›Medizinische Logik‹ von Biegansky 1909-505/1909.02

Ferenczi, Sándor (1909-505/1909.02): ›Medizinische Logik‹ von Biegansky

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    Ferenczi

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    1.) Medizinische Logik v. Biegansky
    Von unserem speziellen Standpunkte
    wären folgende Bemerkungen zu machen:
    Die vom Verfasser aufgeworfene Frage, ob eine
    "medizinische Logik" gibt, da sie für die nebst
    der allgemein-gültigen Logik notwendig ist, können
    wir - mit dem Verfasser - bejahen, da die Medizin,
    wie jede angewandte Wissenschaft specielle
    Arbeitsweisen erfordert.

      Der erste Abschnitt behandelt ganz allgemein
    " die Medizin und die med. Wissenschaft. "

      Hervorzuheben ist hier die richtige Betonung
    der hat auch praktisch-heuristischen Wichtigkeit Wichtigkeit
    der rein theoretischen, allem Utilitarismus baren
    Forschung, und die guten Bemerkungen, aus denen
    hervorgeht, daß die Medizin Kunst und Wissenschaft
    zugleich ist.

      Das Kapitel über "Beobachtung" beginnt
    mit der psychologisch richtigen Feststellung,
    daß die Beobachtung (Wahrnehmung) nicht so
    sehr von dem erhaltenen Eindruck, als von der
    entsprechend gerichteten Geistesarbeit bedingt
    ist. Diese voluntaristische Auffassung könnten wir
    durch unsere Kenntnisse über das Unbewußte unter-
    stützen und hinzufügen, daß der Primat des Willens
    richtiger als der Primat unbewußter Gedankengänge und
    Wunschregungen zu bezeichnen wäre.

      Sehr richtig erklärt der Autor viele Fehl-
    beobachtungen durch Gemütsbewegungen beim
    Beobachter. (Ein Fall, wo der Arzt, dessen Kind
    an bedrohlichen Symptomen f. d. Nackenstarre) z. B. beim
    Diagnosenstellen. Leider kann der Verfasser, der

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    2.) von der Psychoanalyse nichts weiß, nicht
    näher erklären, warum und auf Grund welcher Mecha-
    nismen die so häufigen Fehlbeobachtungen des Arztes bei den eigenen
    Familienmitgliedern zustandekommen.

      Ohne vom Unbewußten zu reden (was doch viel
    verständlicher wäre) unterstützt er die Ansicht
    daß es in der Wahrnehmung keine reinen
    Eindrücke giebt, sondern etwas mehr, (d. h. auch "ein
    Urteil, welches die Ähnlichkeit der jetzigen Emp-
    findung mit Spuren, Erinnerungen früher
    gefühlter (konstatiert) (auch). Diese an sich richtige Beobachtung hätte
    der Autor, wenn er die unbew. Assoziationsvorgänge
    kennte besser dargestellt. Es wäre ein praktisch
    nicht wertloses Unternehmen, die Psychoanalyse
    der Fehldiagnosen zu bearbeiten. Der Verfasser
    schließt sich aber Wundt an und glaubt, daß
    die "Assimilationselemente" nicht weiter auf-
    lösbar sind.   (Wunscherfüllungstendenz)

      Die Psychologie der Affekte würde die
    Fehldiagnosen besser erklären als die Aufmerk-
    samkeitspsychologie, der der Verfasser huldigt.
    obzwar er die Rolle der Affekte anerkennt (S. 37).

      Er Er hebt den Glauben an Autoritäten
    als häufige Ursache seelischer Blindheit an (S. 38)
    und ist einer reinen Lust-Unlustpsychologie sehr
    nahe, als wo er bemerkt, daß wir nicht dasjenige
    wahrnehmen, was tatsächlich vorhanden ist
    sondern, was wir wünschen, daß es eintrete.
    (S. 39.)   Alle Sehr vernünftig ist die Ansicht des
    Autors über die Nachteile der vorgefassten Theorie
      den nachteiligen Einfluß
      off)

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    3.) auf die Tatsachenwahrnehmung. Andererseits hebt er
    mit Recht hervor, daß die Theorie bei der wissen-
    schaftlichen Forschung unumgänglich ist. Ohne Theorie
    Kein wissenschaftl. Fortschritt. Selbst irrige Theorien
    können zur Entdeckung wahrer Tatsachen führen.
    Der Der Verf. zitiert Cl. Bernard, der das Fest-
    halten an abgelebten Theorien vor trotz neuer
    widerpr. Tatsachen verurteilt.
    ebener

      Der Abschnitt "Anamnese" wäre ganz
    anders ausgefallen, wenn der Autor s. auch die vergesse-
    nen aber assoziativ erweckbaren
    nen Erinnerungen analytisch berücksich-
    tigte in Betracht gezogen hätte (Analyse).

      Ein interessanter Abschnitt behandelt die
    Definition des Krankheitsbegriffes, wobei und
    Vermeidung jeder Einseitigkeit fast stets
    und vermieden wird. Allerdings wird
    die - stets doch nur künstliche - Grenze zwischen
    Pathologie und Physiologie etwas zu scharf ge-
    zogen. Sehr gut ist die Scheidung der Symptome
    in d funktionsstörende und compensatorische
    durchgeführt.

      Die Klassifikation der Krankheiten ist metho-
    dologisch richtig, nimmt aber auf die speziellen
    Bedürfnisse der Neurologie u. Psychiatrie wenig
    Rücksicht. Das Kapitel von der Erkennung
    und von den Ursachen der Krankheiten ist sehr
    gut; die verschiedenen Begriffe, die mit selben dem Worte
    "Ursache" benannt werden, sind scharf distinguiert.

    Eine Die Verteidigung der teleologischen Betrach-
    tungsweise in der Medizin beschließt diesen Abschnitt.
    Verf. Er weist nach, daß die Verachtung Pönung der Teleologie
    nur in den anorganischen Naturwissenschaften am
    Platze war, dann aber kritiklos in die biologischen

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    4.) Disziplinen übertragen würde.   unlösbares
      Das Experiment in der Medizin, sein (Verhält-
    niß zu einer vorgefaßten Hypothese, die es bestätigen
    will ist soll wird in einem besonderen Abschnitt be-
    handelt. Die Forscher auf dem Gebiete der biologischen
    Wissenschaften, die so viel auf von ihrer Exaktheit halten,
    könnte die Lektüre dieses Abschnittes bescheidener stimmen;
    es wird hier an guten Beispielen gezeigt wie wenig
    "exakt" die an lebenden Organismen möglichen Experimente
    sind. Hier wäre der Ort gewesen, wo der Autor über
    die (Grenzen der Psychologie möglichen Evidenz hätte sprechen
    können; seine Beispiele sind aber nur physiologisch und patho-
    logisch. - Am schwankendsten findet er natürlich die
    Grundlagen der klinischen und die Rolle der therapeutischen Experimente.

      Der achte Abschnitt behandelt die Verallgemeinerung
    und der Hypothese in der mediz. Forschung. Interessant ist
    ein Zitat nach Claude Bernard über die Schaffensfähigkeit;
    diese läßt lasse sich nach ihm nicht weiter analysieren, sie sei ist
    ein unter der Bewußtseinsschwelle weilendes Geheimniß, das
    ihre Quelle in unfaßbaren angeborenen Eigenschaften der
    psychischen Organisation habe. Seit Freud wissen wir, daß
    daß die angeborene Anlage zwar die Latitude der späteren Ent-
    wicklung Möglichkeit bestimmt, innerhalb derselben wird aber die
    Einflüsse des Milieus und die postnatale Entwicklung determiniert wird u. die Fähig-
    keiten determiniert. Faute de mieux hält der Autor auch
    Analogieschlüsse in der Medizinischen Wissenschaft für erlaubt,
    und und weist nach, daß mit Hilfe von dieses Denkprozesses
    wichtige Entdeckungen gemacht worden sind. zustande kamen. Je ein Kapitel
    über medizinische Statistik und über die therapeu-
    tischen Indikationen beschließt das Werk, das
    gut geschriebene Buch, das ich den Kollegen
    zur Lektüre empfehlen kann.

    Dr Ferenczi