[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Nietzsche ›Vom asketischen Ideal‹ 1908-422/1908.01

Rank, Otto (1908-422/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Nietzsche ›Vom asketischen Ideal‹

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    Zweiundzwanzigster Vortragsabend
    am 1. April 1908.






     

    Nietzsche: Vom asketischen Ideal (3. Abschn. d. Genealogie
                                                                   der Moral)
    Vorlesung und Diskussion. –

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    H. Hitschmann leitet die Vorlesung mit ein paar Worten ein: ähnlich wie
    er Möbius in der Psychologie getan habe, könne man auch die Hoffnungs-
    losigkeit aller Philosophie als Thema annehmen, wobei die Relativität
    aller Philosophie zum Ausgangspunkt genommen werden könnte. Eine
    Philosophie sei ein aus innerem Drang geschaffenes, von einem Dichterwerk
    nicht sehr verschiedenes Werk.
        Nietzsche könne man eigentlich nicht als Philosophen bezeichnen;
    er sei ein – allerdings durch besonderen Scharfsinn ausgezeichneter –
    Moralist.
        Aus seinem Leben sei das Wichtigste nicht bekannt. Seine Mutter
    soll nach Möbius belastet gewesen sein. Von großem Einfluß auf ihn
    war es, das er fortwährend von Frauen umgeben gewesen sei. Aus dem
    Bericht der Schwester über seine Knabenjahre sei zu entnehmen,
    daß er schon in seinem 13. Lebensjahre das Hauptproblem seines
    späteren Lebens, Ursprung und Entwicklung der Moral, aufstellte u.
    einen Aufsatz über den Ursprung des Bösen schrieb.
        Bei Nietzsche wirke, ähnlich wie bei Winckelmann u. a., eine Liebe
    für Philologie zusammen mit der Vorliebe für die Antike (Kunst) und
    einer mächtigen Neigung zur Freundschaft (Inversion). –
        Auffallend sei bei ihm der Gegensatz zwischen seinen äußeren
    Eigenschaften im Leben und dem Hauptthema seiner Schriften:
    Während er stets traurig u. düster gestimmt war, fließen seine Werke
    von Fröhlichkeit (fröhliche Wissenschaft), dionysischem Jubel und tanzen
    über. Im Gegensatz zu seinem Bild, das ihn fein, zart und
    mitleidig vermuten läßt (was auch berichtet wird) preist und ver-
    teidigt er in seinen Schriften die Grausamkeit und Rachsucht
    (blonde Bestie) und auch die Genealogie der Moral ist der Verteidigung
    dieser Instinkte gewidmet. Die umfangreiche Schrift ist in 20 Tagen,
    also mit einer pathologisch gesteigerten Geschwindigkeit, geschrieben.–
        Hitschmann referiert nun den Inhalt der ersten zwei Abschnitte

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    der Genealogie der Moral: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“ sowie „Schuld,
    schlechtes Gewissen und Verwandtes“ ganz kurz, ehe er an die Vorlesung
    des dritten Teils: „Was bedeuten asketische Ideale (Abschn 5 bis incl. 9)“ geht.

    Das Vorgelesene bespricht Hitschmann nun kurz: Es sei interessant,
    wie Nietzsche in der Psychologie anderer Menschen den springenden Punkt
    herausfände, während es ihm nicht gelungen ist bei sich selbst zu erkennen,
    daß seine eigenen Ideale seinen unerreichten Wünschen entsprechen.
    Seine Kritik und psychologische Deutung des asketischen Ideals, sein Ein-
    treten für rücksichtsloses Ausleben, sei eine Verwerfung seiner
    eigenen ihm aufgezwungenen Lebensumstände. Man müsse Nietzsches
    Leben selbst als Askese bezeichnen; seine Neigung zur Askese und
    Abstinenz hänge mit seiner Verehrung Schopenhauers zusammen (ein
    Verhältnis zu einer Frau sei nicht nachweisbar, aber zeitweiliger Besuch
    bei Prostituierten). Aus der Erkenntnis, das er eigentlich das Leben
    und sich selbst betrogen habe, kommt er zur Verwerfung des asketischen
    Ideals. – So ließen sich die subjektiven Anbaubedingungen aus den per-
    sönlichen Eigenschaften und Erlebnissen des Philosophen determinieren,
    was in dieser Schrift schon angedeutet sei. –
        Von unserem Standpunkt aus sei eigentlich nicht die Analyse und
    die mit ihr verbundenen Komplikationen nicht nur nicht das Interessanteste
    sondern geradezu störend, da ohne sie das rein Psychische deutlicher
    greifbar wäre. –
        Schließlich müßte man noch als allgemeines Problem die Frage
    aufwerfen worauf es beruhe, das ein Mensch Philosoph bleibe?

    Diskussion:
        Steiner möchte nur bezweifeln ob das asketische Ideal wirklich das
    notwendige optimum des Philosophen sei. –

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    Sadger hebt hervor, das der geborene Philosoph ein Reinkultur-Zwangsneurotiker
    sei, legt er auf die Strafe mehr Gewicht, dann werde er Jurist, wenn auf die
    Grübelsucht dann Philosoph. – Schopenhauer war bekanntlich Zwangs-
    neurotiker. –
        Was Nietzsche betreffe so könne man jetzt noch nicht über dieses Thema
    sprechen weil das Wichtigste noch nicht publiziert sei: Seine Mutter
    war nicht belastet, nur die Verwandten, aber er selbst sei ein Pracht-
    exemplar der Belastung. Es sei bei ihm auch ein großes Stück
    Hysterie; die epileptoiden Zustände ohne Bewußtseinsverlust
    „von denen er selbst aus seiner Jugend berichtet, dürften hysterische
    Erscheinungen gewesen sein. – Wichtig sei das Verhältnis zu seiner Familie;
    seine Herrenmoral dürfte damit zusammenhängen, das er der einzige
    Herr in seiner Familie war. Als er das Alter hatte in dem sein Vater
    starb, fürchtete er an derselben Krankheit wie dieser zu sterben; diese
    Identifizierung mit dem Vater sei vielleicht aus homosexuellen Motiven
    erfolgt. –
    Adler betont zunächst, das von allen bedeutenden Philosophen, die uns
    etwas hinterlassen haben, Nietzsche unserer Denkweise am allernächsten
    stehe. – Er habe einmal versucht eine Verbindungslinie von Schopen-
    hauer über Marx und Mach zu Freud zu ziehen; damals habe er Nietzsche
    ausgelassen. – Es sprächen Argumente gegen die Zuordnung der Philosophie
    zu einer einzigen Neurose: der Philosoph sei viel zusammenge-
    setzter und die Technik des Philosophierens sei im Wesen auf etwas
    ganz anderes zu beziehen. – Es wäre möglich ein philos. System
    zu lokalisieren d.h. den Punkt des Denkmechanismus anzugeben,
    wo der Philosoph ansetzt. Hegel z.B. setzt dort an wo es sich um die
    Verdrängung handle, wo eine These in die Antithese übergeht.
    Bei Nietzsche handelt es sich fast auf jeder Seite um Beobachtungen
    wie in der Kur, wenn der Patient ziemlich weit gekommen ist
    und die Unterströmungen seiner Seele analysieren kann. –
    So war es ihm gegeben gerade den Urtrieb unter allen Erscheinungs-

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    weisen der Kultur zu entdecken, der in der Kultur eine Umwandlung erfahren
    hat, die sich dann beim Philosophen zum asketischen Ideal verdichtet. –
    Es sei ihm immer aufgefallen das bei Paralytikern eine Anzahl von
    Kulturidealen wegfalle bei ihnen sind die früher unbewußten Tendenzen
    nicht verdrängten Triebe zu einer gewissen Freiheit gelangt, womit
    der krasse Stimmungswechsel in diesen zusammenhänge. Bei der Para-
    lyse herrsche, bedingt durch organische Vorgänge, die Unmöglichkeit,
    psychische Operationen, die von den Trieben ausgehen in ihr Gegenteil
    zu verkehren. –
    Graf würdigt zunächst Hitschmanns Bemerkung, das der ein
    Philosoph sei, der die Grübelperiode seiner Pubertät fortsetze. –
    Nietzsche ist kein gutes Beispiel für die Bedingungen des Philosoph-
    werdens; er sei kein Philosoph im Sinne Platos, Aristoteles, u. a. – Seine
    Schriften, die er angeregt von den französischen Moralisten verfasste, sind
    eine Selbstkur. Aus seiner schwachen Natur sei er zu seinen starken
    Idealen gekommen. Er ist keine philosophische Gesamtpersönlichkeit;
    seine Entwicklung ist keine geradlinige, wie die vieler Forscher, es
    erfolgt auch nicht mitten im Leben ein Umschlag (wie etwa bei Wagner)
    sondern sie ist eine dreifach gebrochene Linie. Erst wirft er die
    Philologie ab, damit er Wagnerianer u. Schopenhauerianer wird: da
    muss etwas durchgebrochen sein. Vielleicht ist es auf eine nach
    der Infektion eingetretene Sexualbewegung u. Verdrängung zurück-
    zuführen –
        Die Wurzel der späteren Philosophie Nietzsches ist der Kampf gegen
    seine Krankheit durch Selbstanalyse. –
    Federn bemerkt, Nietzsche stehe uns so nahe, das man nur fragen
    müsse wie weit er nicht gekommen sei. Er habe eine Reihe der
    Funde Freuds intuitiv erkannt; er habe die Bedeutung des Ab-
    reagierens, der Verdrängung, der Flucht in die Krankheit, der Triebe
    als erster entdeckt; sowohl die normalsexuellen als auch die sadistischen
    Triebe. – Seine Philosophie sei die Kontrastbildung gegen seine eigene

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    weisen der Kultur zu entdecken, der in der Kultur eine Umwandlung erfahren
    hat, die sich dann beim Philosophen zum asketischen Ideal verdichtet. –
    Es sei ihm immer aufgefallen das bei Paralytikern eine Anzahl von
    Kulturidealen wegfalle bei ihnen sind die früher unbewußten Tendenzen
    nicht verdrängten Triebe zu einer gewissen Freiheit gelangt, womit
    der krasse Stimmungswechsel in diesen zusammenhänge. Bei der Para-
    lyse herrsche, bedingt durch organische Vorgänge, die Unmöglichkeit,
    psychische Operationen, die von den Trieben ausgehen in ihr Gegenteil
    zu verkehren. –
    Graf würdigt zunächst Hitschmanns Bemerkung, das der ein
    Philosoph sei, der die Grübelperiode seiner Pubertät fortsetze. –
    Nietzsche ist kein gutes Beispiel für die Bedingungen des Philosoph-
    werdens; er sei kein Philosoph im Sinne Platos, Aristoteles, u. a. – Seine
    Schriften, die er angeregt von den französischen Moralisten verfasste, sind
    eine Selbstkur. Aus seiner schwachen Natur sei er zu seinen starken
    Idealen gekommen. Er ist keine philosophische Gesamtpersönlichkeit;
    seine Entwicklung ist keine geradlinige, wie die vieler Forscher, es
    erfolgt auch nicht mitten im Leben ein Umschlag (wie etwa bei Wagner)
    sondern sie ist eine dreifach gebrochene Linie. Erst wirft er die
    Philologie ab, damit er Wagnerianer u. Schopenhauerianer wird: da
    muss etwas durchgebrochen sein. Vielleicht ist es auf eine nach
    der Infektion eingetretene Sexualbewegung u. Verdrängung zurück-
    zuführen –
        Die Wurzel der späteren Philosophie Nietzsches ist der Kampf gegen
    seine Krankheit durch Selbstanalyse. –
    Federn bemerkt, Nietzsche stehe uns so nahe, das man nur fragen
    müsse wie weit er nicht gekommen sei. Er habe eine Reihe der
    Funde Freuds intuitiv erkannt; er habe die Bedeutung des Ab-
    reagierens, der Verdrängung, der Flucht in die Krankheit, der Triebe
    als erster entdeckt; sowohl die normalsexuellen als auch die sadistischen
    Triebe. – Seine Philosophie sei die Kontrastbildung gegen seine eigene

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        2) welche Bedingungen der psychosexuellen Konstitution zum
            Philosophen machen
        3) die Frage nach der subjektiven Bedingtheit der an-
            scheinend so objektiven philos. Systeme.
    Er selbst wolle nur einige Bemerkungen machen; die Schwester erinnere
    an Patienten, die sich vorbereiten, damit nichts Unvorbereitetes in die
    Öffentlichkeit gelange. Das Nietzsche schon mit 13 Jahren die Frage
    nach dem Ursprung d. Bösen aufwarf habe sein Analogon darin, das
    auch andere große Denker u. Entdecker in diesen Jahren ihre Lebens-
    aufgabe fixierten: so der Entdecker der Hieroglyphen, der sich mit 11
    Jahren seine 25 Jahre später gelöste Aufgabe stellte (Hitschmann nennt
    einige Chemiker u. Physiker: Salzer. – Graf nennt Schliemann, der 7 Jahre
    alt war, Adler Mayer, der das Problem von der Erhaltung d. Kraft mit
    8 Jahren aufstellte). Man müsste den Einfluß des infantilen Ein-
    drucks nicht nur auf die spätere Erkrankung sondern auch auf große
    Leistungen einmal untersuchen.
        Adlers Gedanken in Bezug auf die Paralytiker hatte ein Analogon im
    Falle Maupassants. –
    Rank bemerkt, das man bei der Lektüre von Nietzsches Schriften
    den Eindruck habe, das der sadistische (masochistische) Trieb
    und seine Unterdrückung bei Nietzsche die Hauptrolle spiele. – Aus
    dieser Unterdrückung werde (wie beim Zwangsneurotiker) seine
    Zartheit, Höflichkeit u. Milde einerseits, andererseits aber auch
    seine Verherrlichung des Grausamen, Rachsüchtigen verständlich.
    Die Gedanken über den Ursprung des Bösen seien Rechtfertigungen
    gegen eigene Selbstvorwürfe (auch Kant schrieb über das radikale Böse).
    Zu seinem Sadismus stimme auch die Betonung der Mundzone
    (die Schlange im Mund in Zarathustra u. Krötenträume). Sein Ver-
    hältnis zu Wagner werde klarer durch die Kenntnis seiner Liebe zu Cosima. –
    Das er nicht wie die anderen Philosophen die Außenwelt sondern sich
    selbst erforschte sei die durch die Entwicklung rückgängig gemachte
    ursprüngliche Verlegung von innen nach außen. –
    Stekel möchte in der Anführung von Lupulin u. Kampher eine Art Selbstgeständnis
    Nietzsches [sehen]. Er gibt auf die sexuelle Wissbegierde zurück; das sex. Rätsel wird zum
    Welträtsel (Verschiebung). –