Die »Wien« in Wien /1914

Eisenstädter, Max (/1914): Die »Wien« in Wien

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    VII. Die »Wien« in Wien.

    In traditioneller Weise wollen wir an der Jahreswende
    einen Moment verweilen, die Ereignisse des abgelaufenen Jahres
    an uns vorüberziehen lassen, um uns dadurch Rechenschaft
    zu geben, ob wir den Aufgaben und Zielen unseres Bundes
    gemäß gewirkt haben und mit Befriedigung auf die zurückgelegte
    Strecke Rückschau halten können.

    Wir schlossen das Jahr mit einem Mitgliederstande
    von 238 Brüdern ab; 25 liebe Mitglieder traten im Verlauf des
    Jahres in unsere Reihen und werden hoffentlich auch wackere
    Mitarbeiter bleiben. Leider hat auch der Tod reiche Ernte
    gehalten und uns sechs geliebte Brüder entrissen, und zwar die
    Brüder: Samuel Fischer, Emannel Taussig, Eduard Glaser,
    Leopold Spitzer, Adolf Pick und Alfred Heinrich Messinger.
    Voll Wehmut gedenken wir ihrer in diesem Augenblick und
    wollen ihnen stets eine liebe- und pietätvolle Erinnerung bewahren!

    Allen unseren Komitees sei herzlichst gedankt für ihre
    eifrige, erfolgreiche Arbeit; es erscheint uns überflüssig, sie einzeln
    hervorzuheben, aber betonen möchten wir doch, daß jedes

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    einzelne Komitee in seinem Wirkungskreise in anerkennenswerter
    Weise zur gedeihlichen Ausgestaltung des Vereinslebens beitrug
    und den Beamtenrat mit wertvollen und nützlichen Anregungen
    versorgte. Unserem Geselligkeitskomitee in Verbindung mit
    dem der w. »Eintracht« verdanken wir außer den zahlreich besuchten
    Museumswanderungen zwei Abende, an denen auch unsere Damen
    teilnahmen und die in animiertester Weise verliefen. Der eine
    Abend brachte den Vortrag der Frau Anita Müller-Rosenzweig:
    »Altes und Neues aus Ägypten« (mit Lichtbildern), der zweite
    war ein literarischer Abend, abgehalten im Hotel Continental,
    an dem der bewährte Vortragsmeister Prof. Gregori ausgewählte
    Stellen aus dem Schauspiele Artur Schnitzlers »Professor Bernhardi«
    zum Vortrage brachte. Es waren zwei Abende, die sich des un-
    geteilten Beifalles sämtlicher Anwesenden erfreuten.

    Unsere Institutionen sowohl, als auch die unter unserer
    direkten Patronanz stehenden Vereine erfreuten sich einer steten
    und ruhigen Fortentwicklung und deren Generalversammlungen
    legten beredtes Zeugnis dafür ab, in welch großem Ausmaße
    sich ihr charitatives Wirken entfaltete. Besonders hervorheben
    möchten wir an dieser Stelle eine unserer jüngsten Schöpfungen,
    den »Jugendbund«, der ein Mittel- und Sammelpunkt der jüdischen
    intelligenten Jugend geworden ist und der mit Recht erwarten
    läßt, daß er die Hoffnungen, die wir bei seinem Entstehen in
    ihn setzten, voll und ganz erfüllen wird.

    Außer den obligaten Unterstützungen stifteten wir eine
    zweite Bettstiftung für das Meraner Genesungsheim, ferner, nach
    einem Vortrage des Br. Dr. Jakob Ehrlich, zwei Jemeniten-
    häuser, die für immerwährende Zeiten den Namen: »Jemeniten-
    Haus B'nai B'rith Wien« tragen, und außerdem spendeten wir
    einen namhaften Betrag für unsere armen Glaubensgenossen in
    Preßburg, die im Mai des abgelaufenen Jahres beim Wüten
    eines verheerenden Brandes ihre ganze Habe verloren hatten.
    Unsere lieben Brüder in Preßburg verdienen unseren wärmsten Dank
    für ihr rasches und werktätiges Eingreifen bei dieser Katastrophe.

    Das Pflegschaftswesen, welches unter dem Präsidium
    des Expräs. Br. Dr. Edmund Kohn über Auftrag des Bruders
    Expräs. Petschek ausgebaut und auf eine höhere Basis gestellt
    wurde, erfreute sich einer besonderen Pflege auch in diesem Jahre
    durch das verdienstvolle Wirken des Pflegerobmannes Bruder
    Dr. Bermann.

    Mit sämtlichen Vereinigungen unseres Distriktes standen
    wir in regem und innigem Kontakt; bei der Feier anläßlich
    der Einweihung des neuen Vereinshauses in Prag und der gleich-
    zeitigen Feier des 20jährigen Bestandes der w. »Bohemia« waren
    wir besonders zahlreich vertreten und Zeugen glanzvoller Fest-
    tage, die allen Teilnehmern in steter freundlicher Erinnerung
    bleiben werden. Besonders innig aber gestaltete sich für uns
    Brüder der »Wien« das Fest des 10jährigen Bestandes der w. »Ein-
     

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    tracht«. Das harmonische Band, das uns mit der Schwester-
    vereinigung verbindet, dokumentierte sich am besten dadurch,
    daß auch die Brüder der »Wien« nahezu vollzählig an den Fest-
    lichkeiten der w. »Eintracht« teilnahmen; war es doch ein Fest,
    das, in gleicher Weise mitzufeiern, unsere »Wien« vollauf be-
    rechtigt war. Auf wahrster Brüderlichkeit und Herzlichkeit waren
    stets die Fundamente beider Vereinigungen aufgebaut; mögen
    sie es bleiben, solange es eine »Wien« und eine »Eintracht«
    geben wird!

    Sitzungen wurden im Verlaufe des Jahres achtzehn ab-
    gehalten und zwar drei Trauersitzungen und fünfzehn Arbeits-
    sitzungen mit den folgenden Vorträgen:

    Am 21. Januar sprach Br. Dr. Brichta: Ȇber einen neuen
    Versuch zur Lösung der sozialen Frage von Franz Oppenheimer;
    am 4. Februar Br. Dr. Ehrlich: »Die jemenitischen Juden«
    (mit Lichtbildern);
    am 18. Februar Br. Expräs. Prof. Dr. Königstein: »Über
    den Semi-Gotha«;
    am 4. März Br. Direktor Ernst Lemberger: »Die wirt-
    schaftlichen Verhältnisse Galiziens in der Gegenwart«;
    am 18. März Br. Expräs. Dr. Knöpfmacher: »Religiöse
    Strömungen der Judenheit in der Gegenwart«;
    am 1. April Br. Dr. Wilhelm Schneeberger: »Freie Rechts-
    findung«;
    am 15. April Br. Prof. Dr. Braun: »Die Leistungen der ersten
    jüdischen Fürsorgestelle für Lungenkranke im Jahre 1912«
    und Br. Expr. Dr. Kohn: »Bericht über die Tagung des
    s. w. Generalkomitees«;
    am 6. Mai Br. Dr. Max Jerusalem: »Die Arbeitsteilung im
    ärztlichen Berufe«;
    am 23. September Br. Dr. Ehrlich: »Der XI. Zionistenkongreß«;
    am 7. Oktober Br. Karl Klemperer: Über den ersten Jahr-
    gang der Volksschriften über die jüdische Religion«;
    am 21. Oktober Br. Prof. Dr. Wilh. Jerusalem: »Ein christlicher
    Apologet des Judentums«;
    am 4. November Br. Prof. Dr. Freud: »Was ist Psycho-
    analyse?«;
    am 18. November Br. Dr. Schwarz-Hiller: »Die Reform
    des jüdischen Eherechts — eine Kulturfrage«. Diesem letzten
    Vortrage wurden zwei Diskussionsabende gewidmet, an denen
    sich zahlreiche Brüder mit gehaltvollen Ausführungen beteiligten.

    Besonders hervorgehoben wurden bei allen festlichen An-
    lässen innerhalb unserer Vereinigung, daß in diesem Jahre der
    Bund seinen 70. Geburtstag feierte und mit Recht darauf
    stolz sein kann, daß die Vereinigung wackerer Männer in Amerika
    vor 7 Jahrzehnten einen Bund ins Leben gerufen hat, dem heute

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    Tausende und Abertausende von Männern in vier Erdteilen an-
    gehören, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den sittlichen
    Charakter des Judentums zur höchsten Blüte zu bringen.

    Zum Schlusse möchten wir als eines der erfreulichsten
    Symptome des abgelaufenen Jahres den regen Besuch der
    Arbeitssitzungen anführen. Wenn der Eifer der Brüder in stetem
    Wachstume begriffen ist und das Interesse an der Arbeit für
    unsere Ziele mit solcher Begeisterung in unserer Mitte erhalten
    bleibt, können wir mit Befriedigung von diesem Jahre Abschied
    nehmen und getrost dem neuen Jahre entgegengehen.

    Dr. Max Eisenstädter,
    prot. Sekretär.