[Diskussionsbemerkungen Freud zu:] Hollerung ›Erfahren und Erleben‹ 1909-428/1909.01

Rank, Otto (1909-428/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freud zu:] Hollerung ›Erfahren und Erleben‹

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    1. Vortragsabend
    am 20. Oktober 1909.

     

     

     

    Erfahren und Erleben.

    Oberstabsarzt Dr. E. Hollerung.

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    Diskussion.

     

    Federn hebt hervor, dass er schon deshalb nicht auf alle Details ein-
    gehen könne, weil der Vortragende selbst darauf hingewiesen habe, dass
    manches sehr willkürlich angenommen sei. Das Wesentliche daran scheine
    ihm, dass der Vortr. in sehr wichtiger Weise zwischen Erfahren und Erleben
    unterschieden habe. Diese Unterscheidung dürfte in bezug auf die
    Neurosenbildung grossen Wert zukommen. Verschiedene Symptome der
    Neurosen scheinen dadurch charakterisiert, dass der Neurotiker
    erfahren und erleben könne wo dem Normalen das eine oder das
    andere nicht mehr oder noch nicht möglich sei. Einen Teil der
    Disposition zur Neurose könne man darin sehen, dass diese Kranken
    durch eine vorzeitige Trieb- und Instinkt-Entwicklung früher er-
    leben, wo andere nur erfahren können und auch noch später er-
    leben können. Man könnte die Psychanästhesie dahin definieren,
    dass diese Kranken nur Erfahrungen statt Erlebnisse haben. Der
    Neurotiker wiederum hat Erlebnisse ohne vorausgegangene Erfahrungen
    und wir können die Analyse auch dahin charakterisieren, dass wir durch
    die nachgebrachte Erfahrung die Wirkung dieser Erlebnisse abzustum-
    pfen suchen.

    Stekel konstatiert, dass er heute etwas erlebt habe ohne etwas
    erfahren zu haben. Sein negativer Standpunkt gegen diese organischen
    Dinge habe bewirkt, dass er nicht apperzeptionsfähig gewesen sei.
    Dennoch schliesse er sich dem Danke des Vorredners an.

    Wittels bemerkt, dass auch er diesen teils abstrakten und psycho-
    physischen Gedankengängen nur zum Teil folgen konnte, da er
    dieser Richtung sehr ferne stehe. Doch müsste man länger über
    diese Dinge nachdenken um darüber ein Urteil abgeben zu können.

    Adler hat den Eindruck, dass der Vortragende uns eine grosse
    Überraschung bereitet habe. Er halte zwar die Darlegungen in

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    ihrer heutigen Form für Phantasterei, aber diese habe eine Per-
    spektive und dieser wegen wäre sehr zu wünschen, dass die
    Arbeit bald in extenso vorliegen möchte. Hervorheben möchte
    er einen Gedanken, der ihm selbst vorgeschwebt habe: dass das Gehirn,
    das Zentralnervensystem in seinen Leistungen einer gewissen Überschätzung
    unterliegt und dass wir wohltun würden uns an die Entwicklung zu
    erinnern, die das Grosshirn nicht weit von den Sinnesorganen
    stellt. Wir haben es vielleicht auch hier mit einem Organ zu tun,
    das bloss registrierend vorgeht und nicht autonom. Der Perspektiven
    sind mehrere, aber nur auf 2 sei besonders hingewiesen: 1. dass
    wir, besonders in der Erforschung der Neurosen, immer nach dem
    Gedanken zusteuern, dass wir es mit einem Chemismus zu tun
    haben, worauf ja auch Freud hingewiesen hat. Die zweite Perspektive
    betrifft das Problem der Vererbung (auch die Geschlechtszellen werden
    ja fortwährend tangiert). Aus zahlreichen Arbeiten der letzten Jahr-
    zehnte (es sei nur Pawlow genannt) gehe hervor wie innig der Che-
    mismus mit dem Seelenleben zusammenhänge; ähnliche Untersuchungen
    über den geänderten Chemismus des Blutes und der Geschlechtszellen
    wären ihm nicht bekannt und darum halte er den heutigen Vor-
    trag für eine wertvolle Anregung.

    Dr. Tausk (als Gast) möchte im Gegensatz zu Adler, der das phy-
    siologische Problem als die Hauptsache des heutigen Vortrags erfasst
    habe, das erkenntnistheoretische in den Mittelpunkt stellen.
    Wenn man von einem Chemismus spreche, so könne man das nur als
    Analogie verstehen: nämlich dass sich die psychischen Vorgänge
    nach jenen allgemeinen Gesetzen abwickeln in denen sich
    überhaupt die mechanischen Vorgänge abwickeln. Was nicht
    gesagt ist, das ist die Qualität; wie funktioniert dieser
    Chemismus damit wir zur Qualität kommen? Das ist die gesamte
    Frage der Erkenntnistheorie.

         (Adler möchte richtigstellen, dass es sich hier darum handle, dass
    die Eindrücke der Aussenwelt erst das Blut passieren müssten
    um als Empfindung zu erscheinen.)

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    Reitler meint, der Vortrag habe deshalb im grossen und ganzen be-
        fremdend gewirkt, weil er die Bedeutung einer vorläufigen Mitteilung
        habe; es wäre darum zu wünschen, dass er in extenso vorläge. Heute
        möchte er nur einige Details hervorheben. Es sei auffallend, dass der
        Vortragende dem Tier das Ichbewusstsein abgesprochen habe. Auch sei
        nicht klar geworden, wie der Vortr. den Unterschied von Gefühl und
        Empfindung — dass der Chemismus des Blutes das Gehirn beein-
        flusse sei zweifellos (wie Rauschzustände, Narkose etc. zeigen); dass das
        eine Absonderung vom Gehirn notwendig mache möchte er be-
        zweifeln. Schliesslich müsse man den Anspruch, das unbewusst
        Psychische erscheine wie der Begriff des hölzernen Eisens, energisch
        zurückweisen.

    Hitschmann hätte auch das Bedürfnis ein paar freundliche Worte
        über den Vortrag zu sagen, der offenbar viel Mühe gekostet hat.
        Er möchte aber Bedenken erheben gegen die Darstellung psychi-
        scher Vorgänge auf Tafeln; das Inkommensurable des Psychischen
        verbiete diese Darstellungen. Er kann sich des Eindrucks nicht
        erwehren, dass dieser Vortrag eine Kombination darstellt zwischen
        dem psychologischen Verein an der Universität (dessen Mitglied
        Herr Oberstabsarzt H. ist) und unserer Vereinigung darstellt. Da-
        her auch der grosse Widerwille gegen das unbewusst Psychische.
        Die von Adler hervorgehobenen Ausblicke auf den Chemismus
        und die Vererbung scheinen ihm nichts neues zu bieten. Er
        könne aus dem Ganzen nichts für sich gewinnen.

        Dr. Eitingon (aus Zürich zu Gast) möchte wohl die daraus er-
    schlossenen Perspektiven zugeben; diese beziehen sich je-
    doch auf Gebiete, welche nicht die unsrigen sind. Es sei kein
    Zufall, dass für das Unbewusste kein Raum sei: Nachdem das
    Ontologische gestreift wurde, möchte er das Methodologische
    berühren. Man versucht immer wieder die ganze Bewegung
    dadurch zu sanktionieren, dass man ihre physiologische Pro-

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    babilität zu erweisen suchte. Dadurch aber verlieren unsere
      Probleme ihre Bestimmtheit, es kommt etwas Verschwommenes
      heraus. Alle Andeutungen von Adler waren ja berechtigt,
      aber sie führen in andere Gebiete. Die einzige Frage nach
      der Methodologie der Psychoanalyse blieb noch zu stellen und
      zu beantworten. Muss ein Analytiker an den psycho-physischen
    Parallelismus glauben? Ich meine, er braucht das nicht. Er
    soll das nicht und darf es nicht. Das beste ist hier der Pluralis-
    mus: jeder sehe wie er es treibe damit er auf seinem
    Gebiet zu möglichst guten Problemen und adäquaten Lö-
    sungen komme. Derartige Hypothesen mögen dort ihre
    Anwendung finden wo sie fruchtbar sind nicht da, wo
    sie gerade das Wesentliche hinauswerfen. Das war ein metho-
    dologischer Missgriff des Vortragenden.

    Professor Freud hat Gründe sich bescheiden zu verhalten. Vor allem
      weil es sich um ein Thema und eine Bearbeitung handelt,
      der er nicht gewachsen ist. Er traue sich nicht zu bio-
      logisches und psychologisches Denken miteinander zu vereinen.
      In diesem Sinne möchte er dem Vortr. seine Anerkennung
      und Bewunderung aussprechen, dass er den Schwung dazu
      noch gefunden habe, Probleme, die vielleicht ein Jahrhundert
      nach uns auf der Tagesordnung stehen werden, in Angriff
      zunehmen.

        Es hat ihn verwundert in der Rede des Oberstabsarztes ein
    aristotelisches Argument zu finden: dass das Gehirn keine
    Empfindung vermittle keine weil es selbst keine habe. Man
    darf da nicht vergessen, dass bei den Griechen der Satz
    selbst logischen Wert hatte. —

        Die Semnonschen Anregungen, von denen ausgegan-
    gen wurde, scheinen aber überschätzt zu sein.

        Auf eine Lücke im Gedankengang muss er hinweisen

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    werden, die auch geeignet sei, das Gehirn wieder zu Ehren
    zu bringen. Gewiss entsteht das Gefühl im Körperinnern;
    heisst das aber, es entstehe dort etwas, was anderswo als
    Gefühl wahrgenommen wird oder wird es dort selbst wahrge-
    nommen wo es entsteht? Im ersteren Falle haben wir einen
    Riss in der Kontinuität der seelischen Vorgänge. Das Ge-
    fühl muss vom Gehirn wahrgenommen werden. Was wir
    das Gefühl heissen muss irgendwie ins Gehirn kommen, sonst
    kann es nicht auf die andern Leistungen wirken.

        Die Bemerkung, dass unbewusst Psychische erscheine
    widersinnig läuft auf einen Wortstreit hinaus, der wissen-
    schaftlich ohne Interesse sei.

     

    Oberstabsarzt Hollerung bemerkt in seinem Schlusswort, er
      glaube in betreff des Unbewussten missverstanden worden
      zu sein. Er stehe auf dem Standpunkt des agnostischen
      Monismus. Er sei ein Gegner des Dualismus, auf dem die
      heutige Psychologie fusse. Man könne von Psychologie als
      Wissenschaft nicht reden, es geht nicht ohne Rück-
      sicht auf Objektive, aufs Somatische. Was wir psychisch
      nennen ist nur ein geringer Teil des sich äussernden
      organischen Systems. Gerade die Verdrängung müsste
      von dieser Seite aus ins beste Licht gestellt werden
      können. Er habe die Überzeugung, dass das, was wir unbe-
      wusste Vorgänge nennen materielle Veränderungen
      seien. —

        Er sei sich bewusst, dass seine Ausführungen hypo-
    thetisch seien, aber Hypothesen seien unvermeidlich.
    Sein Versuch sei verzeihlich dadurch, dass er bezweckte,
    das Psychische von einem einheitlichen Standpunkt auf-
    zufassen.

     

     

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