Anklagen zu verurteilen. Das Uber-Ich legt
den strengsten moralischen Maßstab an des ihm hilf—
los preisgegebene Ich an, es vertritt ja überhaupt
den Anspruch der Muralität und wir erfassen mit
einem Blick, daß unser moralisches Schuldgeiiihl der
Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Uber-Ich88
S.
ist. Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung, die
Morelität, die uns angeblich von Gott verliehen und
so tief eingeptlenzt wurde, als periodisches Phlno-
men zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von
Monaten ist der genze moralisehe Spuk vorüber, die
Kritik des Uhsr-Iehs schweigt, des Ich ist rehsbili-
tiert und genießt wieder alle Menschenrechte bis zum
nächsten Anfall. Ju bei manchen Formen der Erkran-
kung findet in den Zwischenzeiten etwas Gegenteili-
ges statt; des Ich befindet sich in einem seligen
Rsuschzustnnd, es triumphiert, eis hätte dns Über-Ich
alle Kraft verloren oder wäre mit dem Ich zusammen-
geilossen, und dieses freigewordene. menische Ich
gestattet sich wirklich hemmungsles die Befriedigung
aller seiner GeliIste. Vorgänge, reich an nngelösten
Rätseln!Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration
erwerten, wenn ich Ihnen snlrundige, deß wir über
die Bildung des Über-Ichs, also über die Entstehung
des Gewissens mencherlei gelernt haben, Der Philo»
soph K u n t hat bekanntlich den Ausspruch getan, dal)
nichts ihm die Größe Gottes so überzeugend heweise
als der gestimte Himmel und das sittliehe Gewissen in
uns. Die Gestirne sind gewiß großartig, aber was das
Gewissen betrifft, so hat Gott hierin ungleiehmii.llige
und nachlässige Arbeit geleistet, denn eine große
Über-zahl von Menschen hat davon nur ein beschei-
denes Ms.]! oder kaum so viel, als noch der Rede wert
ist, mitbekommen. Wir verkennen das Stück psycho-
logischer Wahrheit. keineswegs, das in der Behaup-
tung, das Gewissen sei göttlicher Herkunlt, enthalten
ist, aber der Satz bedarf der Deutung. Wenn das Ge-
wissen auch etwas in uns ist, so ist es doch nicht von
Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum Sexuel-89
S.
leben, des wirklich vom Anfang des Lebens an da ist
und nicht erst später hinzukommt. Aber des kleine
Kind ist bekanntlich nmernlisch. es besitzt keine inne
ren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden
Impulse. Die Rolle, die später-hin dee Über-Ich über-
nimmt. wird zuerst von einer äußeren Macht, von der
elterlichen Autorität, gespielt. Der Elterneinfluß
regiert das Kind durch Gewährung von Liebeebewei-
sen und durch Androhung von Strafen, die dem Kind
den Liebesverlust beweisen und an sich gelürchtet
werden miissen. Diese Reelengst ist der Vorläufer
der späteren Gewisseneenget; solange sie herrscht.
braucht man von Über-Ich und von Gewissen nicht
zu reden. Erst in weiterer Folge bildet sich die
sekundäre Situation aus, die wir allzu bereitwillig
für die nornmle halten, dell die äußere Abhaltung
verinnerlieht wird. dell en die Stelle der Eltern-
instenz das Uber—Ich tritt, welches nun das Ich genau
50 beobachtet, lenkt und bedroht wie früher die Eltern
das Kind.Das Uber-Ich, dee solcher Art die Macht, die Lei-
stung und selbst die Methoden der Elterninstanz über,
nimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger, som
dern wirklich der legilime Leibeeerhe derselben. Es
geht direkt aus ihr hervor, wir werden bald erfahren,
durch welchen Vorgang. Zunächst müssen wir jedoch
bei einer Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen.
Due Uber-Ich scheint in einseitiger Auswahl nur die
Härte und Strenge der Eltern, ihre verbietende und
strniende Funktion eulgegriflen zu haben. während
deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme und Fort-
setzung findet. Haben die Eltern wirklich ein strenges
Regiment geführt, so glauben wir es leicht begreif-
lich zu finden, wenn sieh auch beim Kind ein strenges40
S.
Uber-Ich entwickelt, aber die Erfahrung zeigt, gegen
unsere Erwartung, deli des Über-Ich denselben Cha»
rekt unerhittlieher Härte erwerben kann, auch wenn
die Erziehung milde und gütig war, Drohungen und
Strafen möglichst vermieden hat Wir werden auf die—
sen Widerspruch später zurückkemmen, wenn wir
die Triebumsetzungen bei der Bildung des Über-Iuhs
behandeln.Von der Umwandlung der Elternbeziehung in dns
Uber-Ich kann ich Ihnen nicht soviel sagen. wie ich
gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver
wickelt ist. dell seine Darstellung sich nicht in den
Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen
geben will, zum anderen Teil, weil wir selbst nicht
glauben, ihn voll durchschaut zu haben. Begniigen
Sie sich also mit den folgenden Andeutungen. Die
Grundlnge dieses Vorgenges ist eine sogenannte
Identifizierung, d. b. eine Angleichung eines [che an
ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in be-
stimmten Hinsichten Sn benimmt wie das andere, es
uecbnhmt, gewissermaßen in sich Enlnimmt Man hat
die Identifizierung nicht unpassend mit der oralen.
kennihelistischen Einverleibung der fremden Person
vergliehen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige
Form der Bindung an die andere Person. wahrschein—
lich die. ursprünglichete. nicht dasselbe wie eine
Objektwnhl. Man kann den Unterschied etwa so ene-
drticken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater iden.
tifiziert. so will er sein wie der Vater; wenn er
ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er ihn
h a b e n, besitzen; im ersten Fall wird sein Ich mb
dem Vorbild des Vaters verändert. im zweiten Falle
ist dies nicht notwendig. Identifizierung und Obiekt-
wahl sind in weitem Ausmaß unabhängig voneinan-41
S.
de , man kann sich aber auch mit der nämliehen Per-
son identifizieren, sein Ich nach ihr verändern. die
man z. B. zum Sexuslobiekt genommen hat. Men sagt,
daß diese Beeinflussung des Iche durch des Sexual—
ohiekt besanders häufig bei Frauen vorkommt und
ihr die Weiblichkeit charakteristisch ist. Von der bei
weitem lehrreichsten Beziehung zwischen Identifi-
niernng und Objektwshl muß ich Ihnen schon einmal
in den friiheren Vorlesungen gesprochen haben. Sie
ist so leicht an Kindern wie an Erwachsenen, nor-
malen und kranken Menschen zu beobachten. Wenn
msn ein Objekt verloren hat oder es nuigeben mußte.
so entschädigt man sich oft genug dadurch, daß man
sich mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder
entrichtet, so daß hier die Objektwahl gleichsam zur
Identifizierung regrediert.Ich bin von diesen Ausführungen über die Identi-
fizierung selbst durchaus nicht befriedigt, aber ge-
nug, wenn Sie mir zugeben können, daß die Ein-
setzung des Über«lehs als ein gelungener Fall von
Identifizierung mit der Elterninsta.nz beschrieben
werden kann. Die für diese Auffassung entscheidende
Tatsache ist nun, del} diese Neuschöpfnng einer über-
legenen Instanz im Ich aufs Innigste rnit dem Schick-
sal des Ödipuekomplexes verknüpft ist, so dell das
Über-Ich als der Erbe dieser für die Kindheit so be-
deutungsvollen Gefühlsbildung erscheint. Wir ver-
stehen. mit dem Anflessen des Odipuskomplexes
mußte das Kind auf die intensiven Objekthesetzungen
verzichten. die es bei den Eltern untergebracht hatte,
und zur Entschädigung für diesen Objektverlust wer-
den die wahrscheinlich längst vorhandenen Identi-
fizierungen mit den Eltern in seinem Ich so sehr ver-
stärkt. Solche Identifizierungen als Niederschläge42
S.
aufgegebener Objektbesetzungen werden sich später
im Leben des Kindes oft genug wiederholen, aber es
entspricht durchaus dem Geiühlswert dieses ersten
Falles einer solchen Umsetzung, daß deren Ergebnis
eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird Ein»
gehende Untersuehung belehrt uns auch, dell das
Uber-Ich in seiner Stärke und Ausbildung ver-küm-
mert, wenn die Überwindung des Ödipuskomplexes
nur unvollkommen gelingt. Im Laufe der Entwick—
‚ lung nimmt das Uber-Ich auch die Einflüsse jener
Personen an, die an die Stelle der Eltern getreten
sind, also von Erziehern, Lehrern, idealen Vorbil-
dern. Es entfernt sich normalerweise immer mehr
von den ursprünglichen Elternindividuen, es wird
sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch nicht
deren vergessen, den das Kind seine Eltern in ver«
schiedenen Lehenszeiten verschieden einschätzt. Zur
Zeit, de der Odipuskumplex dem Uber-Ich den Platz
räumt, sind sie etwas ganz Großertiges, später büßen
sie sehr viel ein. Es kommen dann such Identifizie
rungen mit diesen späteren Eltern zustande, sie
liefern sogar regelmäßig wichtige Beiträge zur Che-
rekterbildung, aber sie betreffen denn nur des Ich.
beeinflussen nicht mehr des Uherleh, das durch die
frühesten Elternimegines bestimmt werden ist.Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfaxr
gen, dal} die Aufstellung des Über—Inhs Wirklich ein
Strukturverhält-nis beschreibt und nicht einfach eine
Abstraktion wie die des Gewissens personifiziert.
Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen.
die wir diesem Uber-Ich zuteilen. Es ist auch der
Träger des Ich-Ideale, an dem das Ich sich mißt, dem
es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weiter-
gehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist.48
S.
Kein Zweifel, dieses Ich-Ideal ist der Niederschlag
der nlten Elternvorstellung, der Ausdruck der Be-
wunderung jener Vollkomznenheit. die das Kind ihnen
damals zuschrieb. Ich weiß, Sie haben viel von dem
Gefühl der Minderwertigkeit gehört. das gerade die
Neurotiker suszeichnen soll. Es spukt besonders in
der sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller,
der des Wort Minderwertigkeitskomplex gebraucht,
glaubt damit allen Anforderungen der Psychoanalyse
Genüge getan und seine Darstellung aui ein höheres
psyehologisches Niveau gehoben zu haben In Wirk-
lichkeit wird das Kunstwort Minderwertigkeitskom-
plex in der Psychoanalyse kaum verwendet. Es be-
deutet uns nichts Einfaches, geschweige denn etwas
Elementares. Es auf die Selbstwahrnehmnng etwaiger
Organverkiimmerungen zurückzuführen, wie die
Schule der sogenannten Idividuelpsychologen zu tun
beliebt, erscheint uns ein kurzsiehtiger Irrtum. Das
Gefühl der Minderwertigkeit hat starke erotische
Wurzeln. Das Kind fühlt sich minderwertig, wenn
es merkt, daß es nicht geliebt wird, und ebenso der
Erwachsene. Das einzige Organ, das wirklich als
minderwertig betrachtet wird, ist der verkilmmerte
Penis. die Klitnris des Mädchens. Aber der Haupt-
auteil des Minderwertigkeitsgefiihls stammt aus der
Beziehung des Iehs zu seinem Uber-Ich, ist ebenso
wie des Schuldgefiihl ein Ausdruck der Spannung
zwischen beiden. Minderweriigkeitsgafllhl und Schuld-
gettihl sind überhaupt schwer auseinander zu halten.
Vielleicht täte man gut deren, im ersteren erotische
Ergänzung zum moralischen Minderwertigkeitsgeflihl
zu sehen. Wir haben dieser Frage der begritilichenAbgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aulnierk-
samkeit geschenkt.44
S.
Gerade weil der Miuderwertigkeitekomplex so po—
pulär geworden ist, gestatte ich mit, Sie hier mit
einer kleinen Abschweifung zu unterhalten. Eine
historische Persönlichkeit unserer Zeit, die noch lebt,
aber gegenwärtig in den Hintergrund gerückt ist, hat
von einer Schädigung während der Geburt eine ge—
wisse Verkümruerung eines Gliedes behalten. Ein
sehr bekannter Schriftsteller unserer Tage, der am
liebsten Biographien hervorregender Personen be-
arbeitet, hnt auch des Leben dieses von mir bezeich-
neten Mannes behandelt, Nun mag es in schwer sein,
das Bedürfnis nach psychologischer Vertiefung zu
nnmrdrücken, wenn man eine Biographie schreibt,
Unser Autor hat darum den Versuch gewagt. die
ganze Chursktet'entwicklung des Helden über dein
Minderwertigkeitsgefühl, das jener körperliche De-
fekt wechrufen mußte, aufzubauen. Er hat dabei eine
kleine, aber nicht unwichtige Tatsache übersehen. Es
ist gewöhnlich, daß Mütter, denen das Schicksal ein
krankes oder senst hennchteiligtes Kind geschenkt
hat, es fiir diese ungerechte Zurücksetzung durch ein
Über-maß von Liebe zu entschädigen suchen. In dem
zur Rede stehenden Felle benehln sich die stolze Mut—
ter anders, sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen
seines Gebreehens. Als aus dem Kinde ein groß
mächtiger Mann geworden war, bewies dieser dureh
seine Handlungen unzweideutig, daß er der Mutter
nie verziehen hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung
der Mutterliebe fiir das kindliche Sselenleben beein-
nen, werden Sie die Minderwertigkeitstheorie des
Biogrsphen wohl in Ihren Gedanken korrigieren.Kehren wir zum Uber-Ich zurück! Wir haben ihm
die Selbstbenbschtung, das Gewissen und die Ideal—
funktion zugeteilt. Aus unseren Ausführungen iiber45
S.
seine Entstehung geht hervor, dal} es eine unsäglich
wichtige biologische wie eine schicksalsvolle psycho-
logische Tatsache zu Voruussetzungen hat, nämlich
die lange Abhängigkeit des Menachenkindee von sei-
nen Eltern und den Ödipuskomplex, die beide wieder
innig miteinander verknüpft sind. Das Über-Ich ist
für uns die Vertretung aller moralischen Beschrän-
kungen der Anwalt des Strebens nach Vervollkomni-
nung, kurz das, was uns von dem eogenannt Höheren
im Menschenleben psychologisch greifbar geworden
ist. Du es selbst auf den Einfluß der Eltern, Erzieher
u. dgl. zurückgeht. erfuhren wir nach mehr von sei-
ner Bedeutung, wenn wir uns zu dienen seinen Quel<
len wenden, In der Regel folgen die Eltern und die
ihnen nnelegen Autoritäten in der Erziehung des
Kindes den Vorschriften des eigenen Über-lebe. Wie
immer sich ihr Ich mit ihrem Über-Ich auseinander—
gesetzt haben mag, in der Erziehung des Kindes sind
sie streng und anspruchsvoll. Sie haben die Schwie-
rigkeiten ihrer eigenen Kindheit vergessen, sind zu-
irieden, sich nun voll mit; den eigenen Eltern iden-
tifizieren zu können, die ihnen seinerzeit die schwe-
ren Einschränkungen unterlegt haben. So wird das
Uber-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vor—
bild der Eltern, sondern des elterlichen Uber-lebe
aufgebaut; ee erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es
wird zum Träger der Tradition1 all der zeithestänrli-
gen Wertungen. die sich auf diesem Wege über Gene-
rationen fortgepilunzt haben. Sie ernten leicht, Welch
wichtige Hilfen fiir das Verständnis des sozialen Ver-
haltens der Menschen, 2. B. fiir des der Verwahr-
losung. vielleicht auch welch praktische Winke iii!“
die Erziehung sich aus der Berücksichtigung des
Uhel»lchs ergehen, Wahrscheinlich sündigen die so-46
S.
genannt materialistischen Geschichtsauiiessungen
darin, daß sie diesen Faktor unterschätzen. Sie tun
ihn mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien“ der
Menschen nichts anderes sind als Ergebnis und Über-
bau ihrer aktuellen ökonomischen Verhältnisse. D
ist die Wahrheit, aber sehr wahrscheinlich nicht die
ganze Wahrheit. Die Menschheit lebt nie ganz in der
Gegenwart, in den Ideologien des Uber-Ichs lebt die
Vergangenheit, die Tradition der Rasse und des Vol-
kee fort, die den Einflüssen der Gegenwart, neuen
Veränderungen, nur langsam weicht, und solange sie
durch das Uber-ich wirkt, eine mächtige, von den
ökonomischen Verhältnissen unabhängige Rolle im
Menschenleben spielt.Im Jahre 1921 habe ich versucht. die Differenzie-
rung von Ich und Uber-Ich beim Studium der Museen-
psycholegie zu verwenden. Ich gelangte zu einer
Formel wie: Eine psychologische Messe ist eine Ver-
einigung von Einzelnen, die die nämliche Person in
ihr Uber-Ich eingeführt und sich auf Grund dieser
Gemeinsamkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert
haben. Sie gilt natürlich nur für Messen, die einen
Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen die-
ser Art, so würde die Annahme des Über-Ichs das
letzte Stück Befremden für uns verlieren und wir
würden von jener Befangenheit gänzlich frei.werden‚
die uns doch noch befüllt. wenn wir uns, an die Unter-
weltetmosphäre gewöhnt. in den oberflächlichereu,
höheren Schichten des seelischen Apparate bewegen.
Wir glauben selbstverstündlich nicht, daß wir mit
der Sondernng des Uber-Iehs dns letzte Wort zur Ich-
Psychologie gesprochen haben. Es ist eher ein erster
Anfang. aber in diesem Falle ist nicht nur der Anfang
schwer. ‚47
S.
Wir heißen jenes Unbewullte, des nur latent ist
und so leicht bewußt wird, des Vorhewußte, behalten
die Bezeichnung „Unbewnllt“ dem anderen vor. Wir
haben nun drei Termini: bewußt, vorhewußt, unbe-
wulit, mit denen wir in der Beschreibung der seeli-
schen Phänomene unser Anskommen finden. Noch-
mals, rein deskriptiv ist auch das Vorhewußte unhe—
wußt, aber wir bezeichnen es nicht so, außer in
lockerer Darstellung oder wenn wir die Existenz un-
bewullter Vorgänge überhaupt im Seelenleben zu
verteidigen haben.Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit
nicht gar mg und erleuhe eine bequeme Handhabung.
‚In, aber leider hat die psychunnnlytische Arbeit sich
gedrängt gefunden, des Wort unbewußt noch in einem
anderen, dritten, Sinn zu verwenden, und des nung
allerdings Verwirrung gestiftet haben. Unter dem
neuen und sterken Eindruck, daß ein weites und
Wichtiges Gebiet des Seelenlehens der Kenntnis des
Iehs normalerweise entzogen ist, so daß die Vorgänge
darin als unbewußte im richtigen dynamischen Sinn
anerkannt werden müssen, haben wir den Terminus
„unhewußt" auch in einem topiechon oder systemati
schen Sinn verstanden, von einem System des Vor—
hewnßten und des Unbewuilten gesprochen, von einem
Konflikt des Ichs mit dem System Ubw, das Wort
immer mehr aber eine seelische Provinz bedeuten
lassen als eine Qualität des Seelischen, Die eigentlich
unbequeme Entdeckung, daß auch Anteile des; ichs
und Uber-Ichs im dynamischen Sinne nnhewußt sind,
wirkt hier wie eine Erleichterung, gestattet uns, eine
Komplikation wegzuriiumen. Wir sehen, wir haben
kein Recht, des ich-fremde Seelengebiet des System
th zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein aue-48
S.
schließender Charakter ist. Gut, so Wellen wir unbe—
wußt nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen
und dem bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht
mehr mißversttindlichen Namen geben. In Anlehnung
an den Sprachgebrauch bei N i e t z s e h e und iniolge
einer Anregung von G. Gr 0 dd e ek heißen wir es
fortan des Es. Dies unpereünliehe Fürwort scheint
besondere geeignet, den Hauptcharakter dieser Seelen-
previnz. ihre Ich-Fremdheit, auszudrücken. Uber»leh‚
Ich und Es sind nun drei Reiche, Gebiete, Previnzen‚
in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen,
mit deren gegenseitigen Beziehungen wir uns im
Weiteren beschäftigen wollen.Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute,
Sie sind unzufrieden damit, daß die drei Qualitäten
der Bewußtheit und die drei Provinzen des seelischen
Apparate sich nicht zu drei friedlichen Paaren zu-
sammengeiunden haben. und sehen darin etwas wie
eine 'l‘rlibung unserer Resultate, Ich meine aber, wir
sollten es nicht bedauern und sollten uns sagen, daß
wir kein Recht hatten, eine se glatte Anordnung zu
erwarten. Lassen Sie mich eine Vergleichung brin-
gen; Vergleiche entscheiden nichts, das ist wahr, aber
sie können machen, daß man sich heimischer fühlt.
Ich imeginiere ein Land mit mannigialtiger Bodense-
etaltung. Hugelland, Ebene und Seenketten, mit ge-
mischter Bevölkerung — es wohnen darin Deutsche.
MBgyßren und Slovaken, die auch verschiedene Tlttlg-
keiten betreiben, Nun könnte die Verteilung so sein,
daß im Hügelland die Deutschen wohnen, die Vieh-
ziichter sind, im Flachland die Magyarea, die Getreide
und Wein hauen, an den Seen die Slowaken. die
Fische langen und Schilf flechten. Wenn diese Ver-
teilung glatt und reinlioh wäre, würde ein W l l e o n4 Almanauh im 49
S.
seine Freude an ihr haben; es wäre auch bequem für
den Vortrag in der Geographiestunde. Es ist aber
wahrscheinlich, daß Sie weniger Ordnung und mehr
Vermengung finden, wenn Sie die Gegend hereieen.
Deutsche, Megyaren und Bloüvnken leben überall
durcheinander. im Hugelland gibt es auch Acker, in
der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natür»
lich, so wie Sie es erwartet haben. denn auf Bergen
kann man keine Fische fangen. im Wasser wächst
kein Wein. Ja, das Bild der Gegend, des Sie mitge-
bracht haben. mag im großen und ganzen zutreffend
sein; im einzelnen werden Sie sich Abweichungen ge-
fallen lassen.Sie erwarten nicht, daß ich Ihnen vom Es außer
dem neuen Namen viel Neues mitzuteilen hehe. Es ist
der dunkle. unzugä‚ngliche Teil unserer Persönlich-
keit; das wenige, Was wir von ihm wissen. haben wir
durch das Studium der Treuumrbeit und der neumti-
schen Symptombildung erfahren und das meiste davon
hat negativen Charakter, läßt sich nur als Gegensatz
zum Inh beschreiben. Wir nähern uns dem Es mit
Vergleiehen, nennen es ein Chaos. einen Kessel voll
bredelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei
am Ende gegen das Somatische offen. nehme da die
Triehhediirfnieee in sich auf, die in ihm ihren psychi-
schen Ausdruck finden, wir können aber nicht sagen.
in welchem Substrat. Von den Triehen her erfüllt ee
sich mit Energie. eher es hat. keine Organisation,
bringt keinen Gesamtwillen auf. nur das Bestreben.
den Triehhediirfniseen unter Einhaltung des Lust- _
prinzipe Befriedigung zu schaffen. Fiir die Vorgänge
im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht, vor
allem nicht der Set; des Widerspruchs. Gegensätz-
liche Regungen bestehen nebeneinander, ohne ein-50
S.
ander aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen‚
höchstens daß sie unter dem herrschenden ökono-
mischen Zwang zur Abfuhr der Energie zu Kompro-
mißbildungen zusammentreten. Es gibt im Es nichts,
was man der Negation gleichstellen könnte, auch
nimmt man mit Überraschung die Ausnahme von dem
Satz der Philosophen wahr, daß Raum und Zeit not
wendige Formen unserer seelischen Akte seien Im
Es findet sich nichts, was der Zeitvorstellung ent-
spricht, keins Anerkennung eines zeitlichen Ablaufs
und, was höchst merkwürdig ist und seiner Würdi-
gung im‘philnsophiechen Denken wartet. keine Ver-
änderung des seelischen Vorgangs durch den Zeit-
ablaui. Wunschregungen, die des Es nie überschrit—
ten haben, aber auch Eindrücke, die durch Verdrän-
gung ins Es versenkt werden sind, sind virtuell un-
sterblich, verhalten sich nach Dezennien, als ab sie
neu vor-gefallen wären. Als Vergangenheit erkannt,
entwertet und ihrer Energiebesetzung beraubt kön-
nen sie erst werden, wenn sie durch die analytische
Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht
nicht; zum kleinsten Teil die therapeutische Wirkung
der analytischen Behandlung.Ich habe immer Wieder den Eindruck, daß wir aus
dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache der
Unveriinderlichkeit des Verdrängten durch die Zeit
viel zu wenig für unsere Theorie gemacht haben. Da
scheint sich doch ein Zugang zu den tiefsten Ein
sichten zu eröffnen. Leider bin auch ich da, nicht
weitergekommen.Selbstveretiindlich kennt das Es keine Wertungen,
kein Gut und Böse, keine Moral. Das ökonomische
oder, wenn Sie wollen. quantitative Moment, mit dem
Lustprinzip innig verknüpft, beherrscht alle Vor-4‘ 51
S.
ginge. Triehhesetzungen, die nach Abfuhr verlangen,
das, meinen wir, sei alles im Es. Es scheint sogar,
daß sich die Energie dieser Triebregungen in einem
andern Zustand befindet: als in den andern seelischen
Bezirken, weit leichter beweglich und abfuhrfähig
ist, denn sonst würden nicht jene Verschiebungen
und Verdichtungen vor-fallen, die fiir das Es charalc
teristisch sind und die so vollkommen von der Qua-
lität des Besetzten « im ich Würden wir es eine
Vorstellung nennen —— absehen. Man gäbe was darum,
wenn man von diesen Dingen mehr verstehen könnte!
Sie sehen übrigens, dell wir in der Lage sind, vom
Es noch andere Eigenschaften anzugeben, als dsl} es
unhewullt ist, untl Sie erkennen die Möglichkeit. daß
Teile vom Ich und Über-Ich unbewußt seien, ohne
die nämlichen prilniliven und irrationellen Charak-
tere zu besitzen. Zu einer Charakteristik des eigent-
lichen Ichs, insofern es sich vom Es und vom Über-
Ie.h sondern läßt, gelangen wir ein ehesten, wenn wir
seine Beziehung zum äußersten oberflächlichen Stück
des seelischen Appsrats ins Auge fassen, des wir als
das System W»Bw bezeichnen. Dieses System ist der
Außenwelt zugewenrlet, es vermittelt die Wahrneh»
mungen von ihr, in ihm entsteht Während seiner
Funktion das Phänomen des Bewußtseins. Es ist das
Binnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich iibri-
gene nicht nur für Erregungen, die von außen, son-
dern euch für solche, die aus dem Innern des Seelen-
lebens herankommen. Die Auffassung bedarf kaum
einer Rechtfertigung, dal} das Ich jener Teil des Es
ist, der durch die Nähe und den Einfluß der Außen-
welt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme und zum
Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Hinden-
schiebt, mit der sich ein Klümpchen lebender Sub-52
S.
stunz umgibt. Die Beziehung zur Außenwelt ist für
das Ich entscheidend geworden, es hat die Aufgabe
übernommen, sie bei dem Es zu vertreten, zum Heil
des Es, das ohne Rücksicht auf diese übergewaltigs
Außenmscht. im blinden Streben nach Triebbefriedi-
gung der Vernichtung nicht entgehen wurde. In der
Erfüllung dieser Funktion muß das Ich die Außen-
welt beobachten, eine getreue Abbildung von ihr in
den Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen nie-
derlegen, durch die Tätigkeit der Realitstsprüfun'g
fern halten‚ was an diesem Bild der Außenwelt Zutat
aus inneren Erregungsquellen ist. Im Auftmg des Es
beherrscht des Ich die Zugänge zur Motilität. aber
es hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Auf-
schub der Denkurbeit eingeschaltet, während dessen
es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwertet.
Auf solche Weise hat es des Lustprinzip entthrunt,
des uneingeschränkt den Ablnut der Vorgänge im Es
beherrscht und es durch des Renlitsham-inzip ersetzt.
das mehr Sicherheit und größeren Erfolg verspricht.Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der
Vorzüge und Fähigkeiten des Iehs imponiereu lassen;
es ist jetzt Zeit nach der Kehrseite zu gedenken. Das
Ich ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die
Nähe der geishrdrohenden Außenwelt zweckmäßig
verändertes Stück. In dynamischer Hinsicht ist es
sehwneh, seine Energien hat es dem Es entlehnt‚ und
wir sind nicht ganz ohne Einsicht in die Methoden,
man könnte sagen: in die Sehliche, durch die es dem
Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher Weg
ist zum Beispiel auch die Identifizierung mit beibe-
haltenen oder sufgegehenen Objekten. Die Ohiekt-53
S.
besetzungen gehen von den Triebanspriichen des Es
aus. Das Ich hat sie zunächst zu registrieren. Aber
indem es sich mit dem Objekt identifiziert, empfiehlt
es sich bei dem Es an Stelle des Objekts, will es die
Libido des Es uni sich lenken. Wir haben schon ge—
hört, dell des Ich im Lauf des Lebens eine große
Anzahl von solchen .Niederschliigen ehemaliger Ob«
iektbesetznngen in sich aufnimmt. Im ganzen muß
das Ich die Absichten des Es durchführen, es erfüllt
seine Aufgabe, wenn es die Umstände ausfindig
macht, unter denen die-e Absichten am besten er-
reicht werden können. Man könnte des Verhältnis des
Iehs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pierd
vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für die
Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel
zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu
leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu
häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter des Roll
dahin fiihren muß, wohin es selbst gehen will.Von einem Teil des Es hat sich des Ich durch Ver»
dringnngswiderstli.nde geschieden. Aber die VSI‘III'ED>
gung setzt sich nicht in das Es fort. Das Verdrängte
fließt mit dem übrigen Es zusammen.Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei
Herren zu dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer,
es dient drei geetrengen Herren, ist bemüht, deren
Ansprüche und Forderungen in Einklang miteinanderzu bringen. Diese Ansprüche gehen immer sueein< '
der, scheinen oft unvereinbsr zu sein; kein Wunder.
wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die
drei Zwingherrsn sind die Außenwelt, das Uber-Ich
und das Es. Wenn man die Anstrengungen des Iche
verfolgt, ihnen gleichzeitig zu gebnrchen‚ kann man
nicht berenen, dieses Ich personifiziert, es als ein be-M
S.
sonderes Wesen hingestelll: zu haben. Es fühlt sich
von drei Seiten her eingeengt, von dreierlei Gefahren
bedroht, auf die es im Falle der Bedrängnis mit
Angstentwlcklung reagiert, Durch seine Herkunft
aus den Erfahrungen des Wahrnehmungssystems ist
es dazu bestimmt, die Anforderungen der Außenwelt
zu vertreten, aber es will auch der getrsne Diener
des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, eich
ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich zie»
hen, In seinem Vsrmittlungsbestreben zwischen Es
und Realität ist es alt genütigt, die ubwt Gebote
des Es mit seinen vhwt Estionnlisierungen zu beklei-
den, die Konflikte des Es mit der Realität zu ver-
tuschen, mit diplnmntischex- Unauiricbtigkeit eine
Rücksichtnnhme auf die Realität vorzuspiegeln, auch
wenn des Es starr und unnnchgiebig geblieben ist.
Anderseils wird es auf Schritt und Tritt. von dem ge»
strengen Uber-Ich benbnehtet, das ihm bestimmte
Normen seines Verhaltens verhält. ohne Rücksicht
auf die Schwierigkeiten von Seiten des Es und der
Außenwelt zu nehmen, und es im Falle der Nichtein-
haltung mit den Spennuugsgefühlen der Minderwep
tigkeit und des Seliuldhewulltseins bestrait. So vom
Es getrieben, vom Uber»lch eingeengt, von der Reali—
tät zurückgestellen, ringt des Ich um die Bewll.ltigung
seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter
den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm
und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so
oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das
Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche
einbekennen muß, bricht es in Angst aus, Realnngst
vor der Außenwelt, Gewissensnngst vor dem Über-
Ich, neurotisehe Angst vor der Stärke der Leiden—
schniten im Es.55
S.
Die Strukturverhältnisse der seelischen Persön-
lichkeit, die ich vor Ihnen entwickelt habe, möchte
ich in einer enspmchslosen Zeichnung darstellen, die
ich Ihnen hier vorlege. 'Sie sehen hier, das Über-Ich taucht in des Es ein;
als Erbe des Ödipuskomplexes hat es je intime Zu-
sammenhänge mit ihm; es liegt weiter sb vom Wehr-
nehmungssystem als des Ich. Des Es verkehrt mit der
Außenwelt nur über das Ich, wenigstens in diesem
Schema. Es ist gewiß heute schwer zu sagen, inwie-
weit die Zeichnung richtig ist; in einem Punkt ist
sie es gewiß nicht. Der Raum, den des unbewußte Es
einnimmt, müßte unvergleichlich größer sein als der
des Ichs oder des Vorbewußten. Ich bitte, verbessern
Sie dns in Ihren Gedanken.56
S.
Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengen-
den und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen
noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser Sunderung
der Persönlichkeit in Ich, ihrer-Ich und Es gewiß nicht
an scharie Grenzen, wie sie künstlich in der politi-
schen Geographie gezogen werden sind. Der Eigenart
des Psychischen können wir nicht durch lineare Kon-
turen gerecht werden wie in der Zeichnung oder in
der primitiven Malerei, eher durch verschwimmende
Ferbenielder wie bei den modernen Malern. Nach-
dem wir gesondert haben, müssen wir des Gesenderte
wieder zusammenfließen lassen. Urteilen Sie nicht zu
hart über einen ersten Versuch, das so schwer erfaß-
bere Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr
wahrscheinlich, dell die Ausbildung dieser Sonderun-
gen bei verschiedenen Personen großen Variationen
unterliegt, möglich, dsl! sie bei der Funktion selbst
verändert und zeitweilig rückgebildet werden. Beson—
ders für die phylegenetisch letzte und heikelste, die
Differenzierung von Ich und Uber-Ich, scheint der-
gleichen zuzntrefien. Es ist nnzwcifslhait, dal} das
Gleiche durch pyschische Erkrankung hervorgerufen
wird. Man kann sich auch gut vorstellen, dell es ge—
wissen mystischen Praktiken gelingen mag, die nor—
malen Beziehungen zwischen den einzelnen seelischen
Bezirken umzuwerien, so daß 5. B. die Wahrnehmung
Verhältnisse im tiefen Ich und im Es erfassen kann,
die ihr sonst unzugä.nglich waren. Ob man auf diesem
Weg der letzten Weisheiten habhatt werden wird,
von denen man alles Heil erwartet, darf men getrost
bezweifeln. Immerhin wollen wir zugeben. dell die
therapeutischen Bemühungen der Psychoanalyse sich
einen ähnlichen Angriftspunkt gewählt haben. Ihre
Absicht ist ja, das Ich zu stärken. es vom Uber-Ich57
S.
S.
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Die psychischen Instanzen
1933-001/1933.3
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