Ein Fall von Hirnblutung mit indirekten basalen Herdsymptomen bei Skorbut (Schluss.) 1884-001/1884.2

Freud, Sigmund (1884-001/1884.2): Ein Fall von Hirnblutung mit indirekten basalen Herdsymptomen bei Skorbut (Schluss.)

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    275 1884. Wiener Medizinische Wochenschrift Nr. 10. 276
     
     

     


     

    Ein Fall von

    Hirnblutung mit indirekten basalen Herd-
    symptomen bei Skorbut.

    Mitgetheilt von Dr. SIGM. FREUD, Sekundärarzt im k. k. Allgemeinen
    Krankenhause.

    (Schluss.)

      An dem in mehrfacher Beziehung interessanten Falle
    wird uns hier nur das Krankheitsbild und die Zurück-
    führung desselben auf den Leichenbefund beschäftigen. Wahr-
    scheinlich allmälig ansteigend entwickelte sich bei unserem
    Kranken ein tiefes Koma mit geringer Erhöhung der Tempe-
    ratur, ohne Beeinflussung der Respiration und Pulsfrequenz
    und ohne irgend welche Anzeichen für die Lokalisation der
    Läsion zu bieten. Da über die Natur der Läsion als Blutung
    kein Zweifel bestehen konnte, war es gerade dieses Verhalten,
    welches auf eine Oberflächenblutung hindeutete. Nach etwa
    12stündiger Dauer des Komas stellten sich allgemeine Reiz-
    erscheinungen (Unruhe, Trismus, Nackenstarre), Lähmungs-
    und solche Reizungssymptome ein, welche zu einer topischen
    Diagnose der Läsion aufforderten. Ptosis, Pupillenerweiterung,
    Gesichtsmuskellähmung linkerseits, Ablenkung beider Augen
    nach links und Kontraktur der rechtsseitigen Extremitäten
    liessen in ihrem Beisammensein eine Affektion im linken
    Schädelraume erkennen, welche einerseits Hirnnervenstämme
    lähmend beeinflusst, andererseits auf die motorische Bahn
    für die rechte Körperhälfte reizend einwirkt. An welcher
    Strecke des langen Verlaufes der motorischen Bahn fand nun
    die reizende Einwirkung statt? Wollte man alle beobachteten
    Symptome von einem Herde ableiten, so war die Rinde der
    linken Hemisphäre aus naheliegenden Gründen auszuschliessen;
    dieselben Gründe sprachen auch gegen eine Affektion der
    motorischen Ganglien und überdies der Umstand, dass am
    Facialis der rechten Seite weder Lähmung noch Kontraktur
    zu konstatiren war. Wenn demnach am wahrscheinlichsten
    war, dass die motorische Bahn an der Hirnbasis vom Insulte
    getroffen worden sei, so schienen auch die weiteren Ver-
    änderungen des Krankheitsbildes, das verschiedene Verhalten
    der motorischen Bahnen für die obere und für die untere
    Extremität und das Uebergreifen auf die andere Seite, diese
    Annahme zu begünstigen. Aus der Hemikontraktur wurde
    zunächst Monokontraktur der rechten oberen Extremität und
    Paraplegie, sodann trat beiderseitige Kontraktur der oberen
    Extremitäten auf, die ihrerseits alsbald in Lähmung über-
    ging. (Dass auch an der linken unteren Extremität der Erschlaf-
    fung erhöhte Muskelspannung vorausgeeilt, dürfte der Beob-
    achtung entgangen sein.) Eine Blutung in die basale Strecke
    der motorischen Bahn selbst war ferner durch zwei Momente
    auszuschliessen, erstens durch die fehlende Beeinträchtigung
    von Respiration und Pulsfrequenz zu einer Zeit, als die
    motorischen Reizsymptome scharf ausgeprägt waren, und
    sodann durch den Umstand, dass an der rechten oberen Ex-
    tremität stundenlange Kontraktur ohne Leitungsunter-
    brechung bestand, wie deren koordinirte Aktion nach langer
    Unbeweglichkeit kurz vor dem Eintritte der allgemeinen
    Lähmung darthat. Es konnte sich also nur um eine Blutung
    handeln, die in ihren entfernteren Folgen, durch indirekte
    Einwirkung, zur Beeinträchtigung der motorischen Bahn an
    der Basis führte, und mit Uebersehen einer anderen Möglich-
    keit gelangte man zur Aufstellung einer intermeningealen
    Blutung an der Hirnbasis.

     
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      Die Autopsie ergab nun mehrfache Blutungen in der
    linken Hälfte des Schädelraumes: eine solche in die Menin-
    gen längs des medialen Stirnzuges, die sich auf die medialsten
    Stücke der Zentralwindungen fortsetzte, die Rinde aber nir-
    gends betheiligte, einen Blutaustritt zwischen Dura und Pia
    über dem unteren Scheitelläppchen und endlich eine Zer-
    störung des unteren Scheitelläppchens selbst durch zahlreiche
    kapilläre Hämorrhagien. Lassen sich die beobachteten Sym-
    ptome auf eine der gefundenen Läsionen allein zurückführen
    und sind irgend welche Erscheinungen als direkte Herd-
    symptome der Läsionen aufzufassen? Da ist denn zunächst
    hervorzuheben, dass die lange Dauer eines komatösen Zu-
    standes ohne halbseitige Erscheinungen darauf hinweist, dass
    die Oberflächenblutung die frühere war. Auch die frühzeitige
    Steigerung der Temperatur, nach Fürstner ¹) für die Ober-
    flächenblutung charakteristisch, während der intracerebralen
    Blutung eine Herabsetzung der Temperatur zukommt, würde
    in demselben Sinne sprechen. Beide Oberflächenblutungen
    waren aber als mässige zu bezeichnen und hätten demnach
    ohne alle Herdsymptome verlaufen können.
      Von der Blutung unter die Dura in der Gegend des
    Scheitelläppchens sind weder direkte noch indirekte Herd-
    symptome zu erwarten. Dagegen kommt in Betracht, ob
    nicht die Kontraktur der rechtsseitigen Extremitäten als di-
    rektes Herdsymptom der auf die linke motorische Region
    übergreifenden Oberflächenblutung aufzufassen ist, wofür die
    von Fürstner in der erwähnten Abhandlung mitgetheilten
    Beobachtungen zahlreiche Analogien bieten würden. Ich glaube
    nicht, dass sich diese Frage mit Sicherheit beantworten lässt.
    Der Fall ist wohl zu komplizirt, um eine völlige Aufklärung
    zuzulassen. Es muss nur hervorgehoben werden, dass die
    rechtsseitige Kontraktur nicht vor der linksseitigen Facialis-
    und Oculomotoriuslähmung zur Beobachtung kam, welche beide
    Symptome, da keine Blutung im rechten Schädelraume vor-
    lag, nur als basale Symptome gedeutet werden können. Eine
    Oberflächenblutung kann aber basale Erscheinungen nur
    dann erzeugen, wenn sie besonders massenhaft und aus-
    gebreitet auftritt, während sie in unserem Falle eher als
    geringfügig zu bezeichnen war.
      Ob der Läsion des unteren Scheitelläppchens Herdsym-
    ptome zukommen, und welche, ist derzeit nicht mit Sicherheit
    bekannt. Von sensorischen Symptomen, die bei dem tiefen
    Koma unseres Falles nicht ausgeprägt sein konnten, sind
    Störungen des Muskelgefühles ²) und aphasische Erscheinungen
    in Zusammenhang mit der uns interessirenden Lokalität ge-
    bracht worden. Während zahlreiche Beobachtungen zu lehren
    scheinen, dass kein Ausfall von Motilität an eine Läsion des
    unteren Scheitelläppchens geknüpft ist, scheinen andere Fälle
    auf eine nähere Beziehung desselben zu dem Muskelapparate
    der Augen hinzuweisen. So führt Landouzy ³) gekreuzte
    Ptosis als Herdsymptom auf und Boyer ⁴) ist selbst geneigt,
    das Rindenzentrum für den Oculomotorius dahin zu verlegen.
    Insbesondere ist mehreren Autoren die häufige Verknüpfung
    der konjugirten Augenablenkung mit Läsionen des unteren
    Scheitelläppchens aufgefallen ⁵) ⁶), welche auch von Wernicke ⁷)
    anerkannt wird.
      In den 5 Fällen der Exner'schen Sammlung mit gleich-
    sinniger Augenablenkung ist das untere Scheitelläppchen
    2 Mal ⁸) Sitz der Läsion. Unser Fall war wegen der basalen
    Lähmung des Oculomotorius auf der Seite der Blutung für
    die Konstatirung einer gekreuzten Ptosis nicht günstig; die
    gleichsinnige Augenablenkung fand sich dagegen vor, u. z.
    nach der Seite des Herdes, der angenommenen Regel ent-

     


    ¹) Zur Genese und Symptomatologie der Pachymeningitis haemor-
    rhagica. Archiv für Psychiatrie 1878.
    ²) Vetter, Deutsches Archiv f. kl. Medizin, XXII.
    ³) Archives générales de Médecine, 1877.
    ⁴) Etudes cliniques sur les lésions corticales, 1879.
    ⁵) Grasset, De la déviation conjuguée de la tête et des yeux, 1879.
    ⁶) Landouzy, Progrès médical, 1879.
    ⁷) Lehrbuch der Gehirnkrankheiten II, 1882.
    ⁸) Exner, Untersuchung über die Lokalisation, etc. 1881, Fall 58
    und 107.

    sprechend ⁹). Da indessen dieses Symptom bei den verschie-
    densten Hirnerkrankungen — besonders häufig bei Ober-
    flächenblutungen nach Fürstner ¹⁰) — auftritt, muss die Be-
    deutung desselben als Herdsymptom des unteren Scheitel-
    läppchens dahingestellt bleiben.
      Es kann nicht zweifelhaft sein, dass für alle bei un-
    serem Kranken beobachteten Erscheinungen die Blutung ins
    untere Scheitelläppchen eine ausreichende Erklärung bietet.
    Dieselbe war so massenhaft, dass sie durch ihre allgemeine
    kompressive Wirkung das ganze Gehirn blutleer machte
    und innerhalb weniger als 20 Stunden zum Tode führte.
    Wenn die Erscheinungen am Krankenbette dennoch halb-
    seitige und herdartige eine Stunde vor dem Tode waren,
    so erklärt sich dieses Verhalten leicht daraus, dass die lo-
    kale kompressive Wirkung früher und stärker zur Geltung
    kam, als die allgemeine, welcher die endliche gleichmässige
    Lähmung zugeschrieben werden kann. Wie die Sektion lehrte,
    war die linke Hirnhälfte in weit höherem Grade als die
    rechte gequollen, die Windungen links abgeplattet und die ba-
    salen Gebilde, besonders Hirnschenkel und Hirnnerven, auf-
    fällig komprimirt. Es ist kaum zu entscheiden und endlich
    auch gleichgültig, ob die Reizung der motorischen Bahn
    durch die Kompression der Rinde, der motorischen Ganglien
    und der inneren Kapsel, oder des basalen Stückes zu Stande
    kam. Das frühzeitige Auftreten von Lähmungen an den
    Hirnnervenstämmen weist darauf hin, dass die Basis in der
    That zur Erklärung der Symptome in erster Linie heran-
    gezogen werden muss; was sonst an dem Wechsel der Er-
    scheinungen für diesen Erklärungsversuch spricht, ist bereits
    früher erwähnt worden. Es ist verständlich, dass bei all-
    gemeiner Kompression des Gehirnes die gegen die unnach-
    giebige Wand gepressten Partien am ehesten Schaden leiden;
    auch hebt Wernicke ¹¹) hervor, dass bei Druckwirkung
    im Gehirne von einer Oertlichkeit her gewisse Richtungen
    für die Fortpflanzung des Druckes bevorzugt scheinen. Das
    Gehirn entfernt sich eben in seinem Verhalten gegen Druck
    in hohem Maasse von den Eigenschaften einer Flüssigkeit.
    Wenn von den Autoren mehrfach die Häufigkeit schwerer
    halbseitiger und Allgemeinerscheinungen bei Blutungen in
    die hinteren Hirnlappen betont wird, so liegt die Ver-
    muthung nahe, dass die leichtere Fortpflanzung des Druckes
    von dort aus gegen die basalen Gebilde, die in dem ana-
    tomischen Befunde unseres Falles eine so extreme Aus-
    prägung gefunden hat, dabei in Betracht kommt.
      Der Betrachtung einzelner in unserem Falle hervor-
    tretender Symptome möchte ich die Bemerkung voraus-
    schicken, dass streng genommen zwischen Herd- und All-
    gemeinsymptomen kein wesentlicher Unterschied zu bestehen
    braucht. Die Allgemeinsymptome können sehr wohl Herd-
    symptome sein, deren Zentrum eine so hohe Erregbarkeit
    oder deren Endapparat eine so feine Semiotik besitzt, dass
    die bei jeder Läsion im Schädel vorhandenen Allgemein-
    wirkungen an dem betreffenden Endapparate Zeichen geben ¹²).
    Die verschiedene Bedeutung beider Symptomreihen für die
    Diagnostik wird durch diese Bemerkung nicht berührt, da-
    gegen wohl die Verwerthung klinischer Fälle für die Kennt-
    niss der Lokalisation der Funktionen. So könnte beispielsweise
    das untere Scheitelläppchen immer noch das Zentrum für die
    Augenbewegungen sein ¹³), Störungen der letzteren aber bei
    so vielen andern lokalisirten Hirnläsionen auftreten, weil
    der fein gegliederte, nervenreiche Muskelapparat der Bulbi
    auf so vielfachen Wegen anzuregen ist und auf geringe Ver-
    änderungen seines Zentrums mit merklichen motorischen
    Symptomen antwortet. Eine ähnliche Bevorzugung des Zen-
    trums wäre vielleicht für den Trismus geltend zu machen,
    der, wegen der vermuthlichen Innervation der Kaumuskeln 

     


    ⁹) Vergl. zu diesem Absatze Nothnagel's Topische Diagnostik,
    Cortex Cerebri.
    ¹⁰) l. c.
    ¹¹) l. c. III. p. 262 u. f.
    ¹²) Vergl. Wernicke II, p. 60 u. A.
    ¹³) Vergl. einen Fall von Andral bei Wernicke, II, p. 86.

     
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    von beiden Hemisphären, nicht einmal wie die Augenablen-
    kung einen Hinweis auf die Seite der Läsion geben kann ¹⁴).
    Die Verengerung der Pupille des rechten Auges ist wohl auf
    die durch Allgemeinwirkung gesetzte Reizung des Oculo-
    motorius zu beziehen; nach Nothnagel ¹⁵) dürfte man in
    der Pupillenverengerung ein indirektes Herdsymptom vom
    Pons aus erblicken. Der Schwere des Falles — das heisst
    also der Betheiligung basaler Gebilde — entsprechend, fand
    sich Eiweiss im Harne und stieg die Temperatur eine Stunde
    vor dem Tode auf 39.5º C.
      Die koordinirten als „traumhaft“ bezeichneten Bewe-
    gungen, welche unser Kranker entweder spontan oder im An-
    schlusse an Reizungen, zuerst mit beiden linken, dann nur
    mit der linken oberen, und endlich mit beiden oberen Extre-
    mitäten ausführte, schliessen sich gewiss an die „automati-
    schen Gestikulationen“ an, die Westphal ¹⁶) bei dem Be-
    funde von Cysticercen an der Gehirnoberfläche beobachtete,
    und in welchen dann Samt ¹⁷) ein diagnostisches Moment für
    Rindenerkrankungen finden wollte. In unserem Falle trat
    deren automatischer Charakter, der sich in häufiger
    Wiederholung derselben Aktion äussert, mehr zurück; diese
    Bewegungen hatten insoferne Bedeutung in unserem Falle,
    als sie die Erhaltung der Kontinuität und Leitungsfähigkeit
    in den betreffenden motorischen Bahnen bewiesen.
      Das Verhalten der Sensibilität und der Hautreflexe war
    bei unserem Falle arm an Symptomen wie an Ergebnissen.
    Der häufige Wechsel in der Erregbarkeit der sensiblen
    Bahnen, auf den die Krankenbeobachtung deutet, kommt zum
    Theile auf Rechnung wiederholter Aetherinjektionen; doch
    war nicht zu verkennen, dass die Sensibilität der rechten
    Körperhälfte eher und stärker beeinträchtigt war, als die der
    linken, auch scheint die Aufhebung der Empfindlichkeit im
    Gesichte so frühzeitig und vollständig gewesen zu sein, dass
    eine direkte Läsion der Trigemini nicht ausgeschlossen ist.
      In Betreff der Haut- und Sehnenreflexe möchte ich
    hervorheben, dass die Beobachtung unseres Kranken eine
    vollkommene Uebereinstimmung mit den von Arthur
    Schwarz ¹⁸) für das Verhalten der Reflexe bei Gehirn-
    läsionen aufgestellten Regeln ergab. Die Sehnenreflexe zeig-
    ten sich erhöht, als Reizung, aufgehoben, als Lähmung der
    motorischen Bahn für die betreffende Extremität anzunehmen
    war. Das Verhalten der Hautreflexe zeigte sich durchwegs
    unabhängig von dem der Sehnenreflexe. In einem Stadium
    war auf der früher gelähmten Seite nur der Hautreflex, auf
    der eben in Lähmung gerathenden nur der Sehnenreflex zu
    erzeugen, wofür die Erklärung nicht mit Sicherheit gegeben
    werden kann.
      Es gereicht mir zur angenehmen Pflicht, dem Chef der
    IV. mediz. Abtheilung, Herrn Primarius Dr. Scholz, für
    die gütige Ueberlassung dieses Falles zu danken.

     

     


    ¹⁴) Vergl. Exner l. c., p. 50.
    ¹⁵) l. c.
    ¹⁶) Archiv f. Psychiatrie IV.
    ¹⁷) Zur Pathologie der Rinde, Archiv f. Psychiatrie V.
    ¹⁸) Zur Lehre von den Haut- und Sehnenreflexen, Archiv für Psychia-
    trie XIII.