Dr. Reik und die Kurpfuschereifrage 1926-053/1926

Freud, Sigmund (1926-053/1926): Dr. Reik und die Kurpfuschereifrage

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S.

Seite 12                      Wien, Sonntag                      Neue Freie Presse

Dr. Reik und die Kurpfuschereifrage.  

Eine Zuschrift des Professors Freud an die „Neue Freie Presse“.

Geehrte Redaktion!

In einem Artikel Ihres Blattes vom 15. d., der den
Fall meines Schülers Dr. Th. Reik behandelt, und zwar
in einem Abschnitt desselben, der „Mitteilungen aus Kreisen
der Psychoanalytiker“ überschrieben ist, findet sich eine
Stelle, zu welcher ich mir einige berichtigende Bemerkungen
gestatten möchte. Es heißt daselbst:
„... in den letzten Jahren habe er sich davon über-
zeugt, daß Dr. Reik, der durch seine philosophischen und
psychologischen Arbeiten einen allgemein klingenden Namen
erworben hat, für die Psychoanalyse eine weit größere Be-
gabung besitzt als die Aerzte, welche sich zur Freudschen
Schule bekennen, und nur ihm und seiner eigenen Tochter
Anna, die sich für die schwierige Technik der Psychoanalyse
in ganz besonderer Weise befähigt erwies, vertraute er die
schwierigsten Fälle an.“
Ich glaube, Dr. Reik selbst wäre der erste, eine solche
Motivierung unserer Beziehungen abzulehnen. Es trifft
aber zu, daß ich seine Tüchtigkeit für be-
sonders schwierige Fälle in Anspruch
nahm, doch nur für solche, deren Symptome
weitab vom körperlichen Gebiete lagen.
Niemals habe ich versäumt, den Patienten
zu sagen, daß er nicht Arzt, sondern
Psycholog ist.
Meine Tochter Anna hat sich der pädagogischen
Analyse an Kindern und Jugendlichen zu-
gewendet. Ich habe ihr noch nie einen Fall von schwerer

neurotischer Erkrankung bei einem Erwachsenen zugewiesen.
Der einzige Krankheitsfall mit schweren, an das
Psychiatrische streifenden Symptomen, den
sie bisher behandelt, lohnte die ärztliche Ein-
willigung allerdings durch einen vollen
Erfolg.
 

Ankündigung einer Publikation „Zur Frage
der Laienanalyse“.

Ich bediene mich dieser Gelegenheit, um mitzuteilen,
daß ich eben eine kleine Schrift zur „Frage der Laien-
analyse“ dem Druck übergeben habe. Ich versuche in
derselben zu zeigen, was eine Psychoanalyse ist, welche An-
sprüche sie an den Analytiker stellt, erörtere die nicht ein-
fachen Beziehungen zwischen Psychoanalyse
und Medizin und leite aus dieser Darstellung ab, welche
schwere Bedenken sich gegen eine mecha-
nische Anwendung des Kurpfuscherpara-
graphen auf den Fall des geschulten Ana-
lytikers ergeben.
Da ich meine Wiener Praxis aufgegeben und meine
Tätigkeit auf die Behandlung einer sehr kleinen Zahl von
Fremden beschränkt habe, hoffe ich, mir auch durch diese An-
kündigung keine Anklage wegen standeswidriger Reklame
zuzuziehen.
 

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr Professor Freud.