Rank, Otto (1906-421/1906.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Hollerung ›Über Richard Semons „Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens“‹
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114. Nov: 06:
Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des
organischen Geschehens von Richard Semon.
(Leipzig, Wilhelm Engelmann 1904).
Ref. Oberstabsarzt Hollerung.
Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, die sich bei der
kürzen Wiedergabe von Semons System darbieten, wird auf
das Buch selbst verwiesen. |
Diskussion:
Hitschmann findet, dass Semon eigentlich nur neue Worte
bringt, für Dinge, die uns unter anderen Namen bekannt
sind. Er könne den Wert der Arbeit nur gering anschlagen.
Federn findet auch die Arbeit im grossen und ganzen miss-
lungen. Besonders hebt er hervor, dass Semon die von
Darwin und Nägeli vertretene Lehre der Vererbung der
erworbenen Eigenschaften leugnet. Auch widerspricht
er der Behauptung Semons, wonach Engramme nur durch
bewusste Eindrücke gewonnen werden könnten.
Adler betont die unglückliche Wahl neuerAuffassungWorte
und tadelt das müssige Spielen mit Begriffen ohne auf
ihren Inhalt einzugehen. Auf die Frage, ob erworbene
Eigenschaften vererbt würden, antworte Semon: nur wenn
sie eine gewisse Intensität in der Reihe der Vorfahren
erreicht haben. Nach seiner Adler Meinung spielt bei der
Heredität die organische Minderwertigkeit eine grosse Rolle.
Die Erwerbung einer Eigenschaft sei nie Zufall, sondern
hänge mit der ganzen Natur des Organs innig zusammen.
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| Meisl glaubt, dass die Anwesenden die Arbeit Semons darum
nicht gerecht würdigen, weil sie ihr nicht objektiv gegen-
überstehen. Er selbst könne zwei Beispiele der „Ekphorie
von Engrammen“ anführen. Vor dem Einschlafen stelle
er sich häufig einen seiner Bekannten vor, den er kaum
deutlich sehe; — bei intensiverer Aufmerksamkeit könne
er ihn auch hören: er sei dann immerneugierigdarauf was die
Person sagen werde, habe aber dann den Eindruck, dass er diese
Worte schon gehört habe. Hier sei also ein optisches und ein
akustisches Engramm, von denen eines das andere ekphoriert.
Als zweites Beispiel führt er Helen Keller an, die einst ein
Märchen, die Frostelfen, schrieb, ohne zu wissen, dass
ihr das Vorbild dazu einige Jahre vorher vorgelesen worden
war. — Meisl sieht darin ein Analogon zu den (sexuellen)
Jugenderinnerungen, die anfangs unbewusst en-
graphiert werden und erst später bewusst auftauchen.
Auch der Dichter verwende die unbewussten Jugend-
erinnerungen in den Werken seiner Phantasie,
wobei ihm nicht bewusst wird, dass er das schon
erlebt hat.
Freud sagt, er habe aus dem Buch Semons nur erfahren,
das Gedächtnis auf griechisch Mneme heisse. — Das Buch
sei bezeichnend für jene Pseudo-Wissenschaftler, die
Exaktheit imitieren und meinen, schon etwas geleistet
zu haben, wenn sie mit Zahlen und Begriffen operieren.
Herings Idee, von der Semon ausgeht, sei geistreich und
kritisch, aber von der Arbeit Semons lasse sich nur das
Gegenteil behaupten. Das Recht neue Namen zu geben
stehe doch nurdem Dingeder neue Dinge zu sagen habe. —
Unter anderem hebt Freud noch ein Beispiel für viele heraus:
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den kläglich gescheiterten Versuch Semons, Periodizität und
Gedächtnis zusammen zu bringen. — Der Versuch von Urban-
tschitsch, den Hollering angeführt habe, scheine ihm keine
rechte Beziehung zu Semons Arbeit zu haben. Urbantschitsch
liess nämlich einzelne Buchstaben eines Wortes regel- und zusammen-
hanglos aufschreiben u.vorgelesenvon der Versuchsperson ansehen, die dann die einzelnen
Buchstaben in der Stellung reproduzierte, die sie in
dem Wort, das der Versuchsperson nicht gesagt wurde, wirklich
innehatten. — Freud bringt nun dazu aus seiner Praxis ein
äusserst instruktives Beispiel. In der Jugendgeschichte
einer ziemlich unintelligenten Patientin (einer Frau) kam eine
Scene mit ihrem Bruder vor. Sie erinnert sich nur daran,
dass der Bruder ihr etwas zeigen wollte und sie weggeklappt [sic]
habe: dann habe ein Vorhang die Scene abgeschlossen. — Freud
habe ihr darauf gesagt, das Wesentliche dieser Scene werde ihr
in einem Wort einfallen; als auch das nichts nützte, habe
er, um die Kritik zu überrumpeln, ihr gesagt, dass ihr dieses
Wort in einzelnen Buchstaben einfallen werde, und dass
ihr bei jedem Druck seiner Hand ein Buchstabe einfallen
müsse. So fielen ihr 10 oder 11 Buchstaben ein (bei einem schwankte
sie); diese Buchstaben habe er nun durch Brücken ordnen
lassen; zuerst habe sie die Vokale fixiert, dann die Kon-
sonanten; es habe sich das Wort Madchnvogl (Mädchen-
vogel) ergeben. —
Zum Fall Keller bemerkt Freud, dass Meisl mit Recht die Ähnlich-
keit mit dem Unbewusstbleiben der Kindheitserinnerungen her-
vorgehoben habe. Das Unbewusstbleiben von starken Eindrücken
ist erschwert; bei Erinnerungen geht es leicht. — |
Von der Erinnerung geht eine stärkere Wirkung aus, als v. d. Wahrnehmg.
Hollering berichtet schliesslich noch, dass S. eigentlich auch auf dem
Standpunkt Darwin’s steht. —
Das „Engramm“ sei eigentlich unbewusster, S. vermeide nur dieses Wort.