S.
Vortrag aus dem Paranoikerfalle
Es handelt sich um einen 52 Jahre alten
Patienten, Gymnasialprofessor.
Der Betreffende hat den Wunsch ein Weib zu sein
und Kinder zu besitzen, es wird nun zur
Darstellung gebracht, wie er diesen Wunsch
gegen die Realität durchzusetzen sucht.
Diesem Wunsche setzt sich vor allem die
Betrachtung des eigenen Körpersentgegen
als Objekt entgegen, er muß sich ja sagen,
ich bin ein Mann, denn ich besitze einen
Phallus. Dagegen schützt er sich, indem er
entsprechend der Symbolik der Anal-
erotik mit Hilfe des Unbewußten erklärt:
Das ist (der Phallus) ist mein Mann, das
ist mein Kind, das ist mein Geld. Diese
Identität kann er sich nur erzwingen,
indem er den Schauplatz des normalen
Bewußtseinssein vom Unbewußten, in dem
diese Identität (Phallus-Kind-etc) besteht,
ablösen läßt. Der Analysierende stellte
sich also vor, das normale BewußtseinS.
werde
vomverdrängt, es sei quasi der
Patient,dobwohl wach, in den Traumzustand
versenkt, die Realfunktion der Organe habe
aufgehört und an ihre Stelle sei die libidinöse
Funktion der Organe getreten. Bei dieser
Anschauung stiegen dem Analysierenden
Bedenken auf, ob es denn überhaupt möglich
sei mit der unbewußten Realfunktion der
Organeseibezüglich der freien Beweglichkeit
und Orientierung im Raume sein Auslangen
zu finden. Da erinnerte sich derselbe
der Somnambulen die im Schlafzustand
eine große Geschicklichkeit an den Tag legen,
die auch im Schlafzustande auf unsere
Fragen Antwort geben, sie also verstehen,
erwacht aber weder von Ihrem Herumwandeln
noch von dem im Traume zu Ihnen
Gesprochenem eine Erinnerung bewahrt haben.
ferner dürfen wir postulieren, daß dieselben
im Schlafzustande befindlich die Traum-
sprache beherrschen.
Vergleichen wir mit einem solchen Somnam-
bulen den Paranoiker, (wobei bemerkt sein
soll), Auch er beherrscht die Sprache des
Unbewußten, er versteht auch die
normale Sprache, nur hat dasS.
ihm Gesagte seine Besetzung verloren, in
dem ererklärtüber das ihm Erzählte erklärt,
man habe ihm „soviel wie nichts erzählt.“
Sein offizielles bewußtes Leben (identisch mit
dem Unbewußten des normalen Menschen)
nimmt also von dem ihmundgesagten
ebensowenig Kenntnis, wie das Bewußte Leben
des Somnambulen von dem zu ihm im Traume
gesprochenen.XDas Bewußte des Paranoikers
unterscheidet sich also von dem des Normalen durch
seinen Inhalt, der mit dem Unbewußten des Normalen
identisch ist, beiden ist die Schätzung ihres Bewußten
als reales gemeinsam. Der Paranoikerermögerringt
die Realität seines Bewußtseininhaltes durch Verdrängung
der Traumzensur (der Moralitätszensur oder Gewissen und
der Realitätszensur des normalen Bewußtseins). Auch
der Größenwahn, findet mit seinen 4 Eigentümlichkeitenderder Leugnung a) psychischer Vorgänge,b)der Existenz der
Gegenwart, c) des Conjunctivsd)(der Möglichkeit)
d)derdas Zusammenfallen von Absicht und Folge
wird durch die endopsychische Wahrnehmung der
Macht des im Traume allmächtig herrschenden
Ichs, also vom bewußten Traumleben des Paranoikers
aus erklärt.AllDas Unbewußte (der Realität der Außen-
welt identisch)laserzwingt sich gegen das narzißtisch
anale Wahnsystem des Pat. seine Geltung in Form
der Verfolgungsideen undxes scheint das Unbewußte
ihre Angriffspunkte gegen die Punctus minoris
Resistentiae im Wahnsystem des Pat. zu richten;S.
Es scheint sich um Beziehungen zur Außenwelt zu
handeln, denen der Paranoiker eine gewisse Realitäts-
besetzung (vorbewußte Besetzung) zuerkennen muß, ich
meine das Hungergefühl und dielenkörperlichen
Sensationen des männlichen Genitales (der Erektion,
Pollut. etc). Es kann sich auch um ähnliche Dinge
handelnxzum Beispiel um das in's Ohrstecken
einer Kugel. Da diese Realitätsbesetzung der
Abziehung seines Interesses gegenüber der Außen-
welt entgegengesetzt ist, so verlangt diese Realitäts-
besetzung eine erhöhte Gegenbesetzung. Diese
Gegenbesetzung erreicht Pat. bezüglich des Hungergefühls durch starke Sexu-
alisierung sowohl der Nahrung, in dem er dieselbe die
Form von männlichen Sexualsymbolen (welchewirk
aber Wirklichkeitswert besitzen) annehmen läßt,
als auch der die Nahrung aufnehmenden
Organe, welche den Wert einer Vagina erhalten.
Die erhöhte Gegenbesetzung zeigt sich aber der
Realitätsbesetzung nicht ganz gewachsen, wie die
Verfolgungsideen, welche den versuchten Durchbruch der
Realität (ident. mit dendenVorschriften und
Lehren der Eltern etc,darstelltvom Pat.
endopsychisch wahrgenommen) darstellen,
beweisen. Ein großer Teil der Verfolgungsideen
hat in der Tat zum Inhalt: Man wolle den
Patienten verhungern lassen.“Der zweitDer zweite
angeführteein zweiterpunctus minoris resistentiaeder
Pat. ist die Realitätsbesetzung der seinerS.
männlichen Genitalorganisation, welche, falls es ihr
gelingen sollte, durchzubrechen, den Pat. zwingen
würden, seine männliche Genitalorganisation anzuer-
kennen,hiemitmit einer Vernichtung seines Wahnsystems
gleichbedeutend wäre, dagegenmüßebenfalls eine erhöhte Gegenbesetzung
geleistet werden,muß eine erhöhte Gegenbesetzunggeleistet werden.Er identifiziert sein männliches
Genitale mit Kind (Geld). Er will sämtliche
Menschen zu Kindern (Penis, Mann) machen,
sie an seine Brust drücken oder allgemeiner
gesprochen, die Welt als Mann aufgefaßt in
sichalsals Weib aufnehmen. Diese Gegenbesetzung
kann aber auch in diesem Falle der Realitätsbe-
setzung nicht Herr werden, wie die Verfolgungs-
ideen des Patienten in dieser Richtung beweisen:
„Man raube ihm Geld, Gedanken, Kinder.“
Die beiden Arten der angeführten Verfolgungs-
ideen: 1) bezüglich des Verhungernlassens
2) des Geld und Gedankenraubs
können in die Formel zusammengefaßt
werden, man raube ihm, dem Weibe,
die Welt als Mann betrachtet.
Zu diesen allgemeinen Ausführungen
wurden spezielle Belege des Pat. aus den
Äußerungen und Deutungen derselben
gebracht.
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Fallgeschichte
1919-504/1919
1919-504/1919