Rank, Otto (1913-418/1913.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Tausk ›Das Vaterproblem‹
S.
28/193
21. S i t z u n g
am 12. März 1913.
D A S V A T E R P R O B L E M .
Dr. T a u s k .
Der Vortragende setzt die Kenntnis des Vaterkomplexes als Vehikel
und Inhalt der Neurose voraus und stellt sich die Aufgabe, die für die
Neurosenbildung bestimmenden Faktoren im Leben des einzelnen als Fak-
toren der Gesellschaftsbildung und des gesellschaftlichen Lebens zu
betrachten.- Dabei muss das Vaterproblem notwendiger Weise künstlich
isoliert werden.
Nicht für alle Kulturen kommt der Vater als Machtfaktor in Be -
tracht. Es wird zunächst die Institution des Matriarchats besprochen,
die Bachofen aus rechtlichen, religiösen, mythologischen Quellen, aus
Kult, Symbolik und Sitteerschlossenhabe.- Die Institution des Patri-
archats sei dem direkt konträr, was am Beispiel des römischen Patri-
archats gezeigt wird. Als Widerspruch gegen die Machtfülle des Vaters
findet sich dort die Inzestschranke der eigenen Tochter gegenüber,
während der Vater über Leben und Freiheit der Kinder verfügen konnte.
Bei den Ich-trieben und dem Sadismus ist die Triebbetätigung ohne Rück-
sicht auf das Objekt verboten; hier wird das Objekt verboten.- Der Vat-
früher
ter, dereinmaldas Recht auf alle Frauen des Hauses hatte, musste ein-
mal freiwillig auf die Tochter verzichtet haben. Biologisch ergibt sic
der Gesichtspunkt, dass der Inzest für die Art destruktiv war. Aber
k
auch wo dies nicht der "all war, wurde mit der Absonderung kleinerer
Rudel und Aufhebung der Brunst das Inzestverbot notwendig. Das Resul-
tat war die Botmässigkeit des Weibes und der Ausschluss des Sohnes
von diesen Frauen. Es sei auch möglich, dass die erste Inzestschranke
ein sodomistisches Verbot war.
Die Sozietät ruht auf der Existenz des Vaters und deswegen war
"
der Vatermord verboten, während der Sohnesmord zum Schutze der väter-S.
-2-
lichen Rechte erlaubt war. Später wird die Tötung des Sohnes eingeschrä
auf Kastration (Rest Beschneidung). NachdemVerzicht des Vaters auf
den Tochterinzest bleibt ihm das Recht ihr den Mann zu wählen, also
doch eine Art Verfügung über ihr Genitale. Der Vater garantiert dann
dem Schwiegersohn die Virginität der Tochter, d.h. dass er sie nicht
gebraucht habe: so geht das Virginitätsideal aus dem Inzestverbot her-
vor.
Bis jetzt wurde gezeigt wie die Gesellschaftsbildung durch den
Vater konstelliert wurde; es bleibt zu zeigen, was der einzelne für
--
Schicksale in der patriarchalischen Familie hat. Der Sohn hat zum Vater
eine ambivalente Einstellung von Liebe und Hass. Dieser hat zwei Wur-
zeln: Auflehnung gegen die Beschränkungen (dieser Hass bleibt nach Ver-
schiebung bewusst und erlaubt), der Motor dieses Hasses ist die Liebe
zur Mutter, der die Objektwahl des Sohnes zur Folge hat. Die zweite
Wurzel stammt aus der ambivalenten Homosexualität: daraus folgt Ueber-
windung des Vaters. Die Homosexuelle Liebe bewirkt die Einführung Got-
tes, wodurch der gehasste Vater unpersönlich gemacht wird, anderseits
die Identifikation mit dem Vater erfolgen kann.- Durch Objektverschieb
ung der Liebe vom Vater entsteht die Freundschaft und weiterhin die
Sozietät. Auch die Ambivalenz selbst hat bestimmte Folgen in der Kultu
(Forschung, Skepsis, Arbeit etc).
Schliesslich wird der Vaterkomplex in der Neurose kurz bespro-
chen und darauf hingewiesen, wie einerseits der unbewusste Vaterhass
die Sublimierung hindert, anderseits die homosexuelle Fixierung das
Liebesleben stört. Der Vortr. streift dabei das Problem der Erstgeburt,
der Nachfolgeschaft, und das der Disposition der Juden zur Neurose.
Der Vater hat die Kultur geschaffen. Die Sozietät ruht auf dem
"
Vaterkomplex, der so weit reicht als die Homosexualität. Er ist die
Form / in der sich die Homos. ausleben kann und in die sie sich fügen
muss. Ein grosser Mann ist der, der den Vater überwunden hat. Der Narzis
mus steht insofern mit dem Vaterkomplex in Zusammenhang als die Be-
freiung des Sohnes von einer gelungenen Identifizierung mit dem Va-
ter ausgeht.S.
D I S K U S S I O N .
Dr. Sachs macht zunächst den formellen Einwand, dass das gestell-
te Thema: Gesellschaft und Neurose nicht behandelt worden sei.
Inhaltlich sei zu bemerken, dass das Mutterrecht sehr hypothetisch
sei und sich zur Basis einer Untersuchung kaum eigne. Ausserdem liefere
die Psa. Gegenargumente, indem das von Bachofen herangezogene Material
nichtaushistorischen Relikten bestehen müsse, sondern Wunschmaterial
darstellen könne. Ebenso sei es gefährlich, die Zustände des alten Rom
heranzuziehen.- Der freiwillige Verzicht auf den Inzest sei sehr un-
wahrscheinlich. Auch die Frage, ob die Rasse durch den Inzest geschä-
digt werde, sei noch nicht eindeutig entschieden.
Federn bemerkt, dass die Ausführungen nur als Einleitung zur späte
ren Ausarbeitung desThemaszu verstehen seien.
Die Schädigung der Rasse durch Inzucht sei nachgewiesen (die Tier-
züchtung komme dabei nicht in Betracht, weil es sich da nur um Züchtung
bestimmter Eigenschaften, aber nicht Höherzüchtung im allgemeinen hande
le). Die Notwendigkeit der Inzestabwehr habe der Vortr. nicht aufgeklärt
Der Inzest selbst kann erst in Betracht kommen, wenn die patriarchali-
sche Familie eingeführt sei. Dass das Inzestverbot auf dem Umweg des
Totemismus eingeführt worden sei, ist unwahrscheinlich; eher das Umge-
kehrte. Der starke Vaterkomplex allein könne die Disposition der Juden
zur Neurose nicht erklären, denn er sei auch bei den Bauern ungewöhn-
lich stark ausgeprägt, die relativ selten an Neurose erkranken.
Rank findet auch, dass das Thema nicht scharf erfasst sei; man hät
te eher umgekehrt beginnen müssen, mit der Neurose, dann zum Vaterkomple:
des einzelnen mit seinen sozialen und asozialen Folgen (Attentäter etc)
um schliesslich einen Blick in die Kulturgeschichte zu werfen. Tausk
habe aber nur Kulturgeschichte gegeben und die Neurose nebenher ab-
getan statt sie zueinander in Beziehung zu bringen, wie es das Thema
verlange.
Der freiwillige Verzicht des Vaters auf den Tochterinzest sei
höchst unwahrscheinlich; aus dem Mythen liesse sich eher darauf schlies
sen, dass die Tochter dem Vater davon gelaufen sei.- Die destruktive
Wirkung des Inzests auf die Rasse sei keineswegs nachgewiesen.
Rosenstein findet die Heranziehung biologischer Motive für die
Inzestschranke sehr richtig.- Bei der Virginitätsforderung handle es
sich - wie bei jedem Aberglauben - darum, ob er allein aus Motiven gedeu-
tet werden kann, die nur für die Vorfahren gültig gewesen sind.
Weiss möchte eine Begründung des Vaterverzichtes auf die Tochter
darin finden, dass die ausgetriebenen Söhne anderer Väter Ansprüche
auf die fremden Töchter erhoben.
Hitschmann findet, dass Tausk sich einer Verwechslung des Themas
schuldiggemachthabe. Sein Vortrag habe mit Neurose und Vaterkomplex
wenig Zusammenhang.
Friedjung macht darauf aufmerksam, dass sich die Forderung der
Virginität als gesellschaftlicher Einrichtung nur auf kleinen Teil
der Bevölkerung beschränke. Vielleicht wäre dieser Seite vom Mutter-
problem näher zu kommen. Hinweis auf
Bakksglaubt die Vermutung Weiss' durch die Institution des Frau-
enraubszustützen zu können. Der schwache alte Vater wurde von d
den Söhnen erschlagen, was vielleicht ein Motiv des Verzichtes gewesen
sein kann.
Freud findet auch, der Vortr. habe nicht das gegeben, was geforder
war: nämlich wie die Neurose auf dem Vaterkomplex beruht und wie die
so entstandene Neurose dann auf die Gesellschaft wirkt.
Zwei Lücken finden sich in den Ausführungen: Es ist nichts gesag
über das Verhältnis des Matriarchats zur Familie und über die Entste-
hung des Inzestverbots, worüber sich auch nichts sagen lässt. Die bio-
logische Erklärung ist nicht haltbar. Aber auch wenn wir die gelten
lassen haben wir nachzuweisen wie die biologische Tendenz sich in
der Psychologie durchgesetzt hat. Mit der Erkenntnis einer degenera-
tiven Wirkung des Inzests steht in krassem Widerspruch, dass er für
hochzivilisierte Völker ein heiliges Vorrecht und Gesetz war.- Si-
cher liesse sich auch sagen, dass die Inzestverbote älter als die Ehe
seien.- Das Problem der Virginität in Zusammenhang mit dem Vaterrecht
wäre einer selbständigen Behandlung wert.- Ueber die Beziehung des
Totemismus zum Inzest und Vater werdeRednerselbst binnen kurzem
sprechen.