[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Dichtung und Neurose‹ 1909-411/1909.01

Rank, Otto (1909-411/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Dichtung und Neurose‹

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    64ter Vortragsabend
    am 13. Jänner 1909.

     

     

    Dichtung und Neurose.

    Dr. Stekel.     

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    Stekel teilt aus seiner demnächst in der Löwenfeldschen
    Sammlung (Grenzfragen des Nerven- u. Seelenlebens) erscheinen-
    den Arbeit: Dichtung und Neurose einige Partien mit. —

    Diskussion.

    Hollerung verweist auf das Vorkommen von Fällen, wo Dichter späterhin
        nicht mehr schaffen können und erwähnt als Beispiel Peter Altenberg.
        Stekel bemerkt dazu, dass es bei jedem Dichter Perioden gäbe, in denen
        er nicht schaffen könne; besonders leiden fast alle bedeutenden
        Dichter unter der Angst vor dem Verlust ihrer Schaffenskraft.

    Steiner bemerkt, der V. habe zu viel Material gebracht, anderseits
        aber auch viele Behauptungen aufgestellt, deren Nachprüfung
        nicht möglich sei. — Weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen.
        Vermißt habe er eine Präzisierung der St. Ansichten. Wenn er sagt:
        jeder Dichter ist ein Neurotiker, so sei dem schwer zu wider-
        sprechen. Denn es gebe überhaupt wenige Menschen, die nicht
        zeitweise Neurotiker wären. Anderseits wären auch alle Menschen
        zu einer gewissen Zeit Dichter (in der Pubertätszeit); das sei
        aber als Sublimierung aufzufassen nicht als Verdrängung.
        Ein Symptom, ein Stigma der Hysterie könne er nicht darin
        finden. Das sei weder theoretisch zu begründen noch durch
        praktische Beispiele zu erhärten. Dass also die Neurose Voraus-
        setzung für die Dichtung wäre, könne er nicht akzeptieren.
        Eine gewisse Richtigkeit mag wohl darin liegen, dass große
        Dichter manchmal zufällig auch Neurotiker sind. Zum Künstler
        überhaupt gehört ein Übermass von Phantasie und deswegen
        neigen sie eher zur Neurose. Wenn man so viel in der Neurose
        zusammenfasse wie Stekel, dann ließe sich allerdings seinen
        Behauptungen nicht widersprechen.

    Graf bedauert die bequeme Art des Vortrags, dessen gedanklicher

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    Zusammenhang gefehlt hat. Zu einem Teil könne man dagegen
    nicht polemisieren, weil das Vorgebrachte Banalitäten seien, zum
    andern Teil nicht weil Stekels Meinung nicht präzisiert worden
    sei. — Vor allem dürfte man das Thema, die Beziehungen zwischen
    dem künstlerischen Schaffen und der Neurose, nicht auf die Dichter
    beschränken. Man müßte, nebst den andern Künstlern, auch den
    allgemeinen Phantasie-Menschen dazu nehmen; ebenso die „verkannten
    Genies“ und auch die Versuche aus der Pubertätszeit. Das Verhältnis
    zwischen dichterischer Kraft und geistiger Krankheit könne verschieden
    sein. Es gibt auch Fälle, wo die Krankheit das Schaffen hemmt
    (z. B. Grabbe, Zacharias Werner u. a.). Bei einer andern Gruppe sei von
    Neurose nichts zu finden; das seien Künstler, die das Kindliche
    bewahrt haben wie z. B. Mozart. — Vor allem verstehen wir aber unter
    Neurose etwas was die Lebens- u. Arbeitsfähigkeit hemmt und nicht
    was sie es fördert, wie wir es an den großen Dichtern sehen. —
    Dann gibt es kranke Epochen, in denen alle Künstler neurotisch ge-
    färbt sind; zwei solche Epochen: Romantik und Barock. Wir sehen
    aber auch, dass die Dichtungen dieser Epoche keinen bleibenden
    Wert haben. — Wir dürfen nicht vergessen, dass alle geistigen Arbeiter
    zur Neurose neigen, die gleichsam die Berufskrankheit der intellek-
    tuellen Arbeiter sei. Dass es dann beim Künstler zu einem Miss-
    glücken der Verdrängung leicht kommen kann, ist begreiflich.
    Den schönsten Vergleich des dichterischen Schaffens finde man bei Wagner
    in dem Ausspruch: der Dichter ist der Wisser des Unbewußten.

    Prof. Freud zweifelt nicht, dass der Vortrag gedruckt dem Publikum
        imponieren und durch die Fülle „interessanten“ Materials ge-
        fallen wird. — Wir aber können uns des Eindruckes nicht erwehren,
        dass diese Arbeit den Stempel der Notwendigkeit nicht an sich
        trägt. Die Arbeit sei einerseits zu allgemein, anderseits zu ober-
        flächlich. Rank habe das Thema tiefer aufgefasst. Zum Teil
        seien neue Behauptungen nicht neu, zum andern Teil ent-

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    behren sie der Begründung; so z. B. dass alle Dichter Hysteriker
    seien. Wenn aber der Charakter der Hysterie von Stekel nur in
    der Verdrängung gesehen wird, so ist das ja eine allgemeine Eigen-
    schaft nicht nur aller Neurosen, sondern auch anderer seelischer
    Vorgänge. Es gibt auch große Dichter, die Paranoiker und Zwangs-
    neurotiker waren, so Zola, dessen ganze poetische Entwicklung
    der Zwangsneurose in einem höheren Niveau parallel läuft.
    Auch der Typus des Gesunden komme vor und Schiller sei ein be-
    sonders prächtiges Beispiel eines normalen Menschen.
    Was das Thema der sexuellen Frühreife der Dichter betreffe, so sei
    das Material in dieser Beziehung zu ungleichwertig. Wir wissen ein-
    fach nicht, was Frühreife ist. In der im Jahrbuch publizierten
    Phobie des 4jähr. Hans komme deutliche Verliebtheit vor und in
    einer amerikanischen Zeitschrift war eine interessante Statistik
    von Kinderlieben in der Schule veröffentlicht, die zeigte, dass mit
    3-4 Jahren schon zärtliche Verhältnisse u. deutliche Verliebtheit
    zu beobachten sei. Ehe unsere Erfahrungen darüber nicht
    gesichert sind, können wir nicht sagen, ob sich die Dichter,
    die sich mit 8 u. 9 Jahren verlieben, nicht eigentlich ver-
    späten.

    Sadger meint, dass Stekel sich trotz seiner Polemik gegen seine
        Auffassung, doch mit ihm berühre. Er nenne das Neurose was
        Sadger Belastung genannt habe. — Stekel habe aber eigentlich
        auch nur bei drei Dichtern Beweisendes angeführt: Dostojewski,
        Rousseau und Grillparzer. — Die wichtigsten Züge, die wir bei Dichtern
        finden, lassen sich nirgends in die Neurotik einfügen. Ob man
        sie nun Minderwertigkeit, Belastung oder sonstwie nenne, tue
        nichts zur Sache. Ihr Hauptcharakteristikum sei, dass sie sich
        psychosexuell nicht auflösen lassen. Ja es lasse sich sogar
        ein gewisser Gegensatz konstatieren: bei schwerer Belastung
        sind die neurotischen Symptome verhältnismäßig gering (z. B. bei Lenau);
        es erschlägt gleichsam die Belastung die Neurose. —

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    Joachim nimmt Stekel zunächst gegen einzelne, besonders
        formale Vorwürfe in Schutz. In einzelnen möchte er sich
        aber den vorgebrachten Einwendungen anschließen. Be-
        sonders darin, dass willkürlich eine Gruppe von Neurosen her-
        vorgehoben wurde, die Neurose der Dichter. Diese Gruppe sei zu eng
        gefasst, da auch die andern Künstler dazu gehören. Die Be-
        merkung, dass von Geburt alle Dichter seien, müsste man aber
        dabei präzisieren, dass von Geburt alle Neurotiker seien
        mit einem ausgebildeten Phantasieleben. Aber anderseits sei
        schrankenlose Phantasie nicht einmal günstig für künst-
        lerische Darstellung; wir finden sie bei Geisteskranken im
        höchsten Maß und in den minderwertigen Kunstprodukten
        (Kolportage-Romanen etc.). Die Art der Beziehung zwischen
        Dichtung und Neurose sei vielfach variabel. Die Bezeichnung
        Entartung, Krankhaftigkeit scheine da nicht recht am Platze
        zu sein. Man vergißt dabei, dass es bei Bildung neuer
        Formen immer zu einem Abweichen komme, das nicht
        ein Niedergang zu sein braucht.

    Hitschmann bemerkt, er habe der Diskussion nicht mehr viel neues
        hinzuzufügen. Die beiläufige Genese von Stekels Arbeit sei die:
        er habe eines Tages beschlossen, sich für Grillparzer zu interessieren,
        habe dort natürlich viel Neurotisches gefunden, habe dann
        in andern Dichterbiographien, ohne Bestreben nach Vollständig-
        keit weiter geschürft und habe auch, weil er eben suchte,
        das Gesuchte auch gefunden. Das sei dort um so leichter, wo
        der Fall eintritt, dass sich Menschen über sich selbst äußern,
        und das sei eben bei den Dichtern. — Was fehlt sei die wirk-
        liche Analyse eines Dichters; das müßte gemacht werden. Ein
        Dichter habe ihm erzählt, seine Träume seien nicht unbe-
        wußte sondern bewußte Phantasien. —

        Stekel habe nicht berücksichtigt was Freud über den Dichter

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    und das Phantasieren ausgeführt habe. — Im allgemeinen habe
    man den Eindruck, dass der Dichter wirklich kein schwerer
    Neurotiker sein könne, weil er sonst nichts schaffen könnte.
    Auch könnte man eher sagen, die leichten Neurotiker werden
    dann geistige Arbeiter u. die geistigen Arbeiter bekämen leicht
    Neurosen.

    Rank findet Stekels Auffassung auch zu „psychiatrisch“, während
        er sich eher bemühen möchte, die Beziehungen zum
        Normalen hervorzuheben. Aber wie es falsch wäre, zu sagen,
        der Dichter unterscheidet sich in nichts vom Normalen, so sei
        es auch falsch zu sagen: der Dichter ist ein Neurotiker. Ja man
        sehe oft deutlich, wie sich der Dichter durch sein Werk von
        der Neurose befreit oder besser gesagt der Neurose vorbeugt.

    Federn betont, dass nach seinen Erfahrungen die Träume der Dichter
        genauso seien wie die der Normalen. — Bei einem Musiker entwickelte
        sich eine Neurose, weil seine musikalische Begabung von seiner
        Umgebung zu unterdrücken versucht wurde. — Oft hemme die Neurose
        die Produktion; die großen Dichter leben ohne Neurose produziert.
        Das Dichten könne man nur auffassen als Reaktion besonders
        begabter Gehirnteile.

    Stekel betont, dass es immer etwas Mißliches habe, Teile aus einer
        größeren Arbeit vorzutragen, besonders wenn man, wie er, nicht
        die nötige Zeit gefunden hat, auch diese Teile wieder zu einem Ganzen
        zu verbinden. — Übrigens sei er von allen missverstanden worden.
        Er habe gemeint, es sei die in jedem Menschen latent wohnende
        Neurose, die zum Teil den Schaffensdrang ausmache. Die wirklich
        schwere Neurose hindere auch nach seiner Ansicht natürlich
        das Dichten. Den Grad, an dem das liege, zu bestimmen, wollte er
        nicht unternehmen. — Auch soll, was er vorbrachte, auf Tiefe keinen
        Anspruch erheben, sondern nur als Propaganda für Laien dienen,
        die ihnen in leicht fasslicher Form neue Aufschlüsse bringen soll.