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S.
1.) Medizinische Logik v. Biegansky
Von unserem speziellen Standpunkte
wären folgende Bemerkungen zu machen:
Die vom Verfasser aufgeworfene Frage, obeine
"medizinische Logik"gibt, da sie für dienebst
der allgemein-gültigen Logik notwendig ist, können
wir - mit dem Verfasser - bejahen, da die Medizin,
wie jede angewandte Wissenschaftspecielle
Arbeitsweisen erfordert.Der erste Abschnitt behandelt ganz allgemein
" die Medizin und die med. Wissenschaft. "Hervorzuheben ist hier die richtige Betonung
derhatauch praktisch-heuristischenWichtigkeitWichtigkeit
der rein theoretischen, allem Utilitarismus baren
Forschung, und die guten Bemerkungen, aus denen
hervorgeht, daß die Medizin Kunst und Wissenschaft
zugleich ist.Das Kapitel über "Beobachtung" beginnt
mit der psychologisch richtigen Feststellung,
daß die Beobachtung (Wahrnehmung) nicht so
sehr von dem erhaltenen Eindruck, als von der
entsprechend gerichteten Geistesarbeit bedingt
ist. Diese voluntaristische Auffassung könnten wir
durch unsere Kenntnisse über das Unbewußte unter-
stützen und hinzufügen, daß der Primat des Willens
richtiger als der Primat unbewußter Gedankengänge und
Wunschregungen zu bezeichnen wäre.Sehr richtig erklärt der Autor viele Fehl-
beobachtungen durch Gemütsbewegungen beim
Beobachter. (Ein Fall, wo der Arzt, dessen Kindan bedrohlichen Symptomen f. d. Nackenstarre) z. B. beim
Diagnosenstellen. Leider kann der Verfasser, derS.
2.) von der Psychoanalyse nichts weiß, nicht
näher erklären, warum und auf Grund welcher Mecha-
nismen die so häufigen Fehlbeobachtungen des Arztes bei den eigenen
Familienmitgliedern zustandekommen.Ohne vom Unbewußten zu reden (was doch viel
verständlicher wäre) unterstützt er die Ansicht
daß esin der Wahrnehmungkeine reinen
Eindrücke giebt, sondern etwas mehr, (d. h. auch "ein
Urteil, welches die Ähnlichkeit der jetzigen Emp-
findung mit Spuren, Erinnerungen früher
gefühlter (konstatiert) (auch). Diese an sich richtige Beobachtung hätte
der Autor, wenn er die unbew. Assoziationsvorgänge
kennte besser dargestellt. Es wäre ein praktisch
nicht wertloses Unternehmen, die Psychoanalyse
der Fehldiagnosen zu bearbeiten. Der Verfasser
schließt sich aber Wundt an und glaubt, daß
die "Assimilationselemente" nicht weiter auf-
lösbar sind. (Wunscherfüllungstendenz)Die Psychologie der Affekte würde die
Fehldiagnosen besser erklären als die Aufmerk-
samkeitspsychologie, derderVerfasser huldigt.
obzwar er die Rolle der Affekte anerkennt (S. 37).ErEr hebt den Glauben an Autoritäten
als häufige Ursache seelischer Blindheit an (S. 38)
und ist einer reinen Lust-Unlustpsychologie sehr
nahe,alswo er bemerkt, daß wir nicht dasjenige
wahrnehmen, was tatsächlich vorhanden ist
sondern, was wir wünschen, daß es eintrete.
(S. 39.)AlleSehr vernünftig ist die Ansicht des
Autors überdie Nachteile der vorgefassten Theorie
den nachteiligen Einfluß
off)S.
3.) auf die Tatsachenwahrnehmung. Andererseits hebt er
mit Recht hervor, daß die Theorie bei der wissen-
schaftlichen Forschung unumgänglich ist. Ohne Theorie
Kein wissenschaftl. Fortschritt. Selbst irrige Theorien
können zur Entdeckung wahrer Tatsachen führen.DerDer Verf. zitiert Cl. Bernard, der das Fest-
halten an abgelebten Theorienvortrotz neuer
widerpr. Tatsachen verurteilt.
ebenerDer Abschnitt "Anamnese" wäre ganz
anders ausgefallen, wenn der Autor s. auch die vergesse-
nen aber assoziativ erweckbarennen Erinnerungen analytisch berücksich-tigtein Betracht gezogen hätte (Analyse).Ein interessanter Abschnitt behandelt die
Definition des Krankheitsbegriffes, wobeiund
Vermeidung jeder Einseitigkeitfast stetsundvermieden wird. Allerdings wird
die - stets doch nur künstliche - Grenze zwischen
Pathologie und Physiologie etwas zu scharf ge-
zogen. Sehr gut ist die Scheidung der Symptome
indfunktionsstörende und compensatorische
durchgeführt.Die Klassifikation der Krankheiten ist metho-
dologisch richtig, nimmt aber auf die speziellen
Bedürfnisse der Neurologie u. Psychiatrie wenig
Rücksicht. Das Kapitel von der Erkennung
und von den Ursachen der Krankheiten ist sehr
gut; die verschiedenen Begriffe, die mit selbendemWorte
"Ursache" benannt werden, sind scharf distinguiert.EineDie Verteidigung der teleologischen Betrach-
tungsweise in der Medizin beschließt diesen Abschnitt.
Verf. Er weist nach, daß dieVerachtungPönung der Teleologie
nur in den anorganischen Naturwissenschaften am
Platze war, dann aber kritiklos in die biologischenS.
4.) Disziplinen übertragen würde. unlösbares
Das Experiment in der Medizin, sein (Verhält-
niß zu einer vorgefaßten Hypothese, die es bestätigenwill istsoll wird in einem besonderen Abschnitt be-
handelt. Die Forscher auf dem Gebiete der biologischen
Wissenschaften, die so vielaufvon ihrer Exaktheit halten,
könnte die Lektüre dieses Abschnittes bescheidener stimmen;
es wird hier an guten Beispielen gezeigt wie wenig
"exakt" die an lebenden Organismen möglichen Experimente
sind. Hier wäre der Ort gewesen, wo der Autor über
die (Grenzen der Psychologie möglichen Evidenz hätte sprechen
können; seine Beispiele sind aber nur physiologisch und patho-
logisch. - Am schwankendsten findet er natürlich die
Grundlagen der klinischen und die Rolle der therapeutischen Experimente.Der achte Abschnitt behandelt die Verallgemeinerung
und der Hypothese in der mediz. Forschung. Interessant ist
ein Zitat nach Claude Bernard über die Schaffensfähigkeit;
dieseläßtlasse sich nach ihm nicht weiter analysieren, sie seiist
ein unter der Bewußtseinsschwelle weilendes Geheimniß, das
ihre Quelle in unfaßbaren angeborenen Eigenschaften der
psychischen Organisation habe. Seit Freud wissen wir, daßdaßdie angeborene Anlage zwar die Latitude der späteren Ent-
wicklung Möglichkeit bestimmt, innerhalb derselbenwirdaber die
Einflüsse des Milieus und die postnatale Entwicklungdeterminiert wirdu.die Fähig-
keiten determiniert. Faute de mieux hält der Autor auch
Analogieschlüsse in der Medizinischen Wissenschaft für erlaubt,undund weist nach, daß mit Hilfevondieses Denkprozesseswichtige Entdeckungengemacht worden sind.zustande kamen.Je ein Kapitel
über medizinische Statistik und über die therapeu-
tischen Indikationen beschließt dasWerk, das
gut geschriebene Buch, das ich den Kollegen
zur Lektüre empfehlen kann.Dr Ferenczi
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›Medizinische Logik‹ von Biegansky
1909-505/1909.02
1909-505/1909.02