[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Friedjung ›Was kann die Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung erwarten?‹ 1909-431/1909.01

Rank, Otto (1909-431/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Friedjung ›Was kann die Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung erwarten?‹

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    5. Vortragsabend
    am 17. Novemb. 09.








     

    Was kann die Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung
                                                                        erwarten?


     

    Dr. Friedjung. |   

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    Der Vortr. erwähnt zunächst eine eigene Arbeit aus dem Jahre 1903, worin er
    jedoch die Breuer-Freudschen „Studien“ trotz ihrer Kenntnis nicht ver-
    wertet habe, weil er nicht wusste wie.

          Überdies gebe die Ambulanz im Spital, auf die er damals angewiesen war,
    ein falsches Bild und man beginne erst, etwas zu lernen, wenn man die
    Kinder in ihrem eigenen Milieu, im Hause, sehe. Eine weitere Schwierig-
    keit sei, dass man die Anamnese meist aus fremdem Mund habe und in der
    Regel sehr subjektiv (von den Eltern) und lückenhaft erhalte.

          Erst bei der Milieu-Beobachtung sehe man, welch grossen Einfluss die
    Umgebung auf das Kind übt. Wie z.B. die Ankündigung des Widerstandes
    („es wird sich nicht messen lassen“) diesen Widerstand erst recht festigt
    und wie nach Entfernung der suggerierenden Eltern eine völlige Änderung
    eintrete. In solchen Fällen erhält man nicht selten auf Erkundigung,
    ob das Kind schlecht schlafe, ob es an Enuresis, Anorexie, Ängstlichkeit
    vor Fremden, Erbrechen, finsterem Zimmer leide, eine bejahende Antwort.
    Vom „ungezogenen“ Benehmen der Kinder zu krankhafter psychogener
    Symptombildung gebe es eine Anzahl von Übergängen.

          Der Vortr. geht nun auf eine Anzahl von diesen Krankheitsbildern
    kursorisch ein. – Die Monosymptomatik der Kinderneurosen sei nach seinen
    Erfahrungen nur scheinbar. Immerhin zeigen sie durch Variabilität des
    einen Symptoms eine grosse Mannigfaltigkeit.
    Im Vordergrunde stehen:

    I die Erscheinungen an den Verdauungsorganen, die ja besonders stark
    in Anspruch genommen, leicht zu Erkrankungen neigen. Beide Enden
    des Ernährungstraktes sind übrigens bedeutende erogene Zonen.

          1. Anorexie, die schon im Säuglingsalter auftrete, vielleicht organisch
          bedingt sei und sich häufig bei späteren Kindern findet. Es sei wahr-
          scheinlich, dass die hyst. und melancholische Anorexie Erwachsener
          in dieser infantilen A. das Vorbild habe. Furcht vor Gift spiele dabei
          eine Rolle.

          2. das habituelle Erbrechen, das schon in der Säuglingszeit in die

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          späteren Kinderjahre mitgenommen werde. Bei vielen Kindern beginnt
          oft jede beliebige Krankheit mit Erbrechen. Besonders interessant
          sei das pathol. habit. Erbrechen bei den schulpflichtig gewordenen
          Kindern, das oft epidemisch in der ersten Klasse auftrete.

          3. Obstipation sei das Widerpart, der häufige aber dabei normale Stuhlgang,
          mit dem offenbar ein grösserer Lustgewinn erzielt werden soll. In
          manchen Fällen ist die psychogene Ursache der Obst. nicht ohne nachweis-
          bar.

          4. Prolaps, dessen psychogene Ursprung man in manchen Fällen vermuten
          muss. Er scheine überhaupt ein durch Überdetermination ausgezeichetes
          Symptom zu sein. Vielleicht verberge sich bei grösseren Mädchen eine
          Entbindungphantasie dahinter; bei Kindern, die wenig geliebt sind
          oder so glauben spielt vielleicht die Pflegetracht eine Rolle.

          5. Schmerzanfälle. Oft wird ein Ulcus rot. ventr. kopiert, wobei es
          sich meist um Identifikation mit einer Verwandten handelt, die
          daran litt. Die ins Abdomen verlegten Schmerzanfälle lassen keine org.
          Grundlage auffinden und sind therap. leicht beeinflussbar.

    II. Atmungsorgane.

          1. Verhauchen, das psychisch bedingt scheint.

          2. Asthmat. Bronchitis, nicht undenkbar, dass auch sie psycho-
          gener Natur seien.

          3. Pertussis, die bei neurotischen Kindern jede Bronchitis be-
          gleitet, meist vorgetäuscht und aggraviert.

          4. Die anderen Erscheinungen der Atmungsorgane nur andeutungsweise
          Schlucksen, Rülpsen, Schreikrämpfe.

          5. Sprachstörungen.

                a.) absoluter Mutismus, mehr häufig, suggestibel leicht zugänglich.

                b.) Aphonie, wie bei erwachsenen Hyst. kommt auch vor.

                c.) Stottern, das plötzlich bei vorher gutem Sprechen auftritt, meist
                bei einzigen oder jüngsten Kindern, die aus dem Milieu ge-
                bracht oft sehr gut und fliessend sprechen.

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    III. Harnorgane.

          1. Enuresis noct., die trotz Freud nicht aus dieser Gruppe ausge-
          schieden werden kann. Fall eines Mädchens, mit Substitution der
          Enuresis für die Ejakulation.

          2. Pollakisurie, bei Knaben zwischen 1 1/2 u. 3 Jahren nicht selten.

    IV. Krämpfe

          1. Grimassieren.

          2. Blinzeln.

          3. Stereotypien; eine etwas theatralische Form der Onanie.

          4. Zwerchfellkrämpfe (Fall eines Mädchens)

          5. Grobe Anfälle, die bei Kindern Besonderheiten aufweisen.

    V. Lähmungen,                    ←

          1. Asterie-Abasie, relativ häufig und leicht heilbar

          2. Nach Diphtherie

          3.    "    Verletzung.

    VI. Psychische Alterationen :

          1) Schlechter Schlaf, bei Kindern, die von den Eltern ins Bett genommen
          und eine Zeitlang herumgetragen werden.

          2. Übertriebene Ängstlichkeit, die relativ dunkelzeitig ist und über deren
          Quelle nichts mehr zu sagen ist.

          3. Pavor nocturnus, über den sich noch nichts Rechtes sagen lässt.

          4. Angstzustände und Phobien über die Beteiligte Erfahrungen hat.

                    nach Poliomyelitis. —


     

    Die Methodik der Forschung ist eine schwere und wird jedenfalls eine
    andere als die psychoanalytische sein müssen. Vor allem ist nötig möglichst
    gründliche objektive Beobachtungen, statt subjektive Angaben, zu
    sammeln und dann per analogiam vom Erwachsenen her auf diese
    Zustände zu schliessen, die sich doch durch eine relative Einfachheit aus-
    zeichnen.

          Von grosser Wichtigkeit sind diese Krankheitsbilder wegen ihrer päda-
    gogischen und prophylaktischen Verwertung. Wenn erst die Kinder-

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    ärzte, Erzieher und Pfleger mit diesen Verhältnissen vertraut sein werden,
    wird die Zahl der Neurotiker in späteren Jahren erheblich vermindert
    werden.

          Die Therapie ist ja bis jetzt nicht vernachlässigt worden. In vielen Fällen
    genügt die einfache Milieuänderung oder Änderung in der Einwirkg.
    der Umgebung um die Symptome zum Verschwinden zu bringen. Es sei
    jedoch möglich, dass damit eben nur das Symptom geheilt sei, das später
    sich wieder einstellen könne. Zunächst wolle man einen befriedigenden
    therapeutischen Erfolg, da ja in diesem jugendlichen Alter die Kon-
    flikte selten schwer sind. Ist das der Fall mit versagt auch diese Therap.
    Wohl spielt die Sublimierungsfähigkeit des Kindes bei der Heilung eine
    gross Rolle, so dass es ihm in einer anderen Umgebung gelingen kann, die
    patholog. Hemmungen zu sublimieren.

          Das Gebiet der Forschung sei aber ein ungeheuer grosses und die Ar-
    beitskraft eines einzelnen reicht nicht hin, auch nur einen Teil der
    Aufgaben zu bewältigen.


     

    Diskussion:

          Hitschmann betont, man habe in der Methode des Vortrags den echten
                Praktiker herausgesehen. Bei einer anderen Betrachtungsweise hätten
                sich vielleicht auch andere Gesichtspunkte ergeben. Die Kinderheil-
                kunde, soweit sie sich mit der Psychologie des Kindes befasst, kann
                noch grössere Fragen lösen. Wenn man bedenkt, wie das Kind früher so
                naiv angesehen wurde und wie es durch unsere Betrachtung an Bedeutung
                noch gewonnen hat, dadurch, dass es so unübersehbar komplex ist.
                Innerhalb der Sexualität wird sich gewiss noch anderes finden, was an
                seinem Charakter und an seiner Entwicklung Anteil hat.

                Es wird festzustellen sein, was von diesen Erscheinungen u.
                Symptomen ubiquitär ist, was pathologisch und was die Frucht der
                einzelnen Symptome bedeuten. Aber die Möglichkeit einer
                Analyse am Kind finde sich schon in den früheren Schriften Freuds
                eine Stelle wo sie für unmöglich erklärt wird resp. dass erst

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    eine Methode für sie gefunden werden müsste.

          Einige Beobachtungen wären noch zu ergänzen, so dass Kinder
    auch aus Angst erbrechen können. Das lange Verweilen auf dem
    Loche eine sehr häufige Erscheinung sei. Ob nicht hinter dem
    Pseudokrupp auch etwas besonderes steckt. Die Nervosität an der
    Pertussis kann nur ein relatives sein. Das über den Prolaps Gesagte scheint
    ihm nicht sehr wahrscheinlich. — Sehr interessant seien die hyst.
    Kinder, die in gewissem Sinne der Theorie zu widersprechen scheinen,
    da bei hyst. Sympt. ohne Reminiszenzen zustande kommen.

    Reitler hat den Eindruck das die psychoanalyt. Forschung von Friedjung
          recht viel zu erwarten habe. Die Hauptaufgabe möchte er darin
          sehen, die neurotischen Züge der Säuglinge festzustellen, die
          prinzipielle Frage, ob es eine Säuglings-Hysterie gebe, möchte er be-
          jahen; er verfüge über einige solche Fälle, zu deren Erklärung
          man natürlich ausschliesslich auf die Vererbung rekurrieren
          müsse. Das Psychogene müsse in der früheren Generation liegen.
          Zu den auf sexueller Grundlagen zu bezeichnenden Krankheitsformen
          rechnen wir auch die Migräne, die wir als Autointoxikation durch ein
          Sekret der Sexualdrüsen auffassen. Er selbst habe unter schweren
          Migräne Zeit seines Lebens gelitten und soll dieselben schon als Säugling
          gehabt haben.

          Ein zweiter wichtiger Punkt sei die Nachforschung nach den ersten
    Erektionen und bei welchen Kindern diese besonders frühzeitig
    auftreten (bei einem 5 Wochen alten Säugling beobachtet), und
    wann sie sich nach der Säuglingszeit (mit 4–5 Jahren) wieder ein-
    stellen.

          Zum Ersatz der Pollution durch Enuresis ein bestätigendes Detail aus einer
    Krankengeschichte. Ein intensives an seine Mutter fixiertes Pat. geht
    nach ihrem Tod an ihr Grab um sich dort zu erleichtern. Er kommt
    aber davon ab, geht beim Verlassen des Friedhofs in ein Pissoir und
    hat während des Urinierens die Halluzination, das geschehe auf dem
    Grab der Mutter. Es ist in dieser Weise den Sexualverkehr mit

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    ihr in infantiler Form aus.

          Die Verletzungen des Kindes dürften sich meist auf Stellen beziehen,
    was ihnen gleichbedeutend mit Sündenfall sei.

    Heller kann von seinen eigenen Kindern einiges bestätigen. So das Er-
          brechen in der Schule, wozu es beim Inbeziehungstehen nie kam.
          Auch die Verdauungssymptome haben sich stark fühlbar gemacht,
          der von Hitschmann erwähnte Hauptsatz sei richtig. Im 3./4. Lebens-
          jahr stellte sich bei ihm neben dem Erbrechen ein Zwang zum Beine-
          ein (der sich bes. gegen seinen Bruder richtete), der nach einiger Zeit
          wieder verschwand. Auch habe er eine merkwürdige Abneigung gegen
          das Kauen und Gekautwerden.

    Adler bemerkt, man müsse dem Vortragenden des Materials ja Dank ver-
          pflichtet sein, wenn es auch nicht überall ausreichende Er-
          klärungen gegeben habe. Es gehe nicht an, viele Symptome als Kot-
          ersatz oder Pollutionsakte zu nehmen; es handelt sich dabei sicher
          um etwas Analoges aber es fehlt die Begründung, dass man es
          mit einem Ersatz zu tun habe. Ebenso wenig kommt man bei vielen
          Symptomen mit der Annahme aus, dass sie nur durch einen
          Affekt (Angst) ausgelöst sind, sondern es haben andere Affekte
          den gleichen Rang (Wut, Ärger). Für einzelne Symptome könne man
          nicht umhin, die von ihm betonte Erklärung anzunehmen; nämlich
          eine ursprünglich angeborene Minderwertigkeit, die bes. bei den
          Sympt. der ersten Lebensjahre deutlich hervortrete. So zeigen ca 10–25%
          aller Kinder Spuren von Stottern in 2/3 Lebensjahr; es gehe also nicht an,
          das als Ausdruck einer Neurose anzusehen. Es sind neben dem Stottern
          gleichzeitig organische Anomalien zu finden in den Sprechorganen.
          Wichtiger wird dieser Hinweis durch die Heredität; er habe ähnliche
          Fälle wie Reitler gesehen. Vielleicht wird sich herausstellen, dass
          eine solche primär ausgebildete                      der Krankh. in der Neurose
          wiederkehrt; aber natürlich mit einer ganz anderen Bedeutung,
          mit anderen Deternimationen und in einem neurotischen Sinne.

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    So auch mit der Enuresis und mit vielen andern Kinderfehlern, von denen
    das Erbrechen eine besondere Hervorhebung verdient. Bei Säuglingen
    kann man es aber nicht als neurotisch ansehen. Es scheinen da primäre
    Minderwertigkeiten des Ernährungstraktes vorzuliegen, die später
    durch besondere Bedingungen fähig werden in der Neurose aufzu-
    treten und ihre Rolle zu spielen. Dieser Unterschied in der Wertig-
    keit eines solchen Symptoms muss beachtet werden, weil sonst
    die Scheidung von Kinderfehler und neurot. Symptom ungemein schwie-
    rig wird.

          Bei Kindern, die schlecht schlafen, handelt es sich um Phantasien,
    im Anschluss an Tageserlebnisse, wobei sich hat eine bestimmte Frage-
    stellung ergibt. So bei einem Knaben die Frage, was mit ihm ge-
    schehen werde, wenn er gestorben sei, worunter sich die Frage ver-
    birgt woher er gekommen sei. Das Kind wird zum ersten mal von
    Problem der Entstehung des Menschen erfasst. Man kann aber nicht
    sagen, diese Fragestellung sei ein neurotisches Symptom, weil
    sie beim Knaben auf Unkenntnis beruht; beim Erwachsenen
    wird es nun wieder als neur. Symptom verwendet.

    Freud : Die Frage, was die Psychoanalyse vom Kinderarzt erwarte, lässt sich
          allgemein dahin beantworten, dass sie ihre Begründung und Veri-
          fizierung von ihm erwarte. All die Dinge, die wir behaupten, gehen
          aufs Kindesalter, sind aber natürlich nicht am Kind gefunden. Sie ha-
          ben einen Wert dann erst, wenn sie der Kinderarzt bestätigt.

          Unter den speziellen Fragen wären einige hervorzuheben, die sich
    bei fortgesetzter Beobachtung leicht beantworten liessen; d. h. prin-
    zipiell bedeutsame Fragen: vor allem ob eine solche Entwicklung
    zur späteren Normalität und Kultur, wie wir sie postulieren, wirklich
    statthat. Der Kinderarzt hat zu beobachten, wie weit sich die sog. späteren
    Perversionen im Kindesalter zeigen, wann sie verschwinden und was
    etwa an ihre Stelle tritt. – 2) ob man den Anteil der der Heredität heute
    über- oder unterschätzt, wie viel davon Pseudoheredität ist, d. h. auf
    die Beeinflussung durch die Eltern in den ersten Lebensjahren geht.

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    3) das Verhältnis der angeborenen Minderwertigkeiten zu den späteren
          Entwicklungsstörungen und Funktionsdefekten festzustellen, was beim
          Kinde leicht zu übersehen sein wird. Den Übergang von funktionellen
          Abweichungen zur späteren Neurose muss man genau feststellen.
          Der Kinderarzt hat es verhältnismäßig leicht durch das leicht zu über-
          blickende Milieu des Kindes uns die entscheidenden Antworten auf
          diese Fragen zu geben, nach denen wir uns dann richten müssen.

          Wir werden dabei, wie sich etwa herausstellen sollte, die prodr.
          Neurosen haben, ihr Vorbild sämtlich im Kindesleben (wo Adler
          deren zweifelhafte Auffassung mit Recht hervorgehoben hat), so
          können wir in den Entwicklungsstörungen der Kinder den Kern der
          späteren Neurose finden. Bei den Zwangneurotikern z. B. sei das evident.
          Im Alter von 6–8 Jahren sei diese Neurose beinahe monosymptomatisch
          auf einen Punkt konzentriert und bereits vollständig da. Es sei die
          Frage, ob nicht alle Menschen in den Kinderjahren eine Art Ele-
          mentarneurose gezeigt haben; ob der Zusammenhang nicht
          noch viel intimer ist als wir uns vorstellen; dass nicht nur die
          Elemente sondern auch das Vorbild schon aus der Kindheit stammt.
          Ob die späteren Neurosen nicht nur eine Vergrößerung einer als Neurose
          zu bezeichnenden Schöpfung des späteren oder mittleren Kindes-
          alters ist. — Dann wären wir über die Herkunft der Neurose vollkom-
          men im Klaren und hätten zwischen den Krankheitskomplex und die spätere
          große Neurose die Elementarneurose als Zwischenstufe einzuschalten.
          Der Kinderarzt kann nun die Neuordnung entscheiden in die psychisch
          bedingten Äußerungen der Neurose und in einen Kern, der
          in die frühesten Lebensjahre fällt; ferner was von diesem Kern
          auf die Entwicklung zu schieben ist und was der Heredität zuzuschrei-
          ben wäre. Vielleicht wird sich zeigen, dass hinter allem psychisch
          Bedingten etwas anderes steckt. —

          Die Einwendung, dass die Kinderhysterie keine Reminiszenzen
          zulassen, scheine hat Jung ad absurdum gemacht. Dabei sind zwei Vernach-
          lässigungen unterlaufen: 1) Bei einer im 6./8. Jahr auftretenden

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          Kinderhysterie dürfen wir die Vorgeschichte keineswegs unterschätzen, da
          die entscheidenden Eindrücke in das 2.–4. Lebensjahr fallen. Bei diesen
          Reminiszenzen wird die mangelnde Fortdauer durch die Form der
          Veränderungen innerhalb kurzer Zeit wettgemacht. 2.) nehmen
          wir an, dass es keine Verdrängung gibt, die nicht einen organischen Kern
          hat; diese org. Verdrängung bestehe im Ersatz von lustvollen Empfindungen
          in unlustvolle. — Wahrscheinlich sei die Ablösung des Menschen von
          der Erde mit eine Grundbedingung zur Neurose; die Hautbesempfin-
          dung gerade durch diese Ablösung in Verdrängungetzung, weil
          sie wertlos wird. So beginnt auch die Verdrängung der koprophilen Nei-
          gungen je grösser das Kind wird, je mehr es sich von der Erde erhebt.
          Bei dieser org. Vdrg. spielt die Psychische noch keine Rolle; es ist die
          Verdrängung lustvoller Empfindungen in unlustvolle, welches wir
          als ein Stück der Kultur bezeichnen. Diese Vdrg. kann auch
          eine Hysterie beim Säugling, ja selbst beim Tier nötig möglich machen. Wo
          da die Grenzen zu ziehen sind, das kann nur die Beobachtung sagen.
          Das ganze Leben von der Neurose ist unvollkommen, so lange über
          den organ. Kern der Verdrängung nicht Licht verbreitet ist.

          Bei der Angst müsse man daran erinnern, dass das Kind die
          Angst vom Geburtstrakt her habe. — Freud sei bemerkenswert, dass
          jeder Affekt sich ursprünglich als ein hysterischer Anfall darstelle.
          Es sei nur die Reminiszenz an ein Erlebnis; so würde uns auch über
          die Entstehung des Affekts die Kinderbeobachtung Aufschluss geben. — Die meisten
          Kinder haben ein Trauma von dem an sie sich die hysterische be-
          nehmen: das sei die Entwöhnung von der Mutterbrust, die als be-
          deutsames psychisches Trauma für die Ernährungslust in Betracht
          komme. Von da an geht die Vdrg., deren Grund wie man sieht eine
          unlustvolle Reminiszenz zum Kern (wie auch bei der psych. Impot.)
          die betreffenden Personen schämen sich z. B. von da an mit der
          Milch.

          Der Kinderarzt wird auch gut tun, gewisse Vorläufer der Kinder
          zum Krankheitsbild heranzuziehen: ob es das erste oder letzte

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    Kind ist, was gerade vorgefallen ist (Geburt, Todesfall etc): kurz den ganzen
    Familienstatus. Auf diese Art wird sich herausstellen welchem
    Anteil des Psychischen den geschilderten organischen Erkrankungen
    zukommt. Unsere Aufgabe ist es nicht die "og. Pathologie zu verdrängen
    sondern den psychischen Beitrag überall nachzuweisen.

          Die Technik dieser Kinderforschung sei nicht so aussichtslos wie
    es scheine. Man wird sich dazu einer geschickten Pflegerin (in beson-
    günstigen Fällen der Mutter selbst) bedienen, die das Kind fortlaufend
    beobachten und alles von Belang Scheinende mitteilen muß; also
    ähnlich wie bei Geisteskranken die indirekte Beobachtung.

          Die Kinderforschung wird sich wohl eine Weile noch von den bei
    Erwachsenen gewonnenen Erfahrungen beherrschen lassen
    müssen. Das ist aber nicht der ideale Zustand.

          Die Therapie der nervösen Zustände der Kinder wird immer eine große
    Schwierigkeit haben: die Neurose der Eltern, die eine Mauer vor der
    Neurose der Kinder bilden wird. |

    Wittels scheint Friedjung der richtige Mann, um auf einem Gebiet,
    das der Phantasie so viel Spielraum gewähre, den scharf be-
    obachtenden Trieb des Naturforschers innezuhalten. Diesem Vor-
    zug stehe der Nachteil gegenüber, den er allgemeine Gesichtspunkte
    viel zu wenig berücksichtigt habe. So zb. die Frage, was die Kinderer-
    ziehung von den bisherigen Ergebnissen der Psychoanalyse zu
    lernen habe. Seinen eigenen Standpunkt in dieser Frage habe er
    wiederholt präzisiert: man dürfe die Kinder nicht erziehen, weil
    man sie nicht erziehen könne. Man soll sich um die Kinder gar
    nicht kümmern.

          Neben der von Freud hervorgehobenen Folge der Entwöhnung möchte
    er als "ethische" Folge derselben darauf hinweisen, daß das Indi-
    viduum in einen kolossalen Pessimismus gedrängt wird; den diese
    Trauma den Kern zu einer ganz besonders tiefen Entrüstung in der
    Kinderseele lege, die sich dann als gewisse "primäre Entrüstung"
    im Seelenleben des Erwachsenen äußern könne (als Satiriker, der

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    der sich täglich über etwas anderes entrüsten müsse, etc.). Es erscheine da-
    her eine sehr langsame und vorsichtige Entwöhnung geboten, vielleicht
    sogar gar keine.

          Heute könne man ein Kind nicht psychoanalysieren; später werde man
    vielleicht dazu gelangen, die Neurose auch schon in den Anfangsstadien
    beim Kinde zu behandeln.

    Furtmüller möchte sich als Laie in mediz. Dingen nur auf das Gebiet
    der Erziehung beschränken. Wittels' Grundsatz, man dürfe nicht
    erziehen, habe wohl nur soweit Gültigkeit als W. unter erziehen
    schon das schlechte Erziehen verstehe. Was die Pädagogen von der
    ganzen Freudschen Anschauungsweise zu erwarten haben, sind
    Anhaltspunkte für eine vernünftige Erziehung, welche die dem
    Kinde bevorstehenden Konflikte voraussieht und rechtzeitig vor-
    baut. Die planmäßige Fernhaltung gewisser Schädlichkeiten
    sei auch Erziehung zu nennen. Das wichtigste und nächste Ziel müsse
    daher die Erziehung der Eltern und Pflegepersonen sein; damit
    würde natürlich ein Einfluss auf das Kind Hand in Hand gehen.

    Déczi möchte nur zu einigen kleineren Fragen sich äußern. Czerny glaubt
    nicht, dass der Pertussis eine Infektionskrankheit sei (Hitschmann:
    es ist durch Tierversuche erwiesen).

          Erektionen habe er bei einem 6/7 monatigen Kind gesehen.

          Zur Folg. gewisser Sinnesgebiete (Nase) sei an die Bemerkung des
    Tierpsychologen Zell zu erinnern, dass es Augen- (Mensch, Affe) und
    Nasentiere gebe.

          Die Beobachtung des Kindes außerhalb seines Milieus solle
    die häusliche Beobachtg. ergänzen.

          Zur Frage, wie lange ein Kind "Säugling" genannt werden könne, sei
    Bumkes Beobachtung zu erwähnen, der die Möglichkeit der Milch-
    ernährung mit einem gewissen Eisenüberfluss in der Leber in Ver-
    bindung bringe.

    Stekel kann sich nicht vorstellen, was Freud unter der org. Vdg.
    versteht; für ihn gabe es nur eine psychische Volg. ins Organische

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    hinein. - Die Entwöhnung könne vielleicht ein Trauma sein. Der
    Ekel vor der Milch sei nach seinen Erfahrungen nicht mit der Ent-
    wöhnung in Zusammenhang zu bringen. Es handle sich meist um Ekel
    vor der Haut in der Milch, der daher zu rühren scheine, dass die Kinder
    Milch in der Haut "(aus der Mutterbrust)" getrunken haben und bei der
    Unlustbetonung dieser Haut es dann auf Milch zu trinken.
    Alle Kinder, die plötzlich aufhören zu essen, erweisen den Eltern
    mit dem Essen eine Wohltat und rächen sich dem Aufhören.
    Die Kinderphantasien zu beobachten gehöre auch zu den wichtigsten Auf-
    gaben des Kinderarztes.

          Das Brechen der Kinder, wenn sie in die Schule zu gehen beginnen,
    gebe er zu. Sie haben Angst zu spät in die Schule zu kommen, stürzen das
    Frühstück hinunter und erbrechen dann. Diese Angst muss man
    als Erwartungsangst bezeichnen. Bei solchen Zuständen tritt Brech-
    reiz oder Pollutionen auf, wodurch diese beiden Vorgänge als sexuelle
    demaskiert werden. Es ist nämlich eine ganz andere Erwartung, als
    die, was er in der Schule Neues und Besonderes erfahren soll. Es
    sind das Kinder, die nachts beobachtet und mit Spannung erwartet
    haben, was der Vater mit der Mutter tun wird. Dazu kommt noch
    die Ablösung des Vaters durch den Lehrer.

          Schmerzanfälle der Kinder im Verdauungstrakt sind häufig Ge-
    burtsphantasien (pseudo Appendix).

    Jekels meint, es werde bei konstitutionellen Symptomen in der Kinder-
    neurose vielleicht nichts nützen, durch Sublimierung die
    Symptome beseitigen zu wollen; es werde vielmehr auch da die Analyse
    am Platz sein. Ebensowenig richte man mit der Milieuänderung
    etwas aus. Wittels' Ansicht über die vollkommene Aussichtslosig-
    keit der Erziehung teile er. Die Erziehung der Eltern und Lehrer
    Lehrer wird vielleicht das Resultat haben, freiere Menschen zu er-
    ziehen, weil es viele einsehen werden, dass man die Kinder nicht
    so brutalisieren dürfe wie es jetzt geschieht, um sie für die Um-
    gebung möglichst bequem zu machen.

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    Friedjung:

          Zur Frage der Säuglingshysterie, der er skeptisch gegenüberstehe,
    müßte erst ein großes Material zusammengetragen werden.

          Bei den Stotterern sei er missverstanden worden: er meinte nur die
    Kinder, die schon gut gesprochen haben.

          Die Spei-Kinder sind sicher keine Zufälligkeit; zweifellos habe
    das eine organische und vielleicht sogar eine ererbte Grundlage.

          Auf die Frage der Erziehung möchte er heute nicht eingehen.

          Die Grenze zwischen Säuglings- und späterem Kindesalter scheine
    durch die Zähne gegeben, wodurch das Kind offiziell auf eine andere
    Nahrung angewiesen werde.

          Die Entwöhnung wirke in den meisten Fällen als Trauma; auch
    bei allmählicher Entw.; vielleicht sei die plötzliche noch weniger
    schädlich.



     

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